Cover von DIGGER

DIGGER geht – Flucht aus dem inneren Gefängnis

Ralf Marczinczik – der als Ramar zeichnet – ist wahrlich kein Neuling in der Comic-Szene, auch wenn diese Graphic Novel 2024 als sein Debüt erschien. Geboren 1966 in Wattenscheid, arbeitet er seit 1990er Jahren als Illustrator, Designer, Art Director und Comiczeichner. Viele kennen seine Handschrift, einige wohl aber eher indirekt. Er war im Game-Bereich an bekannten Stoffen wie MOORHUHN, GOTHIC, RISEN, DIE SIEDLER und SVEN BØMWØLLEN beteiligt. Dazu kommen Illustrationen, Cover-Arbeiten, Cartoons, Kurzcomics und Veröffentlichungen in Magazinen wie U-COMIX oder COMIXENE.

Ganz wichtig ist auch sein Platz in der Comic-Szene selbst. Marczinczik ist eng mit dem Internationalen Comic-Seminar Erlangen verbunden, der Künstlerinnen und Künstlern Raum für gegenseitigen Austausch und Weiterbildung bietet. Er hat dort seit 2019 eine zentrale, organisatorische Rolle. Somit kennt er also nicht nur das Zeichnen selbst, sondern auch das Ringen um gute Geschichten, liebenswerte Figuren und Spannungsbögen. Genau dies, die Vielschichtigkeit seiner Erfahrungen, merke ich seinem Buch an.

DIGGER wirkt auf mich nicht wie eine hübsche Idee, die schnell mal auf Album-Länge aufgeplustert wurde. Es erscheint wie ein Fundstück, das lange im Hinterkopf aufbewahrt und dann herausgeholt wurde. Dann wurde gegraben, gesiebt, verdichtet. Am Ende blieb eine Gefängnisgeschichte, die auch vom Eingesperrtsein handelt. Auch, denn eigentlich geht es darum, was Isolation mit Dir macht und was es braucht, um wahre Veränderungen unter den widrigsten Umständen anzugehen.

Innenseite 07 von DIGGER

Besuchszeit in Erlangen

Ich wollte diesen Comic schon länger lesen. Die erste Auflage war jedoch sehr schnell weg und bei Comics löst so etwas bei mir eine kindische, aber ehrliche Reaktion aus. Plötzlich steht das Buch innerlich ganz vorne im Regal, obwohl es dort eben noch nicht steht. Gibt es so etwas wie einen negativen Pile-of-Shame? Auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen habe ich meine Ausgabe dann direkt vom Ralf bekommen, inklusive einer kleinen, feinen Illustration. Das war ein schöner, persönlicher Moment. Nicht wichtig für die Bewertung, aber wichtig für die erste Berührung mit dem Buch.

Geschehnisse hinter dicken Wänden

DIGGER begrüßt mich nicht mit einem Spektakel. Kein Knast-Drama mit Eisen stemmenden Muskelprotzen, keine harte Milieu-Parade, kein Ausbruchsthriller, der schon auf Seite drei den Löffel an der Wand wetzt. Marczinczik setzt seinen schweren, runden, melancholischen Helden in ein Gefängnis an der Küste und lässt ihn tatsächlich erst einmal – „sitzen“.

Das klingt erst einmal schlicht, ist andererseits aber ziemlich raffiniert. Denn DIGGER sitzt nicht nur seine Strafe ab. Er hat sich in ihr eingerichtet, glaubt, dorthin zu gehören in dieses Gefängnis. Und genau da beginnt der Schmerz dieses Comics. Nicht bei den Gittern, sondern bei der Zustimmung des Gefangenen zu diesen Gittern.

Innenseite 08 von DIGGER

Einschluss am Meer

DIGGER kommt in ein Gefängnis, das zugleich konkret und märchenhaft wirkt, THE GREEN MILE trifft hier auf das Château d’If aus Alexandre Dumas‘ DER GRAF VON MONTE CHRISTO: ein Riese, eine Insel am Meer, der ferne Himmel, Zellen und ihre Routinen. Alles hat seinen Platz. DIGGER auch.

Er ist groß, massig, kräftig und auffällig. Trotzdem sucht er keine Aufmerksamkeit. Er rebelliert nicht, er beteuert nie seine Unschuld und er macht, was von ihm verlangt wird. DIGGER fügt sich in seinen Alltag, der mit der Struktur aus Arbeit, Zelle, Essen und Schlaf beinahe beruhigend gleichförmig ist. Dazwischen ein paar Blicke nach draußen. Aber diese Ruhe ist keine echte Ruhe, sondern vielmehr ein Deckel auf dem Topf.

