Cover von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

SKY DOLL 1: DIE GELBE STADT ist ein visueller Zuckerschock

Ist ja alles so schön bunt hier! Ja, hier kommen zwei Kreative aus der Disney-Schule. SKY DOLL 1: DIE GELBE STADT mag auf den ersten Blick auch aussehen wie ein Disney-Comic. Dafür ist dieser Auftakt dann aber doch viel zu frech, zu erotisch und auch viel zu bissig.

Aber Alessandro Barbucci (Zeichnungen) beherrscht Körperhaltung, Mimik und Bewegung mit einer Sicherheit, die Figuren sofort lebendig werden lässt. Barbara Canepa (Szenario, Farben) und Barbucci hatten viele Jahre für Disney gearbeitet, als sie Ende der 1990er Jahre etwas Eigenes entwickeln wollten. Einen Comic für Erwachsene, in dem plötzlich Dinge Platz hatten, die in ihrem bisherigen Arbeitsumfeld undenkbar waren. Dinge wie Religion, Sexualität, Macht und die Manipulation durch Medien. All das findet sich ausdrücklich in diesem Album.

Innenseite 03 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Die erste Ausgabe erscheint 2000 in Italien und Frankreich. Barbucci hat später erzählt, dass auch das katholische Jubeljahr 2000 und die massive Präsenz der Kirche in den italienischen Medien in ihre Arbeit hineingespielt haben. Canepa wiederum brachte ihre Begeisterung für religiöse Architektur und das Design der 1960er Jahre ein. Das erklärt einiges.

Die Welt dieses Comics wirkt nämlich wie ein Fernsehstudio, eine Kathedrale und ein Nachtclub, die jemand ineinander gebaut hat. Überall flimmern Bilder, überall wird etwas verkauft, überall wird geglaubt. Und mittendrin steht Noa, eine künstliche Frau, die eigentlich ein Produkt sein soll und trotzdem … Fragen stellt. (Warum erinnert mich das bloß an den 200-Jahre-Mann?)

Ich liebe dieses Setting. Gleichzeitig muss ich beim Lesen immer wieder schlucken, weil der Band seine eigenen Themen nicht so sauber zu beherrschen scheint, wie seine fantastische Oberfläche vermuten lässt. Ja, auch hier ist niemand wirklich makellos und genau das macht das Album für mich interessant.

Innenseite 04 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Gott im Astrowash – und jetzt: Werbung

Noa arbeitet im Heaven Astrowash, einer Waschanlage für Raumschiffe, auf dem Planeten Papathea und ihr Chef nennt sich tatsächlich – Gott! Die Pointe ist grob, funktioniert aber gut. Gott besitzt außerdem den Schlüssel, mit dem Noa alle 33 Stunden aufgezogen werden muss. Ohne ihn endet ihr … Zyklus.

Schon in dieser kleinen Idee steckt die erste Gemeinheit ihrer Existenz. Noa sieht aus wie eine junge Frau, fühlt wie eine junge Frau, erinnert sich und kann sogar träumen. Rechtlich und gesellschaftlich ist sie trotzdem nur eine Sache. Sky Dolls sind dazu da, Wünsche zu erfüllen, auch sexuelle. Die Kirche hat dafür eine sehr bequeme Moral: wer eine künstliche Puppe benutzt, sündigt schließlich nicht mit einem echten Menschen. Amen.

Aber Noa passt nicht in dieses System. Sie beschwert sich über ihren Chef, widerspricht und verlangt etwas, das in dieser Welt schon fast radikal klingt: SIE möchte ernst genommen werden!

Dann tauchen Roy und Jahu auf. Beide reisen im Auftrag der herrschenden Päpstin Lodovica. Roy ist jung, neugierig und deutlich empfänglicher für Noas Eigenarten. Jahu hingegen ist älter, härter und stärker an die herrschenden Regeln gewöhnt. Bei ihrem Besuch im Astrowash kommt es zum Chaos. Noa bringt den Betrieb durcheinander, Gott reagiert wie der Besitzer eines defekten Geräts und wenig später ist er tot. (Ja, Gott – ist – tot!)

Der Band lässt die Umstände dieses Ablebens bewusst in einem erzählerischen Nebel. Noa nutzt jedenfalls die Gelegenheit, versteckt sich im Schiff der beiden Gesandten und verlässt Papathea.

Innenseite 05 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Lodovicas Wunder auf allen Kanälen

Während Noa aus ihrem Gefängnis flieht, zeigt SKY DOLL 1: DIE GELBE STADT, wie groß ihr Gefängnis wirklich ist. Papathea wird von Lodovica beherrscht. Früher gab es einmal zwei Päpstinnen (auch das ein fieser Seitenhieb auf katholische Machtstrukturen).

