URLAUB – Das Zauberwort für alle stressgeplagten Erdenbürger, die dringend einmal raus wollen. URLAUB ist aber auch diese wunderbare Lüge, die ich mir selbst jedes Jahr gerne erzähle. Koffer packen und alles wird leichter. Der Alltag bleibt daheim, die Termine haben ein Funkloch und die Kinder sind gut untergebracht. Das Paar, das sonst zwischen Arbeit, Müdigkeit und Familienlogistik pendelt, erinnert sich plötzlich wieder daran, dass es auch ein Paar sein darf.
Mit genau dieser Hoffnung beginnt HONEYMOON – DER KUSS DER SPHINX. Sophie und Quentin, ein französisches Paar, wollen auf einer griechischen Insel nichts weiter als Sonne, Meer, Körperkontakt und ein paar Tage ohne Zuständigkeiten. Bastien Vivès, der Szenarist und Zeichner dieses Comics, gönnt ihnen diesen Traum – zumindest anfangs und dann nur ganz kurz. Bald reicht ein beiläufiges Wiedersehen, ein falscher Schritt auf eine Yacht und aus der kleinen Flucht ins Glück wird ein Reisealbtraum mit sehr viel Salzwasser.

All-Inclusive mit schlechter Vorahnung
Sophie und Quentin sind wie bereits erwähnt ein französisches Ehepaar mit Kindern, Arbeit und genug Erschöpfung, um einen Urlaub ohne Nachwuchs wie ein Geschenk zu betrachten.
Die ausgesuchte griechische Insel mit ihren Stränden, mediterranem Licht und ein trägem Dahindämmern wirkt zuerst wie ein Versprechen. Vivès braucht nicht lange, um dieses Gefühl zu etablieren. Yep, ich habe sofort verstanden, warum die Beiden dort sind. Sie wollen keine große Reisegeschichte erleben. Die Beiden wollen gerade überhaupt keine Geschichten erleben. Nur ein paar Tage Ruhe am Strand, für sich und ihre Erholung.
Dann taucht Olivier auf, ein Bekannter aus Paris, der eher in die Kategorie „unerwünschter Zufall“ gehört. Er erkennt Sophie und Quentin am Strand wieder und lädt sie auf (s)eine Yacht ein. Das klingt nach jener Urlaubssituation, bei der die anerzogene Höflichkeit stärker ist als das eigene Bauchgefühl. Der Tag ist schön, niemand hat richtig Lust, aber einfach „Nein“ zu sagen, braucht Kraft, die die Beiden im Augenblick einfach nicht haben. Also gehen sie mit.
Schon hier arbeitet der Comic mit einem sehr banalen Schrecken. Nicht die Gefahr drängt sich zuerst auf, sondern die soziale Verlegenheit.

Ein Ausflug, der nicht im Prospekt stand
Auf der Yacht kippt die Stimmung dann sehr schnell. Olivier ist nicht der souveräne Gastgeber, als der er sich zu Beginn ausgibt. Das Boot gehört ihm nicht, er soll es nur überführen. Dazu kommen Gäste, die weniger nach entspanntem Bordleben aussehen als nach Ärger in teuren Hemden. Sophie und Quentin merken schnell, dass sie in einer Gesellschaft gelandet sind, in der Geld, Drogen und Gewalt ziemlich nah beieinanderliegen.
Vivès erzählt das mit hohem Tempo. Die Seiten bleiben übersichtlich, aber für unsere Protagonisten wird die Lage immer ungemütlicher. Zwischen Small-Talk und Blicken wächst die Ahnung, dass dieses Boot kein Luxusort ist, sondern eine Venus-Falle mit schönem Oberdeck.
Besonders gut funktioniert dabei, dass Sophie und Quentin keine klassischen Abenteurer sind. Sie werden nicht gebraucht, um die Welt zu retten, aber sie stehen im Weg. Genau daraus entsteht die Energie des Bandes.