Marczinczik erzählt diesen Anfang mit erstaunlicher Geduld. Ich lerne DIGGER – dessen bürgerlichen Namen wir nie erfahren – nicht über seine Tat kennen, sondern über sein Verhalten. Seine unbekannte Vergangenheit baumelt mir nicht als Köder vor meiner Nase herum. Aber sie bleibt ein Gewicht, das DIGGER mit sich herumträgt. Der Comic muss mir nicht erklären, was genau geschehen ist, damit ich seine Schuld spüre. Zugleich verweigert dieser Kniff mir aber den bequemen Weg, die Figur einfach in eine Schublade zu schieben. Gut so! Denn DIGGER ist kein unschuldiges Herzchen im falschen System, aber auch kein Monster. Er ist ein Mensch, der sich selbst auf ein Urteil reduziert hat.

Innenseite 09 von DIGGER

Ein Kumpel hinter der Wand

In dieser engen Ordnung bekommt DIGGER Kontakt zu Manolo, genannt Manny. Diese Freundschaft ist einer der schönsten Züge des Buches. Sie entsteht nicht als große Bühne. Sie wächst eher wie etwas, das zwischen zwei Steinen einen Spalt findet. Manny ist lebendiger, wacher, vielleicht auch lockerer. Er bringt etwas in DIGGER’s Welt, das dort nicht mehr vorgesehen ist: Austausch, Wärme, Neugier und ein Gegenüber.

Dann wird DIGGER in der Dusche angegriffen – ja, ein Knast-Cliché! – und landet verletzt in der Krankenstation. Danach fehlt ihm etwas, das für ihn kostbarer ist als jeder Besitz. Sein Geheimnis ist verschwunden. An dieser Stelle könnte die Geschichte dann doch leicht in eine simple Rache-Geschichte kippen. Tut sie aber nicht.

Marczinczik interessiert sich stärker für die Wunde unter der Wunde. DIGGER verliert nicht nur einen Gegenstand und damit ein verborgenes Stück seiner Innenwelt. Er verliert neben dem Selbstwertgefühl auch die kleine Ordnung, die ihn hier noch zusammengehalten hat.

Manny wird nun wichtiger. Nicht als Retter, sondern als jemand, der eine Entscheidung trifft. Eine Freundschaft beweist sich hier nicht durch große Worte. Sie zeigt sich in einem Risiko, das eingegangen wird. Damit setzt das Buch seine eigentliche Energie frei. Die Handlung wird letztendlich zwar zur Fluchtgeschichte, doch der spannendste Ausbruch ist nicht der aus dem Gefängnis, sondern der aus DIGGER’s eigener Erstarrung. Alles braucht Zeit und hier hat alles und jeder Zeit, ganz besonders hier.

Innenseite 10 von DIGGER

Tunnelplan für die Seele

Die Stärke von DIGGER liegt darin, dass Marczinczik seine Bilder sehr ernst nimmt, ohne das der Comic schwerfällig wird. Der Titel spielt mit mehreren Ebenen. DIGGER gräbt, DIGGER sucht, DIGGER wird vielleicht selbst zu dem, was ihn aus seiner Lage befreit.

Ein Lockdown als Prämisse passt zu diesem Stoff, weil Marczinczik die Erfahrung von Enge nicht platt überträgt. Er schreibt keinen Corona-Comic! Aber er nimmt dieses Gefühl ernst. Jenes Gefühl, dass ich beim Lesen sofort wiedererkenne. Die Tage werden … waren gleich. Der Blick ging zum Fenster und die Zeit bekam ein seltsames Gewicht. Im Gefängnis wird daraus eine Fabel über Einsamkeit, Schuld und die Frage, ob ein Mensch sich selbst wieder erlauben darf, nach draußen zu wollen.

Manche Zeichen sind sehr deutlich platziert. Die wenigen Farbtupfer sind blau wie der freie Himmel. Marczinczik vertraut hier manchmal mehr auf einfache, aber klare Symbolik als auf Zwischentöne. Das kann einen Moment lang sehr geradeaus wirken, doch ich nehme es diesem Comic nicht übel. Seine Welt ist bewusst schlicht gebaut. Sie braucht keine Tarnkappe aus Raffinesse. Sie will das Herz nicht überlisten, sie klopft an und wartet dann.

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Gitterstäbe aus Tusche

Visuell ist das Buch viel sicherer, als sein leiser Ton zunächst erwarten lässt. DIGGER ist eine wunderbare Comicfigur. Sein Körper ist beinahe eine eigene Landschaft. Groß, rund, schwer, mit einer Silhouette, die ihre Umgebung sofort einnimmt.

