Ich liebe Zeitreisegeschichten. ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT, DIE CHRONIKEN DES UNIVERSUMS, DIE WAISE VON PERDIDA oder auch diesen Klassiker von Herbert George Wells – DIE ZEITMASCHINE. Ich öffne den Comic und habe sofort dieses vertraute Kribbeln. Ich kenne den Roman seit Jahren und ich kenne die Verfilmungen mit Rod Taylor aus dem Jahr 1960 (großartig) und die mit Guy Pearce aus 2002 (nicht so großartig).
Jede neue Adaption fühlt sich an wie ein weiteres Experiment mit einem bewährten, aber auch zerbrechlichen Klassiker. Man kann ihn behutsam in eine neue Form gießen oder auch auf Schulheftniveau herunter kürzen. Was haben Mathieu Moreau und Oliver Dobremel (kurz Dobbs) mit diesem Comic denn nun gewollt?
Wie viel Wells passt in ein Album
Dobremel und Moreau treten mit einem gewissen Pomp auf. In Frankreich erscheint die Reihe als großes H.G.Wells-Programm, im Deutschen hat der Splitter-Verlag die Alben als eigenständige Edition in die Regale geholt. Sechs Bände widmen sich den wichtigsten Romanen des Autors, immer mit dem gleichen Szenaristen, unterstützt durch wechselnde Zeichnern. Das verspricht mir narrativ eine klare Linie. Es weckt aber auch den Verdacht, dass hier eher eine Marke gebaut wird als eine wirklich eigenwillige Interpretation. Nun, wir werden sehen.
Schon die Aufmachung wirkt wie ein Statement. Prägedruck, Schuber-Optik, eine Covergestaltung, die so sehr nach Bibliothek aussieht, dass ich fast den Stempel auf dem Vorsatzpapier erwarte. Optisch verkauft mir H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE, dass ich ein respektvolles, aufwändiges Projekt in Händen halte. Und genau hier beginnt mein Unbehagen mit diesem Band, denn: Respekt allein trägt – leider – keine gute Geschichte!

Bibliotheksgold mit angezogener Handbremse
Beim Lesen erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich in Gedanken zum Roman zurückspringe. Ich tue das nicht, weil der Comic mich so sehr in Wells‘ Kosmos hineinzieht, sondern weil ich nach dem suche, was mir hier fehlt: die Irritation, die Wut, die kalte Klarheit, mit der Wells seine Gesellschaft sezierte. In der Comicfassung schimmert davon vieles nur noch als Andeutung durch. Die Oberfläche glänzt, der Maschinenraum bleibt erstaunlich – sauber.
Trotzdem ist da ein gewisser Reiz. Moreau’s Bilder haben Energie. Der Band liest sich zügig, an ein paar Stellen blättere ich wissbegierig weiter. Und ich erkenne sofort, warum dieser Comic im Unterricht oder im Regal einer Stadtbibliothek eine gute Figur machen würde.
Der Comic bleibt übersichtlich, er bleibt brav und er will niemanden überfordern. Für mich als Leser, der Wells gerade wegen seiner Unbequemlichkeit schätzt, fühlt sich das allerdings eher wie eine Fahrt mit angezogener Handbremse an.
Dinner in Richmond und der Mann ohne Namen
Die Handlung beginnt im London des späten 19. Jahrhunderts. Ein namenloser Wissenschaftler lädt eine kleine Runde Herren zum Dinner ein. Darunter ein Arzt, ein Journalist und ein Psychologe.
Schon im Roman bleibt dieses Ensemble bewusst schablonenhaft. Sie spiegeln Reaktionen für die steilen Thesen des Gastgebers. Im Comic reduziert sich diese Gruppe noch weiter. Mehrfach erwische ich mich dabei, wie ich die Nebenfiguren nur an Frisuren und Bärten unterscheiden kann.
Dobbs übernimmt den narrativen Rahmen beinahe eins zu eins. Der Zeitreisende demonstriert zunächst ein Modell seiner Maschine und lässt es vor den Augen der Gäste im Nichts verschwinden. (Wobei ich mich aus heutiger Sicht immer schon gefragt habe, warum er den entgegen gesetzten Weg geht? Prototypen sind üblicherweise groß und wuchtig. Die Miniaturisierung setzt üblicherweise später ein. Hier jedoch nicht.)
Die Szene funktioniert in Bildern erstaunlich gut. Moreau inszeniert die Apparatur als Mischung aus viktorianischem Möbel und Steam-Punk-Requisite mit viel Kupfer, Zahnrädern und leuchtenden „Elektronenröhren“. Hier spüre ich kurz den Zauber, den mir H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE verspricht.
Die eigentliche Reise startet jedoch Off-Screen. Der Band steigt in der Rückblende ein. Der Zeitreisende verschwindet aus dem Speisezimmer, die Gäste warten und plötzlich steht er wieder in der Tür, abgemagert, verwildert und voller Schrammen. Der Comic bleibt nah an dieser Vorlage. Die Panels zeigen einen Mann, der eben noch ein Gentleman war und nun aussieht, als sei er durch eine ganze Epoche geprügelt worden.
Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sein Erschrecken übertrieben bleibt. Seine Augen sind weit aufgerissen, seine Körperhaltung überzeichnet. Die Figuren spielen Drama-Baby-Drama, statt dass sich ein Abgrund auftut.