Bordprogramm mit Schmetterling
Der titelgebende Sphinx ist kein steinerner Wächter, sondern ein Schmetterling mit unheimlicher Wirkung. Er entweicht aus einem rätselhaften Gegenstand und bringt einen Hauch alter Abenteuerstoffe in diesen Drogenkrimi. Auch öffnet er den Comic ein wenig in Richtung Pulp, ohne die Geschichte sofort ins rein Fantastische zu schubsen.
Als die Gewalt zwischen den Gangstern ausbricht, verliert der Urlaub endgültig seine Postkarten-Idylle. Eine wilde Schießerei führt zu Panik an Bord und zu einem Sprung ins Wasser. Die Yacht wird zum explodierender Albtraum. Sophie, Quentin und Olivier treiben plötzlich sowohl im Wasser als auch in einer Lage, die sie nicht verstehen und noch weniger kontrollieren können. Dazu kommt das Meer mit seiner Tiefe und der eingebauten Bedrohung von unten. (Aus genau diesen Gründen hasse ich Wasser. Aber das ist ja nur meine persönliche Meinung!)
Aber gut, das Album ist also ein Comic mit einem eigentümlichen Mix aus Gangsterstück und Taucherabenteuer ohne große psychologische Erklärschleifen. Er wirft seine Figuren hinein und schaut, wie sie schwimmen.

Rückflug offen
Als Auftakt macht HONEYMOON – DER KUSS DER SPHINX vieles richtig. Der Band erklärt nicht zu viel, legt aber eine einfache, tragfähige Serienidee auf den Tisch: Ein Paar will Urlaub machen und der Urlaub eskaliert – Zack, zack, zack! Dabei entsteht eine Mischung aus Ehekomödie, Abenteuer und Thriller, die erst einmal altmodisch klingt, aber durch das vorgelegte Tempo frisch bleibt.
Ganz ohne Schwächen ist das natürlich nicht. Die Nebenfiguren bleiben notgedrungen eher Stereotypen als Menschen. Die Gangster sind halt Gangster und Olivier ist vor allem der nervige Auslöser der Katastrophe. Das stört den Lesefluss kaum, aber es nimmt der Bedrohung etwas die Tiefe, auch wenn diese Einfachheit dem Erzähltempo erfreulich zuarbeitet. Ich war gut unterhalten, doch hatte ich selten das Gefühl, dass unter der Oberfläche ein zweiter Boden wartet. Der Band will vor allem eins: loslegen – und das tut er mit Lust!

Der Hintermann
Bastien Vivès, geboren 1984 in Frankreich, gehört zu den prägenden französischen Comiczeichnern seiner Generation. Er studierte Grafik und Animation an der École des Gobelins und machte früh mit Arbeiten wie DER GESCHMACK VON CHLOR, POLINA und IN MEINEN AUGEN auf sich aufmerksam.
Für DER GESCHMACK VON CHLOR erhielt er 2009 in Angoulême den Preis als bester Nachwuchskünstler. Angoulême wiederum spielt eine Rolle in seiner Graphic Novel LETZTES WOCHENENDE IM JANUAR, die u.a. den Kulturbetrieb eines Comic-Festivals augenzwinkernd auf’s Korn nimmt. Gemeinsam mit Balak und Michaël Sanlaville zeigte er in LASTMAN außerdem seine Nähe zu Manga, Serienerzählung und Popkultur. In den vergangenen Jahren arbeitete er auch an neuen CORTO MALTESE-Alben. HONEYMOON zeigt eine andere Seite seines Werkes, weniger intime Studie, mehr klassisches Abenteuerformat. Vivès erzählt hier mit mehr Druck nach vorn.
Als Zeichner ist Bastien Vivès schwer auf einen Stil festzulegen. Gerade diese künstlerische Vielfalt gehört zu seinem Markenzeichen. Er verbindet reduzierte Körperlichkeit, leise Alltagsbeobachtung, dynamische Action und serielle Pop-Erzählung, ohne in seinen Werken jedes Mal gleich auszusehen.

Pauschalreise ins Abenteuergenre
Der Reiz von HONEYMOON – DER KUSS DER SPHINX liegt im Kontrast zwischen Alltag und großem Kino. Sophie und Quentin sind keine makellosen Helden. Sie sind ein Paar, das kurz frei haben möchte und plötzlich in einer Geschichte steckt, die eher nach Abenteuerfilm der Achtziger und Neunziger aussieht. Ich musste sofort an AUF DER JAGD NACH DEM GRÜNEN DIAMANTEN denken oder an die Hitchcock-Idee von unbeteiligten Menschen, die in fremde Schuld hineingezogen werden wie z.B. in DER UNSICHTBARE DRITTE.
Als Serienauftakt ist der Band gut gemacht. Er führt Sophie und Quentin als wiederkehrendes, narratives Zentrum ein, erklärt aber nicht jeden biografischen Schlenker. Die Reihe lebt weniger vom großen Mythos als von einer Formel: Reisen werden zu Fallen, dann werden Urlaubsorte zu Bühnen für Genre-Spielarten.
Spätere Bände führen diese Idee weiter, erst nach Südamerika dann nach Brüssel. Damit verschiebt sich der Ton vom maritimen Abenteuer über Schatzsuche bis zum surrealen Western. Der erste Band erfüllt seine Aufgabe also ziemlich gut, denn er setzt die Hauptdarsteller, das Muster und den Humor.
Der Comic spielt mit meiner Sehnsucht, einmal aus dem Alltag auszubrechen. Dann zeigt er, wie schnell eine Auszeit zur persönlichen Überforderung werden kann. Natürlich ist das überdreht! Trotzdem sitzt darunter eine simple Wahrheit. Urlaub macht nicht automatisch andere Menschen aus uns. Sophie und Quentin nehmen ihre Unsicherheit, ihre Vertrautheit miteinander, ihre eingespielten Rollen und ihre kleinen Reibereien mit an Bord. Und genau das macht sie sympathisch.

