Ein Jahrbuch über Comics klingt zunächst einmal nach einem ziemlich braven Stück Literatur. Ein bisschen Rückblick, ein paar Namen hier, ein paar Bilder dort – fertig. Von wegen! Das COMIC!-JAHRBUCH 2026 macht es mir mit dieser Vorstellung überhaupt nicht leicht. Schon die nackten Zahlen erzählen eine ganz andere Geschichte.
Inzwischen ist die 26. Ausgabe der seit 2000 publizierten Reihe erschienen. Sie bringt es auf stattliche 268 Seiten. Allein 134 davon beschäftigen sich als Schwerpunkthema mit Comics über Rechtsextremismus. Einem Thema also, dass in der heutigen Zeit wichtiger denn je ist. Hinter dem Buch steht zudem ein Verband, dessen Geschichte schon eine ganze Weile zurückreicht.
DER INTERESSENVERBAND COMIC E.V. (ICOM) wurde 1981 in Erlangen gegründet, um „den über das gesamte Bundesgebiet verstreuten Zeichnern und Autoren ein Forum zum Austausch von Meinungen und Informationen zu geben und so deren berufliche Situation zu verbessern.“ (Ach ja, die -innen sind natürlich auch gemeint!) Der Verband gehört damit selbst längst zur deutschen Comic-Geschichte.
Das erklärt vielleicht, warum ich dieses Jahrbuch weniger als ein Nachschlagewerk sehe und eher wie einen – wenn auch ziemlich langen – Spaziergang durch die aktuelle Comic-Szene. Um im Bild zu bleiben: nicht jede Abzweigung des Weges durch das Jahr 2026 interessiert mich gleich stark. Einigen Wegen wäre ich gern länger gefolgt, andere überraschen mich, weil ich dort wahrscheinlich alleine nie hingegangen wäre. Aber genau darin liegt für mich der Reiz dieser Chronik.

Will Eisner und Osamu Tezuka schauen auf die dunkelsten Kapitel
Der betrachtete Schwerpunkt beginnt lange vor unserer Gegenwart. Will Eisner, Shigeru Mizukis HITLER und Osamu Tezukas 3 ADOLFS stehen neben vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern für sehr unterschiedliche Wege, den Faschismus, den Antisemitismus und den Nationalsozialismus mit den Mitteln des Comics zu erzählen.
Danach führt der Almanach weiter zu Jason Lutes und seinem BERLIN, zu Isabel Kreitz, Barbara Yelin, Art Spiegelman und zahlreichen Arbeiten über den Holocaust, Widerstand und Erinnerung. Selbst französische und niederländische Comics sowie US-amerikanische Arbeiten gegen Hitler werden einbezogen. Später rückt die Perspektive näher an die Gegenwart. Wehrsportgruppen, Neonazis und der NSU erhalten erhellendes Rampenlicht.
Ich finde gerade diese Spannweite erfrischend. Der Schwerpunkt behandelt Comics nicht einfach als bebilderte Geschichtsbücher. Die Auswahl zeigt mir vielmehr, wie Zeichnerinnen und Zeichner historische Themen auf unterschiedlichste Weise sichtbar machen können. Hier stehen biografische Erinnerung neben Fiktion, dokumentarisches Erzählen neben zugespitzter Satire. Das macht neugierig auf Bücher, die ich bislang nur dem Namen nach kannte.
Auf 134 Seiten werden andererseits so viele Werke, Zeiten und Länder berührt, dass einige Stationen zwangsläufig nur Wegweiser bleiben können. Ich bekomme mit dem Jahrbuch aber auch eine „Landkarte“ an die Hand und kann danach selbst weiterreisen.

Isabel Kreitz und Barbara Yelin zeigen, warum Bilder erinnern
Besonders überzeugend finde ich, dass Erinnerung hier nicht auf die immer gleichen, allseits bekannten und vielfach genannten Titel des Jahres zusammenschrumpft.
Neben Art Spiegelmans MAUS erscheinen Arbeiten über Stefan Zweig, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer, die Kinder von Izieu, Auschwitz, Dachau, Mauthausen oder die Résistance. Isabel Kreitz und Barbara Yelin stehen dabei exemplarisch für eine deutsche Comiclandschaft, die historische Themen längst mit großer erzählerischer Selbstverständlichkeit behandelt.
Gerade für Leserinnen und Leser, die Graphic Novels vor allem über die lokalen Neuerscheinungstische kennenlernen, hat dieser Teil deshalb einen schönen Nebeneffekt: Plötzlich sind Bücher nebeneinander platziert, die im normalen Verlagsbetrieb vielleicht Jahre auseinanderliegen oder aus völlig verschiedenen Ländern stammen. Ich kann mit dem Jahrbuch Zusammenhänge erkennen, die ich vorher vielleicht nie wahrgenommen hätte. Das gefällt mir.
Das COMIC!-JAHRBUCH 2026 bezieht damit deutlich Stellung, ohne Comics nur als Belegmaterial für eine politische Botschaft zu benutzen.