Lodovica stand für die körperliche Liebe, Agape für die geistige. Agape ist verschwunden, ihre Anhänger gelten als Ketzer und Lodovica hat Religion, Regierung und Unterhaltung zu einem einzigen, riesigen Betrieb verschmolzen. Auf Bildschirmen laufen die offiziellen Versionen von Wirklichkeit und Wahrheit. Fernsehgesichter erklären, wie gut doch alles ist und Massenveranstaltungen liefern die passenden Gefühle dazu.

Besonders böse ist die Idee der inszenierten Wunder. Lodovica präsentiert sich den Gläubigen als überirdische Figur, doch hinter der großen Show steckt ausschließlich Technik. Der Zauberer von OZ lässt grüßen. Ein Miracolatore baut die Effekte, während die Päpstin ihre Rolle spielt.

Das erinnert weniger an die traditionelle Kirche als an eine Mischung aus Live-Übertragung, Popkonzert und politischem Großereignis. Genau hier ist der Comic erstaunlich frisch geblieben. Er versteht sehr früh, wie perfekt sich irdische Macht mit Bildern und Erzählungen absichern lässt.

Subtil ist wenig daran. Fernsehen macht dumm, Religion verkauft Gefühle, Herrschaft braucht Werbung und Ablenkung. Ich verstehe die Richtung sofort.

Innenseite 06 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Agape im Schwarzmarkt der Bilder

Auf dem Raumschiff entdecken Roy und Jahu schließlich ihre blinde Passagierin. Roy zieht Noas Schlüssel wieder auf und bringt sie damit zurück ins Leben. Das ist eine kleine Szene, aber für mich eine der wichtigsten des Albums. Ein kurzer Handgriff an einer Stelle, an der sie nicht selbst heranreicht, entscheidet über ihre Existenz. Roy meint es gut. Trotzdem zeigt der Moment, wie abhängig Noa bleibt. Ihre Freiheit beginnt ausgerechnet damit, dass ein Anderer –  noch dazu Mann – den Mechanismus in ihrem Rücken bedient.

Die Reise führt das Trio zu einem Zwischenstopp. Dort gerät Noa in einen Bereich, in dem verbotene Andenken an Agape gehandelt werden. Bilder, Symbole und Erinnerungsstücke reichen aus, um das Regime nervös zu machen. Noa reagiert darauf stärker als alle anderen. Etwas in ihr erkennt Agape, obwohl sie selbst nicht erklären kann, warum.

Sie bekommt heftige Visionen. Plötzlich ist die Geschichte nicht mehr nur die Flucht einer künstlichen Frau. Noa scheint irgendwie mit dem verdrängten Teil dieser Religion verbunden zu sein.

Für mich funktioniert dieser Wechsel gut, weil Canepa das Rätsel nicht sofort erklärt. Zum ersten Mal wird die Handlung wirklich geheimnisvoll. Gleichzeitig schiebt der Band sehr viele Begriffe, Namen und Machtgruppen in seine 48 Seiten. Wer nicht aufmerksam liest, kann insbesondere bei der knalligen Bildgestaltung leicht den Faden verlieren.

Innenseite 07 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Ein echtes Wunder stört das System

Die verbotenen Agape-Bilder locken Ärger an, natürlich. Menschen reagieren aggressiv, päpstliche Ordnungskräfte werden aufmerksam und Noas Vision steigert sich zu etwas, das sich nicht mehr so einfach mit Technik erklären lässt. Ausgerechnet in einer Welt voller künstlich erzeugter Wunder geschieht möglicherweise ein echtes. Das ist die beste Wendung des Bandes. Sie trifft Lodovicas System an seinem empfindlichsten Punkt: wer jeden Glauben als Show organisiert, hat ein Problem, sobald etwas passiert, das nicht über den abgestimmten Regieplan kontrolliert werden kann!

Roy, Jahu und Noa können entkommen. Danach ist trotzdem nichts gelöst. Jahu will die Sky Doll loswerden, Roy fühlt sich immer stärker mit ihr verbunden und Noa selbst weiß kaum mehr als am Anfang. Sie weiß nur, dass sie nicht das sein kann, was alle in ihr sehen wollen. Genau hier zeigt der Comic seine größte Stärke.

Noa ist keine besonders ausgefeilte Figur, jedenfalls noch nicht. Ihre Naivität ist manchmal sehr bequem geschrieben. Doch Barbucci gibt ihr über Blicke, Bewegungen und kleine Trotzreaktionen eine Präsenz, die der Text allein nicht schaffen würde. Am Ende ist die Flucht deshalb weniger spannend als die Frage, was da in ihr erwacht. Der Serienauftakt endet folgerichtig nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Verunsicherung.

Innenseite 08 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Cyberpunk in Bonbonfarben

Visuell spielt die Geschichte in einer eigenen Liga. Barbucci zeichnet Figuren elastisch, fast animiert. Gesichter kippen in Sekunden von Slapstick zu Angst. Raumschiffe, Kostüme und Architektur sehen aus, als hätten BARBARELLA, ein futuristischer Werbespot und ein französisches Sci-Fi-Album eine Party gefeiert.

