Cover von VOLLE LEICHENHALLE

VOLLE LEICHENHALLE – Ein Privatdetektiv im freien Fall

Eugène Tarpon, der Protagonist aus dem Comic VOLLE LEICHENHALLE, ist am Ende. Nicht als hartgesottener Held, sondern als Mann, der seine eigene Würde nur noch mühsam zusammenhält. Er lebt praktisch in seinem Büro, trinkt zu viel, arbeitet zu wenig und hofft auf einen Zufall, der endlich wieder Geld bringt.

Schon die ersten Seiten setzen den Ton, der die Erzählung bestimmt. Ein früherer Staatsdiener, der aus der Bahn geflogen ist, weil bei einer Demonstration ein Mensch durch seine Hand starb. Der Comic macht daraus keinen großen Seelenstriptease. Er zeigt Verhalten. Tarpon schiebt sich durch den Tag, und genau das wirkt so unerquicklich glaubwürdig.

Dann klingelt es an der Tür. Mitten in diesen schäbigen Routineabgrund platzt Memphis Charles. Jung, aufgelöst, zitternd, aber nicht hilflos. Ihr Problem ist brutal einfach. Ihre Mitbewohnerin Griselda Zapata liegt tot daheim. Ermordet, Kehle aufgeschlitzt.

 

Innenseite 4 von VOLLE LEICHENHALLE

Ein Fall kommt ungelegen

Aber Memphis kann nicht zur Polizei. Sie hat Zeug in der Wohnung, das sie sofort zur Hauptverdächtigen macht. Also landet sie bei Tarpon, diesem abgehalfterten Privaten, der eigentlich gerade aufgeben will. In VOLLE LEICHENHALLE ist das kein romantischer Ruf nach Gerechtigkeit. Es ist eine Notlösung. Sie wählt Tarpon, weil er der letzte ist, der noch zuhört und nicht sofort das Gesetz ruft.

Tarpon reagiert nicht heldenhaft. Er reagiert menschlich, versucht, sie zu beruhigen und greift nach Hausmitteln, Kaffee, Alkohol. Er schaut hin, und er nimmt den Fall an, weil er gar nicht anders kann.

Hier liegt schon das erste Problem des Albums. Es verkauft diese Zwangsläufigkeit als Motor, aber sie wirkt auch wie ein Trick. Jean-Patrick Manchette, der Szenarist, zieht Tarpon in die Sache, weil sonst kein Plot passiert. Das ist konsequent, aber es bleibt auch spürbar konstruiert.

 

Innenseite 5 von VOLLE LEICHENHALLE

Paris drückt von allen Seiten

Sobald Tarpon sich bewegt, wird Paris zur Falle. Nicht das Postkarten Paris, sondern sein Milieu aus Hinterzimmern, Kneipen, schmutzigen Treppenhäusern, Büros mit abgestandenem Rauch. Der Comic liebt diese Räume. Er macht sie konkret, zeigt, wie arm Tarpon’s Alltag ist und wie schnell Gewalt in diesen Alltag einbricht.

Die Ermittlungen beginnen nicht mit einem genialen Schluss. Sie beginnen mit einem unguten Gang zur Wohnung, mit Blicken, mit Fragen, mit dem Gefühl, dass Tarpon sich da in was verheddert, das größer ist als er.

Memphis bleibt dabei mehr als ein Auftrag. Sie wird zum Störgeräusch in Tarpon’s Selbstmitleid. Sie redet, sie drängt, kippt um und fängt sich wieder. Der Comic zeichnet sie nicht als Femme fatale im klassischen Sinn. Eher als Person, die gelernt hat, sich durchzubeißen. Trotzdem kommt das Werk aus alten Reflexen nicht heraus: Männer schauen, Männer kommentieren, Männer entscheiden. Das lese ich als Zeitkolorit, aber es bleibt auch eine Schwäche. VOLLE LEICHENHALLE will dreckig sein und das ist es auch. Nur verwechselt das Album manchmal den Dreck mit Haltung.