Wie der Salon zur Kulisse schrumpft
Im Roman erzählt der Zeitreisende den weiteren Verlauf in langen Monologen. Dobbs kürzt diesen Bericht stark zusammen. Er legt die Erzählung in einen Tagebuch-Modus, baut Textkästen ein, die wie Notizen wirken.
Dadurch bleibt zwar das Prinzip des Rahmenberichts erhalten, gleichzeitig verliert die Geschichte aber einen Teil ihrer Tiefe. Die Gäste im Salon verschwinden fast komplett. Der Erzähler, der eigentlich alles im Nachhinein wiedergibt, wirkt im Comic nur noch wie ein technischer Kniff.
So beginnt eine Reise, die eigentlich von Wahrnehmung und Erinnerung handelt, hier aber vor allem den Plot anschiebt. Das Dinner wird zur Pflichtübung. Es eröffnet die Bühne, statt selbst Teil des Theaters zu sein.
Eine weit entfernte Zukunft
Der Sprung in die Zukunft führt den Zeitreisenden ins Jahr 802 701. Mehrere Seiten widmen sich dem ersten Blick auf diese Welt. Moreau erlaubt sich hier endlich größere Bilder. Verwilderte Architektur, überwachsene Ruinen, eine Sphinx, die gleichzeitig vertraut und doch fremd wirkt. Die Farbpalette kippt in sanfte Grüntöne und pastellfarbene Himmel. Auf den ersten Blick sieht alles einladend aus.
Hier begegnet der Protagonist den Eloi. Kindliche Menschen, androgyn, mit großen Augen und weichen Konturen. Der Comic betont ihre Naivität sehr stark. Sie lachen, sie spielen, sie essen Früchte. Sprache wirkt fast überflüssig.
Viele Panels verzichten auf Dialoge, was die Oberfläche tatsächlich paradiesisch erscheinen lässt. Gleichzeitig raubt diese Stille den Eloi jedoch jede Ambivalenz. Sie erscheinen nicht wie eine degenerierte Oberschicht, eher wie eine Mischung aus Manga- und Werbefiguren für vegane Picknickkörbe.