Marczinczik nutzt diese Form aber nicht nur für Niedlichkeit. DIGGER kann bedrohlich wirken, gleichzeitig hilflos, stur, verletzt, manchmal sogar ein wenig komisch. Seine Masse erzählt jedoch immer mit. In engen Räumen wirkt er zu groß für diese Welt, während er stillen Momenten wirkt, als würde er unter sich selbst verschwinden.

Die Mimik ist sparsam, aber präzise. Oft reicht ein Blick. Ein gesenkter Kopf sagt mehr als eine Seite voll narrativer Selbstanklage. Auch Manny lebt durch kleine Haltungen. Marczinczik zeichnet keine ausufernden Charakter-Posen. Er setzt stattdessen auf klare, einfache Körpersprache. Das hilft der Lesbarkeit enorm. Die Seiten sind übersichtlich, der Rhythmus ist ruhig, oft fast in kleinen Portionen erzählt. Der Ursprung als Webcomic ist spürbar. Viele Sequenzen haben etwas Episodisches. Auch im Buchformat funktioniert das überraschend gut, weil es zum Gefängnisalltag passt. Jeder Abschnitt ist wie ein weiterer Strich an der Wand.

Besonders stark wird Marczinczik, wenn er Enge und Weite gegeneinander setzt. Innenräume sind knapp, funktional und gedrückt. Der Blick nach draußen hat dagegen Leichtigkeit. Fenster, Himmel, Meer und Vögel sind keine reine Dekoration. Sie sind die Stellen, an denen das Buch wahrnehmbar durchatmet. Ich habe beim Lesen oft gemerkt, wie sehr die Seitengestaltung mein Tempo lenkt. Nicht durch Tricks, vielmehr durch diese öffnenden Pausen.

Innenseite 12 von DIGGER

Blau unter der Pritsche

Die Farbe ist in DIGGER kein hübsches Extra, sondern Teil der Erzählung. Anfangs herrscht ein strenges Schwarz-Grau-Weiß. Dieses Grau liegt über den Seiten wie Staub. Das Gefängnis wirkt dadurch nicht schmutzig im realistischen Sinn, aber abgenutzt, verbraucht. Die Welt ist nicht finster, sie ist leer und ausgewaschen, allen Ablenkungen entblößt. Das passt zu DIGGER. Er hat sein Leben auf wenige erlaubte Regungen reduziert. Schönheit gestattet er sich nicht (mehr).

Dann kommt das Blau. Erst klein, dann deutlicher. Es ist kein Zufall, dass diese Farbe mit Blicken, Sehnsucht und einem Stück Fürsorge verbunden ist. Blau macht diese Welt freier. Nicht sofort, aber es zeigt, dass in dieser Welt noch etwas anderes existiert als Strafe und Gewohnheit.

Später öffnet sich die Farbigkeit weiter. Das ist nicht subtil bis zur Unsichtbarkeit, aber wirksam. Ich mochte gerade diese langsame Veränderung. Der Comic wird nicht bunt, weil die Geschichte plötzlich leichter wäre. Er wird farbiger, weil DIGGER wieder mehr wahrnehmen kann.

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Fazit

DIGGER ist ein kleiner Comic mit großem Atem. Er erzählt von Schuld, von Freundschaft und Freiheit. DIGGER hat Humor, aber versprüht keinen Klamauk. Er hat Gefühl, er hat eine Symbolik, die manchmal sehr klar vor mir liegt und eine Wärme, die das Bleiben an diesem Ort erträglich macht.

Für mich ist dies ein Buch, das vor allem in seinen stillen Passagen gewinnt. Es schreit nicht nach Bedeutung. Es sitzt erst einmal neben mir auf der Pritsche, dann zeigt es auf das Fenster. Und irgendwann merke ich, dass ich in Gedanken längst mitgegrabe.

Der Interessenverband Comic e.V. (ICOM) hat Ralf Marczinczik / DIGGER den Independent Comic Preis 2024 in der Kategorie Bester Independent Comic (Selbstveröffentlichung) für seine meisterhafte Verbindung von Kunst und Menschlichkeit verliehen. Häufig lassen mich Jury-Entscheidungen etwas ratlos zurück. In diesem Fall jedoch haben die Juroren alle richtig gemacht. Ja, es hat sich für mich gelohnt, auf diesen Comic zu warten…

 

Cover von DIGGER

  • DIGGER
  • Ralf Marczinczik
  • Hardcover | 190 Seiten | Schwarz-Weiss (und Blau)
  • ISBN 978-3-96430-320-2
  • Storyline:  ★★★★★
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★☆☆☆
  • Lettering: ★★★★★
  • Humor: ★★☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
  • © Kult Comics
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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