Cover von GAUDIS GESPENST

Schatten über Barcelona – GAUDIS GESPENST

Barcelona pulsiert. Die Stadt ist voller Leben, voller Kunst, voller Geschichte. Doch hinter den berühmten Fassaden des katalanischen Großmeisters Antoni Gaudí geschieht Schreckliches.

Es beginnt unscheinbar. Die Supermarkt-Kassiererin Antonia (genannt Toni) rettet einem alten Mann, der gedankenverloren vor eine Straßenbahn läuft, das Leben. Sie wird verletzt, der Mann verschwindet und Toni fühlt sich fortan seltsam verfolgt. Schon bald ist in ihrem Leben nichts mehr wie zuvor.

Blutige Schatten zwischen Mosaiken

Kaum zurück im Alltag, überschlagen sich die Ereignisse. In unmittelbarer Nähe eines von Gaudí entworfenen Gebäudes wird eine brutal entstellte Leiche gefunden. Details des Mordes erinnern an rituelle Praktiken. Die Eingeweide des Opfers sind grausam zur Schau gestellt und schon bald zieht ein kaltblütiger Serienmörder eine blutige Spur durch die gesamte Stadt. Die Verbindung: An jedem Tatort spielt die Architektur Gaudís eine zentrale Rolle.

Inspektor Calvo, einst ein gefeierter Ermittler, heute von seinem Dienst suspendiert und mit Privatproblemen beladen, verfolgt die Spuren. Er entdeckt Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern und der Geschichte Gaudí’s. Der Geist des Architekten scheint (wortwörtlich) durch die Straßen Barcelonas zu wandeln. Calvo erkennt Zusammenhänge, die seine Polizeikollegen ignorieren. Seine Vorgesetzten unterschätzen dabei die Gefahr.

Innenseite 1 von GAUDIS GESPENST

Mysterien im Herzen Kataloniens

Auch Toni fühlt sich immer tiefer in den Strudel aus Illusionen, Kunst und Mord hineingezogen. Sie glaubt, den Geist Gaudís gesehen zu haben. Halluzinationen vermischen sich mit Realität. Dabei geraten Calvo und Antonia unabhängig voneinander ins Zentrum dieser Mordserie. Die Ermittlungen führen sie in bisher verborgene Ecken der Stadt, aber auch in ihre eigenen Vergangenheit.

Der finale Showdown findet hoch über der Stadt – unübersehbar – auf der Sagrada Família statt. Inspektor Calvo, Antonia und der Täter treffen hier aufeinander. Es kommt zum Showdown, bei dem sich Wahnsinn, Obsession und das Streben nach einer göttlichen Kunst tragisch entladen. Der Fall endet so spektakulär wie die Kulisse, in der er sich abspielt. Und am Ende bleibt die Frage: Sind in dieser Stadt die Toten wirklich tot?

Von Morden und Meisterwerken

GAUDIS GESPENST entfaltet sich als Krimi, der weit mehr ist als bloße Polizeiarbeit eines Whodunit-Falles. Die Handlung nimmt Fahrt auf, sobald Antonia dem Alten begegnet und damit quasi mit Gaudí in Kontakt tritt. Von hier an steuert die Geschichte mit klarem Ziel auf ihren dramatischen Schlusspunkt zu.

El Torres (bürgerlich Juan Antonio Torres Garcia) versteht es, die Elemente des klassischen Whodunit mit Horrorelementen und einem Hauch Übersinnlichem zu vermengen. Besonders gelungen wirkt seine Kombination realer, architektonischer Schauplätze mit einer Nerven aufreibenden Mörderjagd.

Immer wieder spielt der Autor die Faszination aus, die von Gaudís Bauwerken ausgeht. Die Erzählstruktur verschachtelt er dabei bewusst. Rückblenden geben Einblick in Calvo’s Vergangenheit. Träume und Visionen lassen Realitäten und Fantasien verschwimmen.

Narrativ arbeitet El Torres mit klaren Schnitten. Die Panels folgen dicht aufeinander, erlauben kaum eine Pause durchzuatmen. Wir werden so sehr schnell in den Sog der Enthüllungen hinein gezogen. Gleichzeitig bleibt aber genügend Raum für die handelnden Figuren, sich zu entfalten.

Der Spannungsbogen hält, auch weil El Torres konsequent auf überflüssige Nebenhandlungen verzichtet. Jede Szene greift unmittelbar ins Hauptthema ein. Was dient der Handlung? Alles! Wer sich für klassische Kriminalgeschichten interessiert, findet zahlreiche Referenzen von modernen Serienkillergeschichten bis hin zur der Art, wie Edgar Allan Poe seine Geschichten erzählte. Die Dramaturgie führt vom vermeintlich Zufälligen zum Unentrinnbaren.