Ein Mädchen namens Weena
Weena, die junge Eloi, die der Zeitreisende vor dem Ertrinken rettet, soll emotionale Erdung bringen. Im Roman ist sie Projektionsfläche und tragische Figur. In dieser Fassung bleibt sie erstaunlich blass. Sie hängt an seinem Arm, sie lächelt, sie fürchtet die Dunkelheit. Viel mehr erfahren wir nicht.
Gleichzeitig bildet sich der Zeitreisende erstaunlich schnell ein Urteil. Im Roman ringt der Forscher mit der Frage, ob er eine veredelte Menschheit oder ein Endstadium der Dekadenz sieht. Hier legt er seine Hypothesen in wenigen Sprechblasen vor. Er deutet auf Ruinen, er zieht Schlussfolgerungen und schon stehen Eloi und Morlocks als fixiertes Gleichnis da. Raum für Zweifel oder für alternative Lesarten gibt es kaum.
Dieser Mittelteil, in dem sich der Held im scheinbaren Paradies bewegt, könnte der Moment der größten Verunsicherung sein. Stattdessen lese ich ihn wie eine sauber illustrierte Inhaltsangabe. Schöne Bilder, klare Informationen, wenig Reibung. Ich verstehe, was mir H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE erzählen will. In dieser Version fühle ich es nur nicht mehr.
Unter Tage mit den Morlocks
Erst als die Zeitmaschine verschwindet, zieht der Comic die erzählerische Schraube wieder an. Der Zeitreisende sucht verzweifelt nach seinem Gefährt, erkennt nach und nach die seltsamen Schächte in der Landschaft und wagt den Abstieg in die Tiefe.
Nun werden die Panels dunkler, Grün und Ocker weichen kalten Blautönen und schmutzigem Grau. Moreau inszeniert die Unterwelt als Mischung aus Industriehöhle (oder doch -hölle?) und Insektenbau.
Die Morlocks treten als bleiche Kreaturen mit roten Augen auf. Ihre Körperhaltung erinnert an Raubtiere. Sie kriechen, sie klettern, sie stürzen sich auf ihre Beute. Das wirkt auf den ersten Blick bedrohlich und erfüllt seine Funktion als Schreckmoment (vor allem für jüngere Leser).
Gleichzeitig nimmt die Inszenierung der Morlocks ihnen jede Tragik. Sie erscheinen nur noch als Monster, nicht mehr als pervertierte Arbeiterklasse, die Opfer und Täter zugleich ist. Die nüchterne Grausamkeit, die Wells in seinen Beschreibungen anlegt, verwandelt sich in vertraute Horrorsprache.

Aktion im Halbdunkel
Dramaturgisch arbeitet Dobbs hier mit klaren Spannungsfeldern: Attacke, Flucht, Feuer und Rettung in letzter Sekunde. Die Jagdsequenzen lesen sich schnell und flüssig.
Trotzdem wirkt die Bedrohung oft mechanisch. Ich weiß, dass der Held jetzt stolpern muss und dass er ein paar Seiten später wieder auf die Beine kommt. Der Comic orientiert sich stark an den vertrauten Abenteuervorgaben.
Die späteren Sprünge, weit hinaus in die fernste Zukunft, bekommt ich zwar noch zu sehen. Die einsame Küste, der blutrote Himmel, seltsame Meerestiere und der erlöschende Sonnenball tauchen in eindrucksvollen Bildern auf. Trotzdem bleibt dieser Abschnitt erstaunlich kurz.
Wo der Roman in diesem Finale einen kosmischen Schock auslöst, reiht die Adaption ein paar Albtraum-Tableaus aneinander und kehrt rasch zum viktorianischen Salon zurück.
Die Rückkehr des Zeitreisenden, sein zweiter, endgültiger Aufbruch und das offene Ende, das bei Wells so bitter nachhallt, geraten dadurch fast zum Epilog. Die Gäste akzeptieren seine Geschichte oder tun zumindest so. Der Erzähler bleibt mit seiner Erinnerung zurück und ich mit dem Gefühl, dass hier eine existentielle Erfahrung auf die Länge eines TV-Teasers gestutzt wurde.
Illustrierte Kurzfassung
Nach knapp der Hälfte des Bands wird deutlich, wie sehr der Comic H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE unter seiner eigenen Kürze leidet. Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig Seiten müssen einen Roman auffangen, der zwar schmal wirkt, aber inhaltlich sehr dicht ist.
Andere Adaptionen teilen vergleichbares Material auf mehrere Bände auf. Diese Fassung versucht, alles in ein einziges Album zu pressen. Die Folge ist eine Art Luxus-Readers-Digest. (Was, Reader’s Digest kennt hier keiner mehr? Jetzt fühle ich mich auch alt…)
Dobbs schafft einen vagen Eindruck von Vollständigkeit, da er fast alle Schlüsselszenen übernimmt: das Dinner, der Sprung, das Erwachen bei den Eloi, Weena’s Rettung, der erste Kontakt mit den Morlocks, die ferne Zukunft oder auch den zweiten Aufbruch. Es fehlt kaum ein Baustein. Was fehlt, ist der Raum zwischen diesen Steinen.
Der Comic kennt wenig Übergänge, wenig Nachklang. Ein Ereignis jagt das nächste. Die Reflexionen des Zeitreisenden rutschen in Textkästen, die sich manchmal wie Pflichtprogramm lesen.

