Ich habe ein weiches Herz für Filme, die ihre eigene Prämisse mit Schwung gegen die nächste Wand fahren und daraus etwas Besseres bauen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Dreamworks Animationsfilm MEGAMIND aus dem Jahr 2010.
Auf den ersten Blick wirkt alles wie eine fröhlich freche Superheldenparodie. Ein blauer Superschurke mit riesigem Schädel, ein geschniegelt strahlender Held, eine schlagfertige Reporterin und eine Stadt, die täglich gerettet werden will. Alles wie gehabt. Nach wenigen Minuten kippt der Film aber in etwas Überraschendes. Ich sehe keinen bloßen Klamauk, sondern eine Geschichte über Rollen, Gewohnheiten und die seltsame Leere nach dem großen Sieg.
Regisseur Tom McGrath und die Autoren Alan Schoolcraft und Brent Simons stellen die Welt des Superheldenfilms lustvoll auf den Kopf und holen aus dem Witz eine erstaunlich warme Figur heraus.
Blaue Birne, goldenes Idol und eine genervte Reporterin

Im Zentrum stehen vier Figuren, die sofort sitzen. MEGAMIND ist der ewige Verlierer mit übergroßem Ego und noch größerem Bedürfnis, überhaupt gesehen zu werden.
Metro Man ist der perfekte Held, blütenweiß, gefeiert, fast schon als Popstar inszeniert. Dazu später mehr.
Roxanne Ritchi, eine Reporterin, ist wahrlich keine Deko neben der Action, sondern der wache Blick des Films. Sie ist schnell, genervt, mutig und hat für die immer gleichen Entführungen längst keine ehrfürchtige Geduld mehr.
Dazu kommt Minion, dieser herrlich absurde Fisch im Roboterkörper, der trotz seiner Rolle als Sidekick oft die klarste Sicht auf die Lage hat.
Und schon der Prolog macht deutlich, warum diese Konstellation trägt. Zwei Babys verlassen ihre sterbenden Welten (Superman lässt grüßen!), landen auf der Erde und wachsen unter völlig verschiedenen Bedingungen auf. Der eine wird gefeiert, der andere aussortiert.
Aus diesem schiefen Start entwickelt der Film dann seine alte, immer noch wirksame Frage: Wer wird zum Helden gemacht und wer zum Bösewicht erklärt? Ich mag es, wie flott das erzählt wird. Nichts wirkt schwer. Selbst die Herkunftsgeschichte hat Tempo, Witz und eine leicht traurige Kante.
Gefangen in der Rolle
Noch schöner finde ich, wie selbstverständlich der Film dann in seinen Alltag springt. MEGAMIND entführt Roxanne. Metro Man rettet sie. Die Stadt jubelt. MEGAMIND verliert. MEGAMIND baut eine Maschine. Metro Man zerstört sie. MEGAMIND verliert. Wieder und wieder.
Diese Schleife ist die Weltordnung von Metro City. Genau darin steckt schon der beste Einfall des Films. Nicht der Kampf zwischen Gut und Böse ist interessant, sondern seine Routine.Fühle ich mich dabei an Road Runner und Wile E. Coyote erinnert? Natürlich. Ich spüre beim Schauen schnell, dass beide Figuren in einem Theaterstück festsitzen, das sie seit Jahren aufführen. Der Film macht daraus einen Running Gag, aber auch eine tragende Idee.
Als MEGAMIND seinen „Erzfeind“ Metro Man endlich ausschaltet, müsste sein Triumph vollkommen sein. Stattdessen hängt plötzlich alles in der Luft. Der Superschurke bekommt, was er immer wollte und merkt sofort, dass er ohne Gegenspieler gar nicht weiß, wer er noch sein soll.
Diese Wendung funktioniert für mich bis heute. Sie ist witzig, traurig und erstaunlich erwachsen, ohne je die Leichtigkeit zu verlieren.
Der Sieg schmeckt überraschend schal
Von hier an wird der Film erst richtig gut. MEGAMIND erzählt nun keinen simplen Macht- sondern einen Identitätswechsel.