Ully Arndt und Boris Schütz öffnen die Werkstatttür
Nach diesem schweren Block verändert sich der Ton der Chronik spürbar.
Klaus Schikowski beschäftigt sich mit der Rückkehr und den Veränderungen von Comic-Magazinen wie DIE „neue“ SPRECHBLASE, COMIXENE oder den Neuzugang BILDERFLUT, dem Zeichner Erik eine eigene Geschichte seiner Figur DeDe spendiert hat. Dazu kommen viele Gespräche u.a. mit Jörn Krug, Ully Arndt, Martin Breuer, Ingmar Decker und Boris Schütz.
Ich mag diese Mischung, weil das Jahrbuch dadurch wieder näher an die Menschen und ihren Arbeitsalltag heranrückt. Ully Arndt etwa hat mit seiner Comic-Adaption von Heinz Strunks DER GOLDENE HANDSCHUH gerade ein ungewöhnlich großes Projekt vorgelegt. Boris Schütz wiederum blickt auf Figuren und Arbeiten wie ATZE zurück.
Hier zeigt sich eine der großen Stärken des Jahrbuchs. Es interessiert sich nicht ausschließlich für die Bücher, über die ohnehin überall gesprochen wird. Es interessiert sich auch für Arbeitswege, Magazine, Biografien und kleine Teile der Szene, die schnell aus dem Blick geraten können.
Hinzu kommen Stefan Pannors Bericht über den US-amerikanischen Comicmarkt und Rik Sanders’ Blick auf die niederländische Szene. Das erweitert sowohl meinen Horizont als auch mein Interesse. Beide Beiträge erinnern mich daran, dass Comic-Produktion immer auch mit Vertrieb, Leserschaft, wirtschaftlichen Veränderungen und neuen Veröffentlichungswegen zu tun hat (siehe aktuell bei Cross Cult).

Ray Henderson und Ayse Klinge bekommen ihre Bühne
Natürlich gehört auch der ICOM Independent Comic Preis fest zum Buch. Der Preis wird bereits seit 1994 vergeben und orientiert sich ausdrücklich an Selbstveröffentlichungen und unabhängigen Verlagen.
2026 gingen die zentralen Auszeichnungen unter anderem an Ray Henderson mit HERMANN, Ayşe Klinge mit DER ZAHN sowie ein Sonderpreis an Titus Ackermann. Bei den digitalen Comics wurden TINKERVILLE BLUES von Michael Mikolajczak und Andreas Möller sowie ONAYA von Luphialia und Mario Affenzeller ausgezeichnet.
Mir gefällt, dass das Jahrbuch auch hier nicht nur Namen und Werke auflistet. Die aktuell Nominierten werden ebenso aufgeführt, wie Interviews mit den Preisträgerinnen und Preisträgern. Dadurch bekommt die Independent-Szene etwas, das ihnen im normalen Medienbetrieb häufig fehlt: Raum, um sich zu zeigen.
Am Ende führt Heiner Lünstedts Beitrag über Arne Hain sogar noch zu einem Stop-Motion-Film. Das mag neben all den Comics zunächst wie eine kleine Sidequest wirken, traditionell gehört der Animationsbereich jedoch immer dazu. Für mich passt das gut zu einem Buch, das seine eigenen Grenzen ja auch bewusst weiter ausdehnt.

Burkhard Ihme zeichnet den Rahmen
Herausgeber Burkhard Ihme ist Comiczeichner, Redakteur und Liedermacher. Er gehört dem ICOM seit dessen Gründungsjahr 1981 an und steht dem Verband seit den 1990er Jahren vor.
Ende der 1990er initiierte er das COMIC!-Jahrbuch, dessen erste Ausgabe 2000 erschien. 2013 wurde die Reihe beim Comicfestival München mit dem PENG!-Preis als Comic-Sekundärliteratur ausgezeichnet.
Diese lange Verbindung prägt auch das COMIC!-JAHRBUCH 2026. Ihme schaut nicht von außen auf eine Szene, die er für ein Buch besucht. Nein, er wirkt seit Jahrzehnten mit. Das schafft sowohl Nähe als auch eine gewisse Sichtweise auf die Dinge. Genau die machen den Charakter dieser Reihe aus.

Zum Schluss
Das COMIC!-JAHRBUCH 2026 ist kein Buch, das ich von vorne bis hinten in einem Zug verschlinge. Ich blättere darin, bleibe hier und da hängen, springe immer wieder auch zurück und notiere mir den einen oder anderen Namen. Für einen Almanach ist das wahrscheinlich das schönste Kompliment, denn es begleitet seinen Leser über längere Zeit.
Die Ausgabe 2026 ist stark, weil sie politische Haltung mit Neugier verbindet. Der große Schwerpunkt zum Thema „Rechtsextremismus“ ist ernst und breit angelegt. Die Interviews, die Marktberichte und die Independent-Comics sorgen im Anschluss für Luft und ansprechende Abwechslung. So entsteht kein elegantes Hochglanzprodukt, sondern etwas Wertvolleres: ein leidenschaftlich zusammengestelltes Arbeitsbuch über eine Szene, in der es immer noch erstaunlich viel zu entdecken gibt…
Die gezeigten Abbildungen wurden exemplarisch dem Blog des ICOM entnommen.
Das vollständige Inhaltsverzeichnis des Jahrbuches ist einsehbar beim PPM Vertrieb.