Wenn Treue zur Fessel wird
Besonders deutlich spüre ich das bei der sozialkritischen Ebene des Stoffes. Wells treibt im Roman ein grausames Gedankenexperiment voran. Was passiert, wenn Klassentrennung, Ausbeutung und Bequemlichkeit über Jahrtausende weiterlaufen?
Die Antwort ist unbequem und schwer verdaulich. Der Comic benennt dieses Thema, aber er kostet es nicht aus. Einige Dialoge erwähnen Dekadenz und Arbeitswelt, doch die Bilder interessieren sich stärker für dramatische Lichtstimmungen als für soziale Strukturen.
Ich habe den Eindruck, dass Dobbs sich sehr davor hütet, eigene Akzente zu setzen. Er will nicht interpretieren, er will einen Klassiker verwalten, der möglichst vielen Lesern zugänglich bleiben soll. Das erklärt die Treue zum Ablauf. Die Adaption wirkt brav, fast ängstlich. Sie vermeidet jede Zuspitzung, die den Geist der Vorlage in unsere Gegenwart ziehen könnte.
So entsteht ein merkwürdiger Zwischenzustand. Der Band ist mehr als ein reines Schülerheft, weil er atmosphärisch sorgfältig arbeitet. Gleichzeitig ist er weniger als eine eigenständige Graphic Novel, weil er sich strikt an eine hundertdreißig Jahre alte Dramaturgie kettet, ohne deren Radikalität zu übernehmen.

Kupferglanz, Nebel und digitale Blitze
Die Zeichnungen finde ich bemerkenswert. Sie haben mich zu diesem Album gebracht. Moreau liefert sichtbar durchdachte Arbeit. Sein Strich mixt klassische franko-belgische Figuren mit moderner Dynamik. Die Hintergründe tragen viel zu meinem Vergnügen bei.
Ob viktorianische Bibliothek, Gewächshaus oder überwachsenes Sphinx-Plateau, überall wimmelt es von Details. Zahnräder, Bücher, Flaschen, Pflanzen, Nebelschwaden: man merkt, dass Moreau Erfahrung aus Illustration und Concept-Art mitbringt.
Die Zeitmaschine selbst ist ein schönes Stück Design. Das Gefährt wirkt gleichzeitig vertraut und ein bisschen überdreht. Messing, Holz, Glas, eine große Uhr als Hintergrundmotiv. In einigen Panels scheint das Gerät fast zu schweben, begleitet von Licht, das den Sprung durch die Zeit visualisiert.
Eine Doppelseite, in der sich die Panels spiralförmig um eine Uhr winden, inszeniert den Zeittunnel mit spürbarer Lust an der Form. Hier nutzt der Band das Medium Comic wirklich aus.
Auch die Farbgebung überzeugt mich zunächst. Die Gegenwart in London erscheint in warmen Brauntönen. Der Eloi Garten im weichen Grün. Die Höhlen der Morlock in blauen Schatten, durchbrochen von kränklichem Kunstlicht. Moreau legt klare Farbcodes für Stimmungen an. Das macht den Band gut lesbar, gerade für Einsteiger.
Trotzdem wirkt manches wie aus dem Baukasten moderner Digitalcomics mit ihren Lichtreflexen, Glüheffekten und Nebeltexturen. Ab und zu fehlt mir die Härte eines konsequenten Hell-Dunkel-Kontrasts.

