Piratenfilme, ich kenne sie. Ja, auch die alten wie z.B. DER ROTE KORSAR mit Burt Lancaster (1952), DER HERR DER SIEBEN MEERE mit Errol Flynn (1940), DIE PIRATENBRAUT mit Geena Davis (1995) und – natürlich – die FLUCH DER KARIBIK-Reihe mit Johnny Deep. Jeder dieser Filme hatte seine Zeit und alle habe ich sie geliebt.
Auch hatte ich schon viel Gutes von der Fantasy-Welt Arran gehört. Dass diese beiden Welten mit DIE BRUDERSCHAFT DER STÜRME nun eine Art Cross-Over erhalten haben, nehme ich zum Anlass, endlich einmal selbst einen Blick ins Arran-Universum zu werfen. Piraten-Fantasy mit Orks, Magie und Rache klingt erst einmal nach einer bekannten Mischung, die sehr schnell nur laut und rumppelig werden könnte, es dann aber doch nicht ist. Genau deshalb hat mich DIE BRUDERSCHAFT DER STÜRME so begeistert!
Der Band denkt groß. Er wirft mir ein ganzes Seeimperium vor die Füße, erzählt von Macht, Intrigen und Herrschaft über die Meere. Dann bleibt er aber im Kern bei einer jungen Figur, deren erlittene Verletzung und ihre sich hieraus ergebende Wut den Takt vorgeben. Das ist für mich die eigentliche Stärke dieses Auftaktbandes.
Was ich an diesem Einstieg sofort mag, ist sein fehlender Zynismus. Der Comic will düster sein, keine Frage. Er kennt Mord, Verrat und Machtspiele. Aber er badet nicht selbstgefällig darin. Stattdessen setzt er auf Tempo, klare Konflikte und auf das alte, robuste Versprechen eines Abenteuers alle Stevenson’s „Die Schatzinsel„.
Ich schlage die erste Seite auf und bin sofort in einer Hafenstadt, in der die Schiffe dicht an dicht liegen, die Häuser sich in die Höhe stapeln und die Luft nach Arbeit, Wasser und Ärger riecht. Diese Welt entsteht schnell und sie ist glaubhaft.

Ein Mädchen und ein Medaillon
Im Zentrum steht aber nicht der titelgebende Ork, Thoorak, sondern das Mädchen, Agora. Sie ist zwölf Jahre alt, voller Fernweh und in ihrer eigenen Familie praktisch auf verlorenem Posten. Die ersten Seiten machen daraus keinen geheimnisvollen Seelendialog, sondern bauen eine sehr handfeste Ausgangslage. Agora wird von Mutter und Schwestern klein gehalten, nur der Vater begegnet ihr mit Wärme. Er schenkt ihr ein kostbares Medaillon. Es ist nicht bloß Schmuck, sondern Zuneigung in greifbarer Form. Genau dadurch bekommt der folgende Schlag seine unmittelbare Wucht.
Auftragsmörder dringen abends in ihr Haus ein, richten ein Blutbad an und jagen zuletzt auch Agora. Diese Eröffnung arbeitet sehr direkt. Der Band will kein stilles Familiendrama ausrollen. Er braucht einen Bruch, einen Moment, der das Leben seiner Protagonistin sofort aus der Bahn wirft. Und genau das liefert er.
In dieser Notsituation tritt Thoorak auf. Er ist ein Ork, Mitglied der Bruderschaft der Stürme und alles andere als ein Edelkorsar. Eher das genaue Gegenteil. Er ist grob, schwer, präsent. Einer von jenen Leuten, die in solchen Welten schon durch ihre Silhouette klarmachen, dass sie Ärger nicht aus dem Weg gehen.
Er rettet Agora und nimmt sie mit. Dieser Wechsel vom engen, muffigen und feindseligen Zuhause auf ein Schiff öffnet den Band mit einer steifen Brise. Plötzlich wird aus einer bitteren Kindheitsgeschichte ein Seestück. Genau hier nimmt der Band Fahrt auf. Denn er begnügt sich nicht mit der schönen Vorstellung vom Leben an Bord. Vielmehr zeigt er schnell, dass das Abenteuer, von dem Agora immer geträumt hat, keineswegs warm oder heroisch ist. Es riecht nach Salz, Misstrauen und Gewalt. Schon auf dieser Ebene funktioniert der Band gut, weil er den kindlichen Traum vom Aufbruch gegen die harte Wirklichkeit genau dieses Aufbruchs stellt.

