Möglicherweise ist er – wie schon 2014 GUARDIANS OF THE GALAXY – ein Film, der sein Publikum nicht nur über Bilder sondern auch über seine Musik erreicht. Jimmy Ruffin’s „What becomes of the Brokenhearted“ und Blondie’s „Call Me“ aus den Trailern könnten hierfür einen starken Hinweis liefern.
Am 25. Juni kommt Craig Gillespie’s SUPERGIRL mit Milly Alcock als Kara Zor-El, Matthias Schoenaerts als Krem und Eve Ridley als Ruthye Marye Knoll in die deutschen Kinos. Das ist ein schöner Moment, um den Comic von Tom King und Bilquis Evely u.a. noch einmal zur Hand zu nehmen.
Nicht als Pflichtlektüre vor dem Film natürlich, sondern eher als Gegenmittel gegen die sehr verbreitete Vorstellung, SUPERGIRL sei einfach Superman mit blondem Haar und einem Rock. Denn mit dieser Ansicht räumt SUPERGIRL – WOMAN OF TOMORROW sehr gründlich auf.
Tom King, Bilquis Evely und Matheus Lopes erzählen in 8 Ausgaben keine glänzende Geschichte. Sie schicken Kara auf eine Reise durch fremde Welten, in Kneipen unter roten Sonnen, auf staubige Planeten und zu sprechenden Wesen, erzählen von alten Wunden und sehr jungen Rachefantasien.
Ich habe beim ersten Lesen ursprünglich schnell gemerkt, dass dieser Comic nicht daran interessiert ist, SUPERGIRL netter zu machen. Er will sie wahrer erscheinen lassen. Das ist ein Unterschied! Kara ist hier nicht weniger heldenhaft als ihr Cousin. Sie ist jedoch müder, älter im Herzen und deutlich schneller bereit, jemandem die Laune zu verderben.

Argo City brennt noch immer
SUPERGIRL erschien als Kara Zor-El 1959 in ACTION COMICS #252. Geschrieben wurde ihr Debüt von Otto Binder, gezeichnet von Al Plastino.
Schon damals war sie mehr als eine bloße Ergänzung der Superman-Familie. Sie kam aus Argo City, einem überlebenden Bruchstück Kryptons. Auch ihr Ursprung war also von Anfang an mit Verlust verbunden. Nur wurde dieser Verlust lange meist verharmlosend geglättet. Kara sollte helfen, lächeln, sich fügen und im Zweifel im Schatten ihres berühmteren Cousins bleiben und verkörperte damit natürlich ein Frauenbild ihrer Zeit.
Tom King greift genau diesen Schatten auf. Seine Kara wurde nicht als Baby auf der Erde von liebevollen Eltern aufgenommen. Sie hat Krypton gekannt und bewusst verloren. Sie hat gesehen, wie ihre Heimat, ihre Familie und ihre Zukunft verschwanden.
Das klingt erst einmal nach einer kleinen Änderung im bekannten Mythos, verändert aber Wesentliches. Superman steht für die Chance, neu anzufangen. Dieses SUPERGIRL jedoch steht für das Weiterleben nach dem Ende.
Die achtteilige Miniserie erschien von Juni 2021 bis Februar 2022 bei DC und liegt inzwischen in mehreren Sammelausgaben vor. Die Deluxe Edition umfasst die komplette Geschichte. DC selbst stellt den Band deutlich als prägende Supergirl-Erzählung heraus und das ist keine Übertreibung, sondern ziemlich treffend.
SUPERGIRL – WOMAN OF TOMORROW nimmt eine Figur, die oft zwischen Symbol und Nebenrolle eingeklemmt war und gibt ihr eine eigenes, ja – emanzipatorisches Gewicht.

