Kommende Woche ist am Vorabend von Allerheiligen wieder Halloween. Aber ich werde mich nicht mit den PEANUTS, Linus und dem Warten auf den großen Kürbis beschäftigen. Würde zwar passen, aber – nein.
Also: Ich mag Comics, die nicht so tun, als wären sie nur Unterhaltung. FRANKENSTEIN, ALIVE, ALIVE! erzählt mir die bekannte Schöpfungslegende nicht noch einmal. Dieser Band setzt später an, danach. Er nimmt den Moment, in dem viele Adaptionen ausblenden und fragt, was aus der Kreatur wird, wenn der Schöpfer tot ist und die Welt dennoch weiterläuft.

Wenn der Mythos nicht endet
Das klingt nach klassischer Gothic-Fortsetzung. Es ist aber vor allem ein Buch über Einsamkeit, Schuld und den Hunger nach Anerkennung. Mary Shelley lieferte mit FRANKENSTEIN ODER DER MODERNE PROMETHEUS eine Geschichte, die mich bis heute auch nervt: Nicht wegen Blitz und Labor, sondern wegen Verantwortung bzw. ausgerechnet dem Fehlen davon.
Genau daran dockt Steve Niles an. Seine Sprache bleibt bewusst dicht am alten Ton. Das wirkt manchmal fast ein Wenig zu brav, aber diese Zurückhaltung passt zur Idee. Das Monster sucht keinen neuen Plot. Es sucht einen letzten Sinn. Dazu kommt ein realer Schatten, den ich beim Lesen nicht ignorieren kann. Niles‘ Serie erschien über Jahre verteilt und fand ihren Abschluss erst 2018. Diese lange Strecke gehört zur Wirkung. Sie macht das Werk zu einem Vermächtnis. Und sie erklärt, warum sich das Finale des Comic anders anfühlt.

Vier Beobachtungen vor dem Eintauchen
Wer sich zu diesem Band umschaut, stößt auffallend oft auf dieselben Kernpunkte. Erstens loben viele die Treue zum Roman. Diese Fortsetzung wirkt nicht wie Fanfiction sondern wie ein Nachklang. Zweitens haben – auch mich – die Zeichnungen von Bernie Wrightson fasziniert. Er liefert eine große Schwarzweiß-Leistung mit beeindruckendem Licht und Schatten-Spiel auf Einzel- und Doppelseiten ab.
Drittens ist der Bruch im letzten Heft unübersehbar. Kelley Jones übernimmt das Finale und lässt seine Handschrift stehen. Andere empfinden das gelegentlich als harte Kante, ich lese es als würdigen Abschluss, weil der Wechsel ehrlich bleibt.
Und viertens: die Gesamtausgabe enthält spürbar viel Bonusmaterial, darunter Skizzen, Layouts und Entwürfe, die den Arbeitsprozess sichtbar machen. Das ist mehr als nur Fanservice. Es erklärt, wie stark dieses Projekt von seinem Haupt-Zeichner geprägt wurde.

Wenn der Tod nicht kommt
Die Handlung startet dort, wo der Roman in die Kälte kippt. Victor Frankenstein ist tot. Die Kreatur treibt allein im arktischen Nichts. Sie hat ihr Ziel verloren. Sie wollte den Schöpfer zur Rechenschaft ziehen. Doch nun bleibt ihr nur die Leere. Also versucht sie, die Sache zu beenden. Sie hungert, sie friert, sie lässt sich treiben und sie sucht den Tod, weil sie ihn als einzigen Ausweg kennt.
Doch ihr Körper verweigert sich dem Ende. Das ist der erste große Schrecken dieses Comics. Unsterblichkeit wirkt hier nicht heroisch. Sie wirkt wie eine Folter, die sich als Naturgesetz tarnt. Die Kreatur spürt Schmerz und Erschöpfung, trotzdem fällt sie nicht um. Niles lässt sie darüber nachdenken, was Strafe bedeutet, wenn niemand mehr da ist, der sie ausspricht.
In dieser Phase wird die zentrale Perspektive gesetzt. Die Kreatur spricht selbst. Sie berichtet nicht nur: sie wertet und sie schämt sich. Sie erinnert sich an die Opfer, erkennt aber auch, dass ihr die Welt nie eine zweite Chance geben wird. Das Monster wirkt nicht harmlos. Es wirkt wach. Und gerade diese Wachheit macht es tragisch.