Wenn die Figuren den Horror weglächeln
Problematischer finde ich die Figuren. Körperhaltung und Mimik sitzen in den Actionszenen meistens gut. Wenn jemand rennt, stolpert, fällt, dann spüre ich die Bewegung. In ruhigen Momenten kippt der Stil jedoch zu oft ins cartooneske.
Manche Gesichter wirken überdehnt. Augen werden zu großen Ovale, Münder klaffen in fast schon slapstickhafter, mangaesker Manier. Das untergräbt den Ernst einer Szene, in der es um Kannibalismus, Entfremdung und den Untergang der Sonne geht.
Die Panel-Architektur bleibt insgesamt konventionell. Saubere Raster, gelegentliche Schrägen, einige Splashpages. Nichts verwirrt, nichts fordert heraus. Das ist angenehm für Leser, die nicht ständig auf die Seitenkomposition achten möchten.
Für mich bleibt es aber hinter dem Potential zurück, das gerade ein Stoff wie dieser bietet. Eine Welt, in der Zeit, Raum und Wahrnehmung zusammenprallen, könnte auch formal kühner aussehen. H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE traut sich an dieser Stelle nur selten aus der Komfortzone.
Zwei Profis, ein sehr sicherer Kurs
Olivier Dobremel (Dobbs) hat sich in den letzten Jahren eine Art Spezialrolle erarbeitet. Er adaptiert Literaturklassiker und historisches Material für den Comic.
Dobbs bringt Serien wie Scotland Yard, Mister Hyde vs Frankenstein oder eine Reihe über Filmregisseure und Serienkiller auf den Markt. Er hat Filmgeschichte studiert und kennt die Mechanik der Genre-Geschichten. Genau das merkt man H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE an, im Guten wie im Schlechten.
Dobbs beherrscht die Struktur. Er weiß, wann ein Kapitel kippen muss, kennt die ikonischen Momente, die man nicht unterschlagen darf und konstruiert Alben, die sich flott und ohne Hänger lesen lassen.
Gleichzeitig wirkt sein Schreiben oft wie ein gut eingespieltes System. Er sortiert Material, er ordnet, er balanciert. Mut zu Radikalität, zu Lücken, zu unangenehmen Brüchen zeigt er selten. Bei Wells wäre genau diese Radikalität aber interessant gewesen. Warum nicht stärker mit Perspektiven spielen? Oder den Erzähler zweifeln lassen? Hätte man die Morlocks nicht auch als Opfer illustrieren können, statt sie nur als Monstren zu liefern?

