Cover von BILL FINGER

BILL FINGER – IM SCHATTEN DES MYTHOS

BATMAN gehört zu den Charakteren, bei denen selbst Menschen ohne Comics im Regal sofort wissen, wer gemeint ist: Schwarzer Umhang, Fledermausohren, Gotham City, Bruce Wayne, Batmobil.

Umso erstaunlicher ist die Geschichte hinter seinem Namen. Als BATMAN 1939 in DETECTIVE COMICS 27 erstmals erschien, schrieb Bill Finger die Geschichte und Bob Kane zeichnete sie. Trotzdem stand über Jahrzehnte allein Kane als Schöpfer im Rampenlicht.

Erst am 18. September 2015 – also heute vor 11 Jahren – wurde angekündigt, Finger künftig offiziell zu nennen und ihm damit den Platz zuzuweisen, der ihm gebührt. (Hinzu kommt, das morgen der BATMAN-Tag 2026 ist. Wie passend!)

In den folgenden Produktionen tauchte sein Name also endlich in der Creditzeile auf. Finger selbst hatte davon nichts mehr. Er starb 1974 mit nur 59 Jahren, ohne die öffentliche Anerkennung zu erleben, die für uns heute so selbstverständlich wirkt.

Genau dort setzt BILL FINGER – DER WAHRE SCHÖPFER DES DUNKLEN RITTERS an. Julian Voloj erzählt mir keine geradlinige Künstlerbiografie, die brav bei der Kindheit beginnt und beim Tod endet. Stattdessen skizziert er eine Spurensuche – was übrigens überraschend gut passt, denn schließlich geht es um BATMAN, den Detektiv, und um einen Autor, dessen Anteil an BATMAN selbst jahrzehntelang wie eine verschwundene Akte behandelt wurde.

Der Comic beruht wesentlich auf den Forschungen von Marc Tyler Nobleman, der ab 2006 Fingers Leben rekonstruierte und später BILL THE BOY WONDER: THE SECRET CO-CREATOR OF BATMAN veröffentlichte. Voloj macht aus dieser Recherche einen zweiten Erzählstrang. Dadurch wird die Biografie zugleich Familien-, Comic- und Detektivgeschichte.

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Zwei Erzähler über den Dächern von Gotham

Julian Voloj ist für solche Stoffe prädestiniert. Der in Münster geborene Autor, Journalist und Fotograf lebt seit 2003 in New York und hat sich in mehreren Graphic Novels mit biografischen Stoffen zu vergessenen oder unterschätzten Figuren beschäftigt. Dazu gehören u.a. JOE SHUSTER, BASQUIAT, BOBBY FISCHER und später LIBERTY (zusammen mit Jörg Hartmann).

Erez Zadok kommt aus Israel, studierte Visuelle Kommunikation an der Bezalel Academy in Jerusalem und arbeitet als Comiczeichner, Illustrator und Karikaturist. Zadok zeichnet nicht mit der Absicht historische Ehrfurcht zu verbreiten, sondern auf unmittelbare Lesbarkeit. Seine Figuren dürfen lebendig, manchmal überzeichnet und manchmal ziemlich verletzlich aussehen.

Als BATMAN noch aus Papier und Bleistift bestand

Die eigentliche Geschichte beginnt nicht bei Bill Finger selbst, sondern bei seiner Enkelin Athena. Als Kind erzählt sie in der Schule, ihr Großvater habe BATMAN mit erschaffen. Die Reaktionen sind bitter, niemand glaubt ihr.

Genau in diesem Moment steckt bereits das ganze Buch. Ruhm, Geld und Erinnerung passen hier nicht zusammen. Athena kennt die Wahrheit aus ihrer Familie, aber außerhalb gilt eine andere Version. Bob Kane ist der Name, den alle kennen. Bill Finger ist – fast – verschwunden.

Von dort springt Voloj zurück in die dreißiger Jahre. Finger begegnet dem jungen Bob Kane und beginnt, mit ihm zu arbeiten. Kane besitzt Ehrgeiz, Kontakte und den Instinkt für erfolgversprechende Chancen. Finger bringt etwas anderes mit. Er denkt in Geschichten, Atmosphären und Figuren. Als nach dem Erfolg von Joe Shusters SUPERMAN ein neuer Held gefragt ist, entsteht aus dieser Zusammenarbeit das zweite Schwergewicht im späteren DC-Universum: BATMAN.

