Plakat zu ENTEN, DIE SICH IN RAKETEN RETTEN

FLORIAN SATZINGER – Enten, Federn, Düsen(an)trieb

Florian Satzinger inspiriert mich seit Jahren. Das klingt erst einmal groß, fast zu groß für einen Künstler, dessen Werk oft mit Schnäbeln, Matrosenmützen, Raketen und Cartoon-Augen loslegt. Doch genau darin liegt für mich der Reiz.

Bei ihm beginnt der Witz nie beim Gag allein. Er beginnt bei der Form. Eine Figur kippt den Kopf, der Schnabel zieht nach vorn, die Beine stehen ein wenig zu dünn in der Welt und schon ist da eine Persönlichkeit. Ich sehe bei seinen Arbeiten nicht einfach Enten. Ich sehe kleine Schauspieler, die mit jedem Federbüschel übertreiben dürfen und trotzdem erstaunlich glaubwürdig bleiben. Das ist eine seltene Gabe.

Graz, Vancouver und der lange Schatten der Trickfilmmeister

Der Weg von Florian Satzinger führt von Graz weit hinein in die internationale Animationswelt. Er arbeitete zunächst als Illustrator, studierte später Cartoon-Film in Vancouver und wurde dort von Ken Southworth geprägt, einem Animator mit Stationen bei Disney, MGM und Hanna-Barbera. Dazu kamen Studien und Einflüsse aus London, aus der klassischen Malerei, aus europäischem Comic und Trickfilm.

Diese Mischung erklärt viel. Sie erklärt aber nicht alles. Denn entscheidend ist, was Satzinger daraus macht. Er übernimmt keine Nostalgie als fertiges Rezept. Er nimmt das elastische Denken des alten Zeichentricks und zieht es in eine Gegenwart, in der Figuren wieder mehr sein dürfen als saubere Markenbilder. Sie dürfen kratzen, schielen, schwitzen, knurren und herrlich beleidigt aussehen.

 

Beispielbild 05 von FLORIAN SATZINGER
© Florian Satzinger

Enten mit Innenleben

Bei DONALD DUCK, MICKEY MOUSE, LOONEY TUNES, PINKY AND THE BRAIN oder SCOOBY-DOO arbeitet Satzinger an Figuren, die längst im kollektiven Gedächtnis sitzen. Gerade deshalb ist seine Arbeit interessant. Er muss nicht nur erkennen, wie eine Figur aussieht. Er muss erkennen, wann sie atmet. Ein kleiner Knick in der Augenbraue, eine Drehung des Schnabels, ein zu großer Hut oder eine absurde Handhaltung reichen und ein bekanntes Gesicht wirkt plötzlich wieder wach.

Daneben stehen seine eigenen Welten. DUCKLAND, DUCK AWESOME, TOBY SKYBUCKLE und JOHN STARDUCK sind keine bloßen Fingerübungen in Entenform. Sie wirken wie Versuche, den alten Cartoonkörper noch einmal loszuschicken. Diesmal in Richtung Abenteuer, Weltraum, Satire und ganz persönlicher Zeichenlust.

 

Beispielbild 01 von FLORIAN SATZINGER
© Florian Satzinger

Linien, die schon laufen

Zeichnerisch lebt diese Kunst vom Schwung. Satzinger zeichnet nicht erst eine Figur und setzt sie dann in Bewegung. Die Bewegung steckt bereits in der Linie. Die Körper wirken gebaut, nicht flach auf die Seite gelegt. Schnäbel haben Gewicht. Füße setzen auf. Augen liegen tief genug im Kopf, um Mimik zu tragen. Seine Skizzen zeigen oft den schönsten Moment vor der endgültigen Glättung. Da ist noch Suche drin, noch Kratzigkeit, noch Atem. Genau das macht sie so lesbar.

Ich kann der Figur folgen, bevor sie überhaupt handelt. Räume entstehen bei ihm selten als nüchterne Kulisse. Sie schieben, drücken und biegen sich um die Figur. In DUCKLAND kann ein Stapel Papier zur Bühne werden. In JOHN STARDUCK wird die Rakete nicht nur Fahrzeug, sondern Weggefährte. Der Seitenaufbau, soweit die Arbeiten als Comic oder Storyboard sichtbar werden, bleibt vom Animationsdenken geprägt. Er führt den Blick klar durch Pose, Blickrichtung und Rhythmus. Große Gesten wechseln mit kleinen Pausen. Das gibt den Bildern Tempo, ohne sie hektisch zu machen.

