Fabeln haben immer schon einen gewissen Reiz auf mich ausgeübt. Das SCHLOSS DER TIERE macht da keine Ausnahme, auch wenn diese Geschichte keine Fabel im klassischen Sinne ist, da wir eine Vielzahl von Tieren kennen lernen und die erzählte Geschichte nicht gerade kurz ist.
Ich schlage also SCHLOSS DER TIERE 4: DAS BLUT DES KÖNIGS auf, den letzten Band der Reihe, die ich schätzen gelernt habe und die längst im Olymp der frankobelgischen Fabel-Comics angekommen ist. Meine Erwartungen sind hoch – höher als der Staub und Dreck im Stall des Schlosses.
Erwartungsdruck und Vorschusslorbeeren
Zuerst einmal: die Ausgangslage sitzt! Die Geschichte spielt in einem sehr abgelegenen Schloss irgendwo im Frankreich der Zwischenkriegszeit. Menschen gibt es dort schon lange nicht mehr. Warum, wird nicht berichtet. Die Tiere haben übernommen und ein System geschaffen, das angeblich eine Republik ist.
In Wirklichkeit regiert Silvio, der Stier mit Sinn für Pathos, aber ohne Gefühl für Grenzen (… und nein, er trägt keine rote, viel zu lange Krawatte). Miss B(angalore), die weiße Katze und ihre Mitstreiter haben drei Bände lang mühsam einen gewaltfreien Widerstand aufgebaut. Die Reihe verneigt sich vor George Orwell’s FARM DER TIERE / ANIMAL FARM, geht dann aber doch ihren eigenen Weg. Hier soll eine Diktatur fallen, weil die Beherrschten „Nein“ sagen und nicht, weil sie zu den Waffen greifen.
Genau dieses Versprechen trägt SCHLOSS DER TIERE 4: DAS BLUT DES KÖNIGS in jede Szene. Dieser Band will nicht nur seine Narration beenden. Er will beweisen, dass gewaltfreie Strategien nicht nur ein netter pädagogischer Einschub sind, sondern zeigen, dass sie ein echter Gamechanger werden können.
Ich sitze also da – mit all diesem Ballast in meinem Kopf – und merke schnell, wie sehr der Band sich dafür inszeniert. Jede Seite ruft mir zu, wie wichtig sie ist. Die Geschichte bleibt stark. Trotzdem kippt die Balance zwischen Erzählung und Programmatik öfter, als mir lieb ist.

Eine Wahl ohne Veränderung
Der Plot setzt an einem entscheidenden Wendepunkt wieder ein. Silvio hat nach langen Auseinandersetzungen zugestimmt, eine Wahl zu organisieren. Nicht aus Einsicht, aus Zwang. Der Druck der Tiere und ihrer gewaltfreien Aktionen war einfach zu groß geworden.
Der Diktator hat Angst um seine Legitimation, aber er glaubt noch immer, die Regeln kontrollieren zu können. Darum erlaubt das Regime zum ersten Mal einen – scheinbar – demokratischen Prozess.
Die Tiere werfen sich in den anstehenden Wahlkampf. Der Bewegung der Margeriten organisiert Versammlungen. Miss B und César ziehen über den Hof und sprechen mit verhärmten Kühen, misstrauischen Hühnern und müden Eseln. Sie erklären, warum eine Stimme etwas bedeutet, obwohl der Gegner die Urnen bewacht.
Azelar, der Rattenclown, ist währenddessen körperlich am Ende. Seine Ideen bleiben jedoch der Motor der Kampagne. Ich sehe Humor, schöne Bilder, kleine Gesten des Ungehorsams, aber keine Fackeln oder Mistgabeln.
Margeriten gegen Muskelberge
Der Band zeigt diese Phase erstaunlich detailliert. Plakate werben für Veränderung, Reden werden gehalten, während lächerliche Mikrofone auf improvisierten Bühnen stehen. In kurzen Momenten blitzt ein perfekter Mix aus Stall-Atmosphäre und Wahlkampfkarikatur auf. Ich rieche das Heu, höre die Parolen und spüre die Müdigkeit.
Gleichzeitig spüre ich beim Lesen eine gewisse Mechanik. Viele Szenen erklären, was die Seiten zuvor bereits illustriert haben. Die Dialoge werden didaktischer, je näher der Wahltag rückt.
Silvio fährt derweil seine Gegenkampagne hoch. Die Hunde patrouillieren, Flugblätter verteilen Lügen, der Stier verkauft sich als einziger Schutz vor den imaginären Wölfen. Sicherheit ist sein Thema.
Der Comic spielt damit bewusst auf autoritäre Wahlinszenierungen unserer Zeit an. Ich sehe die Parallelen. Gleichzeitig wünsche ich mir jedoch ein wenig mehr Reibung, innere Konflikte bei den Zauderern, mehr echte Zweifel, die nicht sofort in Mut umschlagen.

