Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg arten häufig in Untergrund-Erzählungen, Vertriebenen-Schicksale und Nazi-Bashing aus. Nun, dieser Comic ist da anders. Ganz anders.
RUMMELSDORF – ENIGMA ist ein Spin-Off aus dem SPIROU-Universum, ein Teil der Reihe SPIROU PRÄSENTIERT und zugleich der Start einer eigenen Reihe um den jungen Grafen Pankratius Hieronymus Ladislaus Adalbert von Rummelsdorf.
Das Album will die bekannte Figur neu aufstellen. Es will ihr Jugend, Haltung und eine Geschichte mitgeben. Vor allem aber will es zeigen, dass der liebenswerte Sonderling der späteren Abenteuern früher einmal ein junger Mann war, der mit offenem Blick durch eine aus den Fugen geratene Welt ging.
Beka und David Etien setzen dafür nicht auf knallige Effekte. Sie setzen auf Neugier, auf Atmosphäre und auf Figuren, die klug genug sind, um interessant zu sein, aber menschlich genug, um nicht verkopft zu wirken. Und sie sind eindeutig von Morton Tyldum’s Film THE IMITATION GAME aus dem Jahr 2014 inspiriert, den ich persönlich für einen der besten Filme zum Thema Krieg und Spionage im 2. Weltkrieg halte.
Mich hat an diesem Album daher sofort gereizt und natürlich, dass es Krieg nicht als Kulisse für Heldentum benutzt. Der Krieg ist da, ja, und er drückt auf jede Szene. Aber im Mittelpunkt stehen keine Siegerposen, sondern Menschen, die denken, zweifeln, kombinieren und trotzdem handeln.
Genau das macht den Band für mich so sympathisch. Er will nicht bedeutungsschwer wirken. Er will eine gute, bekannte Geschichte noch einmal neu und aus einer anderer Richtung erzählen. Und er vertraut darauf, dass ein kluger Abenteuercomic völlig ausreicht, wenn Figuren und Rhythmus stimmen.

Bletchley Park und die Enigma
Der historische Kern dieses Albums ist präzise gewählt. Die Enigma war keine bloße Fantasie aus einem Kriegsroman, sondern eine echte Chiffriermaschine, die von Deutschland militärisch genutzt wurde. Bletchley Park war das britische Zentrum der Codeknacker, die versuchten ihre Verschlüsselung zu knacken. Dort arbeiteten männliche und weibliche Mathematiker, Linguisten, Logiker, Schachspieler, Funkleute und viele andere Spezialistinnen und Spezialisten daran, die Nachrichten der Achsenmächte zu lesen.
Gerade das macht diesen Ort bis heute so faszinierend. Er war kein Schlachtfeld im klassischen Sinn. Er war ein Ort, an dem Konzentration, Geduld und Kombinationsgabe über Leben und Tod entschieden. Und auch hier führten Fehler möglicherweise zum Verlust von Menschenleben. Für einen Comic ist das fast schon ideal, weil sich hier Spannung nicht aus Explosionen ergibt, sondern aus Gedankenarbeit unter enormem Druck.
Besonders interessant finde ich, dass Bletchley Park eben nicht nur mit Alan Turing verbunden werden darf. Dieser Ort funktionierte stets als Teamleistung. Viele der Beschäftigten waren Frauen. Sie arbeiteten als Übersetzerinnen, Analytikerinnen und Bedienerinnen der Maschinen.
Auch die berühmten Bombes waren keine magischen Wunderkästen, sondern Werkzeuge, die mit der harten Denkarbeit ihrer Erbauer zusammenspielten. Der Band greift genau diese Mischung auf. Er macht aus dem Stoff kein Schulbuch, sondern ein Abenteuer über kluge Köpfe, über Muster und über die seltsame Schönheit eines Rätsels, das sich erst Stück für Stück dem Rätselnden öffnet. Das gefällt mir sehr, weil der Comic spürbar Respekt vor dem Thema hat, ohne sich davon erdrücken zu lassen.