Schlichte Urlaubsbilder
Die Zeichnungen sind flach – im besten Sinn. Vivès modelliert seine Bilder nicht detailliert aus, sondern nutzt eine moderne Art der Ligne Claire. Er vertraut auf klare Konturen, auf farbige Flächen und auf eine sehr direkte Lesbarkeit. Das passt zu dieser Geschichte, weil die Geschichte selbst dauernd vorwärts will. Zu viele Details würden bremsen, zu viel plastische Tiefe würde dem Ganzen eine Schwere geben, die der leicht überdrehte Abenteuercharakter gar nicht braucht.
Die Räume sind schnell gelesen. Der Strand, die Yacht, das Deck, Wasser und Innenbereiche werden nicht ausgestellt, sondern sind einfach da, Kulissen halt. Ich weiß immer, wo ich bin und wohin die Bewegung läuft. Das ist bei der Action wichtiger, als es auf den ersten Blick klingt. Vivès baut seine Seiten so, dass der Blick ohne Stolpern durch die Panels gleiten kann. Kleine Dialogmomente sitzen knapp. Wenn die Gewalt einsetzt, beschleunigt sich der Rhythmus, ohne unleserlich zu werden.
Brigitte Findakly’s Farben geben dem Band zusätzlich seine Urlaubstemperatur. Die hellen, warmen Töne am Anfang lassen den Ausflug leicht wirken. Später werden die Farben nicht plötzlich düster, sondern behalten eine gewisse Klarheit. Das macht die Gefahr fast absurder. Der Albtraum findet nicht im finsteren Keller statt, sondern unter Sonne, auf dem Wasser, also in einer Welt, die eigentlich Erholung versprochen hätte. Diese Spannung trägt viel zur Atmosphäre bei.

Fazit
HONEYMOON – DER KUSS DER SPHINX ist kein tief schürfender Roman über Ehe, Erschöpfung und gemeinsam erlebter Gefahr. Er ist ein schlanker, schneller, sehr gut lesbarer Serienauftakt mit Charme, Tempo und einem ordentlichen Schuss altmodischem Abenteuerkino. Ergo: Ein Werk für einen sommerlichen Nachmittag auf einem Liegestuhl.
Mir gefällt besonders, dass Vivès den Urlaub nicht bloß als Kulisse nimmt. Er macht aus der Sehnsucht nach Ruhe den Zünder für eine interessante Kettenreaktion und findet damit eine schöne, wiederverwertbare Idee. Gut, die Geschichte ist manchmal einfacher, als sie sein müsste und einige Nebenfiguren bleiben schablonenhaft. Auch der Plot selbst wirkt stellenweise wie ein bewusst grob gefalteter Papierflieger – aber er fliegt nun mal. Und zwar flott!
Als Auftakt zeigt der Band klar, warum Sophie und Quentin als Paar funktionieren. Sie sind keine Superhelden im Ferienmodus. Sie sind zwei Normalos, die endlich einmal frei und Zeit für sich haben wollten und die in die falsche Einladung einwilligen. C’est la vie!
Wer nach diesem ersten Band neugierig ist, wie sich die Reihe weiterentwickelt, sollte Tillmann Courth’s Besprechungen zu Band 2 und Band 3 lesen. Sie zeigen schön, wie weit Vivès das Urlaubskonzept später noch getrieben hat.

- HONEYMOON 01 – DER KUSS DER SPHINX
- Bastien Vivès
- Hardcover | 48 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96582-201-6
- Storyline: ★★★☆☆
- Zeichnungen: ★★★☆☆
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★★☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
- © Schreiber und Leser Verlag
- Informationen zu den Bildrechten findest Du hier