An Bord der „Laterne“
Von da an verlagert sich DIE BRUDERSCHAFT DER STÜRME in jene Zone, in der Fantasy und Piratenstoff sauber ineinandergreifen. Agora kommt auf die „Laterne“, also mitten hinein in eine Welt, die sie immer ersehnt hat und die sich nun als deutlich giftiger erweist, als ihre Sehnsucht es ihr versprochen hatte.
Intrigen ziehen auf, Verrat liegt in der Luft, Magie bleibt kein fernes Gerücht und das Medaillon gewinnt spürbar Gewicht. Ich mochte besonders, dass der Band diese Elemente nicht wie einzelne Punkte einer Checkliste abarbeitet. Sie verhaken sich sehr gut miteinander. Die private Geschichte des Mädchens verknüpft sich plötzlich mit größeren Machtlinien. So wächst das Album unter meinen Füßen, ohne dass es seine Hauptfigur verliert.
Thoorak selbst ist dabei weniger klassischer Held als Türsteher zu dieser Welt. Das ist auch einer der interessanten Kniffe des Bandes. Wer vom Titel her erwartet, dass hier allein ein Ork-Pirat die Bühne dominiert, wird schief gewickelt in diese Geschichte gehen. Hier ist nichts so, wie es im ersten Augenblick scheint.
Tatsächlich ist Thoorak wichtig, sehr sogar, aber der emotionale Schwerpunkt liegt eindeutig auf Agora. Ihr Blick, ihre Verletzung und ihr wachsender Zorn halten alles zusammen. Das fand ich einerseits stark, weil es dem Band eine saubere innere Linie gibt.

Kleinere Schwächen
Gleichzeitig ist es aber auch ein kleiner Haken. Denn ich hätte durchaus nichts dagegen gehabt, noch mehr über Thoorak selbst zu erfahren. Das Album und dessen Titel machen auf ihn neugierig. Der Comic gibt mir aber nur so viel, wie die Geschichte für Agora gerade braucht.
Der Band legt seine Karten nie komplett offen, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass Agora von nun an durch ihre Wut und Rachegedanken angetrieben wird. Das ist kein besonders neues Motiv. Vielmehr sehe ich eine sehr alte Dramaturgie, die entschlossen und ohne unnötige Verrenkungen ausgespielt wird. Und ich finde, das reicht in diesem Fall. Nicht jede Fantasy-Reihe muss erst ihre eigene Mythologie in Großbuchstaben in den Himmel schreiben. Manchmal genügt es, wenn ein Album genau weiß, welche Geschichte es erzählen will und sie dann mit entsprechender Energie auflädt. Und das gelingt hier ziemlich gut.

