Nur noch wenige Tage, dann ist wieder „Erlangen“. Die mittelfränkische Stadt ist während des Internationalen Comic-Salons nicht einfach ein Ort, in der nebenbei ein paar Zeichner ihre Werke signieren und Verlage ihre Neuheiten stapeln. Für vier Tage wechselt der Ort in einen anderen Zustand: Er wird zur Comic-City Deutschland.
Plötzlich stehen Comics nicht nur in den hinteren Regalen von Buchhandlungen, hängen an Wänden von Nerds oder liegen auf Tischen – nein, sie ziehen durch Plätze, Theater, Museen, Schaufenster und Gespräche. Genau das macht den Reiz eines Festivals aus. Es ist groß genug, um beinah die ganze Branche zu versammeln und zugleich kompakt genug, damit man nach wenigen Stunden das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein.
Für 2026 kündigt der Salon auf seiner Website wieder rund 300 Aussteller, mehr als 500 Künstlerinnen und Künstler und ein dichtes Programm aus Messe, Ausstellungen, Gesprächen und Signierstunden an. Die Zahlen der letzten Ausgabe zeigen, dass dies keine freundliche Übertreibung ist: 2024 kamen rund 30.000 Besucherinnen und Besucher, es gab 325 Aussteller, 582 gemeldete Künstlerinnen und Künstler, 278 Veranstaltungen und 25 Ausstellungen.
Was den INTERNATIONALEN COMIC-SALON ERLANGEN (ICSE) so erfolgreich macht, ist nicht bloß seine Größe. Andere Festivals haben mehr Pathos, mehr Glamour oder mehr pop-artige Begleitgeräusche. Erlangen dagegen hat eine seltene Mischung aus Ernsthaftigkeit, Neugier und Bodenhaftung. Hier treffen auf engem Raum Buchhandel und Verlage auf Hochschulen, Sammler und Familien auf Zeichner, Kritiker und Gelegenheitsleser auf Hardcore-Fans. Und manchmal gerät der eine oder Tourist in den Trubel, ohne zu wissen, wie ihm – oder ihr – geschieht.
Das Festival will Kunst zeigen, aber es will sich nicht von seinem Publikum abkoppeln. Es nimmt Comics als Kunstform ernst, ohne sie hinter Museumsglas einzusperren. Genau deshalb fühlt sich Erlangen nie wie ein Branchentermin unter Ausschluss der Öffentlichkeit an, sondern wie ein offenes Stadtfest für die Neunte Kunst. (Diesen Begriff prägte ursprünglich der Journalist und Schriftsteller Francis Lacassin. Eine passende Muse lieferte er uns jedoch nicht gleich mit. Schade eigentlich.)

Wie Erlangen zur festen Adresse wurde
Die Geschichte des Salons ist spannender, als der nüchterne Festival-Name zunächst vermuten lässt. Gegründet wurde er 1984, also in einer Zeit, in der Comics in Deutschland zwar längst gelesen wurden, kulturell aber noch deutlich weniger Ansehen genossen. (Und ja, auch heute ist das sogenannte Standing der bunten Hefte und Alben immer noch ausbaufähig.)
In Erlanger Unterlagen zur geplanten Entwicklung eines Comic-Museums steht ziemlich deutlich, dass die Stadt damals ihrer Zeit voraus war. Der Salon habe über Jahrzehnte den Stellenwert der Comic-Kunst mitgeprägt und Erlangen zu einem weithin beachteten Ort der Neunten Kunst gemacht.
Zugleich erinnert eine städtische Publikation daran, dass der frühere Kulturreferent Wolf Peter Schnetz jene kommunale Kulturlandschaft mit aufgebaut hat, aus der neben dem Comic-Salon auch das Figurentheater-Festival und das Poetenfest hervorgingen. Man kann also sagen, dass der Salon keine Laune oder netter Zufall war, sondern Teil einer kulturpolitischen Strategie, die erstaunlich weitsichtig gewesen ist.
Das zweite spannende Detail liegt in der Stadt selbst. Erlangen ist eben nicht Berlin, nicht Hamburg oder Köln. Und gerade das hilft im Drei-Länder-Eck der deutschsprachigen Interessierten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Ein offizielles Eckpunktepapier der Stadt beschreibt, wie Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre mehrere große Festivals den Ruf Erlangens als Festivalstadt begründeten.
Zwischen Angoulême, Lucca und Luzern
Der Vergleich mit anderen europäischen Festivals wird das Besondere von Erlangen erst richtig deutlich.