Wer Barcelona schon einmal besucht hat, wird viele Handlungsorte wiedererkennen und – wie ich – in Erinnerungen schwelgen können.

Innenseite 2 von GAUDIS GESPENST

Zwischen Menschen und Mythos

Antonia steht im Mittelpunkt dieser Erzählung. Als einfache, bodenständige Kassiererin ist sie alles andere als eine klassische Heldin. Gerade das macht ihren Werdegang glaubwürdig. Ihr skeptischer Blick auf die eigenen Halluzinationen, der Kampf mit der Realität verleiht dem Werk psychologische Tiefe. Antonia ist weder Ermittlerin noch Opfer, sondern eine zutiefst menschliche Figur mit Fehlern, Ängsten und einer Verbundenheit zu ihrer Stadt.

Demgegenüber wirkt Inspektor Calvo anfangs wie ein abgedroschenes Klischee. Ein in Ungnade gefallener Ermittler, geplagt von Fehlern, isoliert vom Apparat. El Torres gelingt es aber, ihm überraschende Nuancen zu geben. Seine Besessenheit von der Aufklärung des Falls, sein Zerbrechen an inneren Dämonen, seine Nähe zur Kunst Gaudí’s – all das sorgt für Dramatik und Empathie bietet schnell Identifkationspotential.

Der Antagonist bleibt lange anonym. Er agiert wie ein Schatten, ein Gespenst im Takt der Stadt. Erst spät klärt sich, welche Motivation ihn antreibt und wie seine Taten mit Gaudí’s Vermächtnis verwoben sind.

Auch Nebenfiguren wie Antonia’s Sohn oder Calvo’s frühere Kollegen erhalten ausreichend Tiefe, um aktiv etwas zur Handlung betragen zu können. Die Entwicklungsideen sind zwar klassisch, werden aber so präzise umgesetzt, dass sie nie ins Abgedroschene abgleiten.

Teamwork zwischen Horror und Historie

El Torres und Iglesias erschaffen gemeinsam ein Werk, das Kriminalplot und Künstlerbiografie vereint. Die Konstellation funktioniert, weil Beide an den Grenzen ihrer jeweiligen Genres arbeiten. Genau dieser Crossover-Charme ist es, der mich neben den Zeichnungen angezogen hat.

El Torres, Jahrgang 1972, ist ein Veteran der spanischen Comiclandschaft. Er schuf zahlreiche, international beachtete Arbeiten. Darunter das Höllenspektakel NANCY IN HELL, der irre Mystery-Trip THE SUICIDE FOREST und die Fantasy-Reihe ROGUES!.

Mit GAUDIS GESPENST kombiniert er seine Stärken, nämlich eine sichere Hand für Thrillerstrukturen und ein feines Gespür für das Surreale. Torres experimentiert mit Erzählrhythmen und Schemen, bleibt dabei aber immer zugänglich.

Jesus Alonso Iglesias setzt das Szenario großartig in Szene. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Arbeit an der Westernserie DIE DALTONS. Sein Werdegang reicht von Animationsdesigner bis zum Comiczeichner für den französischen und spanischen Markt. Dem Animationsdesigner in ihm verdanken wir die beweglichen, lebensechte Figuren dieser Welt. Der Stil von Iglesias kombiniert expressive Linien mit detailreicher Architektur. Er arbeitet auffällig mit Kontrasten aus Licht und Schatten, Weite und Enge, Fantasie und Realität.

Innenseite 3 von GAUDIS GESPENST

Farbenzauber und Fassaden

Die Zeichnungen von Jesus Alonso Iglesias geben GAUDIS GESPENST ein Gesicht. Iglesias versteht es, die Lichtstimmungen Barcelonas einzufangen. Seine Panels sind voller Dynamik und sehr lebendig. Besonders die Darstellungen von Gaudí’s Bauwerken stechen heraus. Iglesias nutzt weiche Übergänge, expressiven Strich und eine tiefe Farbpalette, um Bewegung und Statik nebeneinander zustellen.

Die Gesichter und die Körpersprache seiner Figuren wirken leicht karikiert. Dadurch entsteht bei uns eine emotionale Distanz, die die Brutalität der Handlung erträglicher macht. Die Farbgebung ist nicht nur illustrativ, sondern erzählerisch eingebunden. Je nach Stimmung verschieben sich Farbtöne, die Atmosphäre wird durch die jeweiligen Farbkontraste unterstützt. Blutige Momente erschüttern durch ihre Kälte. Friedliche Sequenzen atmen mediterrane Wärme.