Krypto beißt nicht nur fürs Merchandising
Die Geschichte beginnt nicht auf der Erde, sondern direkt draußen im All. Kara feiert ihren Geburtstag auf einem Planeten mit roter Sonne. Dort sind ihre Kräfte gedämpft – und dort kann sie bis zum Umfallen trinken.
Das ist ein starker Einstieg, weil er die Figur sofort menschlicher macht aber auch verschiebt. Diese SUPERGIRL sitzt zu ihrem Jahrestag nicht auf einem Wolkenkratzer und lächelt in den Sonnenaufgang. Sie hängt in einer Kneipe ‚rum und sieht so aus, als habe sie die Nase voll vom ganzen Kosmos.
Dann taucht Ruthye Marye Knoll auf, ein Mädchen, dessen Vater von Krem of the Yellow Hills ermordet wurde. Ruthye sucht keine Rettung. Sie sucht eine Waffe und sie will Kara anheuern, damit Krem stirbt. Kara lehnt das zunächst ab, denn sie gehört zur Superman-Familie und Töten passt nicht zu diesem Erbe.
Doch Krem greift ein, verletzt Krypto mit einem vergifteten Pfeil und stiehlt Kara’s Raumschiff. Plötzlich ist aus einer Bitte um Rache eine lebenswichtige Verfolgung geworden und aus einer betrunkenen Begegnung ein seltsam kratziges Bündnis zweier, junger Frauen.
Ruthye erzählt die Geschichte in einer Sprache, die bewusst altmodisch klingt. Das wirkt am Anfang sperrig. Ich brauchte ein paar Seiten, bis ich in diesen Ton hineinkam. Danach trägt er sehr viel. Denn Ruthye ist keine neutrale Erzählerin. Sie blickt auf Kara wie auf eine Legende, die vor ihren Augen ständig Dellen bekommt. Genau daraus entsteht jedoch der Reiz dieser Geschichte: Kara ist für Ruthye überlebensgroß, aber nie fehlerlos.

Die Phantomzone liegt im Herzen
Die Reise führt durch fremde Gesellschaften, Gewalt, Armut, Gier und kleine Wunder. King zählt dabei nicht einfach Stationen auf. Er lässt jede Etappe an Ruthye’s Wunsch nach Vergeltung kratzen. Das Mädchen folgt einer klaren Logik: Krem hat getötet, also muss Krem sterben.
Kara weiß, wie verführerisch dieser Satz ist. Sie weiß es nicht aus Lehrbüchern. Sie kennt die Wut, weil in ihr selbst ein ganzer Planet weiterbrennt.
Der Comic gewinnt viel Kraft daraus, dass Kara nicht als reine, moralische Instanz auftritt. Sie ist nicht die Erwachsene, die einem Kind geduldig erklärt, was richtig ist und was falsch. Sie ist selbst gefährdet, ihre Härte hat Gründe und doch bleibt sie Härte.
SUPERGIRL hilft Ruthye und führt sie zugleich in die Nähe des Abgrunds. Das macht die Beziehung der beiden spannend. Ruthye lernt von Kara, Kara lernt aber ebenso von Ruthye, weil das Mädchen sie zwingt, die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen.
Das Finale führt die Rachefrage schließlich nicht billig zu einem Ende. Krem wird gestellt, doch die entscheidende Bewegung liegt nicht im Zuschlagen, sondern im Innehalten.
Dass der Comic später noch einmal in die ferne Zukunft springt, wirkt zuerst wie ein Märchenkniff. Für mich passt der Twist aber trotzdem ins Szenario. Diese Geschichte braucht den langen Atem. Schuld, Zorn und Vergebung verschwinden nicht nach einem Endkampf. Diese Geschichte brauchen Zeit, in diesem Fall sehr viel Zeit.