Große Welt, klare Schneise
Erzählerisch lebt der Comic für mich von einem einfachen aber wirksamen Prinzip. Er baut ein großes Setting auf, ohne gleich am eigenen Umfang zu ersticken. Aratheon ist eine Welt der Reiche, der Seerouten, der Machtblöcke und der Magie. Im Hintergrund steht immer der Konflikt zwischen Kaiserreich und Bruderschaft. Im Vordergrund steht ein Mädchen, das alles verloren hat, in – und an – dieser Welt aber wächst. Ich bekomme den Einstieg in eine weite Welt, ohne dass das Album sein Herz im Geek-Lexikon versteckt. Gerade das ist bei solcher Fantasy Gold wert. Ein guter Einstieg!
Dazu passt, dass der Band seine Funktion als Serienauftakt ordentlich erfüllt. Die nächsten deutschen Alben tragen mit ORVANN und ANKONN wieder Eigennamen im Titel und auch sie erzählen jeweils abgeschlossene Geschichten. Das deutet auf eine Reihe hin, die ihre Welt über einzelne Figuren und jeweils eigene Bögen entfaltet. THOORAK funktioniert in diesem Modell sehr gut als Türöffner. Ich bekomme genug, um die Ordnung dieser Welt zu verstehen und genug offenen Horizont, damit ich weiterlesen möchte. Genau so soll ein Auftakt arbeiten.
Ganz ohne kleine Schwächen kommt das Album für mich trotzdem nicht aus. Der Einstieg in Agora’s Familienlage ist wirksam, aber etwas märchenhaft grob zusammen gezimmert. Die Feindseligkeit in ihrem Zuhause hat wenig Zwischentöne. Das ist erzählerisch praktisch, wirkt aber eben auch etwas schematisch.
Hinzu kommt, dass einige Wendungen im weiteren Verlauf nicht besonders überraschend kommen. Der Band setzt eher auf Vorwärtsdrang als auf raffiniertes Hakenschlagen. Ich empfinde das nicht als großen Schwäche. Ich habe nur gemerkt, dass der Comic seine besten Momente dort hat, wo ihn seine Figuren und die Atmosphäre tragen, weniger dort, wo er unbedingt noch eine zusätzliche Volte einbauen möchte.

Wenn die Seite atmet und knarrzt
Am stärksten wird der Band für mich immer dann, wenn Giovanni Lorusso Räume und Gesichter gegeneinander ausspielt. Schon die frühe Hafenansicht macht klar, was dieser Zeichner kann. Da steht erst die ganze Stadt mit ihren Türmen, Kränen, Kais und Booten vor mir. Dann zieht die Inszenierung näher heran und landet bei Agora, bei ihrem Blick, bei der Frage, was sie in dieser Welt eigentlich sucht.
Auf einer späteren Seite schwenkt Lorusso komplett ins Intime und baut über Hände, Tischkante, Medaillon und Gesichter eine Szene, die fast nur aus Close-Ups besteht. Genau diese Spreizung gibt dem Album seinen schönen Rhythmus. Er kann Fernsicht, aber auch den Moment, in dem ein Gegenstand plötzlich mehr sagt als ein Kasten mit Erklärungen. Seine Panel-Aufteilung ist abwechslungsreich und dynamisch.
Ich mag außerdem, wie gut Lorusso Figuren in die jeweiligen Räume stellt. Seine Seiten sind voll, aber nicht unlesbar. Häuser, Treppen, Kaimauern, Schiffsteile, Stoffe und Waffen haben Gewicht. Ich merke beim Lesen, dass diese Welt wirklich gebaut ist und nicht bloß aus einer Kulissenwand besteht. Das hilft besonders in einem Band, der so schnell von Gassen zu Hafen, von Innenraum zu Decks und von Nahaufnahme zu Überblick springt. Die Figuren verschwinden darin nicht. Agora hat eine klare Präsenz, Thoorak hat Masse und selbst kleinere Szenen gewinnen durch die Umgebung an Spannung, weil der Ort immer mitspielt.

Zwei Autoren, ein Kurs
Jean-Luc Istin wurde 1970 in Pontivy in der Bretagne geboren und veröffentlichte seine ersten Comicseiten 1997 im Kollektiv BD Clip. Später prägte er als Szenarist und Serienarchitekt zahlreiche Fantasyprojekte, darunter DAS FÜNFTE EVANGELIUM, DIE KRIEGE VON ARRAN und DIE DRUIDEN.
Sylvain Cordurié, geboren 1968 in Neuilly sur Seine, kam über die Beaux Arts und die Rollenspielszene zum Schreiben. Zu seinen bekannten Arbeiten gehören unter anderem MAGIER, DIE HERREN VON CORNWALL und mehrere SHERLOCK HOLMES Bände.
Für mich merkt man diesem Duo an, dass hier zwei unterschiedliche Stärken zusammenspielen: Istin bringt das Gespür für große Welten mit, während Cordurié Szenenbau, Tempo und Genrehandwerk liefert.