Der Panel-Aufbau des Albums bleibt weitgehend klassisch. Gleichzeitig wirken einige Seiten wie architektonische Skizzen: Perspektiven springen, Kameraschwenks betonen das Monumentale. Gerade in den Szenen, in denen die Sagrada Família im Fokus steht, verschmelzen Zeichnung mit Architektur.

Wo die Erzählung in surreale Sequenzen abgleitet, wird diese Formalität jedoch durchbrochen. Panels verschwimmen, Perspektiven kippen, Gewissheiten verbiegen sich wie Wachs in der spanischen Sonne. Auf diese Weise verschafft uns Iglesias u.a. auch visuell Einblick in die geistige Verfassung von Toni.

Der Geist des Modernisme

GAUDIS GESPENST zieht seinen Zauber aus der Verschränkung von Fiktion und Geschichte. Antoni Gaudí, Schöpfer der Sagrada Família, prägte das Bild Barcelonas wie kaum ein anderer. Sein Leben war vielfach tragisch. Ein Unfall beendete es viel zu früh. Seine Werke stehen in der Realität als Mahnmale einer Epoche, die Schönheit und Chaos verband.

Die eingebetteten Verweise auf Barcelonas Kunstgeschichte, den Modernisme, die Psychologie des urbanen Lebens und das Unvollendete der Sagrada Família, all das ist kein aufgesetztes Bildungskalkül. Vielmehr bereichert es die Handlung und macht die Lektüre auch für Leserinnen und Leser zu einem Vergnügen, die an Architektur interessiert sind.

Innenseite 4 von GAUDIS GESPENST

Mord und Moderne

GAUDIS GESPENST wurde erstmals 2015 auf Spanisch veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe folgte 2016 bei Salleck Publications. Und doch wirken die Themen des Comics heute frisch und aktuell: Serienkriminalität, das Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeit, die Zerrissenheit moderner Städte. All das findet ein Echo im heutigen Barcelona, aber ebenso in vielen anderen Metropolen.

Das Buch spricht auch gesellschaftlich relevante Themen wie Vereinsamung, soziale Spannungen und psychische Gesundheit an. Damit hebt sich der Comic wohltuend von anderen – häufig trivialen – Werken ab.

Besonderheiten, Innovationen, Details

GAUDIS GESPENST bleibt zwar grafisch und erzählerisch meist konventionell, überrascht aber durch ausgefeilte Detailverliebtheit. Besonders die im Anhang mitgelieferten Skizzen, alternativen Cover-Entwürfe und die Making-of-Notizen lassen uns nach dem Ende der Geschichte noch einmal hinter den kreativen Vorhang blicken. Diese Einblicke in den kreativen Prozess empfand ich gerade bei diesem Band als besondere Würze.

Obwohl der Comic für sich alleine steht, wäre eine Fortsetzung im gleichen Kosmos mit Antonia und Calvo durchaus denkbar. Bislang bleibt GAUDIS GESPENST jedoch ein Einzelband mit starker persönlicher Handschrift. Leider, muss ich sagen.

Innenseite 5 von GAUDIS GESPENST

Fazit

Im Genre des Kunstkrimis erscheint GAUDIS GESPENST als vielschichtiges und atmosphärisches Werk. Der Comic bringt inspirierte Erzählkunst und kenntnisreiche Zeichensprache zusammen. Für Fans intelligenter Krimis mit düsteren Seiten ist der Band ein Muss.

Obwohl seine Zeichnungen karikaturhaft und im ersten Augenblick vermeintlich kinderfreundlich daher kommen, sind einige Stellen des Albums alles andere als kindgerecht. Sie sind brutal und blutig. Subtil ist dieser Comic nicht. Also Achtung!

Architektur-Begeisterte, Kunsthistoriker und Barcelona-Urlauber finden zahlreiche Anspielungen, die sie attraktiv finden werden. Gelegenheitsleser genießen die Spannung und die ungewöhnliche Kulisse. Besonders für Leserinnen und Leser, die Comics abseits angloamerikanischer Superhelden suchen, lohnt das Eintauchen in diesen Barcelona-Krimi.

Wer Lust auf Mystery, Urbanität und eine große Portion spanisches Flair verspürt, sollte sich GAUDIS GESPENST unbedingt gönnen. Der Band bleibt im Gedächtnis und macht Lust auf weitere Werke dieses kreativen Duos.

 


Cover von GAUDIS GESPENST

GAUIS GESPENST

© Salleck Publications Verlag | Hardcover | 124 Seiten | Farbe

Storyline:  ★★★☆☆

Zeichnungen: ★★★☆☆

Farben: ★★★☆☆

Lettering: ★★★☆☆

Humor: ☆☆☆☆☆

Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆

ISBN: 978-3-89908-599-0

Informationen zu den Bildrechten findest Du hier.

 

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