Offene Enden? Sind mit FINIX COMICS nicht zu machen

Es gibt vermutlich kaum etwas, das Comic-Sammler zuverlässiger ärgert als eine abgebrochene Serie. Da stehen acht, zwölf oder fünfzehn Alben ordentlich nebeneinander im Regal, die Geschichte ist noch längst nicht zu Ende, doch der deutsche Verlag zieht den Stecker. Zu geringer Absatz, zu hohe Kosten, ausgelaufene Lizenzen. Wirtschaftlich mag das ja alles nachvollziehbar sein, für den Leser bleibt trotzdem eine Lücke und die sieht im Bücherregal schmerzlich groß aus – immer!

Genau aus diesem Ärger heraus entstand FINIX COMICS, ein Verein, der im November 2007 eingetragen wurde. Angestoßen hatten die Idee Marc Schnackers und eine Gruppe von Comicfans, die sich zuvor im Comicforum über die Reihen ausgetauscht hatten, deren deutsche Veröffentlichung einfach stoppte. Statt jedoch länger darüber zu schimpfen, entstand eine ziemlich verwegene Idee: Dann veröffentlichen wir die fehlenden Alben eben selbst! Im April 2008 erschien der erste Titel und zwar ausgerechnet Band 16 von DIE PIONIERE DER NEUEN WELT. Passender hätte der Anfang kaum sein können, oder?

 

FINIX COMICS_Beispielalbum_SILLAGE ERSTE MISSIONEN

FINIX COMICS, ein Verlag aus einem offenen Ende

Was mir an dieser Geschichte gefällt, ist weniger die romantische Vorstellung von einigen Fans, die ihre Lieblingscomics retten wollen. Interessanter ist, dass FINIX aus dieser Idee tatsächlich einen funktionierenden Verlag gemacht hat. Anfangs waren vier bis sechs Titel pro Jahr geplant, doch schon im zweiten Jahr wurde daraus deutlich mehr. Inzwischen gehört eine regelmäßige Produktion längst zum Alltag. Das aktuelle Programm bestätigt, dass der Verein auch 2026 keineswegs nur seine alten Projekte verwaltet. BOULE & BILL, AGENT ALPHA, I.R.$., DIE GROSSEN SEESCHLACHTEN oder SILLAGE – ERSTE MISSIONEN zeigen, wie breit das Angebot inzwischen geworden ist.

Dabei ist FINIX COMICS rechtlich weiterhin ein Verein mit etwa 200 Mitgliedern. Genau das unterscheidet ihn praktisch von jedem klassischen Comicverlag. Mitglieder finanzieren mit Beiträgen und Investitionen einen Teil der Produktion, Einnahmen fließen zurück in weitere Comics. Ein wirtschaftlich stärkerer Titel hilft also indirekt dabei, einen schwierigeren zu ermöglichen. Nicht jede(r) investiert also nur in den Comic, den er / sie selbst unbedingt haben möchte.

In der Verlagsküche wird selbst gekocht

Wer bei einem Verein zunächst nur an ein bisschen Buchhaltung, Stammtisch und gemeinsames Hobby denkt, unterschätzt den Aufwand gewaltig. FINIX COMICS übernimmt Lizenzverhandlungen, Übersetzungen, Lektorat, Layout und Lettering. Selbst Pressearbeit, Website und Teile des Versands werden aus dem eigenen Umfeld organisiert. Auf der Vereinsseite findet sich dafür eine erstaunlich lange Aufteilung der Zuständigkeiten.

Gerade hier liegt für mich aber auch eine der bemerkenswertesten Leistungen. Ein Comic erscheint schließlich nicht deshalb professionell, weil alle Beteiligten große Fans sind. Rechte müssen geklärt, Übersetzungen sauber bearbeitet, Druckdaten vorbereitet und Veröffentlichungen koordiniert werden. Idealismus ersetzt schließlich kein Handwerk.

Dass FINIX COMICS die Schwelle zur Professionalität längst überschritten hat, sieht man auch an Projekten, die weit über das bloße Nachreichen eines fehlenden Albums hinausgehen. Gesamtausgaben wurden entwickelt, alte Titel neu aufbereitet und bei JACKIE KOTTWITZ sogar mit einer neuen Kolorierung gearbeitet. Der kleine „Rettungsbetrieb“ aus dem Comicforum ist also längst ein Verlag geworden, der selbst editorisch gestaltet.