Angoulême (Frankreich) denkt den Comic stark vom Autor und vom vergebenen Preis her. Auf der offiziellen Seite des Festivals wird ausdrücklich betont, dass die Künstlerinnen und Künstler im Zentrum stehen.
Lucca (Italien) wiederum beschreibt sich gern selbst als eines der größten Community-Events der westlichen Welt und feiert ganz offen die Popkultur aus Comics, Games, Kino und mehr in aller Breite.
Fumetto in Luzern (Schweiz) setzt seit 1992 traditionell stärker auf Ausstellung, Kunst-Anspruch und Avantgarde, ausdrücklich ohne einen klassischen Messehintergrund.
Erlangen wiederum liegt irgendwo dazwischen, aber eben nicht unentschlossen, sondern ziemlich eigenständig. Gerade darin steckt seine Stärke. Das deutsche Festival ist konzentrierter als Lucca, zugänglicher als viele rein kunstorientierten Formate und weniger von Preislogik dominiert als Angoulême, obwohl in Erlangen der renommierte Max-und-Moritz-Preis vergeben wird.
Das Festival verbindet Kunst und Kommerz, Mainstream und Avantgarde – so beschreibt es die offizielle Selbstdarstellung selbst. Und anders als bei vielen Messen bleibt dieses Versprechen nicht bloß ein Slogan. Wer morgens in eine Ausstellung geht, mittags durch die Zelte streift, nachmittags einer Diskussion zuhört und abends im Markgrafentheater zur Preisverleihung landet, merkt schnell, wie sauber diese Bausteine ineinandergreifen.
Der ICSE wirkt nicht wie eine Ansammlung einzelner Programmpunkte, sondern wie ein aus der Stadt heraus gebautes Ganzes.
Kleine Stadt, ganz groß
Der Comic-Salon findet seit 1984 im zweijährigen Wechsel mit dem Internationalen Figurentheater-Festival und dem Poet*innenfestival statt. Wie viele andere, große europäische Comic-Festivals sitzt auch Erlangen in einer kleineren Stadt mit historischer Kulisse. Hier entsteht daraus ein geschlossener Kreislauf.
Man läuft sich dauernd über den Weg. Die Wege sind kurz, Begegnungen nicht künstlich arrangiert und die Stadt selbst spielt mit. Das klingt zuerst einmal simpel, ist aber ein echter Standortvorteil.
Ein drittes Detail erklärt, warum der Salon mehr als eine Messe mit Rahmenprogramm ist. Aus ihm sind Strukturen entstanden, die weit über das Festival hinausreichen. Die Idee eines Comic-Museums in Erlangen wird seit Jahren ernsthaft verfolgt, ausdrücklich mit Verweis auf die Bedeutung des Salons. Auch existiert das 1986 gegründete International Comic-Seminar. Dazu kommt das Festival im Festival KINDER LIEBEN COMICS, das 2016 gestartet ist und in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert.
Dies ist kein schmückendes Beiwerk. Es zeigt, wie bewusst in Erlangen an der nächsten Generation von Künstlerinnen und Künstlern, Leserinnen- und Lesern gearbeitet wird. Wer Comics nur als Nostalgie für ältere Fans versteht, bekommt hier seit Jahren das Gegenteil vorgeführt.
Wenn selbst ein Erfolgsfestival rechnen muss
So robust der Comic-Salon kulturell dasteht, so wenig ist er von den Finanzproblemen seiner Stadt abgekoppelt. Genau darin liegt derzeit der wunde Punkt.
Die Kommune Erlangen beschreibt ihre Haushaltslage für 2026 selbst als „schwierig“. Als Ursachen nennt sie hohe Gewerbesteuerrückzahlungen aus dem Jahr 2024, rückläufige Gewerbesteuereinnahmen, steigende Personal- und Sozialausgaben sowie hohe Baukosten. Das alles kennt man ja. In den offiziellen Haushalts-FAQs ist außerdem von Kassenkrediten, einer zuvor nötigen Haushaltssperre und einem Konsolidierungskonzept die Rede.
Ergänzend wurde im Herbst 2025 öffentlich, wie hart der Einbruch die Stadt getroffen hat. Nach Angaben aus dem Umfeld des Kulturamts mussten Gewerbesteuern in einer Größenordnung zurückgezahlt werden, die den finanziellen Spielraum der Kommune massiv schrumpfen ließ. Wer das nüchtern liest, versteht sofort, warum in Erlangen plötzlich auch über Festivalgrößen, Ticketmodelle und Prioritäten gesprochen wird. Für den Comic-Salon heißt das ganz konkret, dass auch er Teil des Sparens geworden ist.