Ein Held, der noch keiner sein will
Die eigentliche Handlung beginnt 1940. Belgien ist besetzt. (Ganz Belgien? Ja, ganz Belgien!) Schloss Rummelsdorf steht unter dem Druck des Krieges. In diese Lage hinein flattert eine verschlüsselte Botschaft, die den jungen Grafen sofort elektrisiert.
RUMMELSDORF ist hier noch nicht die skurrile Vaterfigur, die viele aus den SPIROU UND FANTASIO-Comics kennen. Er ist wach, wissbegierig und ein wenig rastlos. Genau das funktioniert wunderbar. Der Band zeigt ihn nicht als geborenen Helden, der tollkühn irgendwo hinein stolpert. Er folgt einer Spur, weil sie seinen Verstand herausfordert und weil er spürt, dass hinter allem mehr steckt als ein nettes Denkspiel. Die Botschaft enthält eine Einladung, welche ihn nach England führt und damit in ein Abenteuer, das sehr schnell größer wird als er selbst.
Schon dieser erste Abschnitt liest sich angenehm flüssig. Ich mag, wie locker der Comic seine Ausgangslage baut. Das Schloss, die Besatzung, die chiffrierte Nachricht und die Reise nach London greifen sauber ineinander. Nichts wirkt übererklärt, nichts wirkt hektisch.
Stattdessen entsteht das schöne Gefühl, dass sich vor meinen Augen eine Tür öffnet. Hinter dieser Tür wartet kein übliches Kriegsabenteuer, sondern ein Rätselspaß mit Tempo und Charme. RUMMELSDORF ist dafür die richtige Figur, weil er weder Soldat noch Draufgänger ist. Er bringt etwas viel Passenderes mit: Neugier! In England findet der Band dann seine eigentliche Geschichte.

Blair, Turing und das Rätsel hinter dem Rätsel
RUMMELSDORF trifft im Folgenden auf auf die Welt von Bletchley Park und eine Frau, Blair McKenzie. Blair ist für mich eine der größten Stärken dieses Comics. Sie ist nicht nur eine clevere Begleiterin. Sie gibt der Geschichte Wärme, Witz und Reibung. Zwischen ihr und RUMMELSDORF entsteht schnell eine Spannung, die den Band emotional auch trägt.
Zugleich wird Alan Turing als wichtige Figur eingeführt. Dies hätte leicht daneben gehen und in Ehrfurcht erstarren können. Tut es aber nicht. Der Comic nutzt Turing als Teil eines Teams, nicht als Denkmal. Dadurch bleibt die Geschichte lebendig und der Blick frei für das Zusammenspiel ihrer Figuren.
Die Handlung bleibt dabei angenehm konzentriert. Es geht um das Knacken der Enigma-Codes, um Zeitdruck und Vertrauen. Und es geht um die Frage, wer in so einem Moment eigentlich handeln darf und handeln muss.
Das alles bleibt verständlich, auch wenn man mit Bletchley Park oder kryptografischen Themen vorher kaum Berührung hatte. Genau das rechne ich dem Band hoch an. Er ist klug, aber nie glatt, historisch interessiert, aber nie trocken. Und er schafft etwas, das gar nicht so leicht ist: er macht Denkarbeit spannend, ohne sie künstlich mit Action aufzupeppen.
Mehr als einmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass hier nicht bloß eine Geschichte erzählt wird, sondern ein ganz eigener Ton gefunden wird, der weit über den Zungenschlag des SPIROU-Universums hinausgeht.
Wo dieser Band seinen Platz hat
Als erster Band der Reihe muss RUMMELSDORF – ENIGMA viel leisten. Er muss seine Hauptfigur noch einmal neu vorstellen und den historischen Rahmen setzen. Auch muss er die emotionale Verbindung zu Blair aufbauen und zugleich den Grundstein für die Folgebände legen.
Genau deshalb verzeihe ich ihm auch kleinere Unebenheiten. Manche Szene erklärt halt doch ein wenig mehr, als sie vielleicht müsste. Manche reale Figur bleibt etwas stärker Funktion als voller Charakter. Trotzdem entwickelt sich der Band erstaunlich gut. Gerade im Rückblick sehe ich, wie sauber hier gearbeitet wurde, weil spätere Bände genau an einzelnen Punkten ansetzen können und die Reihe Schritt für Schritt weiter entwickeln – allerdings dunkler und persönlicher.