Blut, Schnee und das leise Ende der Gewalt
Nach der Wahl zieht der aktuelle Band die Schrauben weiter an. Der Ausgang fällt nicht triumphal aus. Die Tiere erringen einen Teilsieg. Silvio verliert den moralischen Boden, weigert sich, ihren Sieg zu akzeptieren. Der König im Stall klammert sich an seinen Thron. Sein königliches Blut pocht. Die Atmosphäre kippt vom lauten Wahlkampf in eine angespannte Belagerung. Das Schloss verwandelt sich in eine kalte Bühne, auf der jeder Fehltritt tödlich wirken kann.
Der Untertitel DAS BLUT DES KÖNIGS verspricht ebendies: Blut. Dies wirkt im Kontext der pazifistischen Reihe zunächst wie ein Tabubruch. Das Album löst dies über Umwege. Es zeigt keine gigantische Schlacht. Es setzt auf zugespitzte Einzelszenen, eine drohende Hinrichtung hier, eine Patrouille im Schnee dort oder einen Moment, in dem eine Tat möglich wäre, die alles abkürzen würde.

Wenn das Nein lauter ist als der Schuss
Genau dann entscheidet sich Miss B jedoch … dagegen! Dies könnte der große Triumph der Erzählung sein, denn nun erwächst die Spannung aus dem „Nein“ zur Gewalt, nicht aus einem „Ja“.
In diesen Momenten funktioniert der Band wirklich gut. Ich empfinde diese Spannung, weil ich spüre, wie dünn das Eis unter den Figuren ist. Dorison gelingt es, den Verzicht als aktiven Schritt zu inszenieren. Er zeigt, wie viel Kraft es kostet, eine scheinbar schnelle Lösung abzulehnen. Delep unterstützt dies mit engen Bildfolgen. Er konzentriert sich auf Augen, Pfoten, kleine Bewegungen. Einige dieser Panels gehören zu den stärksten der ganzen Reihe.
Trotzdem bleibe ich mit einem schalen Gefühl zurück. Das Finale will gleichzeitig konsequent und tröstlich sein. Die Diktatur fällt, doch der Preis dafür wirkt erstaunlich gering.

Ein König stürzt, die Fragen bleiben
Was geschieht hier? Nun, der Comic blendet vieles aus. Was geschieht mit den Strukturen der Macht? Wer kontrolliert den Zugang zu Futter, Holz, Schlafplätzen? Wie verhindert die Gemeinschaft, dass ein neuer Silvio entsteht? Der Band deutet Antworten in Form kleiner Räte, Versammlungen und eine vorsichtige, neue Ordnung an. Er führt sie aber nicht (mehr) aus. Was bleibt, ist eine Art Happy-End. Wieder einmal.
Gerade weil der Titel so laut vom Blut des Königs spricht, fällt mir diese Zurückhaltung auf. Das Regime bricht zusammen. Die Folgen bleiben eher skizzenhaft. Das ist erzählerisch bequem und vermeidet eine weitere Ausweitung der Geschichte auf einen fünften Band. Und darum schwächt es die Wucht eines Finales, das als Korrektur von ANIMAL FARM angetreten ist.
Die Last der Vorgeschichte
Um diesen Schluss zu verstehen, hilft vielleicht ein Blick zurück. Der erste Band MISS BENGALORE hat mich damals sofort gepackt. Ein Schloss, in dem nach dem Abzug der Menschen erst Demokratie herrschte und später die „Faust“ des Stiers. Es folgten Alltag und Schinderei.
Miss B, allein erziehende Mutter, schuftet an Silvio’s Prestigeprojekt. Die Tiere tragen Glöckchen um den Hals. Sie frieren, sie hungern, sie verlernen, an etwas anderes als den nächsten Tag zu denken. Azelar erzählt Geschichten von Mohandas Karamchand Gandhi, der die Seinen ohne Gewalt in die Freiheit führte. César spießt die Lage mit bitterem Humor auf. Diese Revolution beginnt als Flüstern (Ich höre Tracey Chapman’s Talkin‘ ‚bout a Revolution im Hintergrund).
Band zwei mit dem Titel MARGERITEN IM WINTER verschiebt den Fokus. Nun sehen wir eine richtige Bewegung. Die Margeriten verweigern ihre Glocken, blockieren Lieferwege und organisieren Sit-Ins vor Silvio’s Fenstern. Der Winter macht jede Protestnacht zur Tortur. Diese Alternative zur Gewalt ist und bleibt gefährlich. Miss B weiß nur zu Gut, dass ein einziger gewaltsamer Ausbruch dem Regime die perfekte Rechtfertigung zum Gegenschlag liefern würde.

