Das Album ist optisch einfach eine Wucht, wie ein Ausstellungskatalog aus einem Museum. SCHWARZE SEEROSEN spielt zudem an einem Ort, der sich selbst vermarktet. Giverny liegt in der Normandie, nordwestlich von Paris und lebt vom Mythos eines Mannes, der hier seinen Lebensabend verbrachte: der Maler Claude Monet.
Sein berühmter Garten mit See und Seerosen wirkt wie ein Versprechen. Wer hier ankommt, den erwartet malerische Schönheit. Genau diese Erwartung nutzt auch der Comic als seine Tarnung und erzählt mir einen Mordfall, der sich in diese Postkartenidylle einschleicht.
Bekanntlich habe ich eine große Schwäche für Krimis, die ihre Ort als Kulisse ernst nehmen. Hier gelingt dies gut. Der Zeichner – oder sollte ich sagen: der Maler? – Didier Cassegrain setzt Giverny als lebenden Organismus in Szene. Gleichzeitig stolpert das Buch dort, wo es mich am meisten packen müsste: bei den Beziehungen der beteiligten Charaktere!
Die Handlung hängt an Eifersucht, Begehren und an Abhängigkeiten. Obwohl das Buch wie gemalt daher kommt, bleiben viele Verbindungen des Comics erstaunlich skizzenhaft. Das wirkt wie eine erzählerische Abkürzung, die dem Werk nicht gerecht wird und den Blick stärker auf das Visuelle lenkt.

Der tote Morval
Worum geht es? Das Opfer, Jérôme Morval, wird tot im Wasser aufgefunden. Er war wohlhabend, er sammelte Kunst und er sammelte … Affären. Der Mord ist brutal und wirkt nicht wie ein Unfall, auch nicht wie eine Eskalation im Affekt. Und ein junger, wenig erfahrener Ermittler darf bzw. muss den Fall übernehmen.
Kommissar Laurenc Sérénac ist neu im Ort. Sein Assistent Sylvio Bénavides hält seinem Chef bei den Ermittlungen den Rücken frei und schnell steht Jacques Dupain im Fokus der Ermittlungen. Er ist Jäger, er ist stolz und wirkt wie ein Mann, der Besitz mit Liebe verwechselt.
Seine Frau Stéphanie ist Lehrerin. Sie wiederum ist attraktiv, sichtbar und für die Männer im Dorf ein Magnet. Morval soll ihr nachgestellt haben. Das schafft für die Ermittler ein bequemes Motiv.
Parallel setzt der Comic auf ein weiteres Thema. Ein Gemälde mit dem Titel SCHWARZE SEEROSEN ist verschollen. Plötzlich ermittelt die Polizei nicht nur in einem Tötungsdelikt, sondern auch in einer Welt aus Sammlerwert und Mythen-Handel. Denn der Ort trägt Monet wie eine Monstranz vor sich her, während hinter den Fassaden Neid und Misstrauen brodeln.
Kommissar Sérénac reagiert darauf nicht nur professionell, sondern persönlich. Genau das wird zur ersten Schwachstelle dieses Albums.

Unterricht mit doppeltem Boden
Die zweite große Spur führt zu Fanette Morelle. Sie ist elf und malt, als hätte sie schon zu viel gesehen. Der Comic zeigt sie mir als Talent, das nach einem Ausgang aus dieser emotionalen Einöde sucht. Fanette will nicht nur besser werden, sie will weg.
Ein älterer Mann – ein Amerikaner namens James – fördert sie. Er nimmt sie ernst und bringt ihr die benötigten, malerischen Techniken bei. Diese Beziehung ist die heikelste im Buch, gerade weil sie so ruhig erzählt wird. Ein Erwachsener formt den Blick eines Kindes. Das kann der Weg zur Rettung sein, aber Missbrauch von Vertrauen. Der Comic balanciert diese Ambivalenz in der Luft, ohne sie konsequent auszuspielen.
Fanette hat außerdem Reibungspunkte zu ihren Gleichaltrigen. Zwei Jungs umkreisen sie wie Motten das Licht. Der Stoff hätte hier viel über frühe Projektionen erzählen können, über Begehren, das sich wie Macht anfühlt, über die Einsamkeit eines Kindes, das als Wunderkind funktioniert jedoch privat verhungert. Stattdessen bleibt Fanette’s Innenleben oft bei einer kriminaltechnischen Funktion: sie muss Hinweise tragen und die Zeitlinie füttern. Als Figur bleibt sie mir leider zu berechenbar.