 

Innenseite 6 von VOLLE LEICHENHALLE

Tempo statt Tiefgang

In den Nebenfiguren liegt viel von Manchette’s Bosheit. Polizisten treten nicht als Ordnungsmacht auf, sondern als Druckmittel. Kontakte sind nicht loyal, sondern opportunistisch. Und über allem hängt dieser politische Subtext, der schon sehr früh klar macht, dass hier weder rechte noch linke Posen geschont werden. Das wirkt scharf, aber auch bequem. Spott trifft alle, also muss der Text selbst keine klare Position riskieren.

Spannung entsteht weniger aus dem Rätsel als aus dem Tempo. Tarpon stolpert von Begegnung zu Begegnung. Das kann treiben – oder auch beliebig wirken. Gerade in der Mitte reiht der Plot Schläge, Drohungen und Ortswechsel aneinander, ohne dass die emotionale Kurve wirklich wächst. Man liest weiter, weil es knallt. Man bleibt selten stehen, weil es wirklich weh tut.

 

Innenseite 7 von VOLLE LEICHENHALLE

Wenn alles kippt, kippt es richtig

Die zweite Hälfte zieht die Schrauben weiter an. Der Comic stapelt Leichen, Missverständnisse und Gewalt so hoch, bis aus dem Fall ein Karussell wird. Genau hier zeigt sich Manchette’s Stärke und sein Problem. Er kann Eskalation, kann Situationen so zuspitzen, dass sie plötzlich grotesk wirken – ja, fast komisch – nur um im nächsten Moment wieder hässlich real zu sein.

Tarpon rennt, flüchtet, pariert und kassiert. Er bleibt dabei nie der coole Profi, sondern der Mann, der eigentlich nicht mehr kann. Das ist als Figur interessant. Tarpon ist kein Übermensch. Er ist auch kein Zyniker, der über den Dingen steht. Er ist kaputt und trotzdem anständig genug, um sich weiter reinziehen zu lassen.

Das macht ihn sympathisch. Es macht ihn aber auch passiv. Viele Wendungen passieren an ihm, nicht durch ihn. Er reagiert, er agiert selten. Für einen Detektivstoff ist das jedoch riskant. Ein Thriller lebt davon, dass jemand Entscheidungen trifft. VOLLE LEICHENHALLE lässt Tarpon oft nur den kleinsten Schritt wählen, um selbst nicht zu sterben.

 

Innenseite 8 von VOLLE LEICHENHALLE

Tarpon überlebt, mehr nicht

Im Finale zeigt der Plot seine alte Schule. Alles hängt zusammen, alles will noch einmal krachen, jeder hat ein Motiv, jeder lügt. Das ist unterhaltsam. Es hat aber auch etwas Mechanisches. Man spürt, wie hier ein Roman aus den frühen 1970ern arbeitet, geprägt vom hardboiled Noir und vom damals neuen französischen NEO POLAR. Der Comic übernimmt das und er feiert es. Aber reicht das?

Am Ende bleibt Tarpon nicht geläutert zurück. Er bleibt Tarpon. Das ist konsequent, aber auch unerquicklich. Wer eine Entwicklung sucht, bekommt eher eine Bestandsaufnahme. Vielleicht ist aber genau das die Pointe und dient dies dem bequemen dem Start einer Reihe.

Woher das kommt, wohin das führt

Jean-Patrick Manchette wurde 1942 in Marseille geboren und starb 1995 in Paris. Er schrieb Kriminalromane, Essays und Filmtexte und prägte bei Letzteren den französischen NEO POLAR entscheidend mit. Seine Bücher sind bekannt für knappe, beobachtende Prosa, hohe Gewaltbereitschaft und einen Blick auf Politik und Klasse, der selten tröstet.

Jean-Patrick Manchette gilt als einer der prägenden Köpfe des modernen französischen Noir. Seine Romane wie NADA, FATALE, KILLER STELLEN SICH NICHT VOR oder ZUM ABSCHUSS FREIGEGEBEN verbinden knappen Stil mit politischer Kälte. Sie zeigen Systeme, keine Seelen.

Cabanes im Noir Modus

Max Cabanes kommt aus einer ganz anderen Ecke. Er kann Realismus, aber er liebt auch das Überzeichnete. Seine Karriere reicht von der Serie DANS LES VILLAGES bis zu Arbeiten, die Jugendmilieus und Zeitgefühl der 1960er und 1970er Jahre atmen. Auffällig ist, wie stark er als Zeichner zwischen Zartheit und Groteske wechseln kann.

