Was wäre, wenn Du die Zeit anhalten könntest? Was würdest Du tun? Was würdest Du NICHT tun? Um diese Frage dreht sich STAND STILL und zieht uns direkt hinein in einen rasanten Sci-Fi-Thriller, der sich nicht mit kleinen Einsätzen aufhält.
Im Zentrum steht Ryker Ruel, ein charismatischer, aber moralisch fragwürdiger Protagonist, der durch ein ultrageheimes Hightech-Gerät die Fähigkeit erhält, die Zeit stillstehen zu lassen. Doch Ryker ist alles andere als ein Held. Er ist egozentrisch, verführerisch und mit einem Hang zum Soziopathischen. Er ist jemand, der eine solche Technik nicht in Händen halten sollte und schnell wird klar, dass Macht über die Zeit zu globalen Katastrophen führen kann.
Während Ryker einen persönlichen Rachefeldzug startet, geraten weltweit Politiker ins Visier, Kunstwerke verschwinden und mysteriöse Verbrechen erschüttern die Öffentlichkeit. Die Polizei tappt im Dunkeln und nur der unscheinbare Erfinder des Geräts, Colin Shaw, ahnt, was wirklich hinter den Schlagzeilen stecken könnte.
Er wird zum Gegenspieler, der als normaler Geek gegen einen übermächtigen Gegner antreten muss. Die Handlung bleibt dabei stets auf der Höhe, wechselt geschickt zwischen Action, Thriller und fast schon philosophischen Momenten ohne sich in den üblichen Klischees zu verlieren.
STAND STILL spielt gekonnt mit Fragen um Macht und Verantwortung. Die Story ist temporeich, aber nie hektisch. Immer wieder werden die Leser mit einem moralischen Dilemma konfrontiert, ohne dass der Comic den mahnenden Zeigefinger erhebt. Die Welt wirkt glaubhaft, die Bedrohung real und die Konsequenzen des Zeitstillstands sind nicht nur für Ryker sondern auch für die gesamte Gesellschaft spürbar. So entsteht ein Sog, der uns schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.
Die Kreativen hinter dem Stillstand
Lee Loughridge ist in der Comic-Welt kein Unbekannter. Als Szenarist und vor allem als Kolorist hat er seit den 1990ern an zahlreichen Genre-Highlights mitgewirkt, darunter verschiedene BATMAN-Abenteuer, FABLES und ganz aktuell SOMNA – EINE GUTENACHTGESCHICHTE.
Mit STAND STILL übernimmt er als Autor das Ruder und bleibt dabei seinem Hang zu atmosphärischer Dichte treu. Loughridge versteht es, komplexe Figuren zu schaffen. Seine Geschichten sind oft geprägt von düsteren Grundtönen und psychologischer Tiefe. Auch STAND STILL macht da keine Ausnahme.
Andrew Robinson, bekannt für seine Arbeiten an HARLEY QUINN und DER FÜNFTE BEATLE, bringt seine unverkennbare Handschrift in die Zeichnungen ein. Robinsons Stil ist dynamisch, detailverliebt und gerade in Actionsequenzen beeindruckend klar.
Unterstützt wird er von Alex Riegel, der als zusätzlicher Zeichner ab dem vierten Kapitel punktuell Akzente setzt und den Look des Comics verändert. Positive formuliert könnte man sagen, dass die Zusammenarbeit der beiden für ein abwechslungsreiches Gesamtwerk sorgt. Negativ formuliert ist der Stilwechsel so extrem, dass es mir die Freude am Gesamtwerk beinahe genommen hat. Doch dazu später mehr.
Loughridge übernimmt in STAND STILL auch die Farben. Es ist ein seltener Glücksfall, wenn Autor und Kolorist in Personalunion auftreten können. Seine Farbgebung ist stimmungsvoll, setzt gezielte Akzente und verstärkt die emotionale Wirkung der Panels. Das Team harmoniert trotz meiner bisherigen Anmerkungen, was dem Comic eine besondere künstlerische Note verleiht.
Doppelseiten und Double Trouble
STAND STILL hebt sich in mehrfacher Hinsicht von vergleichbaren Sci-Fi-Comics ab. Zum einen ist da die konsequente Fokussierung auf das Thema Zeitmanipulation. Aber anders als viele Genre-Ausgaben bleibt der Comic nicht bei der reinen Superkraft stehen, sondern lotet die gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Folgen des Zeit-Freeze aus. Die Frage „Was würdest du tun, wenn du die Zeit anhalten könntest?“ wird hier radikal zu Ende gedacht und das mit einer seltenen Konsequenz.
Ein positives Alleinstellungsmerkmal ist das Artwork im Doppelseiten-Querformat (!). Robinson nutzt die Breite der Seiten, um spektakuläre Panoramen und dynamische Bewegungsabläufe zu inszenieren. Die Panels sind großzügig, fast filmisch komponiert, was dem Comic eine besondere visuelle Wucht verleiht. Die Farbgebung von Loughridge verstärkt diesen Effekt und sorgt für eine durchgehend dichte Atmosphäre.
