Cover von RED

RED – Gewitter vor der Tür und ein Hund, der bleibt

Eine Nacht im Gewitter reicht, um Rosa’s Alltag aus dem Takt zu bringen. Vor ihrer Tür steht Friedwart Plüschmann, dreibeinig, tropfnass, leicht dramatisch. Rosa ist nicht herzlos, sie ist nur geübt darin, ihr Mitgefühl schnell wieder einzukassieren. Der Hund lässt sich davon nicht abschrecken. Er will rein, er will bleiben, er will dazugehören.

Schon in dieser Auftaktszene zeigt Josephine Mark, wie sie Spannung über die Temperamente ihrer Figuren aufbaut. Rosa hält ihre Sätze kurz, Friedwart redet sich warm. Zwischen beiden knistert es. Der Witz dieses Comics entsteht nicht aus Pointen, sondern aus der Reibung seiner Figuren. Dann kippt der Tonfall und aus einer Geschichte mit Slapstick-Potential wird ein Krimi.

Friedwart’s Nase findet Blut, versteckt ganz hinten im Schrank unter der Treppe. Plötzlich steht nicht mehr nur die Frage im Raum, ob Rosa den Hund wieder rauswirft, sondern was in diesem Haus seit Jahrzehnten begraben liegt. Das Szenario setzt bei der Erzählung nicht auf Krimi-Horror, sondern auf Krimi-Humor. Schließlich erscheint RED im Kibitz-Verlag, der Comics für Kinder herausbringt.

Das Blut wirkt wie ein Fremdkörper in Rosa’s strenger Ordnung. Genau daraus gewinnt die Geschichte jedoch ihren Antrieb. Aus einer Ordnung, die Risse bekommt und aus einem Hund, der diese Risse begeistert verfolgt. Und ganz nebenbei schiebt sich der Name des Opfers ins Bild. Es geht um Rosa’s Ex-Mann RED.

 

Innenseite von RED

Huh, huh, da ist Blut im Sch… Schrank!

Der Fund bleibt nicht einfach ein düsteres Detail. Er wird zur Eintrittskarte in einen Cold Case. Vor dreißig Jahren hat ein tragischer „Unfall“ den Ort erschüttert. Rosa glaubt nicht an Zufälle, SIE glaubt an Mord. Und das ist kein leiser Verdacht, das ist inzwischen eine Überzeugung.

Diese Überzeugung richtet sich nicht konkret gegen eine einzelne Person, sondern färbt auf ein ganzes Umfeld ab. Rosa verdächtigt schnell die halbe Nachbarschaft – na ja, eigentlich die ganze. Damit verschiebt Mark den Fokus. Der Krimi wird zwar auch zur Jagd auf den einen Täter, in erster Linie aber zur Bestandsaufnahme einer Gemeinschaft, die sich über Jahre eingerichtet hat. Jede(r) kennt jeden, jede(r) weiß angeblich nichts, aber jede(r) hat eine Version.

Friedwart ist dabei mehr als ein Sidekick. Seine Spürnase liefert den Anlass, seine Offenheit liefert den Anstoß, die Untersuchung (wieder) aufzunehmen und seine Fähigkeiten liefern Hinweise, die den Fall voranbringen. Währenddessen liefert Rosa den emotionalen Antrieb. Aus dieser Konstellation entsteht die schwungvolle Dynamik des Albums. Der Tote bleibt als Abwesender stets präsent, der Hund drängt in die Gegenwart, während Rosa sich an die Mysterien der Vergangenheit herantastet.

Was nach klassischem Whodunit klingt, wird in Mark’s Händen auch zu einer Sozialstudie. Der Fall wirkt schräg, weil die Figuren schräg sind. Der Fall wirkt wendungsreich, weil Mark gerne Erwartungen anstupst und dann zur Seite schiebt. Wer einen Krimi mag, der sich nicht allzu ernst nimmt, wird hier großartig abgeholt. Und wer den Ton von Filmen wie Fargo liebt, erkennt die Richtung sofort.

 

Lakonische Dialoge, trockener Witz und viel Gefühl

Schon in der kurzen Leseprobe sitzen die Dialoge wie kleine Schwinger und Haken. Rosa stellt Fragen, die wehtun und Friedwart liefert Begeisterung, die nervt. Beides ist präzise beobachtet.

Josephine Mark zeigt keine Sympathieträger, die auf Kommando gefallen wollen, sondern Menschlichkeit, die sich gegenseitig etwas zumutet. Genau daraus entsteht Nähe. Der Humor bleibt trocken, oft nur in einem Nebensatz, oft auch lauthals bissig. Rosa hat eine harte Schale und tief in ihrem Inneren einen weichen Kern – sehr, sehr tief im Inneren.