Der Band zeigt sehr anschaulich, wie stark Finger die zunächst deutlich hellere und konventionellere Figur verändert. Aus dem Helden mit Flügeln wird der düstere Fledermausmann, aus einem Namen wird Bruce Wayne und aus einem x-beliebigen Schauplatz Gotham. Finger schreibt die erste veröffentlichte BATMAN-Geschichte „The Case of the Chemical Syndicate“ und prägt in den folgenden Jahren entscheidend die Welt, in der der Dunkle Ritter bis heute lebt.

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BATMANs verschwundene Akte

Voloj erzählt mir diese Vergangenheit aber nie lange am Stück. Immer wieder kehrt er zu Marc Tyler Nobleman zurück, dessen Recherche Jahrzehnte später beginnt und die zunächst fast absurd mühsam wirkt. Er sucht alte Adressen, telefoniert sich durch Namenslisten, spricht mit Weggefährten und versucht, einen Mann sichtbar zu machen, von dem erstaunlich wenig greifbar geblieben ist.

Genau hier bekommt der Comic sein Detektiv-Charakter. Nobleman ist kein Actionheld, seine Werkzeuge sind Telefonbücher, Interviews, Notizen und Hartnäckigkeit. Gute, alte Investigativ-Arbeit, würden man sagen. Die Suche liest sich wie eine Ermittlung, weil jeder neue Kontakt einen weiteren Teil des Bildes freilegt.

Dabei begegnet Nobleman mehreren Kollegen aus Fingers Zeit und dringt immer tiefer in die frühen Jahre der US-Comicindustrie ein. Mir gefallen diese Passagen, weil sie den Mythos BATMAN plötzlich auf Schreibtische, Termindruck und schlecht abgesicherte Kreative zurückholen.

Gleichzeitig liegt hier aber eine Schwäche des Buches. Je stärker Nobleman in den Mittelpunkt rückt, desto häufiger wird ÜBER Finger gesprochen, statt ihn selbst zu erleben. Der Titelheld verschwindet ausgerechnet in seiner eigenen Biografie hinter anderen Stimmen.

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Im Schatten des Bat-Signals

Besonders schmerzhaft wird die Geschichte, sobald sich Erfolg und Anerkennung endgültig voneinander lösen. Kane wird öffentlich mit BATMAN verbunden. Finger schreibt weiter, erfindet, entwickelt und arbeitet verstärkt im Hintergrund.

Der Comic macht daraus keine einfache Schurkennummer. Kane kommt schlecht weg, ja, aber Voloj interessiert sich mehr für das Gefälle zwischen den beiden Männern als für eine nachträgliche Abrechnung. Der Gegensatz ist ohnehin deutlich genug. Auf der einen Seite steht ein Name, der zum Markenzeichen wird. Auf der anderen Seite steht ein Autor, dessen Arbeit tief im BATMAN-Narrativ steckt, während seine eigene wirtschaftliche und persönliche Lage immer schwieriger wird.

Finger erlebt zwar noch, dass einzelne Kollegen seine Bedeutung kennen. Eine breite Anerkennung bleibt ihm jedoch verwehrt. Der Band erzählt auch von Depressionen und von seinem immer brüchiger werdenden Leben. Besonders still wird er schließlich rund um Fingers Tod.

Noch trauriger ist, dass die Geschichte danach nicht endet. Fingers Sohn Fred versucht, das Andenken seines Vaters zu verteidigen. Zugleich erzählt Voloj von Freds Sexualität, seiner familiären Entfremdung und später von seiner HIV-Erkrankung.

Damit weitet sich das Buch über die reine Comicgeschichte hinaus. Es zeigt, wie fehlende Anerkennung durch eine Familie weitergetragen werden kann. Bill Finger ist nicht nur ein vergessener Autor, sondern eine Schnittkante, an der sich mehrere Lebensgeschichten berühren.

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„BATGIRL“ bietet eine letzte Spur

Die entscheidende Wendung führt wieder zu Athena. Nobleman stößt bei seiner Suche auf Fingers Enkelin, die bis dahin außerhalb eines kleinen Kreises praktisch unbekannt war.

Plötzlich gibt es nicht nur Erinnerungen und Aussagen alter Kollegen, sondern auch eine direkte Nachfahrin. Für Nobleman wird sie zum entscheidenden Bindeglied. Für den Comic ist sie noch wichtiger, denn durch Athena bekommt das historische Unrecht ein Gesicht, das nicht aus der Ära der Schreibmaschinen und Zeichenbretter stammt. Es reicht bis in die Gegenwart hinein.