Gejagt und ausgestoßen
Nach dem Eis beginnt der Weg durchs Land der Menschen. Die Kreatur sucht Orte, an denen sie verschwinden kann, stattdessen findet sie jedoch Angst. Dörfer reagieren auf ihren Anblick wie auf eine Seuche. Türen schlagen zu und stereotype Mistgabeln werden gerückt. Es braucht oft keinen Anlass. Ein Körper wie der ihre reicht. Die Menge liest die Haut wie ein Urteil.
Diese Episoden erzählen viel über die Dynamik von Gewalt. Die Kreatur hält sich zunächst zurück, denn sie will nicht noch einmal töten. Die Umgebung zwingt sie dennoch in die Rolle, die sie erwartet. Wenn jemand ein Monster sehen will, wird er eines provozieren. Niles zeigt diese Spirale ohne große Predigt. Er zeigt sie über Wiederholung, Flucht, Aufspüren, Vertreiben. Immer wieder.
Dabei wächst eine bittere Erkenntnis. Die Kreatur kann moralisch reflektieren, sich sogar zügeln. Trotzdem bleibt sie in den Augen der anderen eine Bedrohung. Dieser Teil ist bewusst deprimierend. Genau das macht ihn aber auch glaubwürdig: die Welt belohnt Reue nicht automatisch. Sie registriert sie oft gar nicht einmal.
Ein Deal mit der Demütigung
Irgendwann landet die Kreatur dort, wo Anderssein Geld bedeutet: in einem Wanderzirkus! Hier wird sie zur Attraktion. Sie bekommt einen Platz, zu Essen und eine Art Alltag. Hier nennt man sie sogar Frank. Das ist zugleich zynisch und entlarvend. Als Kunstfigur darf sie existieren, als Mensch darf sie es nicht.
Dieser Abschnitt gehört zu den stärksten des Albums, weil er das Thema auf den Punkt bringt. Gesellschaft toleriert das Fremde oft nur, wenn es sich einordnen oder sich ausstellen lässt. Die Kreatur nimmt den Handel an. Sie verkauft den Schrecken, um nicht allein zu sein. Das wirkt zunächst wie Kapitulation, dann wiederum wie eine Überlebensstrategie.
Hier zeigt der Comic auch seine zarte Seite. Innerhalb des Zirkus entstehen kurze Momente von Nähe. Keine große Liebe, keine große Freundschaft – eher ein stilles Nebeneinander, das nicht sofort in Gewalt kippt. Genau dadurch wird der spätere Absturz umso schmerzhafter. Die Kreatur lernt, wie es sich anfühlt, nicht sofort verjagt zu werden und wie schnell dies wieder kippen kann.

Freundlichkeit mit Skalpell
Der Zirkus führt zur entscheidenden Begegnung. Dr. Simon Ingles wirkt zunächst wie das Gegenteil von Victor Frankenstein. Er spricht ruhig und bietet Schutz. Der Kreatur gibt er Bücher und Raum. Das ist für das Monster eine Droge. Endlich behandelt es jemand wie ein fühlendes Wesen. An dieser Stelle erinnert mich der Band sehr an den 200-Jahre-Mann.
Doch Ingles ist kein Retter. Sein Antrieb ist persönlicher, denn seine Frau liegt im Sterben. Er will sie zurückholen und dafür überschreitet er Grenzen, die er selbst gut begründen kann. Genau das macht ihn gefährlich. Ingles mordet nicht aus Sadismus, sondern aus Verzweiflung gepaart mit Zielstrebigkeit. In dieser Konstellation verschiebt der Comic die klassische Frage: Wer ist hier das Monster? Der, der hässlich aussieht, oder der, der höflich bleibt, während er Leben als Material behandelt?
Die Kreatur steht vor einer Entscheidung, die sie nicht sauber lösen kann. Sie trägt eigene Schuld und kann deshalb nicht einfach den Richter geben. Trotzdem muss sie handeln, wenn sie nicht zum Komplizen werden will. Der Schluss hält keine perfekte Katharsis bereit. Er liefert eher eine letzte Zumutung. Moral kostet hier etwas und der Preis heißt erneut Einsamkeit.

Drei Karrieren, die zusammenlaufen
Steve Niles kommt aus dem modernen Horror, der schnell zupackt und trotzdem Atmosphäre baut. Sein bekanntestes Werk ist 30 DAYS OF NIGHT. Dort wird Horror zur Belagerung, kalt und direkt. Gleichzeitig schrieb er lange am Noir-Horror-Mix CRIMINAL MACABRE. Diese Mischung aus Zynismus und Mitgefühl passt erstaunlich gut zur Frankenstein-Figur. Niles kann Außenseiter schreiben, ohne sie zu verniedlichen.
Bernie Wrightson ist der andere Pol. Er prägte Horror im US-Comic über Jahrzehnte und schuf mit Len Wein das SWAMP THING. Dabei setzte er Maßstäbe für Textur, Licht und Körperlichkeit. Sein großer Solitär bleibt seine illustrierte Ausgabe von Mary Shelley’s FRANKENSTEIN, an der er rund sieben Jahre arbeitete. Viele sehen darin ein Lebenswerk und ich spüre diese Nähe zum Stoff in jedem Panel dieser Fortsetzung.
Kelley Jones steht stilistisch für einen expressiven Gothic-Stil. Seine bekanntesten Stationen sind THE SANDMAN sowie die BATMAN-Arbeiten mit Doug Moench, darunter BATMAN DIE VAMPIR SAGA – ROTER REGEN. Er eignet sich als Vollender, da er Wrightson nicht kopiert, sondern einen eigenen Schlusspunkt setzt.