Vom leisen Aufstand zum lauten Finale
Der dritte Band DIE NACHT DER GERECHTEN führt mich tiefer in Silvio’s Geschichte. Ja, alles hat immer zwei Seiten. Der Stier bekommt Kontur. Er bleibt Täter, aber kein Pappschurke. Ich sehe Verwundungen aus seiner Vergangenheit, Erniedrigungen und innere Brüche.
Gleichzeitig professionalisiert sich der Widerstand. Strukturen entstehen, Netzwerke werden geknüpft und Codes geflüstert. Die Serie wirkt hier wie eine Werkstatt für Zivilcourage. Sie zeigt Fehler, Rückschläge, Verrat, aber sie kommuniziert: Gewaltfreiheit bedeutet nicht Passivität!
Diese drei Alben tragen DAS BLUT DES KÖNIGS wie ein Fundament. Sie bauen Erwartungen auf, welche die gesamte Reihe zurecht als engagierte, pointierte Tierfabel feiern. Genau deshalb wiegt es so schwer, wenn das seitenstarke Finale schwächelt.
Die Energie der ersten Bände steckt in der langsamen Verschiebung. Der vierte Band wirkt dagegen fokussierter auf den großen Endpunkt. Er erinnert alle fünf Seiten daran, wie wichtig diese Geschichte ist. Dabei verliert er gelegentlich die kleine, alltägliche Perspektive, die die Reihe in der Vergangenheit so stark gemacht hat.

Dorison, Delep und der Schatten von Orwell
Xavier Dorison ist kein unbeschriebenes Blatt. Er landete früh mit DAS DRITTE TESTAMENT einen Hit, schrieb HEILIGTUM, W.E.S.T., LONG JOHN SILVER und später den UNDERTAKER. Er kennt große Themen, komplexe Plots und Figuren, die zwischen Schuld und Pflicht pendeln.
Mit SCHLOSS DER TIERE greift er ANIMAL FARM auf, bleibt aber erzählerisch bewusst auf Abstand. Dorison betont, dass er nicht einfach Orwell nacherzählen will. Stattdessen orientiert er sich bei diesem Werk an historischen gewaltfreien Bewegungen wie z.B. der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Und sein Kompagnon, Felix Delep, tritt als Zeichner aus dem Dunkel ins helle Licht der Comic-Bühne, denn die Serie ist sein Durchbruch. Im Laufe der vier Bände hat er sich entwickelt und hat mit dem letzten Teil eine neue Sicherheit gefunden hat.

Fell, Licht und brave Panels
Optisch bleibt die Reihe eine Wucht. Delep nutzt einen Stil, der zwischen Illustration und Trickfilm liegt. Miss B besitzt ein weißes Fell, das jede Schramme zeigt. Silvio, ein bulliger Block, sprengt jedes Panel. Und die Hunde erscheinen als Mischform aus Karikaturen und Bedrohung. Die Farbgebung stammt ebenfalls von Delep. Sie legt sich wie ein eigener Erzähler über jede Seite.
In SCHLOSS DER TIERE 4: DAS BLUT DES KÖNIGS dominieren gedeckte Erdtöne. Staubiges Braun, müde Grüntöne, viel Gelb. Die Wahlkampfseiten wirken oft wie Spätsommerabende, in denen man das Summen der Insekten hört. Sobald die Gefahr zunimmt, kippt die Palette in kühlere Töne. Schneeszenen erscheinen, dämmerige Innenräume verbergen alles mögliche in den Schatten der Ecken.
Die Qualität seiner Zeichnungen ist malerisch und einzelne Seiten wären eines Posters würdig. Delep beherrscht Lichtstimmungen, saisonale Atmosphären und animalische Körpersprache. Ein hängender Schwanz hier kommuniziert mehr als drei Sprechblasen, ein abgewandter Blick dort lässt eine ganze Freundschaft wanken. Seine Tierphysiognomien sind leicht überzeichnet, aber nie plump.