Voloj wiederum baut den Weg zur späten Anerkennung nicht als triumphalen Siegeszug. Das wäre auch falsch. Als 2015 die offizielle Würdigung kommt, ist Finger seit mehr als vier Jahrzehnten tot. Fred, sein Sohn, erlebt sie ebenfalls nicht mehr. Natürlich ist es bewegend, wenn der Name endlich dorthin gelangt, wo er hingehört. Gleichzeitig bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Anerkennung kann nachgereicht werden, ein verlorenes Leben lässt sich nicht nachträglich korrigieren.

Wie viel Bill Finger steckt in Gotham?

Für mich ist Volojs stärkste Entscheidung die Doppelperspektive. Er erzählt Fingers Leben und zugleich die Rekonstruktion dieses Lebens. Dadurch wird sichtbar, wie Comicgeschichte entsteht. Sie liegt nicht fertig in einem Archiv. Sie muss aus Erinnerungen, Veröffentlichungen, Adressen und widersprüchlichen Spuren mühsam zusammengetragen werden. Beim Lesen weiß ich immer, dass hier jemand auf der Suche ist. Und genau das passt zum Thema. Der ursprünglich bei Carlsen auf Deutsch erschienene Einzelband braucht übrigens keinerlei BATMAN-Vorwissen. Die wichtigsten Zusammenhänge liefert Voloj gleich mit.

Ganz rund ist die gewählte Form trotzdem nicht. Nobleman bekommt so viel Raum, dass Finger manchmal beinahe zur Nebenfigur wird. Auch die vielen Branchenkollegen rauschen recht schnell vorbei. Wer die Geschichte des Golden Age kaum kennt, dürfte einzelne Namen bald wieder vergessen. Ich hätte außerdem gern deutlicher gespürt, wie Finger Geschichten schrieb. Welche Art von Erzähler war er am Schreibtisch? Wie entwickelte er Szenen? Wie klang seine kreative Zusammenarbeit im Alltag? Aber vielleicht wäre dies wiederum am Thema vorbei.

Ein wenig hadere ich mit dem deutschen Titel. BILL FINGER – DER WAHRE SCHÖPFER DES DUNKLEN RITTERS klingt so, als müsse Bob Kane nun einfach aus der Geschichte gestrichen werden. So einfach erzählt Voloj zum Glück nicht. Die offizielle Einordnung nennt Finger heute als Mitschöpfer und auch das französische Original BILL FINGER, DANS L’OMBRE DU MYTHE (also: Im Schatten des Mythos) formuliert vorsichtiger. Der deutsche Untertitel setzt stärker auf Zuspitzung als der Comic selbst.

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Fazit

BILL FINGER – DER WAHRE SCHÖPFER DES DUNKLEN RITTERS ist für mich weniger eine BATMAN-Biografie als eine Geschichte über Anerkennung und über einen Autor, dessen Ideen weltberühmt wurden, während sein eigener Name verblasste. Voloj erzählt diese Entwicklung zugänglich, warm und mit spürbarem Respekt. Zadok gibt der Spurensuche zeichnerisch das nötige Tempo und Gefühl.

Es gab Stellen, an denn hätte ich Bill Finger selbst gern stärker im Zentrum erlebt. Gerade deshalb bleibt der Band aber auf eine fast unfreiwillige Weise passend. Finger ist anwesend und fehlt gleichzeitig. Nach der letzten Seite sieht das BATMAN-Logo für mich jedenfalls ein kleines bisschen anders aus. Hinter der Fledermaus steht nun ein Name mehr.

Derweil geht die Entwicklung der Figur mit ABSOLUTE BATMAN in eine neue Richtung und beweist, dass die geschichten rund um den Dunklen Ritter noch lange nicht auserzählt sind…

 

 

Cover von BILL FINGER

  • BILL FINGER – DER WAHRE
    SCHÖPFER DES DUNKLEN RITTERS
  • Julian Voloj und Erez Zadok
  • Hardcover | 144 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-55171-136-6
  • Storyline:  ★★★☆☆
  • Zeichnungen: ★★★☆☆
  • Farben: ★★★☆☆
  • Lettering: ★★★☆☆
  • Humor: ★☆☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
  • © Carlsen Comics (verlagsvergriffen)
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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