Schwarzweiß, das sich wie Gravur anfühlt
Die Zeichnungen tragen dieses Buch. Wrightson denkt in Licht und Material. Er lässt Holz fasrig, lässt Steine feucht und Haut unruhig wirken. Dieses Monster wirkt nicht wie eine Maske, sondern wirkt wie lebender Körper. Das Schwarzweiß hilft dabei, weil es nichts versteckt. Jede Falte, jede Narbe zählt. Wer hier Farbe erwartet, liest am Ziel vorbei. Die Wirkung entsteht aus Kontrast und Detail.
Wrightson erzählt außerdem über Rhythmus. Er baut große Bilder, die wie Stiche wirken. Dann setzt er kleinere Panels dagegen, die das Tempo anziehen. Das ergibt ein Lesen zwischen Staunen und Weiterblättern. Ich kenne wenige Comics, die so konsequent Illustration mit Sequenz verbinden, ohne dass es geschniegelt wirkt.
Dann kommt der Wechsel im Finale. Jones übernimmt nach dem Tod von Wrightson und arbeitet mit runderen Linien. Er setzt die Schatten schwerer, macht Gesichter schneller grotesk. Das bricht die vorherige Textur, keine Frage. Ich empfinde es trotzdem nicht als Unfall. Der Bruch passt zum Inhalt, weil auch die Geschichte dort die Kontrolle verliert. Und er passt zur Realität des Projekts. Der Band zeigt zudem Entwürfe und Skizzen, die deutlich machen, wie stark Wrightson die Erzählung auch konzeptionell geprägt hat. Gerade diese offenen Werkspuren machen die Gesamtausgabe wertvoll.
FRANKENSTEIN, ALIVE, ALIVE! gewinnt so eine zweite Ebene. Man sieht nicht nur eine Geschichte über ein künstliches Leben. Man sieht auch die Handarbeit hinter jedem Schatten.

Als Leichen noch Ware waren
Der Frankenstein-Mythos entstand nicht im luftleeren Raum. Um 1800 faszinierte viele Menschen die Idee, Elektrizität könne Leben anstoßen. 1803 führte Giovanni Aldini galvanische Experimente am Körper des Hingerichteten George Foster durch. Zeitgenossen berichteten von Zuckungen und Bewegungen. Das war keine Auferstehung, aber es war genug, um die Grenze zwischen Tod und Körper neu zu verunsichern.
Parallel dazu gab es einen handfesten Skandal um Leichen. Anatomische Schulen brauchten Körper. Legale Quellen reichten nicht. Also arbeiteten sogenannte Body Snatchers, also Grabräuber, die frisch Begrabene ausgruben und verkauften. Dieses Thema verarbeitet in ihrem ersten Band auch die MALCOLM MAX-Reihe. Der öffentliche Ekel war real. Der Staat reagierte 1832 mit dem Anatomy Act. Er gab Ärzten und Studenten legalen Zugang zu unbeanspruchten Körpern aus Einrichtungen wie Arbeitshäusern, Hospitälern oder Gefängnissen. Damit sollte das Geschäft mit den Gräbern enden.
Genau diese Mischung aus Fortschrittsglaube und Körperangst steckt auch in der Figur des Dr. Ingles. Der Comic wirkt dadurch altmodisch und erstaunlich aktuell zugleich. Wissenschaft wird hier nicht als böse – aber als hungrig – dargestellt.

Fazit
FRANKENSTEIN, ALIVE, ALIVE! ist kein Plot-Monster. Wer Twists und große Überraschungen sucht, bekommt eher einen langsamen Marsch durch Gefühl und Gewissen. Das kann man natürlich kritisch betrachten. Manchmal wirkt Niles zu respektvoll. Dann bleibt die Sprache einen Tick zu gestelzt für die Härte der Situation.
Trotzdem trägt der Band, weil er eine klare Haltung hat. Er macht aus der Kreatur keine Ikone. Aber er macht aus ihr ein Wesen, das sich nach Menschlichkeit sehnt und daran scheitert. Das ist unbequem, das ist stark und es passt zu Mary Shelley.
Am Ende bleibt für mich vor allem eine Erfahrung. Ich sehe hier Horror, der nicht schreit und Zeichnungen, die noch lange im Kopf bleiben. Ich sehe ein Projekt, das durch Bonusmaterial und sichtbaren Prozessgewinn noch wächst. Das Monster bleibt, auch wenn das Buch schon zu ist. Gerade auch weil wir Menschen mit der künstlichen Intelligenz möglicherweise neue Monster erschaffen, die ohne einen Körper daher kommen…

- FRANKENSTEIN, ALIVE, ALIVE
- Steve Niles, Bernie Wrightson und Kelley Jones
- Hardcover | 104 Seiten | Schwarz-Weiss
- ISBN 978-3-98721-252-9
- Storyline: ★★★☆☆
- Zeichnungen: ★★★★☆
- Farben: ★☆☆☆☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ☆☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
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