In den letzten Jahren hat er mit Doug Headline mehrere Stoffe Manchette’s als Comics umgesetzt, darunter BLUTPRINZESSIN, FATALE und NADA. Die VOLLE LEICHENHALLE gehört ebenfalls in diese Reihe.

Für Einsteiger ist das Album hilfreich. Man bekommt einen in sich geschlossenen Comic, das trotzdem in einem Gesamtwerk steht. Diese Adaptionen leben stark davon, dass man Manchette’s Ton bereits schätzt. Wer den Stil nicht mag, wird hier wohl nicht bekehrt. Wer ihn mag, merkt zugleich, wie sehr der Stoff auf Bekanntes setzt. VOLLE LEICHENHALLE ist also auch eine Art Test. Nicht für die Frage, ob Noir funktioniert, sondern ob man dieses spezielle, damals neue Gift heute noch genießen will.

Innenseite 9 von VOLLE LEICHENHALLE

Linien, Gesichter, Körper als Kommentar

Cabanes zeichnet nicht neutral. Er kommentiert mit Körpern. Gesichter haben Kanten, Nasen erzählen Biografien, Müdigkeit hängt in Lidern und Schultern. Tarpon steht im Büro in Unterwäsche, nicht als Gag, sondern als Entblößung. Seine Wohnung wirkt bewohnt, nicht dekoriert. Memphis sitzt da wie eine Person, die nicht weiß, wohin mit den Händen und gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig.

Die Farbgebung hält sich zurück. Sie setzt auf gedämpfte Töne und lässt Innenräume oft schmutzig warm wirken. Das passt zur Zeit und es passt zum Genre. Gleichzeitig nimmt es dem Comic etwas von der Härte. Blut schockt weniger, wenn die Welt vorher schon im Licht abgestanden aussieht. Dieser Look gefällt mir, er ist stimmig.

Cabanes setzt dazu Zeitmarken wie Requisiten. Im Kino läuft UHRWERK ORANGE. Ein Cop liest PILOTE. Im Hilton tauchen Paul McCartney und die kleine Stella auf. Das ist witzig und irritierend zugleich. Ich verstehe den Effekt. Die Siebziger sollen nicht nostalgisch glänzen, lieber grell flimmern.

 

Innenseite 10 von VOLLE LEICHENHALLE

Panel wie Pariser Departements

Cabanes arbeitet in diesem Album oft mit einem rigiden Raster. Neun Panels pro Seite dominieren über weite Strecken den Lesefluss. Das zwingt jede Szene in gleich große Häppchen. Der Rhythmus soll wie ein Metronom laufen. Der Krimi soll nicht auftrumpfen, sondern marschieren. Ist das nun kontrollierte Trockenheit? Oder ein Bleigewicht? Ich empfinde eher Letzteres.

Das Raster nivelliert Tempo. Eine Verfolgung fühlt sich dann ähnlich an wie ein Gespräch im Büro. Das ist eine bewusste Entscheidung. Aber sie hat einen Preis.

Stark ist Cabanes bei Momenten, in denen die Szene kippt. Hier ein Blick zu lang, dort ein Mundwinkel zu verächtlich, eine Pose zu aggressiv. Da entsteht Groteske, ohne dass der Comic ins cartooneske verfällt. Gerade Tarpon profitiert davon. Er wirkt oft wie ein Mann, dessen Körper schneller altert als seine Hoffnung.

 

Innenseite 11 von VOLLE LEICHENHALLE

Schwächen, wenn es kracht

Schwach ist der Band, wenn er Action liefern will. Dann werden Bewegungen zeitweise unübersichtlich. Panels hetzen, statt dass sie Rhythmus aufzubauen. Und die Lesbarkeit steht gelegentlich im Weg, weil Textflächen und Bilder nicht immer elegant zusammenspielen. Das ist kein Totalausfall. Es ist aber ein spürbarer Reibungsverlust, gerade für Gelegenheitsleser, die durch Tempo eigentlich gehalten werden könnten.

In VOLLE LEICHENHALLE steckt also eine klare zeichnerische Haltung. Sie ist nicht hübsch, sie ist absichtlich unkomfortabel. Nur funktioniert unkomfortabel sein automatisch als Kritik. Manchmal bleibt es schlicht das: unkomfortabel.