Für mich ist das die vielleicht schönste Qualität dieses Auftakts. Er will nicht alles schon im ersten Anlauf überbieten. Er legt an, pflanzt Motive, baut Beziehungen. Und er sorgt dafür, dass man nach der letzten Seite nicht das Gefühl hat, einen abgeschlossenen Einfall gelesen zu haben, sondern am den Beginn einer größeren Lebensgeschichte steht.

PATIENT A führt die Reihe in deutlich dunklere Zonen
Der zweite Band knüpft direkt an Bletchley Park an. RUMMELSDORF und Blair arbeiten weiter an der Entschlüsselung deutscher Kommunikation. Zwischen beiden ist inzwischen mehr gewachsen als Freundschaft. Genau das macht den Einstieg hier angenehm, weil die Reihe ihre Figuren nicht neu sortieren muss.
Dann kommt ein codierter Hilferuf. Wissenschaftler werden von den Nazis gezwungen, an einem Forschungsprogramm mitzuwirken. Dieses Mal führt die Spur nach Berlin. Aus dem Denkabenteuer des ersten Bandes wird damit ein deutlich riskanteres Unternehmen mitten im Machtbereich des verfeindeten Regimes. Der Ton kippt spürbar, die Serie wird dunkler, härter. Sie bleibt zwar zugänglich, wirkt aber nun ernster und dichter.
Gerade diese Verschiebung finde ich stark. Der erste Band lebt von Entdeckung, Tempo und dem Zauber eines großen Rätsels. Der zweite Band zwingt RUMMELSDORF viel direkter in die moralische Wirklichkeit des Krieges. Das gibt der Figur weiter Gewicht.
Blair wird dabei noch wichtiger. Sie läuft nicht bloß mit oder wird als Damsel-in-Distress verwendet. Sie greift ein, sie denkt mit und sie hält die Geschichte menschlich. Dadurch wächst auch mein Blick auf RUMMELSDORF. Er ist jetzt nicht mehr nur der kluge junge Graf, der spannende Probleme löst. Er wird zu jemandem, dessen Intelligenz in einer brutalen Welt bestehen muss. Genau an diesem Punkt zeigt sich, dass die Reihe mehr sein will als ein hübsches Historien-Abenteuer.
EINE HANDVOLL KOHLENSTOFFATOME öffnet die Reihe in eine neue Richtung
Der dritte Band springt in den Herbst 1951. Schon dieser Zeitsprung tut der Serie gut, weil er das Konzept weitet. Eine etwas exzentrische Amerikanerin namens Margaret Sanger taucht auf Schloss Rummelsdorf auf. Sie hat von den Forschungen des Grafen zur Empfängnisverhütung gehört und nimmt ihn mit nach Boston. Dort soll ein Labor helfen, eine Pille zu entwickeln.
Das ist ein überraschender, aber sehr kluger Schritt. Die Reihe bleibt bei Wissenschaftsgeschichte, nur verschiebt sich der Schwerpunkt weg vom Krieg und hin zu Fragen von Körper, Selbstbestimmung und Verantwortung.
Ich finde diesen Band als Fortsetzung besonders spannend, weil er zeigt, dass die Serie nicht in ihrem Kriegsstoff gefangen bleiben muss. Sie will mehr, will RUMMELSDORF als Figur des 20. Jahrhunderts erzählen. Jemanden, der an entscheidenden Momenten wissenschaftlicher Entwicklung beteiligt ist und daran zugleich persönlich leidet.
Genau dadurch gewinnt auch der Auftakt rückwirkend an Tiefe. Was in RUMMELSDORF – ENIGMA noch wie ein kluges Abenteuer mit historischem Kern beginnt, wächst in den Folgebänden zu einer Reihe, die Wissenschaft und Moral zu einer Einheit verbindet.

