Neil Adams Profilbild von Gage Skidmore

NEAL ADAMS – Wenn Figuren plötzlich Schwerkraft bekommen

Hatte ich schon erzählt, dass ich Krimis liebe? Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb ich in meiner Jugend einen Superhelden allen anderen vorgezogen habe: BATMAN. Während meiner Schulzeit gab es keine Ausgabe der Abenteuer aus Gotham, die ich nicht gelesen hätte – falls genügend Taschengeld vorhanden war.

Mein BATMAN war der von Neal Adams: moderat muskulös, aber drahtig, mit einer hochgewachsenen Silhouette und spitzen, aber nicht zu langen Fledermausohren. Ein BATMAN der seine menschlichen Schwächen noch nicht verloren hatte, der auch einmal urlaubsreif sein durfte und der nicht nur wie eine getriebene Maschine ruhelos durch die Straßenschluchten seiner Stadt streifte.

Bei ihm hatte ich damals das Gefühl, dass eine Comicfigur nicht bloß gezeichnet ist, sondern wirklich auf dem Boden stehen könnte. Ich sehe Gewicht auf seinen Schultern, Spannung in den Händen, Müdigkeit unter den Augen und Gefahr in der Haltung. Das klingt erst einmal schlicht. Genau darin lag aber seine Wucht.

Neal Adams brachte den amerikanischen Superhelden-Comic aus einer bequemen, oft flachen Bildsprache in eine Welt, die nach Körper, Stoff, Schatten und echtem Raum aussah. Für mich war – und ist – das keine kleine Korrektur. Das ist ein Einschnitt. Ohne ihn sähen BATMAN, DEADMAN oder GREEN LANTERN / GREEN ARROW in meiner inneren Comicgeschichte anders aus. Vielleicht hätte ich auch nie wirklich für Comics interessiert.

Lehrjahre zwischen Zeitung, Werbung und Trotz

Neal Adam’s Weg in die Branche war nicht die elegante Heldengeschichte, die man gern nachträglich daraus macht.

Adams wurde 1941 in New York geboren, wuchs in einer Militärfamilie auf und besuchte die School of Industrial Art in Manhattan. Früh wollte er ins Comic-Business hinein, früh bekam er dort auch Gegenwind.

Der Markt war schwach, die Verlage vorsichtig und der direkte Einstieg gelang ihm nicht. Also arbeitete er in der Werbung, zeichnete Storyboards und fand mit dem Zeitungsstrip BEN CASEY eine Schule, die für ihn am Ende fast genauso wichtig wurde wie jeder Verlag.

Ich merke diesen Hintergrund seinen späteren Arbeiten an. Dort sitzt jeder Blick und jede Geste hat ein Ziel. Wer täglich für einen Strip arbeitet, lernt Ökonomie in die eigene Arbeitsweise einzubringen. Und wer aus der Werbegrafik kommt, lernt Wirkung. Adams brachte beides mit, als er in den späten sechziger Jahren erneut bei DC aufschlug.

 

Neil Adams Beispielseite 03
Beispielseite aus BATMAN – THE BRAVE AND THE BOLD: RED WATER, CRIMSON DEATH

Die Kunst, Körper wirken zu lassen

Was mich an seinen Zeichnungen bis heute fasziniert, ist die Mischung aus konzeptioneller Wucht und Klarheit. Viele Zeichner können Dynamik, viele können Lesbarkeit. Bei ihm greift beides ineinander.

Ich kann einem Arm folgen, einem Sprung, einer Drehung des Oberkörpers. Ich verliere dabei nie die Orientierung auf der Seite. Seine Figuren posieren nicht leer in die Gegend herum. Sie reagieren, sie verspannen sich, sie drohen und sie leiden. Die Gestaltung und Positionierung seiner Panel hatte etwas Besonderes.

Gerade in der Darstellung von unterschiedlichen Gesichtern war er stark. Ich sehe bei ihm keine austauschbaren Heldenschädel. Ich sehe Zorn, Erschöpfung, Arroganz und Trotz. Selbst Faltenwurf arbeitet bei ihm mit. Ein Cape fällt nicht einfach dekorativ. Es schneidet durch den Raum. Ein Schatten liegt nicht bloß herum, sondern baut Stimmung auf.

DEADMAN und der große Durchbruch

Für mich zeigt sich diese Qualität besonders schön in DEADMAN. Boston Brand, der Held der Reihe, ist ein seltsamer Stoff, weil die Figur zugleich körperlos und hoch emotional ist. Genau hier wird Adams richtig gut.

