Cover von LEAVE THEM ALONE

Ein Rat an alle Gauner – LEAVE THEM ALONE

Ich lese Western gern, aber nicht dauernd. Ich brauche keine zehn Colts pro Seite, keinen Staub als Selbstzweck und keine Männer in Staubmänteln, die mit zusammengekniffenen Augen so tun, als hätten SIE den Westen erfunden. Umso mehr freut es mich, wenn ein Western nicht zuerst mit Posen derber Männlichkeit daherkommt, sondern mit Menschen. Menschen mit müden Händen, mit Angst im Nacken und mit Frauen, die längst verstanden haben, dass sie in dieser Welt keine Zeit für große Worte haben.

Genau hier packt mich LEAVE THEM ALONE. Roger Seiter (Szenario) und Chris Regnault (Zeichnungen) erzählen von einer Poststation in Arizona im Jahr 1874. Das klingt erst einmal nach klassischem Western-Setting. Eine abgelegene Relais-Station, Gold, Banditen und ein geheimnisvoller Reiter. Sowie eine Frau auf der Flucht. Doch dieser Band wird dort interessant, wo er stehen bleibt und den Figuren ins wettergegerbte Gesicht schaut.

Nicht der Revolver ist hier die Hauptfigur. Es sind Marian Potter, Elfie, Mattie, Mad Wolf und Lew. Menschen, die nicht auf einen großen Auftritt warten, sondern auf den nächsten Tag. Und dieser nächste Tag kann an einem Ort wie diesem schnell tödlich werden.

Innenseite 05 von LEAVE THEM ALONE

Marian hält den Laden zusammen

Dead Indian Peak ist wahrlich kein Sehnsuchtsort. Es ist eine Station, ein Halt in einer weiten, rauen Landschaft. Marian Potter führt dieses Relais mit einer ernsthaften Ruhe. Sie wirkt nicht hart, weil der Comic ihr Härte anschreibt. Sie wirkt hart, weil sie längst genug gesehen hat. Bei ihr lebt Elfie, ihre Enkelin, die gerade achtzehn geworden ist. Zur Besatzung gehört auch Mad Wolf, ein Navajo, der an dieser Station nicht als exotischer Schmuck herumsteht. Er ist Teil dieses kleinen Alltags. Er hilft, beobachtet, schützt und trägt eigene Wunden mit sich.

Ich mochte diesen Anfang sehr. Roger Seiter kann einfühlsame Geschichten erzählen und erklärt nicht alles tot. Er lässt Marian den Ort bewohnen. Ich sehe, wie sie arbeitet, wie sie auf Menschen reagiert, wie sie Elfie im Blick behält. Diese Frau trägt Fürsorge in sich, aber keine Weichheit, die ihr gefährlich werden könnte. Sie ist keine Westernmutter aus dem Bilderbuch. Sie kann freundlich sein, aber auch misstrauisch. Beides gehört zusammen.

Elfie ist der Gegenpol

Elfie bringt eine andere Energie in den Band. Sie ist jung, wach und viel zu vertraut mit Gefahr. Bei ihr spüre ich diesen Trotz, der auch der Isolation in dieser Umgebung geschuldet ist und erst einmal nach Mut aussieht, darunter aber vielleicht doch auch Angst versteckt.

Der Comic macht aus ihr keine kleine Rebellin für den schnellen Effekt. Elfie möchte mehr können, als ihr zugetraut wird. Sie möchte helfen, schießen, jagen – und ja, sie möchte bestehen. Gerade neben Marian bekommt das Gewicht. Hier steht nicht Jugend gegen Alter. Hier stehen zwei Frauen nebeneinander, die einander lieben und sich trotzdem reiben.

Dann kommen die Störungen. Eine verzweifelte Frau nähert sich der Station. Ein Reiter taucht auf. Eine Bande von Halsabschneidern rückt näher. Und irgendwo im Hintergrund zieht eine Kiste Gold ihre giftige Spur durch diese Geschichte. Aus einem kargen, fast friedlichen Ort wird ein Raum, in dem jede Ankunft etwas verändern kann.

