Cover von RUMMELSDORF 4 DIE DUNKLEN JAHRE

RUMMELSDORF 4 – Der Moment, in dem ein Pilz unheimlich wird

Der Graf von Rummelsdorf war für mich immer einer dieser wunderbaren Nebenfiguren, die ein ganzes Universum größer machen. Auf der einen Seite ein wenig kauzig, auf der anderen – auf seine Weise – ziemlich genial, mit diesem alten frankobelgischen Vertrauen darauf, dass Wissenschaft auch ein Abenteuer sein kann. Und dann kippen Bertrand Escaich und Caroline Roque (Beka) In SPIROU PRÄSENTIERT 7: RUMMELSDORF 4 – DIE DUNKLEN JAHRE genau dieses Vertrauen in Zweifel, denn aus dem Pilzforscher wird ein Mann, der vor dem größten Pilz der Moderne gegenüberstehen wird: dem Atompilz.

Bereits das Cover ist ein starkes Bild. Es ist sogar so stark, dass Beka und David Etien es nicht auswalzen müssen. Als Leser weiß ich sofort weiß, was auf dem Spiel steht. Der Band erzählt uns seine Geschichte in gewohnt ruhiger Weise, dafür aber mit einem dicken Kloß im Hals. Und das passt sehr gut zu diesem Grafen, der äußerlich noch immer die Haltung wahrt, während er innerlich aber längst nicht mehr so aufrecht steht, wie sein Schnurrbart glauben machen möchte.

Innenseite 3 von RUMMELSDORF 4 DIE DUNKLEN JAHRE

Zwischen Spirou, Krieg und echter Geschichte

Pankratius Hieronymus Ladislaus Adalbert Graf von Rummelsdorf ist in der Welt von SPIROU UND FANTASIO kein Unbekannter – im Gegenteil. Er gehört zu jenen Figuren, die unter Franquin ihren festen Platz im großen Spirou-Kosmos bekommen haben. Beka und Etien holen ihn in ihrer eigenen Serie aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht. Sie erzählen von einem jüngeren Grafen, der nicht nur Pilze wie Erfahrungen sammelt und ganz nebenbei Erfindungen baut, sondern der auch mit brennenden Fragen durch prägende Episoden des 20. Jahrhunderts stolpert. Oder besser noch, durch sie hindurch muss.

Schon bei RUMMELSDORF ENIGMA hat mich an diesem Kreativteam überzeugt, wie selbstverständlich es historische Stoffe mit klassischem Abenteuer verbindet. Der erste Band führte nach Bletchley Park und zur Entschlüsselung der Enigma-Codes. Das zweite Album griff die Kriegsjahre und medizinisch militärische Abgründe auf. Der dritte sprang in die Nachkriegszeit und zur Forschung rund um die Antibabypille. Der aktuelle Band geht nun wieder einen Schritt zurück nach Princeton und Los Alamos, also mitten hinein in das Manhattan Projekt.

Der Atompilz

Historisch ist das ein heikler Ort. In Los Alamos wurde ab 1943 unter Leitung von Julius Robert Oppenheimer an der Atombombe gearbeitet. Die Angst vor einem deutschen Vorsprung in der Kernforschung trieb das Projekt voran. Gleichzeitig wuchs in den USA das Misstrauen gegenüber linken Wissenschaftlern, kommunistischen Sympathisanten und die Angst vor möglicher Spionage.

Dies war keine bloß Paranoia. Die Sowjetunion versuchte tatsächlich, Informationen aus dem Atomprogramm zu gewinnen. Aber daraus entstand auch ein Klima der Verdächtigung, das viele Biografien nachhaltig beschädigte. Genau in diesen Riss setzt der Comic seinen Grafen. Er ist Wissenschaftler, Europäer, Humanist und plötzlich ein kleines Werkzeug in einer sehr großen Maschine.

Innenseite 4 von RUMMELSDORF 4 DIE DUNKLEN JAHRE

Misstrauen allerorten

Die Handlung beginnt nicht mit einer Explosion. Sie beginnt leise. RUMMELSDORF ist in Princeton und steht unter Druck, denn das FBI hat ihn eingespannt. Er soll Kollegen beobachten, politische Neigungen melden und besonders auf kommunistische Umtriebe achten. Für den Grafen fühlt sich das falsch an und das nicht nur ein bisschen. Es nagt an ihm. Er spioniert schlecht, weil sein Gewissen besser funktioniert als sein Auftrag.

Und direkt an dieser Stelle habe ich einen Kritikpunkt. In den bisherigen Bänden war der Graf immer ein aufrechter Kämpfer für das Gute mit funktionierendem, moralischem Kompass. Wie – um Himmels Willen – hat das FBI diesen Mann dazu gebracht, für das Bureau zu spionieren? Dies wird einfach nicht deutlich.