Der Stadtrat hat den Haushalt 2026 zwar beschlossen und damit die Grundlage geschaffen, Kulturförderung und andere freiwillige Aufgaben weiter zu finanzieren. Aber der Konsolidierungskurs bleibt sichtbar. Beim Salon 2026 wurden die Eintrittspreise angehoben. Die (nicht ermäßigte) Tageskarte steigt von 12 auf 15 Euro, die Dauerkarte von 32 auf 40 Euro. Bemerkenswert ist auch die Begründung in den städtischen Unterlagen. Das Prinzip „Zahl, was du kannst“ wird beim Comic-Salon vorerst gerade nicht eingeführt, weil ein großer Teil des Publikums nicht aus Erlangen kommt. Das klingt trocken, sagt aber viel.
Der Salon ist für die Stadt ein Prestigeprojekt, ein Standortfaktor und ein Publikumsmagnet. Zugleich ist er jedoch kein geschützter Raum außerhalb der Haushaltsrealität. Erfolgreich zu sein heißt in Erlangen also gerade auch, sich den härteren Bedingungen zu stellen bzw. anzupassen, ohne dabei den eigenen, langjährig entwickelten Charakter zu verlieren.

Die Stadt als Ausstellungsraum
Mindestens so wichtig wie Preis und Messe sind in Erlangen die Ausstellungen. Dies ist der Teil des Festivals, den man von außen leicht unterschätzt.
Viele Comic-Veranstaltungen haben schöne Originalseiten an den Wänden. Erlangen macht daraus seit Jahren ein eigenes Netz, dass sich durch die ganze Stadt zieht. Der Salon arbeitet mit Museen und Ausstellungshäusern zusammen, verteilt Einzelschauen, Themenschauen und Nachwuchsprojekte über mehrere Orte und zwingt sein Publikum damit angenehm zum Spazieren, Schauen und Umschalten.
Für 2026 ist mit CHRISTOPH NIEMANN. AUF DEN PUNKT bereits früh eine große Einzelausstellung im Kunstpalais an den Start gegangen. Sie läuft vom 14. März bis 7. Juni und ist mit dem Salon-Ticket frei zugänglich. Schon daran sieht man, dass die Ausstellungslinie nicht bloß Begleitmusik ist, sondern ein eigener Pfeiler des Festivals. Weitere sind bereits in Arbeit.
Dazu kommt die konkrete Topografie. Die Messe sitzt üblicherweise in temporären Hallen am Schlossplatz und Schlossgarten, dazu kommen Redoutensaal, kubic – Das Kreativ-Kraftwerk und weitere Orte. Die Börse ergänzt am Samstag das Ganze mit ihrem eigenen Sammler- und Händlermilieu.
Das klingt erst einmal nach viel Betrieb, fühlt sich vor Ort aber erstaunlich übersichtlich an. Vielleicht ist das der eigentliche Trick von Erlangen. Der Salon ist groß genug, um an jeder Ecke etwas los zu haben und klein genug, um nicht im Eventlärm unterzugehen. Du kaufst ein Buch und landest zehn Minuten später in einer Ausstellung. Du gehst wegen eines Stars ins Markgrafentheater und bleibst an einem Hochschulstand hängen.
Genau aus solchen Wechseln entsteht der besondere Zug des Festivals. Hier wird der Comic nicht nur verkauft, sondern geehrt und „bewohnt“.
Warum Erlangen bleibt
Der COMIC-SALON ERLANGEN ist erfolgreich, weil er etwas kann, das schwer zu kopieren ist: Er ist Fachtreffen, Publikumsmagnet, Ausstellungsfestival und Gradmesser der Branche zugleich. Er hat Geschichte, ohne traditionsselig zu wirken. Er wächst, ohne seine Heimeligkeit zu verlieren. Und er zeigt gerade in wirtschaftlich harten Zeiten, dass Kultur nur dann Gewicht hat, wenn sie in einer Stadt wirklich verankert ist.
Ich mag an Erlangen besonders, dass es den Comic weder zum Nischenhobby verniedlicht noch zum feierlichen Heiligtum aufbläst. Es behandelt ihn als das, was er längst ist: eine lebendige Kunstform, die Leser braucht, die Orte braucht und ein Festival, das beides zusammenbringt.
Am 04. Juni ist es also wieder soweit. Und wir alle wünschen uns, das die Stadt Erlangen Mittel und Wege findet, uns auch in Zukunft mit ihrem Internationalen Comic-Salon so etwas wie Heimat zu bieten.