Wenn starke Bilder höflich sind
Trotzdem stört mich etwas. Der Seitenaufbau bleibt auffallend brav. Viele Seiten folgen einem Raster aus vier oder fünf Panels. Halbtotalen dominieren. Die Kamera sitzt oft in sicherer Distanz. Diese Zurückhaltung passt nicht immer zum emotionalen Aufbau der Szenen. Gerade wenn die Entscheidung gegen Gewalt fällt, könnte der Comic formal Risiken eingehen und die bisherige Aufteilung z.B. durch engere Bildausschnitte, wildere Perspektiven oder mutigere Seitenaufteilungen verlassen.
Aber das ist Klagen auf hohem Niveau. Schließlich gibt es Ausnahmen. Eine stumme Seite, ein diagonales Layout, eine Sequenz, in der der Schnee die Abgrenzungen der Panel fast auslöscht. Sie erinnern daran, wie viel visuelle Kraft manchmal in dieser Serie steckt. Insgesamt zieht sich der Band aber auf eine sehr elegante, fast sterilisierte Form zurück.

Pazifistische Utopie unter Stresstest
Und sonst? Der Kern der Serie bleibt die politische Botschaft: Gewaltfreiheit gegen Diktatoren!
Die Reihe positioniert sich klar. Sie feiert Zivilcourage, Solidarität und Beharrlichkeit. SCHLOSS DER TIERE versteht sich als ANIMAL-FARM-Version, die nicht im Zynismus endet, sondern in einer offenen, hoffnungsvollen Perspektive. Die Hintergründe (z.B. Gandhi) betonen den Bezug zu realen Revolutionen ohne Waffen.
SCHLOSS DER TIERE 4: DAS BLUT DES KÖNIGS steht in diesem Kontext wie eine Prüfung. Funktioniert die Utopie auch im Ernstfall? Der Band sagt ja. Silvio fällt, weil seine Lügen nicht mehr tragen. Die Tiere beugen sich nicht mehr und lassen sich ebenso wenig provozieren. Selbst wenn Gewalt verfügbar wäre, wählen sie sie nicht. Ich kann dies als einen dringend nötigen Gegenentwurf zu zynischen Popkultur-Fantasien erkennen, in denen alles nur mit großen Waffen gelöst werden kann.
Ich bleibe jedoch auch unsicherer zurück. Ich mag die Idee, dass ein Comic konsequent an Gewaltfreiheit festhält. Ich freue mich über jede Seite, die zeigt, wie mächtig kollektive Verweigerung werden kann. Gleichzeitig spüre ich aber, wie stark der Band strukturelle Fragen personalisiert.

Fazit
Was bleibt nun nach der letzten Seite von SCHLOSS DER TIERE 4: DAS BLUT DES KÖNIGS? Aus meiner Sicht: ein starker, aber nicht überragender Abschluss.
Es bleibt ein Comic, der viel möchte, auch viel kann, aber sein eigenes Potenzial dennoch nicht vollständig ausschöpft. Er bringt die Geschichte zu einem Ende, das emotional funktioniert. Er belohnt lieb gewonnene Figuren, die ich über vier Bände begleitet habe. Er liefert mir Bilder, die ich nicht so schnell vergessen werde. Aber er verschenkt gleichzeitig die Chance auf eine wirklich radikale Tierfabel über Macht, den Widerstand und den Tag danach.
Die Reihe als Ganzes gehört für mich zu den Besten, die in den vergangenen Jahren auf dem Comic-Markt erschienen sind. Sie zeigt, dass politisches Narrativ im Medium Comic nicht dröge sein muss. Sie beweist, dass eine weiße Katze, ein rattenhafter Gandhi und ein Gigolo-Hase manchmal mehr über Macht erzählen können als so mancher ernste Essayband.
Wenn du die Reihe noch nicht kennst, fang‘ vorne an. Lass dir Zeit. Schau erst einmal, ob dich die Mischung aus Märchen, politischer Parabel und ländlichem Humor packt. Erwarte keine perfekte Theorie der Revolution, sondern eine lebendige Fabel, die sich traut, etwas anderes zu versuchen.

- SCHLOSS DER TIERE 4: DAS BLUT DES KÖNIGS
- Felix Delep und Xavier Dorison
- Hardcover | 96 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96219-188-7
- Storyline: ★★★★☆
- Zeichnungen: ★★★★★(★)
- Farben: ★★★★★
- Lettering: ★★★★☆
- Humor: ★★☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
- © Splitter Verlag
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