Im Orbit von Superman
SUPERGIRL – WOMAN OF TOMORROW ist für mich besonders interessant, weil der Band den Superman-Mythos nicht ablehnt, aber sich an ihm reibt. Kara trägt dasselbe Zeichen, aber sie kann es nicht auf dieselbe Weise führen wie Clark. Er wurde auf der Erde angenommen, Kara wurde entwurzelt. Diese Differenz ist der Motor einer komplett anderen Geschichte.
Damit passt der Comic gut in Tom King’s stärkere Superheldenarbeiten. King interessiert sich oft für Figuren, die nach außen klar lesbar sind, in denen innerlich jedoch längst Risse stecken.
Bei MISTER MIRACLE, THE VISION oder HUMAN TARGET geht es ebenfalls darum, was Heldentum kostet, wenn Alltag, Trauma und die eigene Rolle nicht mehr sauber zu trennen sind. Bei Kara funktioniert dieser Ansatz besonders gut, weil sie als Figur lange nach einer eigenen, großen Erzählung gesucht hat.
Zum Film – den ich noch schauen muss – lässt sich ohne Spekulation nur wenig sagen. Gillespie’s SUPERGIRL übernimmt die zentralen Namen und die grobe Grundrichtung des Comic. Kara, Ruthye, Krem, Krypto und die interstellare Reise gehören sichtbar zur Verwandtschaft von Comic und Leinwand.
Zugleich steht fest, dass der Film andere Akzente setzt. Lobo – gespielt von Jason Momoa – gehört zur Besetzung, spielt im Comic aber keine Rolle. Auch Superman wird im offiziellen Cast geführt. Das deutet auf eine stärkere Verankerung in James Gunn’s neuem Kino-DC hin, während der Comic gerade durch seine Ferne zur Erde so gut funktioniert.

Kandor im Sternenstaub
Bilquis Evely ist das eigentliche Wunder dieses Bandes. Ihre Seiten sind detailreich, aber nie zugestopft. Sie zeichnet Räume, in denen ich gern länger geblieben wäre. Märkte, Landschaften, Raumschiffe und Ruinen bekommen eine eigene Attraktivität. Evely liebt Linien, Ornamente und Stofflichkeit. Gleichzeitig bleibt die Handlung immer lesbar. Ich verliere nie Kara’s Blick, Ruthye’s Trotz oder Kremen’s kalte Selbstsicherheit aus den Augen.
Die Frage, die sich mir bereits auf den ersten Seiten stellt, ist die nach einer grafischen „Verwandtschaft“ zu Moebius und ARZACH. Ja, in manchen Momenten erinnert Evely’s Arbeit sehr an diese Lust am fremden Raum, an weite Science-Fiction-Landschaften und an Figuren, die in seltsamen Architekturen fast klein wirken.
Aber Evely ist keine Nachahmerin. Ihr Strich ist wärmer, erzählerischer, stärker an Mimik und Körperhaltung gebunden. Moebius lässt Welten oft schweben, Evely lässt sie atmen.
Besonders schön ist ihr Umgang mit Kara selbst. Dieses SUPERGIRL fliegt natürlich, kämpft natürlich und ist – natürlich – mächtig. Doch Evely zeichnet sie am stärksten, wenn sie sitzt, wenn sie schweigt und wenn sie die Schultern hängen lässt oder Ruthye nur von der Seite ansieht. Darin zeigt sich ihr ganzes Können, denn in einem Gesichtsausdruck steckt hier mehr Geschichte als in so mancher Prügelsequenz.
Auch der Seitenrhythmus ist klug angelegt. Große Bilder öffnen den Kosmos, engere Abfolgen holen die Figuren jedoch wieder auf Augenhöhe. Der Comic pendelt so zwischen Sternenoper und Kammerspiel.

Gelbe Sonne, rote Wunden
Schwarz-Weiß würde das Werk vielleicht funktionieren. Matheus Lopes‘ Farben geben dem Band aber seine Seele. Diese Farben erzählen mit, wenn ein Ort verheißungsvoll ist und wann er kippt.
Rote Sonnen nehmen Kara ihre Macht und ihre Sicherheit, blaue und violette Räume lassen das All schön und kalt wirken. Warme Ocker- und Goldtöne geben manchen Planeten eine Western-Trockenheit, dass ich den Staub auf der Zunge schmecken kann.
Lopes koloriert nicht einfach spektakulär. Er hält die Zeichnung zusammen. Gerade weil Evely so viel zeichnet, braucht der Band eine Farbdramaturgie, die führt und sortiert. Lopes schafft das. Seine Farben machen den Kosmos groß, ohne die Figuren zu verschlucken.
Krypto wirkt nicht niedlich aufgeklebt, sondern körperlich im Bild. Ruthye bleibt verletzlich, auch wenn sie in knalligen, fremden Umgebungen steht. Kara wiederum bekommt keine einfache Licht-Aura. Sie leuchtet, ja, aber oft leuchtet sie gegen Dunkelheit an.