STAND STILL verzichtet bei seiner Erzählung auf das klassische Heldenreise-Muster. Stattdessen steht mit Ryker Ruel der Antiheld im Mittelpunkt, dessen Motive und Methoden immer wieder hinterfragt werden müssen. Das sorgt für Spannung und teils überraschende Wendungen. Auch die Nebenfiguren sind mehr als bloße Stichwortgeber. Sie erhalten Raum zur Entfaltung, was die Welt von STAND STILL lebendig macht.
Von Cliffhanger zu Cliffhanger
Die Erzählstruktur von STAND STILL ist ein echtes Highlight. Der Comic setzt auf kurze, prägnante Kapitel, die jeweils mit einem Cliffhanger enden und so permanent Spannung erzeugen. Die Story springt zwischen verschiedenen Schauplätzen und Perspektiven hin und her, bleibt aber stets übersichtlich. Dabei werden Rückblenden gezielt eingebaut, um Figuren-Hintergründe zu beleuchten ohne den Lesefluß zu bremsen.
Loughridge hält das Tempo hoch, gönnt der Handlung aber immer wieder Momente der Reflexion. Das Wechselspiel aus Action und ruhigen Szenen funktioniert hervorragend. Besonders gelungen ist dabei die Balance zwischen persönlichem Drama und globaler Bedrohung!
Während Ryker im Zentrum steht, wird die Welt um ihn herum nie zur bloßen Kulisse. Die Auswirkungen seiner Taten sind spürbar, die Nebenfiguren reagieren glaubhaft auf die eskalierende Situation.
Der Story-Arc folgt keinem klassischen Drei-Akt-Schema, sondern entwickelt sich organisch aus den Entscheidungen der Figuren. Das sorgt für Unvorhersehbarkeit und hält die Spannung bis zum Schluss hoch. Die Dramaturgie profitiert von der klaren Panel-Struktur und der gezielten Farbdramaturgie, die Stimmungen und Wendepunkte visuell unterstreicht.
Anti- und Alltagshelden
Die Figuren in STAND STILL sind alles andere als Schablonen. Ryker Ruel ist ein faszinierender Antiheld, dessen Motive und Handlungen immer wieder überraschen. Seine Entwicklung bleibt bis zuletzt ambivalent. Ist er ein Opfer seiner Vergangenheit oder ein Täter aus Überzeugung? Gerade diese Unschärfe macht ihn spannend. Der Geek als Gegenspieler ist angenehm unaufgeregt. Er wächst im Verlauf der Geschichte über sich hinaus, bleibt aber glaubwürdig in seinen Reaktionen und seinen Zweifeln.
Wie bereits erwähnt, profitieren auch die Nebencharaktere von der Vielschichtigkeit der Story. Sie sind nicht bloß Statisten, sondern tragen aktiv zur Handlung bei. Ihre Beziehungen zu Ryker und untereinander entwickeln sich im Lauf der Geschichte weiter. Besonders gelungen sind die Dialoge. Sie sind manchmal lakonisch, immer jedoch auf den Punkt. So entsteht eine dichte Atmosphäre, die auch in den ruhigeren Passagen trägt.
Die Charakterentwicklung verläuft nicht linear, sondern spiegelt die chaotischen Auswirkungen des Zeitstillstands wider. Entscheidungen haben Konsequenzen und niemand bleibt letztendlich unversehrt. Das sorgt für Authentizität und emotionale Tiefe, was im Genre der Sci-Fi-Thriller nicht immer vorkommt.
Kino im Querformat
Das Artwork der ersten dreieinhalb Kapitel von STAND STILL ist ein echtes Fest für die Augen. Andrew Robinson nutzt das Doppelseitenformat meisterhaft, um große Actionszenen und ruhige Momente gleichermaßen eindrucksvoll in Szene zu setzen. Sein Stil ist dynamisch, mit klaren Linien und einer Liebe zum Detail, die gerade in den städtischen Panoramen zur Geltung kommt. Ein Vergleich zu SHOOTING RAMIREZ von Nicolas Petrimaux drängt sich bei Robinson’s Stil geradezu auf. STAND STILL überbrückt somit gut die Zeit, bis dort auch endlich der dritte Band auf der Ladentheke liegt. (Vorsicht, ja, auch hier scheint die Zeit still zu stehen!)
Die Figuren sind ausdrucksstark, die Mimik nuanciert. Dies ist ein echter Pluspunkt für die emotionale Wirkung des Comics. Er verantwortet den grafischen Teil bis Mitte zur vierten Kapitels, danach übernimmt aus Zeitgründen (leider) Alex Riegel. Robinson war in anderen Projekten zu eingespannt und sich hier weiter beteiligen zu können. Schade.
Wechsel bei den Zeichnern


Alex Riegel bringt einen eigenen Stil mit – nun, ja – eigenen Akzenten ein. Der Zeichnerwechsel sorgt für Abwechslung, stört meiner Meinung nach dabei aber den visuellen Fluss.
