Cover des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

KALIMBO – MATA-MATA Ein Zebra sucht seine Familie

Afrika, die Savanne. Im Gras zirpen die Grillen und in der Ferne hört man das Lachen der Hyänen. Dieser Comic nimmt mich direkt mit ins Licht des schwarzen Kontinents, mit zu seinen Bewohnern und seinen Abenteuern. Und gleich zu Beginn begegne ich einem meiner Lieblingstiere.

Ein alter Elefant, KALIMBO, spürt den Ruf seiner Ahnen. Makoussa, ein Löwe – und auch schon mit weißer Mähne – hält zu ihm. Ein junges Zebra platzt in diese traute Zweisamkeit wie ein Witz, der erst später weh tut. Wie sich zeigt, setzt KALIMBO – MATA-MATA auf eine Fabelstruktur, was mir sofort gefällt.

Diese Geschichte nimmt Kinder ernst, ohne ihre Eltern und andere Erwachsene auszuschließen. Humor und Melancholie laufen hier parallel. Die Figuren reden wie Menschen, bleiben aber optisch Tiere. Diese Zurückhaltung verhindert süßen Kitsch und öffnet Räume für echte Themen wie das Altern, Abschiede und Verantwortung.

Mit Beginn der ersten Panels lockt mich die Geschichte mit ihrem warmen Ton und dem All-Ages-Zugriff, mit ihrem sanften Abenteuer und lässt mich anschließend nicht mehr los.

 

Innenseite 3 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Der Ruf des Elefantenfriedhofs

KALIMBO ist der Patriarch eines Elefantenclans. Gut, das hat mit Zoologie jetzt wenig zu tun, da die Herden üblicherweise von Elefantenkühen geführt werden. Egal, Schwamm drüber.

KALIMBO ist alt, er ist müde und hört den Ruf seines bevorstehenden Endes. Also trifft er eine Entscheidung, die würdevoll und radikal zugleich wirkt. Er verlässt seine Herde, will zum Elefantenfriedhof. Nicht aus Sensationslust, sondern aus innerer Logik. Er will dorthin, wo seine Geschichte ausklingen soll.

Makoussa begleitet ihn. Der Löwe ist nicht nur ein Jäger und eine Gefahr für seine Beutetiere. Er ist auch Bindung an gemeinsam erlebte Zeiten, da sich die Beiden lange kennen. Makoussa respektiert KALIMBO, aber er widerspricht ihm auch. Das ist wichtig, weil die Reise sonst schnell zu einem stillen Sterbemarsch werden könnte.

Stattdessen entsteht sofort eine schöne Dynamik. Zwei alte Freunde, die sich kennen. Freunde, die eine lange Strecke hinter sich und eine letzte Strecke vor sich haben. Und zwei Charaktere, die sehr menschliche Fragen im Gepäck haben. Was schuldet man einer Gemeinschaft? Was darf man sich selbst zugestehen? Und wann wird Würde zu Sturheit?

 

Innenseite 4 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Der Störenfried als Lebensfunke

Auf ihrem Weg trifft das Duo auf Mata-Mata, ein junges, zappeliges Zebra. Es ist unruhig, es ist überdreht und allein. Es wurde von seiner Herde getrennt, nachdem die Gnus – in Afrika gerne auch Zero-Brains genannt – in der Migration panisch durch die Gegend geprescht sind.

Plötzlich wird aus einem geplanten Abschied erst einmal eine Rettungsmission. Nicht, weil KALIMBO plötzlich jung wird und noch einmal eine neue Aufgabe findet, sondern weil er als verantwortungsbewusster Patriarch nicht einfach wegsehen kann.

Mata-Mata ist die Sorte Figur, die in einer schlechten Geschichte nervt. Hier funktioniert sie gut. Der Grund liegt klar im Kontrast der Charaktere.

KALIMBO trägt Schwere, Makoussa trägt Loyalität und Mata-Mata trägt Dynamik. Er redet viel, überschätzt sich immer wieder und bringt Chaos in die kleine Gemeinschaft.

Genau dadurch zwingt er die beiden Alten jedoch, Position zu beziehen. Der Elefant wird allerdings nicht zum niedlichen Opa, ebenso wenig wie der Löwe zum brummigen Babysitter wird. Stattdessen entsteht ein seltsames Trio, das auf einmal ein neues Ziel braucht. Und ja: irgendwie erinnern mich die Drei frappierend an Ice Age der Blue Sky Studios aus dem Jahr 2002.

Die Fabel setzt damit ihren zentralen Hebel. Der Tod bleibt im Raum. Die Lebensenergie drängt hinein. Zwischen beiden Polen entsteht eine Wärme, die nicht geschniegelt wirkt. Und das ist der Moment, in dem der Band anfängt, größer zu sein als sein Ausgangspitch.