Dazu kommen die Farben, die mit Rosa, Violett, Türkis und künstlichem Licht arbeiten. Diese Farbwelt macht den Comic nicht gemütlich. Sie macht ihn verführerisch. Gerade deshalb passen die Bilder so gut zu einer Gesellschaft, die Kontrolle als schöne Oberfläche verkauft.

Praktisch hat für mich funktioniert, dass ich mir jeweils ein Panel anschaue und dabei die anderen Bilder der Seite abgedeckt halte. Anderenfalls hätte ich wahrscheinlich einen mentalen Zuckerschock bekommen.

Ganz ohne Widerspruch komme ich damit trotzdem nicht aus. Der Comic kritisiert, dass Noa als sexuelles Produkt behandelt wird. Gleichzeitig setzt er ihren Körper aber sehr deutlich in Szene. Die extrem langen Beine, die schmale Taille, die knappe Kleidung und manche Perspektive leben genau von dem Blick, den die Geschichte eigentlich hinterfragen will.

Das kann Absicht sein. Für mich funktioniert diese Doppelung aber nicht immer. Stellenweise zeigt SKY DOLL 1: DIE GELBE STADT den Sexappeal dieser Welt lustvoller, als er ihn kritisiert. Auch erzählerisch bleibt vieles noch Behauptung. Die Medienkritik ist scharf, aber halt auch breit. Die Religionssatire besitzt Witz, aber wenig Zwischentöne. Und die eigentliche Handlung ist für ein Album dieser optischen Wucht erstaunlich dünn.

Innenseite 09 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Vier Bände im langen Sendebetrieb

Als Serienauftakt muss dieser Band deshalb vor allem Türen aufstoßen. Das tut er gut und gründlich. Auf DIE GELBE STADT folgten die Alben AQUA, DIE WEISSE STADT und SUDRA. Die vier bislang veröffentlichten Hauptbände wurden 2026 von Splitter gemeinsam in einer schönen, limitierten Jübiläums-Gesamtausgabe zusammengefasst.

Wer nur diesen ersten Band liest, bekommt also keinen abgeschlossenen Fall, sondern die Zündung für eine größere Reise. Das sollte niemand unterschätzen. Viele Fragen zu Noa, Agape und Lodovicas Herrschaft bleiben an dieser Stelle noch bewusst offen.

Innenseite 10 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Aus dem Disney-Storyboard ins eigene Netz

Barbara Canepa und Alessandro Barbucci stammen beide aus der italienischen Disney-Welt. Barbucci arbeitete schon als junger Zeichner professionell für Disney und war später unter anderem an W.I.T.C.H. beteiligt.

Canepa kam Mitte der 1990er Jahre zum Unternehmen und arbeitete dort als Illustratorin und Character Designerin. SKY DOLL entstand aus ihrem Wunsch, außerhalb dieser Grenzen persönlicher – und erwachsener – erzählen zu können. Später arbeiteten beide an MONSTER ALLERGY.

Barbucci zeichnete außerdem Serien wie EKHÖ und DER CLUB DER DREI SCHWESTERN. Canepa machte sich neben ihrer Arbeit als Autorin und Illustratorin auch als Herausgeberin einen Namen.

Innenseite 11 von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

Fazit

Ich finde diesen Auftakt leichter zu bewundern als uneingeschränkt zu lieben. Er sieht wirklich großartig aus, ist frech, sinnlich und voller Ideen. Noa hat sofort Charme und die Mischung aus Religion, Fernsehen, Konsum und Science Fiction besitzt immer noch Biss.

Gleichzeitig stolpert der Band über seine Lust an der eigenen Oberfläche. Seine Kritik an der Objektifizierung wird durch die Inszenierung Noas teilweise konterkariert. Seine Geschichte braucht außerdem lange, bis sie wirklich Fahrt aufnimmt. Trotzdem werde ich weiterlesen, gerade weil hier eben noch nicht alles sitzt.

SKY DOLL 1: DIE GELBE STADT wirkt wie eine Pilotfolge, die viel auf einmal zeigen möchte, dabei aber eine Welt erfindet, in die ich gerne zurückkehren möchte. Und das ist für einen Serienstart nicht gerade wenig …

 

P.S.

An dieser Stelle noch ein Danke-Schön an die Kollegen vom Sprechblasen-Blog und -Podcast. Ohne Euren Beitrag zur Jubiläums-Ausgabe von SKY DOLL hätte ich diesen Artikel erst sehr viel später in Angriff genommen.

 

 

Cover von SKY DOLL 1 DIE GELBE STADT

  • SKY DOLL 1: DIE GELBE STADT
  • Alessandro Barbucci und Barbara Canepa
  • Hardcover | 48 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-86869-710-0
  • Storyline:  ★★☆☆☆
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★☆☆☆
  • Humor: ★☆☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
  • © Splitter Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben
Fehler: Dieser Inhalt ist geschützt.