Mit dem Röntgenblick auf die Kreativen
Tom King, geboren 1978, ist ein US-amerikanischer Autor und ehemaliger CIA-Mitarbeiter. Im Comicbereich wurde er vor allem durch THE VISION für Marvel sowie durch BATMAN, MISTER MIRACLE, STRANGE ADVENTURES, HUMAN TARGET und WONDER WOMAN für DC bekannt (keine Links zu seinen Werken, sucht diesmal selbst).
King schreibt gern über Heldinnen und Helden, die nach außen fest gebaut wirken und innerlich mit Schuld, Angst oder Kriegserfahrung ringen. Seine besten Arbeiten verbinden klare Genreformen mit einem spürbaren Interesse an verletzten Menschen. Bei DC Studios gehört King außerdem zum kreativen Umfeld des neuen DC Universe.
Bilquis Evely ist eine brasilianische Comiczeichnerin aus Barueri im Großraum São Paulo. Sie arbeitete unter anderem an WONDER WOMAN, THE SANDMAN UNIVERSE und THE DREAMING, bevor sie mit Tom King und Matheus Lopes diese SUPERGIRL-Miniserie gestaltete.
Später arbeitete das Team erneut bei HELEN OF WYNDHORN zusammen. Dieses Werk wurde 2025 mit vielen Nominierungen bei den Eisner Awards berücksichtigt. Evely gewann Best Penciler / Inker. Evely’s Stärke liegt in fein geführten Linien, ausdrucksvollen Gesichtern und einer seltenen Mischung aus Pracht und Klarheit. Ihre Bilder können märchenhaft wirken, bleiben aber fast immer erzählerisch präzise.
Matheus Lopes, auch als Mat Lopes geführt, ist ein brasilianischer Kolorist. Er arbeitet seit 2012 regelmäßig im US-Comicmarkt und war für Verlage wie DC, Marvel, Image, Skybound, IDW, Dark Horse und Dynamite tätig. Zu seinen Arbeiten zählen neben SUPERGIRL – WOMAN OF TOMORROW auch STEP BY BLOODY STEP und HELEN OF WYNDHORN. Lopes gehört zu den Koloristen, deren Arbeit nicht bloß Stimmung ergänzt. Er baut Leseführung, Tiefe und Tempo mit Farbe. In diesem Band ist das entscheidend.

Fazit
Mein Fazit fällt ziemlich klar aus. SUPERGIRL – WOMAN OF TOMORROW ist einer der seltenen Superheldencomics, die eine bekannte Figur nicht neu in „in alten Schläuchen“ präsentieren, sondern ganz neu definieren.
Der Band ist manchmal etwas verliebt in Ruthye’s altertümliche Erzählerstimme – egal! Einige Passagen könnten einen Hauch knapper sein – na gut. Doch diese kleinen Einwände ändern wenig am Gesamteindruck.
Tom King findet eine starke Frage: Was wird aus Heldentum, wenn der Schmerz nicht verschwindet? Bilquis Evely und Matheus Lopes finden dafür die Bilder, die lange nachglühen.
Der Comic selbst ist kosmisch, ruppig, schön, traurig und stellenweise erstaunlich zart. Ich habe ihn nicht gelesen, um für den Film vorbereitet zu sein, auch wenn DER Anstoß war, ihn erneut in die Hand zu nehmen.
Am Ende hatte ich das Gefühl, Kara Zor-El als eigene Figur vor mir zu haben. Nicht als Ableitung, nicht als Variante derer aus dem Hause Superman, sondern als eigenständige „Woman of Tomorrow“. Eine klare Leseempfehlung.

- SUPERGIRL – DIE FRAU VON MORGEN
- Tom King, Bilquis Evely und Matheus Lopes
- Softcover | 228 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3741629976
- Storyline: ★★★★★
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★★★
- Humor: ★★★☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
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