Beispielbild 02 von FLORIAN SATZINGER
© Florian Satzinger

Farbe mit Biss

Auch die Farben erzählen mit. Satzinger setzt gern auf klare, kräftige Akzente. Gelb, Blau, Rot und Orange stehen oft so deutlich im Bild, dass sie sofort den Ton setzen. Das kann nach klassischem Kinderzimmer klingen, wirkt aber selten harmlos. Das Blau einer übergroßen Matrosenmütze kann fast absurd leuchten. Ein gelber Schnabel zieht den Blick wie ein Ausrufezeichen. Rote Details bringen Unruhe hinein.

Um diese Farbtupfer herum lässt er viel Skizzenhaftes stehen. Grau, Braun und gebrochenes Weiß halten die Figuren erdig. So entsteht ein schöner Zug zwischen Zucker und Ruß. Die Bilder dürfen knallen, verlieren aber ihre Kanten nicht. Gerade das passt zu seinen Enten. Sie sind niedlich genug, um Vertrauen zu wecken und schräg genug, um dieses Vertrauen sofort ein wenig zu stören.

Beispielbild 04 von FLORIAN SATZINGER
© Florian Satzinger

Ausstellungen, Preise und der Sprung nach Erlangen

Ausstellung Florian Satzinger
Florian Satzinger (3. v. rechts) © Erich Malter

2009 erhielt Florian Satzinger in Florenz den Nemoland Award für Character Design, 2023 den Erich Sokol Preis in Österreich. 2024 gestaltete er als erster nicht italienischer Zeichner eine Titelillustration für das italienische MICKEY MOUSE Magazin TOPOLINO.

Beim 22. Internationalen Comic-Salon Erlangen rückte nun die Ausstellung ENTEN, DIE SICH IN RAKETEN RETTEN den Arbeitsprozess, die Einflüsse, frühere Arbeiten und aktuelle Projekte in den Mittelpunkt. Sie läuft vom 4. Juni bis zum 26. Juli 2026 im Aktions- und Schauraum des Comicmuseum Erlangen.

Dazu passen die aktuellen Ausblicke auf das Computerspiel JOHN STARDUCK und auf PARSIFAL MURRAY, das Buchprojekt mit Kyle Allen. Ich mag an diesem Ausstellungstitel besonders, dass er Satzinger’s Welt sehr genau trifft. Diese Enten retten sich nicht aus der Absurdität. Sie retten sich mitten hinein.

Wo die Skizze stärker ist als die fertige Welt

Bei aller Bewunderung bleibt für mich eine kleine Reibung. Satzinger’s Kunst ist oft so stark im Entwurf, dass die fertige Erzählung erst einmal Schritt halten muss. Die Skizze verspricht sofort Bewegung, Charakter und eine ganze Welt. Ein abgeschlossenes Album oder ein längerer Comic müsste diese Energie über viele Seiten tragen. Das ist die hohe Messlatte, die seine besten Bilder selbst aufstellen.

Wenn eine Arbeit schwächer wirkt, dann nicht wegen mangelnder Form. Eher, weil das Erzählen hinter der unbändigen Lust am Charakter-Design zurücksteht. Doch selbst diese Schwäche hat etwas Sympathisches. Sie zeigt, wie sehr alles bei ihm aus dem Zeichnen kommt, aus dem Probieren und aus dem Drang, eine Figur so lange zu drehen, bis sie „Aua“ schreit..

Beispielbild 03 von FLORIAN SATZINGER
© Florian Satzinger

Ein Werk mit Federn, Zähnen und Schwung

Florian Satzinger ist kein Zeichner, den ich nur mit dem Kopf anschaue. Ich reagiere sofort emotional auf diese Linien. Ich spüre den Schwung aus dem Handgelenk, die Übertreibung im Gesicht, den kleinen Krach im Bild. Seine Arbeit erinnert daran, dass Comics und Animation eng verwandt sind, ohne gleich dasselbe zu sein. Er bringt den Cartoon zurück an den Punkt, an dem jede Figur zuerst eine Haltung ist. Dann erst kommt die Geschichte.

Vielleicht begeistert mich das seit Jahren so sehr, weil seine Zeichnungen nie behaupten, fertig aus dem Nichts zu kommen. Sie zeigen ihre Suche sie zeigen die Lust am Machen. Und sie zeigen, dass eine Ente manchmal völlig reicht, um eine ganze Welt in Bewegung zu setzen.

Wer mehr von ihm sehen möchte, kann dies auf seinem Blog PAPERWALKER tun. Und ja, dass ich meinen Comic-Blog „Panelwalker“ getauft habe, kam nicht von ungefähr und ist von Satzinger inspiriert. Danke, Florian, für jede Ente, die Du uns geschenkt hast.

 

P.S. Die Bilder für diesen Beitrag wurden der Website https://canvas.nma.art/2020/10/28/florian-satzinger-of-mice-and-ducks/ entnommen.

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