Visuell arbeitet die Autorin mit einem cartoonigen Strich, der schnell lesbar ist und trotzdem nuancenreich ausfällt. Die Gesichter sind klar, Haltungen erzählen viel, die Farbgebung bleibt zurückhaltend aber der Situation angemessen. Das unterstützt den Krimi-Ton. Gleichzeitig bleibt der Look offen genug für die Zielgruppe.

Nur der Alterungsprozess der Figuren lässt letztendlich zu wünschen übrig. Wo ich in der Geschichte nämlich immer wieder strauchele ist, wenn Zeitsprünge in die Vergangenheit ohne entsprechende Hinweise auftreten und das Charakterdesign diese Änderung nicht immer mitgeht. An dieser Stelle ist weniger nicht wirklich mehr.

Ich finde jedoch sofort in die Geschichte hinein und bleibe dran, weil die Figuren sie problemlos tragen. Gerade das ist Mark’s Stärke. Sie nimmt schwere Themen leichtherzig an die Hand. Bei RED heißt dies, dass Trauer, Erinnerung und Dorfgeheimnisse mitschwingen können, auch wenn der Witz vorneweg läuft.

Ein weiterer, kleiner kritischer Punkt steckt genau da. Wer einen Krimi sucht, der konsequent düster ist und bleibt, muss sich auf Mark’s Balance bewusst einlassen und wird vielleicht enttäuscht. Sie will Spannung, ja. Sie will aber auch Schrulligkeit und die hat bei ihr immer Vorrang vor irgendeiner Genre-Pflichterfüllung. Aber mir gefällt das gut.

 

Von Roadmovie zu Krimi

Josephine Mark, geboren 1981 in Naumburg an der Saale, arbeitet als Illustratorin, Comiczeichnerin und Grafikdesignerin. Seit 2004 veröffentlicht sie – auch über ihr Blog puvoproductions.com – Comics und Cartoons.

In der Comic-Welt hat sie sich ihre eigene Nische gebaut. Sie erzählt All-Age-Geschichten, auch wenn Tiere die Bühne betreten. Ihr Frühwerk TIERE SIND AUCH NUR MENSCHEN markiert diesen Blick auf menschliche Macken im Tierkostüm. Ihr Debüt-Comic MURR erscheint 2021. Dort verhandelt sie in Westernstiefel gekleidete Fragen nach Angst, Nähe und Endlichkeit. Der Ton bleibt humorvoll, der Kern ernst.

Ihr großer Durchbruch im Comic-Bereich heißt TRIP MIT TROPF. Das Buch verbindet Roadmovie, Klamauk und Krankheitsthema. Genau diese Mischung hat international viele Leser erreicht.

Mark’s Erzählstil ist warmherzig, dabei aber nie rührselig. Humor erscheint zumeist subtil. Ihre Geschichten funktionieren für Kinder und Erwachsene, weil sie auf mehreren Ebenen gelesen werden können. Auszeichnungen und Preise unterstreichen die Wirkung. TRIP MIT TROPF wurde z.B. beim Comic Salon Erlangen 2022 mit dem Max und Moritz Preis für den besten Kindercomic ausgezeichnet.

Mit DER BÄRBEISS wechselte Mark von dem selbstgeschriebenen Comic in die Adaption. Sie übersetzt die Geschichten von Annette Pehnt und Jutta Bauer in Comic-Sprache. Auch dort passt ihr Zugang. Sie findet den Witz in der Grummeligkeit, die Wärme im Widerstand. Wenn man diese Linie kennt, wirkt RED wie der logische nächste Schritt. Dieser Krimi erlaubt ihr, Misstrauen, Einsamkeit und Annäherung zugleich zu erzählen.

 

Fazit

RED hat eine starke Ausgangsidee. Ein streitlustiges Duo stolpert über Blut und über ein Dorf, das lieber schweigt. Josephine Mark setzt dabei auf Tempo in den Dialogen und auf Figuren, die man in ihrer Andersartigkeit sofort lieben muss und ihnen gerne in das Abenteuer folgt. Das ist ihre Qualität. Sie schreibt zugänglich, bleibt dabei aber eigenständig.

Dieser Krimi scheint nicht dazu da, eine Checkliste an Spannungselementen abzuhaken, sondern Menschen in Bewegung zu setzen, auch wenn sie Rosa heißen und lieber distanziert bleiben würden. Wer Mark’s Mischung aus trockenem Witz und ehrlichem Gefühl schätzt, dürfte hier sehr glücklich werden. Wer neu einsteigt, bekommt einen Comic mit einem überraschenden Twist, der leicht wirkt und trotzdem etwas mitgibt.

Ich würde mir eine Fortsetzung wünschen. Ich will doch schließlich wissen, ob Friedwart Plüschmann bleiben darf …

 

 

Cover von RED

  • RED
  • Josephine Mark
  • Hardcover | 112 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-948690-46-5
  • Storyline:  ★★★★★
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
  • © Kibitz Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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