Der große Sieger sitzt in seinem Versteck – und langweilt sich! Er verwüstet die Stadt, spielt mit seinen Gadgets, zelebriert sich selbst, aber nichts füllt die innere Leere. Ich mag an diesen Szenen besonders, dass der Film seinen (Anti-)Helden wider Willen nicht weichzeichnet. MEGAMIND bleibt eitel, pathetisch und theatralisch. Gerade deshalb fühlt sich seine Orientierungslosigkeit ehrlich an.
Aus dieser Leere heraus entsteht dann die nächste, wunderbar dumme und zugleich aber folgerichtige Idee. Wenn kein Held mehr da ist, dann baut man sich eben einen neuen. Heureka!
An diesem Punkt bringt der Film Hal Stewart ins Spiel, Roxanne’s schmierigen Kameramann mit Minderwertigkeitskomplex, Fantasien eigener Größe und ohne jeglichen moralischen Kompass. Aus dem geplanten Titan wird durch ein kleines Sprachmissverständnis Tighten und in dieser falschen Schreibweise steckt schon die ganze Figur.
Statt sich einzuengen, zu straffen, anzuziehen (was dem englischen „to tighten“ entsprechen würde) will er sich aufblasen und entwickelt dabei eine unangenehme Mischung aus Bedürftigkeit und Selbstüberschätzung. Ich finde das stark, weil der Film hier schlagartig die Temperatur ändert.
Aus dem neckischen Witz über Superhelden wird plötzlich eine Geschichte über gekränkte Männlichkeit, über Machtfantasien und darüber, wie schnell ein Loser gefährlich wird, sobald er echte Macht in die Hand bekommt. Das bleibt familienfreundlich erzählt, aber die Schärfe ist da. Nur – an was bzw. wen erinnert mich das gerade? Ja, richtig TACO-Man!

Zwischen Verkleidung, Verliebtheit und Absturz
Parallel dazu lässt der Film MEGAMIND unter einer Tarnidentität in Roxanne’s Nähe schlüpfen. Auch das könnte leicht schiefgehen. Tut es aber nicht, weil Roxanne nicht zur Trophäe verkommt und weil MEGAMIND’s Täuschung nie als romantisch sauber verkauft wird.
Ich habe diese Passagen immer als heiklen Teil des Films empfunden. Tom McGrath und das Drehbuch balancieren sie jedoch ordentlich aus. Die Annäherung hat Charme, weil MEGAMIND dort zum ersten Mal ohne Pose agiert. Er hört zu, improvisiert und stolpert aus seiner Rolle. Gleichzeitig bleibt klar, dass auf dieser Beziehung ein Betrug liegt, der nicht einfach weg zu lächeln ist.
Dramaturgisch zieht der Film hier sauber an. Tighten wird zur echten Bedrohung, MEGAMIND verliert seine bequeme Ironie und Roxanne erkennt, dass hinter seinen Spielereien mehr als bisher vermutet steckt – aber auch reichlich Selbsttäuschung. Aus dieser Bewegung wächst das eigentliche Thema des Films: Nicht die Herkunft entscheidet, sondern die Wahl, die jemand trifft, wenn eine alte Rolle nicht mehr passt.
Ich finde es sehr angenehm, dass der Film diese Idee nicht mit pädagogischem Zeigefinger verkauft. Er kleidet sie in Action, Slapstick, peinliche Flirts und großes Superheldenkino. Genau deshalb kommt sie bei mir an. Der Humor trägt die Geschichte, statt sie klein zu halten. Wenn Minion trocken kommentiert, wenn MEGAMIND wieder einen Auftritt zu groß plant oder wenn Tighten seine neue Macht mit pubertärer Wucht missbraucht, dann lacht der Film – aber nie über seine Figuren.