Er zeichnet einen Toten, der trotzdem ein Gesicht voller Schmerz hat. Er macht aus übernatürlichem Material keine wattierte Geistershow, sondern ein Drama mit Tempo, gezielter Blickführung und einer fast greifbaren Traurigkeit.

DC führt die frühen Geschichten aus STRANGE ADVENTURES bis heute als Kern seines Durchbruchs an und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Hier sehe ich schon alles, was später groß werden würde wie z.B. die sicheren Perspektiven, die starke Mimik, die Lust an der Bewegung. Und vor allem diesen Willen, eine Seite so zu bauen, dass Leserinnen und Leser beinahe automatisch hineingezogen werden.

 

Neil Adams Beispielseite 04
Beispielseite aus BATMAN – THE BRAVE AND THE BOLD: RED WATER, CRIMSON DEATH

Als Gotham nach Nacht aussah

Noch wichtiger für sein Vermächtnis wurde jedoch jemand anderer: BATMAN.

Ich lese seine Arbeiten zum dunklen Ritter bis heute mit dem Gefühl, dass hier jemand eine Figur wieder auf ihre dunklen Wurzeln zurückführt. Der BATMAN bei Adams ist aufrecht, wachsam, gewollt unheimlich. Er betritt einen Raum nicht geschniegelt durch die Tür. Er hängt irgendwo in den Schatten, kommt wie ein Raubvogel aus der Höhe herab geschossen oder steht schon da, bevor die Gegenseite richtig begriffen hat, was eigentlich los ist.

Zusammen mit Dennis O’Neil formte er in BATMAN, DETECTIVE COMICS und THE BRAVE AND THE BOLD eine Version der Figur, die bis heute in mir nachwirkt. In diese Phase seines Schaffens fallen auch wichtige Neuzugänge wie MAN-BAT und RA’S AL GHUL.

Ich mag daran besonders, dass die Düsternis nie bloße Behauptung blieb. Sie sitzt in jeder Silhouette, im Seitenrhythmus und in den Blickachsen. Gotham wirkt bei ihm wieder wie ein Ort, in dem es kalt ist und an dem ich nachts zu Hause sein wollte.

 

Neil Adams Beispielseite 05
Beispielseite aus BATMAN – THE BRAVE AND THE BOLD: RED WATER, CRIMSON DEATH

Die Straße kommt ins Heft

Ein eigener Blick auf den historischen Hintergrund lohnt sich bei GREEN LANTERN / GREEN ARROW – HARD TRAVELLING HEROES. Anfang der siebziger Jahre war der amerikanische Superheldencomic noch längst nicht dort, wo er zu einem späteren Zeitpunkt mit politischen oder sozialen Stoffen ganz selbstverständlich hantierte.

Diese Serie schickte Hal Jordan (Green Lantern) und Oliver Queen (Green Arrow) durch ein Amerika, das von Rassismus, Armut, Drogen und wachsendem Misstrauen gegen die eigene Gesellschaft geprägt war. DC betont bei den Sammlungen bis heute, dass diese Hefte genau solche Themen offen angingen. Für mich macht aber nicht nur der Stoff diese Reihe stark.

Entscheidend ist, wie Adams mit seinen Zeichnungen die Geschichten erdet. Straßenecken wirken benutzt, Gesichter müde oder wütend. Green Arrow bekam in dieser Zeit sein modernes Aussehen mit charakteristischem Bart und härterer Kante. Auch John Stewart, einer der ersten dunkelhäutigen Superhelden (ebenfalls als Green Lantern), gehört Anfang der 1970er zu diesem Umfeld des allgemeinen Aufbruchs im jungen Bronze-Zeitalter der US-Comics.

Ich lese diese Seiten nicht als trockene Lektion, sondern als Versuch, Superhelden mit echtem Straßenstaub zu versehen. Das klappt erstaunlich gut.

 

Neil Adams Beispielseite 01
Beispielseite aus BATMAN – THE BRAVE AND THE BOLD: RED WATER, CRIMSON DEATH

MARVEL und neue Möglichkeiten

Bei MARVEL, wo er ab 1969 als Freiberufler arbeitet, funktionierte sein Stil etwas anders, aber nicht weniger eindrucksvoll.