Wo Robinson messerscharfe Zeichnungen abliefert, sind Riegel’s skizzenhafter und wirken wie unter Zeitdruck hingeworfen. Seine Zeichnungen machen es mir persönlich unnötig schwer, die Protagonisten wiederzuerkennen. Dadurch verliert das Werk in der zweiten Hälfte leider sehr an Attraktivität.
Ich habe mir in der zweiten Hälfte immer vorgestellt, Loughridge wäre ausgefallen und das Album nur in Schwarz-Weiss erschienen, nach dem Inking veröffentlicht. (Nein, das möchte ich mir nicht wirklich vorstellen.)
Die Panels sind großzügig angelegt, die Seitenaufteilung bleibt übersichtlich. Robinson und Riegel nutzen die Möglichkeiten des Mediums aus und spielen mit Perspektiven und Lichtstimmungen. Das Ergebnis ist ein Comic, der nicht nur erzählt, sondern mich anfangs auch visuell begeistert hat.
Und sonst?
Zuletzt bleibt noch, die Farbgebung von Lee Loughridge besonders hervorzuheben. Sie ist nicht nur atmosphärisch, sondern auch dramaturgisch klug eingesetzt. Farben unterstreichen Stimmungen, markieren Zeitsprünge und setzen gezielte Kontraste.
Ja, bei meinem oben genannten Gedankenspiel fehlen sie mir wirklich. Die Kolorierung rettet in der zweiten Hälfte eine Menge. Und genau das lässt ihren Wert für das Gesamtwerk erkennen.
Zeitgeschichte trifft auf Zeitstopp
STAND STILL ist in einer fiktiven Gegenwart verortet, spielt aber immer wieder mit historischen Verweisen. Die Idee, dass Technologie gesellschaftliche Machtverhältnisse radikal verschieben kann, erinnert an die klassische Science-Fiction der 1970er und 1980er Jahre. Auch die Darstellung von politischen Intrigen und globalen Krisen knüpft an reale Ereignisse der jüngeren Vergangenheit an. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität, das den Comic besonders relevant macht.
Die Frage nach Verantwortung im Umgang mit Technologie ist hochaktuell und das zentrales Motiv. STAND STILL reiht sich damit ein in eine lange Tradition von Werken, die gesellschaftliche Entwicklungen durch die Linse der Science-Fiction reflektieren. Historische Parallelen werden angedeutet, ohne dass der Comic belehrend wirkt. Aus meiner Sicht lädt er vielmehr dazu ein, über die eigene Gegenwart nachzudenken.
Ein Einzelgänger im Comicregal
STAND STILL ist eine One-Shot Mini-Serie, die ursprünglich bei Image Comics erschienen ist. Der Splitter Verlag hat den Comic nun als Einzelband im Hardcover konzipiert. Hier bekommt man die abgeschlossene Geschichte, die alle Fäden sauber zusammenführt und keine Kenntnisse voraussetzt.
Das macht den Einstieg auch für Gelegenheitsleser leicht und für Fans der Macher gibt es gelegentlich kleine Anspielungen auf frühere Werke z.B. in der Farbgebung oder der Erzählweise. Aber irgendwie wünscht man sich dann doch, dass die Geschichte weitergehen würde. Einfach weil Robinson’s Artwork so heraus sticht und die Zeit-Thematik noch viele interessante Wendungen bereithält.
Der Comic steht für sich, profitiert aber von den Erfahrungen der Kreativen aus anderen Projekten. Wer Loughridge, Robinson oder Riegel aus anderen Comics kennt, wird kleine stilistische Wiedererkennungswerte entdecken. Ein nettes Extra für Kenner. Aber kein Muss.
Fazit
STAND STILL ist ein Sci-Fi-Thriller, der nicht nur durch seine Prämisse, sondern vor allem durch seine Umsetzung weitestgehend überzeugt. Die Geschichte ist spannend, die Figuren vielschichtig, das Artwork teils atemberaubend. Loughridge, Robinson und Riegel liefern ein Gesamtpaket ab, das sowohl für Einsteiger als auch Comic-Profis geeignet ist. Die Frage nach Macht, Verantwortung und Moral wird hier nachdrücklich und ohne erhobenen Zeigefinger aber auf höchstem, narrativem Niveau behandelt.
Wer Lust auf einen Comic hat, der Tempo, Tiefgang und visuelle Wucht vereint, sollte STAND STILL unbedingt lesen. Es ist ein Werk, das nachhallt, zum Nachdenken anregt und dabei streckenweise beste Unterhaltung bietet. Also: Zeit anhalten, Comic aufschlagen – und schauen, wie sich die Welt verändert hat, nachdem man aus dem Werk wieder aufgetaucht ist!
STAND STILL
© Splitter-Verlag | Hardcover | 256 Seiten | Farbe
Storyline: ★★★★☆
Zeichnungen: Robinson ★★★★★(★) / Riegel ★★☆☆☆
Lettering: ★★★★★
Humor: ★☆☆☆☆
Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
ISBN: 978-3-96792-017-8
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