Zu guter Letzt:
Ein Preis, auf den alle schauen
Zum Kern des Salons gehört der MAX-UND-MORITZ-PREIS. Er wird von der Stadt Erlangen vergeben, von einer unabhängigen Fachjury entschieden und gilt seit Jahrzehnten als wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum.
2026 sitzen mit Catherine Bazabas (Eigentümerin Comicbuchhandlung Petit Kami, Hamburg), Christian Gasser (Autor, Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst), Andrea Heinze (Journalistin, Berlin), Katinka Kornacker (Geschäftsführerin COMIX – Comicbuchhandlung Hannover), Isabel Kreitz (Comic-Zeichnerin, Hamburg), Christine Vogt (Leiterin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen) und Bodo Birk (Leiter des Internationalen Comic-Salons Erlangen) erneut breit aufgestelltes Fachwissen zusammen.
Alleine das zeigt, welchen Rang der Preis in Erlangen hat. Er läuft nicht nebenbei mit, sondern bildet den festlichen Mittelpunkt des Wochenendes.
Die Nominierungen 2026
Die Nominierungen wurden auch in diesem Jahr relativ spät bekannt gegeben. Das ist journalistisch zwar unpraktisch, andererseits aber auch ziemlich aufschlussreich. Denn schon die Wartephase macht sichtbar, wie stark ein solcher Preis als Taktgeber funktioniert.
Sobald die Liste erscheint, beginnen in Verlagen, Buchhandlungen und Ateliers sowie unter Leserinnen und Lesern sofort die Debatten darüber, welche Art von Comic gerade nach vorn rückt.
Auch 2026 sind es erneut 25 Nominierungen. Die Bandbreite verrät, dass der Preis mehr tut, als nur einen Sieger zu küren. Er bildet die Szene ab, vom Kinder- bis zum Sachcomic, von Originalausgabe bis Übersetzung, von Einzelwerk bis Lebensleistung.
Dass auf der Liste vergangener Lebenswerk-Preisträger Namen wie Albert Uderzo, Jacques Tardi, Alan Moore, Pierre Christin, Claire Bretécher, Naoki Urasawa und zuletzt Joann Sfar stehen, zeigt zugleich den Anspruch, den sich die Stifter gegeben haben. Erlangen denkt auch hier nicht provinziell. Es misst die deutschsprachige Comic-Kultur immer auch an einem internationalen Horizont.
In diesem Jahr sind die Glücklichen (nach Verlagen geordnet):
avant-verlag
Der verkehrte Himmel von Mikael Ross
Die große Verdrängung von Roberto Grossi (Übersetzung: Myriam Alfano)
Jakob Neyder von Franz Suess
Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve
Schweigen von Birgit Weyhe (habe ich hier besprochen)
Carlsen Verlag
Ahmadjan und der Wiedehopf von Maren Amini
Blutsauger von André Breinbauer
Peri Meno von Rinah Lang
Edition Moderne
Bauchlandung. Geschichte einer Teenager-Schwangerschaft von Wanda Dufner
Fleischeslust von Martin Oesch
Saloon. Das ist Familiensache von Mia Oberländer
Sonntag von Olivier Schrauwen (Übersetzung: Christoph Schuler) Edition Moderne / Colorama
Helvetiq Verlag
In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı (Übersetzung: Silv Bannenberg)
Jaja Verlag
Unruhe von Sarah Hübner
Kibitz Verlag
Der Zahn von Ayşe Klinge
Red von Josephine Mark (habe ich hier besprochen)
Shrimpie und ich von Moni Port und Claudia Weikert
Klett Kinderbuch
Der süßeste Bruder der Welt … und andere Irrtümer von Elin Lindell (Übersetzung: Katharina Erben)
Panini Manga Verlag
The Strange House von Uketsu und Kyo Ayano (Übersetzung: Claudia Peter).
Reprodukt
Die Frau als Mensch von Ulli Lust (habe ich hier besprochen)
Kaputt von Alison Bechdel (Übersetzung: Katharina Erben)
Zwei weibliche Halbakte von Luz (Übersetzung: Lilian Pithan)
Rotopol Verlag
Der Weltraumpostbote. Panik im Postamt! von Guillaume Perreault (Übersetzung: Ulrich Pröfrock)
Schreiber & Leser Verlag
Das Lied der Arktis von Jean-Paul Krassinsky und Bérengère Cournut (Übersetzung: Resel Rebiersch).
Schwarzer Turm Verlag
Hackenporsche von Melanie Lüdtke
Hinweis: Die Fotos unterliegen der Lizenzierung nach Creative Commons CC BY-SA 3.0.