Der Mann, der mit einem Geist Tee trinkt

Dazu kommt Blair MacKenzie, RUMMELSDORF’s Freundin und großer Liebe seit Band eins, die unter tragischen Umständen verstorben ist. Hier ist sie nicht einfach nur eine Erinnerung, nicht bloß ein romantischer Nachhall aus den vorherigen Bänden. Sie ist als der Verlust anwesend, der den Grafen immer noch umgibt. Rummelsdorf redet mit ihr, als sei sie noch da. An dieser Stelle beginnt seine Verschrobenheit, die von anderen bereits wahrgenommen wird.

Der Comic macht daraus keine billige Gespensternummer. Er zeigt Trauer als Alltag, als Gespräch, als zweite Tasse Tee, die aber niemand trinkt. Oder auch als Frage, die nicht aufhört: Warum blickte Orpheus in der griechischen Mythologie zurück und konnte seine Eurydike nicht aus dem Totenreich befreien?

Albert Einstein taucht als ruhender, kluger Pol auf. Er bringt keine Heldengeschichte mit, eher eine Müdigkeit gegenüber der eigenen Zeit. Er ist derjenige, den RUMMELSDORF ausspionieren soll.

Zugleich verschwinden Wissenschaftler aus Princeton. Köpfe werden abgezogen, ohne dass offen gesagt wird, wohin. RUMMELSDORF versteht genug, um beunruhigt zu sein. Und J. Edgar Hoover versteht genug, um ihn stärker einzubinden. So landet der Graf dort, wo aus der Theorie in den Köpfen der verschwunden Wissenschaftler endgültig Weltgeschichte werden soll – in Los Alamos!

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Los Alamos und die Hölle mit Zugangsausweis

In Los Alamos schließlich verändert der Band seinen Rhythmus. Princeton wirkt noch wie ein der ruhige Campus mit Freiheiten. Los Alamos hingegen ist ein Lager aus Baracken, Staub, Wachposten und Geheimnissen. Etien zeichnet diesen Ort nicht als reine Kulisse. Ich spüre die Enge trotz der weiten Landschaft. Der Himmel ist groß, aber die Menschen darunter wirken eingesperrt.

RUMMELSDORF begegnet J. Robert Oppenheimer, aber der Band macht diesen nicht zur Hauptattraktion. Das gefällt mir. Oppenheimer ist wichtig, natürlich, doch die Geschichte interessiert sich stärker für den Blick des Grafen und für Richard Feynman.

Feynman bringt Bewegung und eine gewisse Anarchie in die Erzählung. Er ist brillant, verspielt, neugierig, manchmal fast zu lebendig für diesen Ort. Mit ihm kommt ein anderer Ton in die Geschichte. Nicht leichter im Sinn von harmloser, eher im Sinn von heller. Und gerade dadurch werden aber die Schatten dunkler.

Beka nutzten die wissenschaftlichen Erklärungen geschickt. Ich hatte nie das Gefühl, eine Unterrichtslektion zu Atomphysik zu bekommen. Und doch lerne ich viel über Kettenreaktionen, Uran-Anreicherungen oder Berechnungen. Wenn hierüber gesprochen wird, bleibt die Szene in Bewegung. Figuren stehen nicht einfach herum, um Wissen abzuladen. Sie denken, zweifeln, scherzen – und schweigen. Die Bombe entsteht nicht als abstraktes Objekt. Sie entsteht aus Arbeitstischen, Rechengeräten, Wachsamkeit und müden Gesichtern.

Der Comic verrät genug, um die moralische Richtung klarzumachen. Er muss nicht jeden historischen Schritt dezidiert nacherzählen. Ich weiß als Leser, wohin diese Arbeit führt. Gerade deshalb liegt über vielen Szenen eine beklemmende Vorahnung. Die Figuren sind in ihrer Welt noch vor dem 06. August 1945, ich lese den Comic danach. Und das Besondere: das Rezensionsexemplar liegt an dem Tag in meinem Briefkasten, an dem ich im Friedensgedächtnismuseum Hiroshima vor den Auswirkungen der ersten Bombe gestanden habe. Diese Nähe tut weh.

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Abenteuer mit Gewissen und sehr schönen Schatten

RUMMELSDORF 4 – DIE DUNKLEN JAHRE ist am stärksten, wenn der Band seine Gegensätze aushält. Er bleibt ein klassisches, frankobelgisches Abenteuer. Ich finde Tempo, pointierte Figuren, Spionage und geheime Anlagen. Zugleich trägt er jedoch eine Trauer in sich, die für diese Reihe inzwischen fast zum inneren Motor geworden ist.