Wo der erste Band überzeugt und bremst
Was mir an RUMMELSDORF – ENIGMA wirklich gut gefällt, ist seine Art, Spannung aus Intelligenz zu holen. Der Comic hat Vertrauen in seine Leserinnen und Leser. Er glaubt daran, dass ein chiffrierter Brief, ein kluger Einfall und eine gut geschriebene Begegnung reichen können, um Spannung zu erzeugen. Vor allem reicht es, weil Blair und RUMMELSDORF als Paarung so gut funktionieren. Zwischen beiden liegt etwas Zartes, Neugieriges und Unfertiges. Genau das macht sie glaubhaft. Ich habe den Band nicht nur wegen seiner historischen Kulisse gern gelesen, sondern auch, weil ich diesen beiden Figuren beim Denken und Annähern gern zugesehen habe.
Ganz ohne Einschränkung komme ich trotzdem nicht aus. An manchen Stellen merkt man dem Album an, dass es ein erster Band ist. Er muss die Welt erklären, Namen einführen und historische Dinge – zumindest knapp – einordnen. Dadurch fehlt ihm gelegentlich der letzte Hauch Leichtigkeit, den spätere Fortsetzungen an einigen Stellen sogar stärker entwickeln. Das ist aber kein schweres Problem.
Es ist eher die kleine Reibung eines sehr ambitionierten Auftakts. Für mich überwiegt ganz klar der Gewinn. Der Band ist klug gebaut, lesbar, warm und deutlich charakterstärker, als man es von einem historischen Spin-Off vielleicht zunächst erwarten würde.
Zeichnungen, die Rätsel greifbar machen
David Etien ist genau der richtige Zeichner für diesen Stoff. Sein Strich bleibt beweglich und klar. Die Figuren haben Ausdruck, ohne zur Karikatur zu werden. Räume, Maschinen und historische Details wirken konkret, nie steif oder künstlich. Schloss, Arbeitsräume, Züge und Bletchley Park haben in diesem Comic nicht bloß einen Dekorwert. Man spürt, wie dort gedacht, beobachtet und gearbeitet wird. Das hilft der Geschichte enorm, weil ein Stoff über Codeknacker nur dann funktioniert, wenn die Welt drumherum glaubwürdig bleibt.
Dazu kommt ein gutes Gefühl für Tempo. Etien kann eine Szene leicht halten, wenn der Band spielen will. Er kann sie verdichten, wenn Gefahr aufzieht. Das passt hervorragend zu einem Album, das zwischen Charme, Romantik und Kriegsdruck balanciert. Ich würde sogar sagen, dass ein Teil der Zugänglichkeit dieser Reihe direkt aus den Zeichnungen kommt. Sie laden ein. Sie schrecken nicht ab. Und genau deshalb erreicht der Comic sowohl erfahrene Leser als auch Menschen, die mit frankobelgischen Reihen sonst wenig anfangen können.

Fazit
RUMMELSDORF – ENIGMA ist für mich ein sehr gelungener Reihenauftakt. Der Band ist klug, warm und spannend, ohne laut zu werden. Er erzählt von Krieg, Wissenschaft und Verschlüsselung. Vor allem aber erzählt er von Menschen, die mit ihrem Kopf und ihrem Herzen gegen eine dunkle Zeit anarbeiten. Gerade das macht ihn so lesenswert.
Wer nur ein historisches Abenteuer sucht, bekommt hier schon viel. Wer etwas mehr will, bekommt zusätzlich eine Figur, die im Lauf der Reihe sichtbar an Tiefe gewinnt und eine interessante Vorgeschichte erhält. Und genau deshalb bleibt RUMMELSDORF – ENIGMA für mich nicht bloß der erste Band einer Serie, sondern ein Band, der ihr ein Gesicht verleiht.
P.S. Mit RUMMELSDORF – DIE DUNKLEN JAHRE erscheint beim Carlsen Verlag in Kürze der vierte Band der Reihe, der dem Cover-Bild zu Folge den Weg zu den Schattenseiten des technologischen Fortschritts beschreitet. Ich freue mich schon darauf…

- SPIROU PRÄSENTIERT: RUMMELSDORF 1 – ENIGMA
- Beka und David Etien
- Hardcover | 64 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-551-77676-1
- Storyline: ★★★★★
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★★☆
- Humor: ★★★★☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
- © Carlsen Verlag
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