 

Innenseite 5 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Drei Blickwinkel auf dieselbe Steppe

Mehr als jede einzelne Szene trägt diese Konstellation das Narrativ und zeigt mir drei Perspektiven auf dieselbe Welt. KALIMBO sieht Endlichkeit, Makoussa sieht Pflicht. Und Mata-Mata? Er sieht vor allem sich selbst. Das klingt hart, ist aber ehrlich. Und es ist komisch, weil sich dieses halbstarke Zebra oft selbst im Weg steht.

Die Reiseform erlaubt zudem kleine Prüfungen, ohne dass die Handlung ständig explodieren muss. Die Savanne ist eine Kulisse, aber eine sprechende: Hunger ist präsent, Gefahr in Form von Geparden und Wildhunden auch. (Und nein, es sind keine Hyänen.)

Gleichzeitig bleibt das Abenteuer jedoch familienfreundlich. Es geht nicht um Blut, es geht um Haltung. Wer schützt wen? Wann kippt Hilfe in Bevormundung? Und was macht man, wenn der eigene Plan plötzlich nicht mehr der wichtigste ist?

Ich mag an diesem Mittelteil, dass die Geschichte sich nicht dauernd erklärt. Sie lässt die Figuren sich aneinander reiben. KALIMBO ist nicht nur Altersweise, er ist auch stolz. Makoussa ist nicht nur tapfer, sondern auch vorsichtig. Und Mata-Mata ist nicht nur nervig, sondern auch verletzlich. So entsteht Empathie, die ohne einen pädagogischen Zeigefinger auskommt.

 

Innenseite 6 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Etappe statt Finale

Am Ende steht nicht der große Twist. Der Band wirkt eher wie eine in sich geschlossene Etappe. Genau das passt zu der Art, wie er erzählt wird.

Ein Weg wird gegangen, ein Plan korrigiert. Beziehungen verändern sich, aber die Grundfrage bleibt: Wie geht man mit dem Ende um, wenn das Leben unterwegs dazwischenkommt?

Ja, manchmal wünschte ich, dass sich die Geschichte an manchen Stellen stärker zuspitzen würde. Das ist dann aber wohl der Preis der Zugänglichkeit.

Der Band will niemanden verschrecken. Er will ein Einstieg sein. Dafür setzt er auf klare Emotionen und eine leicht lesbare Dramaturgie. Schließlich ist dies der erste Band einer geplanten Reihe, bei dem der kommende (Kalimbo – Band 2: Der große Malak) schon in den Startlöchern stand. Das erklärt die Balance. Der erste Teil will vor allem Figuren etablieren und einen Ton setzen.

Ich bleibe mit einem guten Gefühl, aber auch mit Neugier zurück. Und genau das ist für Band eins ein sauberer Job.

 

Innenseite 7 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Savannenlicht in klaren Panels

Fred Besson übernimmt in diesem Comic Zeichnung und Farbe. Alles greift schön ineinander. Die Figuren sind klar lesbar, die Mimik ist ausdrucksstark. Besson’s Körper wirken „tierisch“ realistisch, nicht verkleidet. Gerade diese minimale Vermenschlichung macht aber auch die Emotionen glaubwürdig.

Farblich setzt der Band auf Wärme, afrikanisches Gelb, Ocker, Abendrot. Die Savanne bekommt ihre Bühne, die nach Gras, Staub und Tieren riecht. Kontraste bleiben weich. Das passt zum Ton.

Panels führen das Auge ruhig, die Action bleibt überschaubar. Dafür funktionieren Blicke, Pausen und kleine Gesten sehr gut. Wenn KALIMBO innehält, fühlt sich das schwer an. Wenn Mata-Mata losplappert, fühlt sich das leicht an.

Ich würde mir manchmal mehr Mut zur Wildheit wünschen. Mehr Staub, mehr Kante im Licht, mehr visuelle Gefahr. Andererseits liegt genau darin die Strategie. KALIMBO – MATA-MATA will nicht als Naturdokumentation sondern als Fabel wirken. Und als Fabel zeichnet Besson sicher, elegant und leserfreundlich.

 

Innenseite 8 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Werkspuren durch mehrere Reihen

Didier Crisse ist ein Vielschreiber im frankobelgischen Kosmos. Er bewegt sich seit Jahren zwischen Abenteuer, Fantasy und Familienstoff. Beim deutschen Splitter-Verlag taucht sein Name in Zusammenhang mit Serien wie ATALANTE und ISHANTI auf.

Frédéric Besson hat eine interessante Doppelrolle. Er arbeitet als Illustrator, aber auch als Kolorist. Mehrere Profile beschreiben, dass er in Nantes Grafik studierte, ein Praktikum bei Crisse machte und danach als Colorist bei Soleil arbeitete. Diese Herkunft erklärt, warum seine Farben nicht wie ein Lack wirken, sondern wie ein intensiver Bestandteil der Zeichnung.

Auch die gemeinsame Werkspur ist gut sichtbar. Besson taucht bei Titeln wie ANYA auf. Er ist ebenso mit Crisse bei JUSQU’AU RÉCIF gelistet. In Bibliografien wird er außerdem mit ISHANTI verbunden.