Innenseite 06 von LEAVE THEM ALONE

Mattie bringt die Angst mit

Mattie ist die Figur, die den Band endgültig aus der Ruhe bringt. Sie kommt nicht als schöne Fremde, die das Abenteuer anstößt. Sie kommt als Frau, die fliehen muss. Ihre Vergangenheit klebt an ihr. Flagstaff, der Saloon, die Männer, die ihren Körper und ihre Angst für selbstverständlich halten. All das reist mit ihr. Der Band lässt keinen Zweifel daran, wie grausam diese Welt vor allem für Frauen sein kann. Er suhlt sich aber nicht darin. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Lew, der geheimnisvolle Reiter, begegnet Mattie zunächst wie eine Figur aus einem alten Westernfilm. Schweigsam, dunkel, gefährlich. Ja, diese Sorte Mann kenne ich aus dem Genre. Normalerweise werde ich da schnell skeptisch. Hier funktioniert Lew besser, weil er nicht alles an sich zieht. Er bleibt wichtig, aber er verdrängt Mattie nicht. Seine Gegenwart öffnet eher weitere Fragen. Wer ist er? Weshalb hilft er? Was verbindet ihn mit der Gewalt, die schon unterwegs ist?

Die Gauner

Burt Bell und seine Männer bilden den Gegenpol. Sie sind keine komplizierten Seelen, die ich lange verstehen müsste. Sie sind eine Bedrohung, die Körper hat, Stimmen, Waffen und Lust an Macht. Das ist weder feinsinnig, noch subtil. Doch für diese Geschichte reicht es oft, weil der Blick nicht dauerhaft bei ihnen bleibt. Er bleibt bei denen, die überleben müssen.

In der zweiten Hälfte zieht der Comic die Figuren enger zusammen. Marian, Elfie und Mattie werden nicht automatisch zu einer Gemeinschaft. Dafür ist zu viel Misstrauen im Raum. Aber sie stehen plötzlich auf derselben Seite einer Tür. Draußen lauern Männer, die nehmen wollen. Drinnen sitzen Frauen, die einander kaum kennen und doch begreifen, dass sie ohne die Anderen keine Chance haben. Genau daraus zieht der Band seine Spannung. Nicht aus der Frage, wer am besten schießt. Sondern aus der Frage, wer in der Panik nicht zuerst nur an sich denkt.

Innenseite 07 von LEAVE THEM ALONE

Arizona ohne Sonntagskleidung

Der historische Hintergrund ist hier kein Zierrat. Er erklärt, weshalb diese Figuren so allein wirken. Arizona war 1874 noch Territorium der Vereinigten Staaten. Der entsprechende Act wurde 1863 unter Abraham Lincoln unterzeichnet, Bundesstaat wurde Arizona erst 1912. Zwischen diesen Daten liegt eine lange Zeit, in der Verwaltung, Recht und tatsächliche Sicherheit nicht dasselbe waren. Damit spielt die Geschichte etwa in der gleichen Zeit wie BIS ZUM BITTEREN ENDE, aber in einer anderen Gegend und unter anderen Rahmenbedingungen.

Für einen Western ist das Gold im Gepäck natürlich ein vertrauter Köder. Trotzdem hat es einen realen Kern. Wells Fargo ließ 1885 einen Bericht über Überfälle auf Geldtransporte erstellen. Darin wurden 347 Überfälle und versuchte Überfälle auf Schatzsendungen zwischen 1870 und 1884 erfasst, die per Postkutsche und Zug unterwegs waren. Wer also beim Lesen denkt, das sei doch alles ein bisschen viel mit Räubern, Kisten und überforderten Autoritäten, liegt nur halb richtig. Diese Welt war nicht nur Mythos. Sie war auch Logistik, Risiko und sehr viel Geld auf sehr unsicheren Wegen.

Mad Wolf gibt dem Band noch eine andere Schicht. Die Navajo konnten nach dem Vertrag von 1868 in Teile ihrer Heimat zurückkehren. Der Vertrag steht bis heute für Überleben, Rückkehr und Selbstbehauptung nach Vertreibung. Deshalb lese ich Mad Wolf nicht einfach nur als hilfreichen Mann am Rand, der er natürlich auch ist. Seine stille Gegenwart verschiebt den Boden unter dem Western. Dieser Westen gehört nicht nur denen, die mit Pferden, Banken und Gewehren kommen. Er ist auch ein verletzter Ort. Der Comic erzählt das nicht breit aus. Doch Regnault zeichnet Mad Wolf mit genügend Würde und Ruhe, dass dieser Gedanke mitschwingt.

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Drei Frauen, keine Heiligen

Was LEAVE THEM ALONE besonders macht, ist für mich weniger die Handlung als die Art, wie diese Handlung an den Figuren zieht. Marian, Elfie und Mattie könnten leicht zu klaren Rollen werden: die Alte, die Junge, die Gefallene.