In UNCANNY X-MEN Ausgabe 56 bis 63 brachte er zusammen mit Roy Thomas eine Dringlichkeit in die Serie, die ich selbst heute noch sofort spüre. Das Team wirkt plötzlich nicht mehr wie eine freundliche Reihe bunter Kostüme, sondern wie eine nervöse, junge Truppe, die mit jeder Bewegung gegen ihre Umwelt anrennt.

MARVEL führt diese Phase zu Recht als wichtige Station des Verlagshauses auf. Später kam THE AVENGERS hinzu, vor allem der KREE SKRULL WAR. Dort zeigt sich eine andere von Adam’s Stärke. Er konnte Größe, konnte viele Figuren, viel Bewegung und Pathos. Und trotzdem bleiben seine Panel verständlich.

Das ist schwerer, als es aussieht. Seine MARVEL-Arbeiten waren nicht so dauerhaft mit einer einzelnen Figur verschmolzen wie bei DC’s BATMAN. Sie zeigen aber sehr klar, wie seine Fähigkeiten und wie breit aufgestellt seine Möglichkeiten waren.

Nicht nur Zeichner, auch Antreiber

Was ich an Neal Adams fast genauso interessant und wichtig finde wie die Kunst, ist sein Einfluss auf die gesamte Comic-Branche. 1971 gründete er mit Dick Giordano CONTINUITY ASSOCIATES, ein Studio, das Comics, Illustration, Werbung und Storyboards miteinander verband und für viele jüngere Zeichner ein wichtiger Ort wurde.

Dazu kam sein Einsatz für Urheberrechte und Originalseiten. Besonders prägend war sein Anteil daran, dass Jerry Siegel und Joe Shuster wieder Anerkennung und eine finanzielle Absicherung bekamen. Ich spreche darüber nicht als nette Randnotiz. Dies gehört genauso zu ihm, wie seine Zeichenkunst und damit in die Mitte seiner Biografie.

Ich sehe darin denselben Charakterzug wie in seinen Zeichnungen: Druck machen, Platz beanspruchen, nicht klein beigeben. Diese Einstellung passte nicht jedem. Und doch hat es der Branche gutgetan.

 

Neil Adams Beispielseite 02
Beispielseite aus BATMAN – THE BRAVE AND THE BOLD: RED WATER, CRIMSON DEATH

Wo ich auch mal die Stirn runzle

Ganz ohne Kritik möchte ich diesen Artikel aber auch nicht beenden. Gerade spätere Arbeiten haben für mich stellenweise zu viel Nachdruck. Dann wird aus Energie Lautstärke. Dann kippt starke Anatomie in Überbetonung. Dann stehen Muskeln und Grimassen einen Tick zu entschlossen in einem Panel.

Natürlich lagen die Latten hoch und ich kann mir gut vorstellen, dass seitens der Verlage ein Immer-Höher, Immer-Weiter und Immer-Bombastischer gefordert wurde. Und doch ist diese Entwicklung bemerkenswert.

Auch als Autor war er nicht immer so präzise, wie ich ihn als Zeichner empfunden habe. BATMAN ODYSSEY oder manches andere Spätwerk haben Momente, in denen ich eher die Willenskraft als die Eleganz bewundere. Aber selbst dort sehe ich keine Müdigkeit. Ich sehe einen Künstler, der immer auf volle Präsenz aus war. Das ist nicht immer fein, aber fast immer unverwechselbar.

Was von ihm bleibt

Adams starb am 28. April 2022 in New York, also genau heute vor vier Jahren.

Geblieben ist weit mehr als eine Reihe berühmter Cover und kanonischer Comic-Hefte. Geblieben ist ein neuer Blick auf unsere Superhelden. Sie durften Schatten werfen, wieder verletzlich aussehen – und sein – und sie durften Größe haben, ohne den Boden unter ihren Füßen zu verlieren.

Wenn ich heute ältere BATMAN, DEADMAN, GREEN LANTERN, GREEN ARROW oder X-MEN-Seiten von ihm aufschlage, sehe ich deshalb nie bloß einen Klassiker. Ich sehe einen Zeichner, der dem Genre beigebracht hat, wie sich Spannung im Körper der gezeigten Personen anfühlt. Darum kehre ich immer wieder zu Neal Adams zurück. Nicht aus Ehrfurcht. Eher aus Freude darüber, wie lebendig Comics werden können, sobald einer sie wirklich atmen lässt.

 

Die gezeigten Beispielseiten sind ursprünglich © DC

Profilfoto / Beitragsbild by Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79171268

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