Ein Zeichner, der Weite und Nähe beherrscht
Und dann ist da noch Giovanni Lorusso, ein italienischer Comiczeichner. Er arbeitete zunächst an DER KRIEG DER ORKS und wurde danach vor allem in der frankobelgischen Fantasy bekannt, etwa mit ELFEN, MAGIER, LÄNDER VON OGON, DIE KRIEGE VON ARRAN aber auch mit MYTHEN DER ANTIKE: PERSEUS UND MEDUSA und MYTHEN DER ANTIKE: DIE ODYSSEE.
Diese Laufbahn passt hervorragend zu einem Band wie DIE BRUDERSCHAFT DER STÜRME. Lorusso beherrscht den großen Weltentwurf ebenso wie das präzise Spiel der Gesichter, mit Blicken und Requisiten. Genau das braucht ein Comic, der gleichzeitig Seefahrerabenteuer, Fantasyepos und persönliches Rachedrama sein will.

Die Farben dieser Welt
Sehr gut gefällt mir auch die Farbdramaturgie von Olivier Héban. Draußen dominieren oft kalte, feuchte Töne. Blau, Grau und stumpfes Tageslicht lassen Hafen und Meer nie wirklich romantisch wirken. Innenräume arbeiten häufiger mit wärmeren Brauns und gelblichem Lampenlicht. Das erzeugt aber keine Geborgenheit auf Knopfdruck, im Gegenteil. Oft wird es gerade in diesen wärmeren Szenen emotional unangenehm.
Das ist ein schöner Kontrast. Das Heimelige kippt ins Bedrückende, die Behaglichkeit ist nur Schein. So trägt die Farbe viel zur Grundstimmung bei. Gleichzeitig nimmt sie der Zeichnung nie die Kontur. Ich konnte die Seiten immer gut lesen, auch wenn viel auf ihnen passiert. Nur gelegentlich wirkt die Fülle an Details so massiv, dass ein stiller Moment Intimität verliert. Das bleibt aber eine kleine Sache in einem visuell insgesamt sehr starken Album.

Fazit
Ich habe DIE BRUDERSCHAFT DER STÜRME gern gelesen, weil der Band etwas sehr Solides und zugleich sehr Lustvolles macht: er erzählt mir stilvoll ein klassisches Abenteuer. Er weiß, dass Rache, Verrat, Magie und ein Schiff voller gefährlicher Leute noch lange tragen können, wenn die Tonlage stimmt. Neu ist daran nicht alles, aber vieles sitzt, vr allem die Bildgestaltung. Giovanni Lorusso verleiht dieser Welt Weite, Schwere und genügend Gefühl für ihre Gesichter, damit das Album nie nur nach Kulisse aussieht.
Was bei mir hängen bleibt, sind deshalb nicht bloß der Ork aus dem Titel oder Agora. Ihr verletzter Trotz hält den Band natürlich zusammen. Aber insgesamt ist dieser Start großartig.
Wenn die Reihe dieses Verhältnis von großer Welt und Persönlichkeit beibehält, dann liegt sie echt auf Kurs. Als Auftakt ist THOORAK jedenfalls stark genug, um mich bereitwillig wieder an Bord zu holen – auch wenn in den Folgebänden andere Zeichner (Stéphane Créty und Nico Tamburo) für die Optik verantwortlich sind.
P.S. Auf der letzten Seite lautet ein Hinweis „Thoorak und Agora kehren zurück in Band 6!“ Nun, lassen wir uns überraschen…

- DIE BRUDERSCHAFT DER STÜRME 01: THOORAK
- Jean-Luc Istin, Sylvain Cordurié und Giovanni Lorusso
- Hardcover | 64 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-68950-149-5
- Storyline: ★★★★★
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★★
- Lettering: ★★★★★
- Humor: ☆☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
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