Popshow mit Herz
Gerade darin liegt die Stärke von MEGAMIND. Der Film versteht Superhelden nicht als heilige Ikonen, sondern als öffentliche Rollen mit Kostüm, Gestus und Show-Wert. McGrath hat diese Gegensätze selbst sehr plastisch beschrieben, indem er den Bösewicht und den Helden eher wie Bühnenfiguren dachte, grob in Richtung Alice Cooper auf der einen und Elvis Presley auf der anderen Seite. Das spürt ich in beinah jeder Szene. Metro Man ist glänzende Performance mit „Hüftschwung“, MEGAMIND ist dunkle Pose in Latex-Leder mit Spitze und Nebelmaschine im Kopf. Diese überzeichnete „Showhaftigkeit“ macht den Film präzise. Sie passt zu einer Welt, in der Gut und Böse längst Teil eines öffentlichen Spektakels geworden sind.
Dazu kommt ein hübscher Blick hinter die Entstehung. Schoolcraft und Simons hatten den Stoff ursprünglich als Live Action Projekt mit dem Arbeitstitel MASTERMIND entwickelt, bevor daraus Jahre später der Animationsfilm wurde. Vielleicht erklärt genau das, warum die Figuren hier trotz ihrer cartoonesken Art oft als echte Comedy-Rollen funktionieren.
Tempo, Licht und wüste Einfälle
Visuell hat der Film ebenfalls mehr zu bieten, als ich ihm beim ersten Sehen des Trailers zugetraut hätte. Die Designs arbeiten mit klaren Gegensätzen. MEGAMIND’s Welt lebt von kaltem Blau, metallischen Oberflächen und einem Hang zur großen Show. Metro Man bringt Gold, Glanz und saubere Flächen mit. Wenn Tighten später die Ordnung von Metro City zerreißt, kippt auch die Farbdramaturgie spürbar ins Unruhige. Besonders die Nachtszenen haben Gewicht.
Für die Sequenz, in der Roxanne in der nächtlichen Stadt in Gefahr gerät, legte das Dreamworks Team großen Wert auf glaubwürdige Stadtbeleuchtung, weiche Straßenlichter und ein spürbar echtes Nachtgefühl. Metro City wirkt dort nicht wie eine generische digitale Kulisse, sondern wie ein Raum mit Tiefe, Lichtinseln und echtem Risiko.
Der Schnitt hält dazu ein gutes Tempo. Der Film rennt selten bloß von Gag zu Gag. Er nimmt sich die nötigen Sekunden, damit Blick, Pause und peinliche Stille überhaupt komisch werden können.
Kleine Schwächen gibt es trotzdem. Im letzten Drittel wird der Film konventioneller, als ich es mir wünsche. Er biegt dann doch stärker in vertraute Bahnen des Familien Blockbusters à la DIE UNGLAUBLICHEN ein. Ganz los wird MEGAMIND seine Studiomechanik also doch nicht.

Fazit
Am Ende bleibt für mich ein Animationsfilm, der sehr genau weiß, wie albern sein Konzept ist und mich gerade deshalb emotional trifft. Ich bekomme Witz, Tempo, starke Designs und eine Hauptfigur, die als Witzfigur beginnt und dann langsam zum Menschen wird, auch wenn sie blau ist und einen riesigen Schädel hat.
Das ist keine Revolution des Genres. Dafür ist der Schluss etwas zu ordentlich. Aber ich nehme aus dem Film etwas mit, das bei vielen lauteren Superheldenspektakeln fehlt: Zuneigung!
MEGAMIND macht sich nie klein, aber er macht seine Charaktere auch nicht zu Witzfiguren ohne Innenleben. Genau deshalb schaue ich ihn gern immer wieder. Und deshalb hat dieser Film in der großen Reihe animierter Superheldenspielereien bis heute einen ziemlich besonderen Platz.
Meine Empfehlung: Anschauen!
P.S. Die Anregung für diesen Post habe ich bei Tillmann Courth gefunden. Ich hatte den Film lange nicht mehr auf dem Schirm. Danke dafür!
- MEGAMIND
- Regisseur Tom McGrath
- Autoren Alan Schoolcraft und Brent Simons
- Storyline: ★★★★☆
- Humor: ★★★★☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
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