 

FINIX COMICS_Beispielalbum_DER RING DER 7 WELTEN

Vom Lückenfüller zum richtigen Programm

Dabei hat sich FINIX COMICS im Laufe der Jahre spürbar verändert. 2009 kommt die EDITION SOLITAIRE hinzu, 2012 startet mit HAUTEVILLE HOUSE erstmals eine neue Serie und 2013 folgt mit JACKIE KOTTWITZ die erste Gesamtausgabe. Das ursprüngliche Versprechen wurde also um- und vorsichtig erweitert.

Und das war sowohl notwendig als auch zukunftsorientiert. Ein Verlag, der ausschließlich Band 12 einer längst vergessenen Serie veröffentlicht, lebt schließlich von einer sehr kleinen Gruppe besonders treuer Leser. Gesamtausgaben schaffen dagegen Einstiegsmöglichkeiten für neue Interessenten. Serien wie BOULE & BILL oder inzwischen SILLAGE – ERSTE MISSIONEN öffnen das Programm zusätzlich für Leser, die FINIX COMICS nicht erst deshalb entdecken, weil ihnen seit 1998 irgendein Band 7 fehlt.

Ganz verschwunden ist dieses Problem natürlich nicht. Teile des Programms richten sich weiterhin an Sammler und Kenner des klassischen europäischen Comic-Albums. Wer weder die Vorgängerbände besitzt noch etwas mit frankobelgischen Abenteuer-, Historien- oder Funny-Serien anfangen kann, wird manche Veröffentlichung wahrscheinlich eher neugierig betrachten als spontan kaufen.

Für mich ist das zugleich Stärke und Begrenzung. Natürlich muss FINIX COMICS nicht jedem Trend hinterherlaufen, der Verein darf Nischen besetzen, die andere Verlage aus guten, wirtschaftlichen Gründen verlassen haben. Doch ein Programm, das stark von bestehenden Serien, älteren Lesern und gewachsenen Sammelbiografien lebt, muss immer wieder neue Zugänge schaffen, um mittel- bis langfristige das Überleben des Projekts zu sichern. Sonst wird aus Pflege irgendwann Verwaltung.

 

FINIX COMICS_Beispielalbum_Brennendes Herz

Der ungewöhnlichste Platz im Regal

Dass FINIX nach fast zwei Jahrzehnten (!) noch existiert, ist deshalb vielleicht die interessanteste Aussage über diesen Verein. Schon 2018 waren auf der damaligen Statistik 154 Veröffentlichungen verzeichnet. Comic-Datenbanken führen inzwischen weit über 300 Ausgaben unter dem Verlagsnamen. Die genaue Zählweise unterscheidet sich je nach Datenbank, doch die Größenordnung zeigt deutlich, wie weit sich das mit Herzblut betriebene Projekt von seinen bescheidenen Anfängen entfernt hat.

Und trotzdem ist der ursprüngliche Gedanke noch erkennbar. Als JUGURTHA 2025 mit dem fünften Band der Gesamtausgabe beendet wurde, enthielt dieser auch das sechzehnte Album der Reihe, das zuvor nie auf Deutsch erschienen war. Genau dafür wurde FINIX einmal gegründet. Fast zwei Jahrzehnte später funktioniert diese Idee dank vieler Gleichgesinnter immer noch.

Was bleibt?

FINIX COMICS e.V. ist für mich eines dieser Projekte, ohne den der deutsche Comic-Markt ein wenig ärmer wäre. Nicht weil jeder Verlag zum Verein werden sollte, sondern weil hier Leser irgendwann beschlossen haben, eine Lücke nicht länger nur zu beklagen und den Mut aufgebracht haben, einer Vision zu folgen. Ärmelhoch und ran! Nicht umsonst ist der Phönix das Wappentier des Verlages.

Überzeugt hat mich auch das Solidarprinzip hinter dem Programm. Schwächere Titel dürfen existieren, weil nicht jedes Album für sich allein den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften muss. Gleichzeitig sollte FINIX jedoch aufpassen, nicht zu sehr zum Verlag für Leser zu werden, die ohnehin schon genau wissen, warum ihnen Band 17 im Regal fehlt.

Vielleicht ist aber gerade diese Mischung aus professionellem Verlagsbetrieb und hartnäckigem Sammlergeist der entscheidende Reiz. Andere Verlage beginnen Geschichten. FINIX hat sich einen Ruf damit erarbeitet, dafür zu sorgen, dass einige davon doch zu Ende erzählt werden. Jetzt fehlt mir zu meinem Glück nur noch Band 3 von SHOOTING RAMIREZ, aber DEN hat Nicolas Petrimeaux selbst nicht fertig. Also kann mir FINIX COMICS da leider wohl auch nicht weiterhelfen…

 

Website: https://www.finix-comics.de

 

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