 

Innenseite 12 von VOLLE LEICHENHALLE

Kulisse als Spiegelbild

Der Stoff spielt im Paris der frühen 1970er und das ist mehr als Tapete. Tarpon’s Büro liegt im Umfeld von Les Halles, dem ehemaligen Zentralmarkt von Paris. Dieser Ort war damals im Umbruch. Der alte Marktbetrieb endete Anfang 1973. Danach blieb lange eine riesige Baugrube, berüchtigt als das Loch von Les Halles. Später entstand dort das Forum, das 1979 eröffnete.

Warum ist das spannend? Weil es Tarpon’s Lebensgefühl widerspiegelt. Auch er ist eine Baustelle, nur ohne Plan. Die Welt um ihn herum wird modernisiert, umgebaut, kommerzialisiert. Er selbst bleibt hängen zwischen alter Polizeiwelt und neuer Dienstleistungswüste. VOLLE LEICHENHALLE nutzt dieses Zeitfenster gut. Es zeigt eine Stadt, in der alte Milieus verschwinden, während neue Gewaltformen schon warten.

 

Innenseite 13 von VOLLE LEICHENHALLE

Zeitkolorit und Milieu

Ein zweites Detail passt ebenfalls. Tarpon’s Alkohol ist kein edler Whisky, sondern oft schnöder Anis und Schnaps. Das klingt banal, aber es erdet die Figur. Pastis Marken wie „Ricard“ stehen in Frankreich seit den 1930ern für Alltagsrituale und Flucht zugleich. Tarpon trinkt nicht stilvoll. Er betäubt sich im Format des Landes.

Der Comic hätte aus diesem Hintergrund noch mehr ausbauen können. Er deutet viel an, hetzt dann aber weiter zum nächsten Schlag. Wer Paris kennenlernen will, bekommt einzelne, starke Impressionen aber keine echte Milieu-Analyse. Trotzdem trägt der Kontext. Er erklärt, warum hier alles so nervös wirkt. Eine Stadt rutscht weg und Tarpon rutscht mit.

 

Innenseite 14 von VOLLE LEICHENHALLE

Fazit

VOLLE LEICHENHALLE ist ein schmutziges, schnelles, dabei oft bissiges Album. Es hat Humor, aber der Humor lacht selten mit. Er lacht über die Menschen, nicht mit ihnen. Genau das kann man als Noir Tugend lesen. Man kann es auch als Ausrede lesen, um sich nicht kümmern zu müssen. Ich schwanke.

Manchette’s Blick ist scharf und Cabanes gibt ihm ein Gesicht, das man nicht vergisst. Tarpon als trauriger Detektiv funktioniert, Memphis als Auslöser funktioniert, Paris als Druckkammer funktioniert. Trotzdem bleibt für mich ein Kernproblem.

Der Plot arbeitet zu oft mit dem alten Motor: Zufall, Besuch, Prügel, nächste Adresse. Die Eskalation ersetzt nicht immer Dramaturgie. Und der politische Spott, so pointiert er sein mag, wirkt manchmal wie Feuern in alle Richtungen. Wenn alle lächerlich sind, muss man selbst keine riskante Erkenntnis formulieren.

Für Comic Begeisterte liegt der Reiz in der handwerklichen Souveränität. Wer Cabanes mag, bekommt hier genau sein Können, Menschen über ihre Körper zu erzählen. Seine Zeichnungen waren der Anlass für mich, mir das Werk näher anzuschauen.

Dieses Album ist keine Wohlfühl-Lektüre und will es auch nicht sein. Es ist ein Zeitstück mit Zähnen und Klauen. Seine besten Momente riechen nach Straße und Verachtung, seine schwächeren nach Konstruktion. Am Ende bleibt ein guter, harter Comic, der sich aber gelegentlich für klüger hält, als er letztendlich ist.

 

 

Cover von VOLLE LEICHENHALLE

  • VOLLE LEICHENHALLE
  • Felix Delep und Xavier Dorison
  • Hardcover | 104 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-96582-098-2
  • Storyline:  ★★★☆☆
  • Zeichnungen: ★★★☆☆
  • Farben: ★★★☆☆
  • Lettering: ★★★☆☆
  • Humor: ★☆☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
  • © Schreiber und Leser Verlag

 

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