Zwischen Ehe und einem Ermittler, der kippt
Auch Stéphanie Dupain steht zwischen mehreren Männern, aber nicht wirklich zwischen mehreren Entscheidungen. Das Charakterdesign des Comic sieht sie als Sehnsuchtsfigur. Es zeigt auch sie als Frau, die fort will. Gleichzeitig lässt das Szenario offen, woraus genau sie raus will. Aus der Ehe mit Jacques? Aus dem Dorf? Oder doch aus sich selbst?
Diese (impressionistische) Unschärfe kann Kunst sein, hier wirkt sie jedoch wie ein Plot-Hole. Schnell verfällt Sérénac ihr. Er glaubt an ihre Unschuld, will sie retten. Das ist dramaturgisch praktisch, aber psychologisch dünn und ermittlungstaktisch brisant.
Jacques bleibt ebenfalls schmal gezeichnet. Er ist der eifersüchtige Ehemann und – natürlich – der potenzielle Täter. Ich hätte gern mehr von seinem Alltag gesehen, mehr vom Ton in der heimischen Küche, mehr davon, wie Kontrolle vielleicht auch in kleinen Sätzen steckt. Stattdessen springt der Comic häufig direkt zu den großen Gesten. Das passt zur Krimi-Maschinerie, schwächt aber eine Beziehung, die als Motiv-Motor dienen soll.
Morval, der Tote, bleibt selbst auch nur ein Auslöser, kein Mensch. Seine Beziehungen sind Spuren, die die Polizei abläuft. Ich verstehe den Ansatz des Toten als Projektionsfläche. Nur verliert die Geschichte damit eine emotionale Achse. Wenn alles nur Hinweis ist, fühlt sich der Mord am Ende wie ein Rätsel an, dass mit einem Schulterzucken zurückgelassen werden kann und nicht wie ein Bruch in einer Lebenslinie.

Wenn Wahrheit die Figuren überrollt
Spoilerwarnung: Wer den Comic selbst noch einmal unbefangen lesen will, sollte diesen Abschnitt überspringen. Denn die Konstruktion von SCHWARZE SEEROSEN lebt von einer Auflösung, die rückwirkend vieles neu sortiert.
Der Comic arbeitet mit drei Frauenperspektiven und mit Zeitsprüngen. Er lässt Gegenwart, Vergangenheit und eine noch ältere Schicht ineinander laufen. Die Enthüllung verbindet diese Ebenen so, dass aus scheinbar getrennten Biografien ein einziger, langer Lebensbogen wird. Ja, der Effekt sitzt und ich blättere zurück, erkenne nun die gesetzten Details.
Nur entsteht dabei ein Problem. Beziehungen, die zuvor wie konkrete Verbindungen wirken sollten, entpuppen sich nun als Bauteile eines Zauber-Tricks. Dadurch werden sie im Rückblick flacher. Nicht weil die Idee schlecht wäre, sondern weil das Album seine Figuren zu lange als Masken benutzt. Wenn am Ende die Mechanik triumphiert, bleiben echte Bindungen auf der Strecke. Für mich ist das nun wirklich der zentrale Makel des Buches.

Beziehungen als Herzstück
Ich sehe in diesem Stoff vier Kernbeziehungen. Keine davon bekommt die Tiefe, die sie bräuchte.
Erstens die Ehe von Stéphanie und Jacques. Der Comic zeigt Eifersucht, zeigt Besitzdenken. Er zeigt aber zu wenig Alltag. Dabei zeigt sich toxische Nähe selten in einem einzigen Ausbruch. Sie zeigt sich in Wiederholungen, in Blicken, die stoppen oder in Fragen, die eigentlich Vorwürfe sind. Dieses emotionale Fundament fehlt mir hier. Dadurch wirkt Jacques oft wie ein Plot-Hebel, nicht wie ein Mann, der aus Angst (ge)handelt (hat).
Zweitens Stéphanie und Sérénac. Hier ist die Schieflage besonders offensichtlich. Ein Ermittler verliebt sich in eine mögliche Verdächtige. Das ist nicht nur unprofessionell, sondern ein Geschenk an jedes Drehbuch, das Abkürzungen braucht. Ich hätte die Versuchung gern stärker gespürt und sehen wollen, was Stéphanie konkret in ihm triggert. Stattdessen passiert seine Wandlung schnell, wie über einen Schalter. Klick, erledigt!
Drittens Fanette und James. Diese Verbindung trägt die poetische Seite des Buches. Sie ist zugleich die gefährlichste. Der Comic deutet Manipulation an, bleibt dann aber doch lieber höflich. Höflichkeit ist hier jedoch das falsche Werkzeug.
Viertens Morval und sein Umfeld. Er sammelt Bilder, er sammelt Körper. Das ist ein starkes Motiv. Nur bleibt es letztendlich bei der Behauptung eines tötungswürdigenCharakters.

Logikfragen
Ein guter Krimi darf täuschen, sollte dabei aber fair bleiben. Hier liegt mein größtes Unverständnis. Der Comic hält Informationen nicht nur zurück, er modelliert meine Wahrnehmung dabei so, dass sie zeitweise wie eine falsche Tatsache wirkt. Das ist ein Unterschied! In einem Roman kann man mit Erzählerstimmen spielen. Im Comic besitzt jedes Panel eine gewisse Objektivität. Wenn diese im Nachhinein relativiert wird, braucht es besonders saubere Signale.
Dazu kommt die Ermittlungslogik. Sérénac verrennt sich früh. Das kann passieren. Nur wiederholt sich sein Tunnelblick so konsequent, dass er wie ein Pflichtprogramm des Szenarios wirkt. Bénavides, sein Assistent, wirkt dann wie der Reparaturmechaniker, der die Story wieder richtig auf die Schiene setzen muss.
Auch das Kunstmotiv ist nicht immer sauber eingearbeitet. Das verschwundene Bild zieht Aufmerksamkeit auf sich, lenkt aber auch ab. Für mich wirkt es stellenweise wie eine Nebelkerze, welche die Schwächen in der Figurendarstellung kaschieren soll. Das gelingt atmosphärisch, logisch überzeugt es mich nicht.