Dazu kommt PRIVATE GHOST, wo beide ebenfalls zusammen genannt werden. Wer diese Titel kennt, erkennt eine Vorliebe. Die beiden mögen klare Abenteuersetups. Sie mögen starke Bildstimmung. Und sie mögen Figuren, die über Humor an ernste Themen herangeführt werden.

 

Innenseite 9 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Elefantenfriedhof? Mythos und Wirklichkeit

Der Elefantenfriedhof ist eine dieser Ideen, die bei mir sofort Bilder erzeugen. Ein geheimer Ort, an dem alte Tiere sterben. In der Popkultur funktioniert das seit Jahrzehnten. In der Realität ist es eher ein beliebter Mythos.

Elefanten sterben dort, wo sie gerade sind. Man findet Knochenfelder meist aus anderen Gründen, aus Wasserknappheit, Jagd, natürliche Häufungen. Gerade weil die Vorstellung so stark ist, eignet sie sich aber für Fabeln. Sie bündelt Endlichkeit in einem Zielpunkt.

Dazu passt die zweite reale Beobachtung, die der Comic indirekt streift: Viele Tiere reagieren auf Tod. Elefanten zeigen auffälliges Verhalten an Knochen oder Kadavern ihrer Artgenossen. Sie berühren sie, sie bleiben in der Nähe, sie wirken, als hätten sie ein Ritual.

Wissenschaftlich gesehen ist jedoch Vorsicht sinnvoll. Man sollte nicht zu schnell vermenschlichen. Emotional ist die Beobachtung trotzdem stark.

KALIMBO – MATA-MATA nutzt genau diese Spannung. Er macht aus dem Mythos einen Weg und aus dem Weg eine Frage: Was bedeutet Abschied, wenn man ihn bewusst wählt?

Auch die Gnu-Migration ist mehr als ein Stichwort. Sie steht für Natur in Bewegung, für Masse und Zufälligkeit. In so einem Strom kann ein Jungtier verschwinden. Und plötzlich wird Moral konkret. Helfe ich? Gehe ich weiter? Warte ich ab?

Der Comic übersetzt Naturphänomene in Entscheidungsmomente. Das ist simpel, aber wirkungsvoll.

 

Innenseite 10 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Der nächste Schritt wartet bereits

Die Reihe bleibt nicht beim Auftakt. Ein zweiter Band existiert bereits und trägt im Deutschen den Titel KALIMBO – DER GROSSE MALAK. Im französischen Programm läuft er als zweite Etappe der Serie. Es scheint aber auch der letzte Band geblieben zu sein.

Schon der Umstand, dass Band eins eher eine Etappe als ein Finale ist, macht diese Fortsetzung logisch. Der erste Band baut Bindung auf. Band zwei kann dann stärker variieren. Und natürlich drängt sich der Vergleich zu großen Savannen-Erzählung von DER KOENIG DER LOEWEN auf.

Doch ist dieses Werk nicht als Kopie gemeint. Es ist lediglich ein Hinweis auf Ton und die Zielgruppe: Familienabenteuer mit ernstem Kern.

Wer nach dem ersten Band weiterliest, bekommt also nicht bloß mehr vom Gleichen. Er bekommt die Chance zu sehen, ob das Konzept auch unter anderen Konflikten trägt. Ich finde, genau darauf macht Band eins Lust.

 

Innenseite 11 des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

Fazit

Ich nehme KALIMBO – MATA-MATA als Comic ernst, gerade weil er leicht wirkt. Die Story traut sich an das größte Thema heran und tut dies ohne Pathos. Sie traut sich über den Weg der Freundschaft. Das ist klug, denn Crisse schreibt so, dass auch Kinder folgen können. Erwachsene finden dabei genug Subtext, um nicht gelangweilt zu sein.

Manchmal bleibt das Abenteuer vielleicht ein Wenig zu geschniegelt. Die Savanne könnte stärker nach Risiko schmecken. Ein paar Szenen dürften unangenehmer sein. Dann würde der geplante Abschied mehr Gewicht bekommen.

Auf der anderen Seite würde genau das vielleicht den Kern der Geschichte verlieren. Dieser Band will trösten, nicht erschüttern. Er will einen Einstieg schaffen. Und als Einstieg funktioniert er wirklich gut.

Wer Comics selten liest, bekommt hier einen Album, das sofort verständlich ist. Wer Comics liebt, bekommt ein sauber gebautes Stück Fabelkunst mit sehr starkem, leicht Disney-haften Artwork. Und wer Tiere in Geschichten mag, bekommt Figuren, die nicht nur niedlich sind. Sie sind widersprüchlich, das macht sie lebendig. Mir macht es Lust auf mehr …

 

 

Cover des Comics KALIMBO Band 1 Mata-Mata

  • KALIMBO – BAND 1: MATA-MATA
  • Didier Crisse und Fred Besson
  • Hardcover | 56 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-944077-74-1
  • Storyline: ★★★★☆
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
  • © DANI BOOKS VERLAG
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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