Zum Glück bleibt der Comic nicht dabei stehen. Marian ist nicht nur weise. Sie ist auch streng, müde, gelegentlich ungerecht aus Sorge. Elfie ist nicht nur mutig. Sie ist ungeduldig und will zu schnell beweisen, dass sie dazugehört. Mattie ist nicht nur Opfer. Sie hat Angst, ja. Aber sie hat auch Witz, Willen und einen sehr genauen Blick für die Abgründe der Männerwelt.

Ich glaube, deshalb hat mich der Band stärker erwischt, als ich erwartet hatte. Ich musste nicht plötzlich großer Westernfan werden, nur diesen Frauen glauben. Und das tue ich. Der Comic gibt ihnen keine modernen Reden in den Mund. Er lässt sie handeln. Sie kochen, fluchen, zielen, pflegen, lügen vielleicht auch einmal aus Schutz. Sie müssen Entscheidungen treffen, die kein Mensch gern treffen möchte.

Die Schwäche liegt dort, wo der Band die Gegenseite etwas zu glatt bösartig zeichnet. Burt Bell und seine Leute sind wirksame Gefahr, aber selten mehr als Gefahr. Ich hätte gern einen Moment gehabt, in dem diese Männer durch Nähe interessanter würden. So bleiben sie vor allem Druck von außen. Allerdings passt das zur inneren Architektur des Comics. Diese Geschichte gehört nicht den Tätern, sondern den Bedrohten.

Sehr schön ist, dass Seiter den Zusammenhalt nicht romantisiert. Diese Figuren vertrauen einander nicht, weil das für eine gute Moral hübsch wäre. Sie vertrauen einander stückweise, weil jede andere Möglichkeit noch gefährlicher wäre. Das gibt dem Band eine bodenständige Wärme. Nicht die große Rede rettet hier Menschen, eher ein rechtzeitiger Blick, eine geladene Winchester oder eine Hand, die nicht loslässt.

Innenseite 09 von LEAVE THEM ALONE

Chris Regnault sieht Menschen vor Landschaft …

Chris Regnault zeichnet den Westen groß, aber nicht leer. Das ist mir wichtig. Viele Westernbilder verlieben sich so sehr in Weite, Berge und Sonnenuntergänge, dass die Figuren darin wie kleine Spielfiguren wirken. Regnault kann die Weite zeigen. Er kann Staub, Felsen, Kutschen, Pferde und Holzbauten überzeugend auf die Seite setzen. Doch sein eigentlicher Zugriff liegt in den Gesichtern.

Marian sieht bei ihm nicht einfach alt aus. Sie wirkt vom Leben benutzt. Falten, Augen, Haltung, alles erzählt von viel Arbeit. Elfie bekommt einen wachen, unruhigen Körper. Sie steht selten nur dekorativ herum. Ihr Blick springt, ihre Bewegungen haben etwas Vorwärtsdrängendes. Mattie wiederum trägt eine andere Art Erschöpfung in den Bildern. Bei ihr liegt der Schmerz nicht nur in dramatischen Momenten. Er sitzt in Schultern, Blicken, kleinen Pausen.

Innenseite 10 von LEAVE THEM ALONE

… und Landschaft mit Menschen

Mad Wolf profitiert besonders von Regnault’s Zurückhaltung. Er wird nicht mit großer Zeichenfanfare eingeführt. Regnault lässt ihn stehen, schauen, reagieren. Dadurch bekommt diese Figur eine Präsenz, die stärker ist als jede Erklärung. Lew dagegen ist bewusst näher am Mythos gebaut. Hut, Schatten, kontrollierte Bewegung. Aber auch ihn erdet Regnault durch Momente, in denen seine Pose Risse zeigt.

Die Seiten sind klar gesetzt. Ich hatte nie das Gefühl, mich durch Action kämpfen zu müssen. Das Auge findet den Weg. Nahaufnahmen bremsen das Tempo, weite Panels lassen die Gefahr heranrollen. Regnault’s Farben bleiben warm, trocken, oft staubig. Gelb, Braun, Rot und ausgeblichene Himmel legen sich über die Seiten wie Hitze. Wenn Blut ins Bild kommt, wirkt es nicht elegant. Es stört. Genau so soll es sein.

Besonders gelungen finde ich den Wechsel zwischen Alltag und Angriff. Die Station wirkt erst wie ein normaler Ort. Später wird sie zu einem Körper, der verteidigt werden muss. Türen, Fenster, Ecken, Sichtachsen. Regnault macht daraus keine technische Fingerübung. Er macht daraus Angst, die ich räumlich verstehe, da aus jedem Winkel Gefahr drohen kann. Das ist starkes Erzählen mit Bildern.