David Etien ist dabei enorm wichtig. Seine Zeichnungen haben diese klare, erzählerische Eleganz, die ich an frankobelgischen Alben liebe. Seine Figuren sind lesbar, seine Räume sauber gebaut. Der Graf muss gar nicht viel sagen. Augen, Schultern, Haltung und Bildausschnitt erzählen genug. Besonders schön finde ich, wie Etien RUMMELSDORF nicht als Karikatur seiner selbst behandelt. Der Schnurrbart bleibt, die Kauzigkeit auch. Doch darunter findet sich ein Mann, der sich selbst kaum noch erträgt.

Die Farben arbeiten unaufdringlich, aber wirksam. Princeton hat kühlere, gedämpfte Töne. Los Alamos bekommt staubige Wärme, die nicht gemütlich wirkt. Wenn das Orange der atomaren Bilder aufblitzt, wirkt es nicht triumphal. Im Gegenteil: es brennt. Das Cover bereitet diesen Eindruck schon vor. Der Graf vor dem atomaren Glühen, die Brille als Spiegel, das Gesicht zur Maske erstarrt. Da ist kein Gewinnerlächeln, da ist ein Blick der versteht, das etwas zu groß geworden ist.

Auch der Seitenrhythmus überzeugt. Etien lässt Gespräche atmen und zieht dann an, wenn Bewegung gebraucht wird. Kleine Panels fangen Blicke und Reaktionen ein. Größere Bilder öffnen die Landschaft oder die historische Wucht. Der Band ist mit 56 Seiten knapp, verdichtet, aber nie hastig.

Wo es ein wenig knirscht

Ganz frei von Schwächen ist der Comic nicht. Einige historische Namen rauschen kurz vorbei. Wer mit dem Manhattan Projekt wenig verbindet, wird hier und da eher den Klang großer Geschichte spüren als jede Figur wirklich zu greifen. Auch der Spagat zwischen Abenteuer, Trauerarbeit, Spionage und Wissenschaft ist ehrgeizig. Nicht jede Nebenfigur bekommt den Raum, den sie verdient hätte.

Trotzdem stört mich das weniger, als ich erwartet hätte. Der Band will keine komplette Geschichte der Atombombe erzählen. Er schlägt eine persönliche Bresche durch ein übermächtiges Thema. Dafür ist der persönliche Blick des Grafen genau richtig. Er ist klug genug, um zu verstehen und empfindsam genug, um darunter zu leiden.

Innenseite 7 von RUMMELSDORF 4 DIE DUNKLEN JAHRE

Eine Reihe, die erwachsen bleibt

Im Kontext der RUMMELSDORF-Reihe wirkt dieser vierte Band wie eine düstere Zuspitzung. RUMMELSDORF ENIGMA hatte noch stärker den Reiz eines klugen Spionageabenteuers. DER PATIENT A ging tiefer in die Kriegsverbrechen und Körperpolitik der Weltkriegszeit. EINE HANDVOLL KOHLENSTOFFATOME öffnete den Blick auf Medizin, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Veränderung. Nun steht die Wissenschaft selbst vor Gericht, ohne dass Beka daraus eine simple Anklage machen.

SPIROU PRÄSENTIERT besitzt mit RUMMELSDORF eine Reihe, die ihre Formel gefunden hat. Eine historische Erfindung, ein berühmter Schauplatz und ein Graf, der mehr erlebt, als ihm guttut. Das könnte mechanisch werden, bleibt aber lebendig, weil die emotionale Linie stimmt und die Autoren ihre Leser ernst nehmen.

Fazit

SPIROU PRÄSENTIERT 7: RUMMELSDORF 4 – DIE DUNKLEN JAHRE ist ein schöner, trauriger und erstaunlich ernster Abenteuercomic. Beka und David Etien verbinden Spirou-Tradition mit Zeitgeschichte, ohne den Charme der Figur zu opfern.

Der Band hat Witz, aber keinen Leichtsinn. Er hat Tempo, aber keine Flucht vor der Moral. Für mich ist das ein weiteres, starkes Kapitel dieser Reihe. Nicht makellos, aber warm, klug und lange nachglühend. Eine ganz klare Empfehlung.

P.S. Und warum Orpheus in der griechischen Mythologie zurückblickte – ja, auch diese Frage wird letztendlich beantwortet!

 

Cover von RUMMELSDORF 4 DIE DUNKLEN JAHRE

  • SPIROU PRÄSENTIERT 7: RUMMELSDORF 4
  • Beka und David Etien
  • Softcover | 56 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-551-80750-2
  • Storyline:  ★★★★★
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★★★☆
  • Humor: ★★☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
  • © Carlsen Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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