Malerei in Panels
Genug des Gejammer. Schließlich sind da ja noch die Bilder. Didier Cassegrain arbeitet nicht mit einer klassischen Linienästhetik, die Farbe nur ausfüllt. Er malt mit Farbe, baut mit Licht jede einzelne Stimmung. Grün dominiert, Wasser glitzert. Manche Seiten wirken wie feuchte Luft. Das passt, weil Giverny, die Stadt Monet’s, in dieser Geschichte selbst eine Figur ist.
Seine größte Stärke liegt im Umgang mit Übergängen. Ein Schnitt vom Verhör zur Natur wirkt nicht wie ein Ortswechsel. Er wirkt wie ein Wechsel der Temperatur. Dadurch bekommt die Erzählung eine sinnliche-optische Klammer, die das Szenario alleine nicht schaffen würde.
Gleichzeitig hat dieser Stil eine Nebenwirkung. Er macht fast alles schön. Selbst eine Bedrohung wirkt oft wie ein Gemälde, das man gern länger betrachtet. Für einen Krimi ist das riskant. Der Comic will Noir, liefert dann jedoch häufig opulenten Impressionismus.
Ich sehe auch einen problematischen Blick in der Figurenzeichnung. Stéphanie wird stark über Körper und Pose definiert. Das unterstreicht ihre Rolle als Projektionsfläche. Es reduziert sie aber zugleich. Gerade weil die Geschichte von weiblichen Perspektiven lebt, stört mich diese Optik. Sie wirkt im Kern wie ein Widerspruch. Das Album erzählt von Frauen, die aus (Rollen-)Bildern ausbrechen wollen, zeichnet dann aber eine von ihnen wie ein Bild, das man besitzen möchte.

Die dunkle Seite des Kunstpilgerns
Giverny ist nicht zufällig gewählt. Monet lebte dort jahrzehntelang. Er machte Haus und Garten zu einem kontrollierten Kunstraum. Der berühmte Seerosenteich entstand nicht einfach, er war Gestaltung. Seine monumentalen Seerosenbilder hängen heute unter anderem in der Orangerie in Paris.
Der Comic macht daraus eine moderne Idee: ein Ort wird zur Marke! Eine Marke erzeugt Geld, Geld erzeugt Besitzdenken, Besitzdenken erzeugt Gewalt. Konstruiert ist das plausibel. Besonders, weil Kunst hier nicht nur als Schönheit auftaucht, sondern auch als Status. Morval verkörpert das. Er will Werke, Menschen und Geschichten, die ihn größer erscheinen lassen.
Spannend finde ich auch den Gedanken, dass Tourismus ein Dorf in ein Schaufenster verwandeln kann. Hinter opulent ausgestatteten Schaufenstern verstecken sich immer auch Risse. Man zeigt nicht, wie es riecht, wenn der Lack abblättert. Genau dieses Abblättern ist der stärkste historische Subtext des Albums. Es erzählt nicht direkt über Monet, aber darüber, was Monet aus (s)einem Ort gemacht hat.

Fazit
Ich wollte SCHWARZE SEEROSEN lieben, wirklich. Der Comic hat alles, was ich an solchen Stoffen schätze. Ein klares Setting, ein elegantes Motivnetz und eine Bildsprache, die man so schnell nicht vergisst. Trotzdem bleibe ich kritisch. Der große Twist ist clever – und er ist bequem.
Als Krimi funktioniert das Album. Ich lese schnell, werde gelenkt und überrascht. Als Drama über Menschen, die sich gegenseitig festhalten und verletzen, bleibt es mir aber zu glatt. Gerade die zentralen Beziehungen wirken eher behauptet als gelebt. Das spüre ich vor der Auflösung, danach spüre ich es noch stärker.
Didier Cassegrain hebt das Buch in eine andere Liga. Seine malerische Erzählweise macht Giverny glaubwürdig. Sie macht das Wasser gefährlich schön. Ohne diese Bilder – nur mit Zeichnungen wie z.B. aus VOLLE LEICHENHALLE – wäre mir die Konstruktion definitiv zu flach.
Unterm Strich sehe ich SCHWARZE SEEROSEN als ein Album, das mich weniger mit seiner Geschichte berührt als mit seinen malerischen Bildern einfängt. Wer Rätsel liebt, bekommt viel. Wer Figuren liebt, bekommt zu wenig. Für ein Werk, das von Blicken handelt, ist das ein bitterer Widerspruch.

- SCHWARZE SEEROSEN
- Fred Duval und Didier Cassegrain
- Hardcover | 144 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96219-372-0
- Storyline: ★★★☆☆
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆ (minus)
- © Splitter Verlag
- Informationen zu den Bildrechten findest Du hier