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Zwei Steckbriefe

Roger Seiter wurde 1955 in Straßburg geboren und ist von Hause aus Historiker. Bevor er sich als Szenarist einen Namen machte, arbeitete er als Conseiller principal d’éducation, also im französischen Schuldienst. Seine Comiclaufbahn begann 1989 mit APRÈS UN SI LONG HIVER, gezeichnet von Johannes Roussel. Seitdem hat Seiter ein erstaunlich breites Werk aufgebaut, mit historischen Stoffen, Abenteuercomics, Krimis, Literaturadaptionen und Serienarbeiten. Zu seinen bekannteren Arbeiten gehören FOG, H.M.S., SPECIAL BRANCH sowie mehrere Alben aus den klassischen Reihen LEFRANC und ALIX.

Auffällig ist dabei sein verlässliches Gespür für historische Schauplätze und sauber gebaute Spannungsstoffe. Seiter schreibt selten laut, eher handwerklich präzise. Er interessiert sich für Figuren, die in Drucksituationen geraten, für moralische Grauzonen und für Geschichte als lebendige Bühne. Inzwischen steht er hinter mehr als 120 Comic-Alben, die bei zahlreichen Verlagen erschienen sind.Innenseite 12 von LEAVE THEM ALONE

Chris Regnault – auch Christophe Regnault – wurde 1982 in Frankreich geboren und arbeitet als Zeichner, Kolorist, Autor und Storyboarder. Nach einer klassischen Zeichenausbildung in Lyon illustrierte er unter anderem für Rollenspiele, pädagogische Comicprojekte und Magazine aus dem Videospielbereich. Zu seinen Arbeiten zählen HISTORISCHE PERSÖNLICHKEITEN: CHURCHILL, ELISABETH I und STALIN sowie die Comicadaption von H.G. WELLS – DER UNSICHTBARE.

Regnault arbeitete außerdem an Storyboards zu historischen Comicprojekten und zeichnete zahlreiche Cover. Mit JESSE JAMES war er bereits deutlich im Western zuhause. Für LEAVE THEM ALONE bringt er diese Erfahrung sichtbar ein. Sein Blick für historische Schauplätze verbindet sich mit einem sehr lesbaren, körpernahen Stil, der Figuren nicht nur zeigt, sondern spielen lässt.

Innenseite 13 von LEAVE THEM ALONE

Fazit

LEAVE THEM ALONE ist ein harter Western, der mich mit seinem Cover angezogen und mit seinem Inhalt überzeugt hat. Er hat mich über Marian, Elfie und Mattie bekommen. Über drei Frauen, die nicht auf Rettung warten können, über Mad Wolf, der viel sagt, auch wenn er dazu wenig Worte braucht und über Lew, der aus einem bekannten Typus kommt und trotzdem genug im Schatten behält. Und über eine Poststation, die erst Zuflucht ist und dann zur letzten Linie wird.

Mit LEAVE THEM ALONE sind vor allem die Frauen des Albums gemeint. Der Western spielt in einem gesetzlosen amerikanischen Westen, in dem Reisende, Migranten und besonders Frauen leichte Beute für Banditen, Plünderer und Gewaltmenschen sind. Der Titel ist also weniger eine höfliche Bitte als eine Warnung. So etwas wie: „Lasst diese Frauen in Ruhe – oder tragt die Folgen.“ Darin steckt der klassische Western-Satz vor dem Showdown. Nur wird er hier verschoben: Nicht der große männliche Retter steht im Zentrum, sondern die Frage, was Frauen in einer Welt tun müssen, in der Recht, Schutz und Anstand gerade nicht verlässlich vorhanden sind.

Der Band ist hart in dem, was und wie er es erzählt. Gelegentlich ist er auch grob in der Zeichnung seiner Schurken. Doch sein Herz schlägt an der richtigen Stelle. Roger Seiter erzählt sauber und mit Gefühl für Druck. Chris Regnault gibt den Figuren Gewicht, Blick und Staub auf der Haut. Für mich ist das ein Western für Leserinnen und Leser, die nicht zwingend Western suchen, sondern gute Figuren in einer schlechten Welt. Genau davon hat dieser Comic erfreulich viel.

 

Cover von LEAVE THEM ALONE

 

  • LEAVE THEM ALONE
  • Roger Seiter und Chris Regnault
  • Hardcover | 160 Seiten | Farbe | Bookformat
  • ISBN 978-3-96792-139-7
  • Storyline:  ★★★★☆
  • Zeichnungen: ★★★★☆
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★★★☆
  • Humor: ★☆☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
  • © Splitter Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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