Die glatte Effizienz der Adaptionenfabrik
Mathieu Moreau kommt aus einer anderen Ecke. Ausbildung an einer Grafikschule in Nantes, Erfahrungen in der Videospielbranche und in Jugendbuchillustration. Seine erste größere Serie, ein Sci-fi-Zyklus um einen fremden Planeten, zeigt bereits seine Vorliebe für detailreiche Welten und glühende Farbakzente.
Später arbeitet er an Adaptionen von Jugendromanen. In diesem Kontext wirkt H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE fast wie eine perfekte Schnittstelle seiner Biografie. Ein bisschen Jugendbuch, ein bisschen Konzeptkunst, viel Genre. Das hat Vorteile und die Leser wissen, was sie stilistisch erwartet.
Es hat aber auch einen Nachteil. Das Ganze wirkt wie eine kleine Fabrik. Man spürt die Serienlogik, den Wunsch nach einem wiedererkennbaren Produkt.
Ich will Dobbs und Moreau nicht unterstellen, lieblos zu arbeiten. Im Gegenteil. Gerade Moreau steckt sichtbar viel Mühe in Architektur, Mimik, Lichtsetzung. Aber ich vermisse ein persönliches Risiko, die Experimentierfreude bei einem Stoff, der dies durchaus unterstützt hätte. Das Gefühl, dass sich hier zwei Künstler mit Wells anlegen, statt ihn zu glätten.

Zwischen Andeutung und Entschärfung
Auch der Umgang mit der Gegenwart des Zeitreisenden bleibt erstaunlich milde. Wells legt seinem Helden einige sehr deutliche Bemerkungen über den eigenen Stand und über die Gesellschaft in den Mund. Die Comicfassung streift diese Einsichten, führt sie aber nicht aus.
Man könnte sagen, sie verlagert die Kritik nach hinten. Wer will, kann sie sich aus dem Gelesenen zusammensetzen. Wer einfach nur eine Abenteuergeschichte lesen möchte, muss sie nicht beachten. An dieser Stelle merke ich wieder, dass der Comic nur 56 Seiten Zeit hat.
Ich verstehe, warum die Adaption diesen Weg wählt. Der Band soll in verschiedenen Ländern funktionieren, er richtet sich auch an junge Leser, die vielleicht zum ersten Mal mit Wells in Berührung kommen. Trotzdem wünschte ich mir mehr Mut.
Die Gegenwart, in der wir diesen Comic lesen, kennt ihre eigenen Morlocks und Eloi. Menschen, die in Logistikzentren ohne Tageslicht Pakete sortieren. Menschen, die sich in klimatisierten Büros über Lieferprobleme beklagen. Eine Adaption, die ihre Vorlage ernst nimmt, könnte diese Brücke schlagen. H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE deutet sie nur an.

Fazit
Nach knapp dreihundert Seiten Romanmaterial, zusammengepresst auf gut fünfzig Comicseiten, schlage ich H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE zu und habe ein zwiespältiges Gefühl. Handwerklich solide, stellenweise schön anzusehen, thematisch wichtig, aber als Gesamtwerk weniger mutig, als es sein Stoff verdient.
Wenn ich nur die Optik bewerte, kann ich den Band empfehlen. Moreau inszeniert Räume, Licht, Maschinen und Landschaften mit sichtbarer Lust. Wer Freude an sorgfältig gebauten Szenarien hat, kommt auf seine Kosten.
Wer Wells noch nicht gelesen hat und eine erste Annäherung sucht, findet hier eine gut lesbare, straff erzählte Fassung. Der Comic zeigt die wichtigsten Stationen, er verliert sich nie in Nebenschauplätzen.
Wenn ich den Band jedoch als eigenständige Graphic Novel betrachten würde, bliebe ich auf Distanz. Der Text vertraut zu sehr auf die Vorlage. Er übernimmt die Struktur, ohne sie wirklich in ein neues Medium zu übersetzen. Er übernimmt die Themen, ohne sie auf die Gegenwart zu schärfen und die Figuren, ohne ihnen zusätzliche Tiefe zu geben.
Das Ergebnis wirkt wie ein hochwertiger Begleitband zum Roman, nicht wie eine Adaption, die selbst atmet – leider.

- H.G.WELLS – DIE ZEITMASCHINE
- Mathieu Moreau und Oliver Dobremel
- Hardcover | 56 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96792-293-6
- Storyline: ★★★☆☆
- Zeichnungen: ★★★★☆
- Farben: ★★★☆☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
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