Cover von TONI UND CHARLIE - DINOS UND DONNERWETTER

TONI UND CHARLIE – Familienchaos für Fortgeschrittene

Wie in der vergangenen Woche auch schon, geht es auch dieses Mal wieder um Familie. Und manchmal braucht es eben doch Social Media, um auf einen Comic aufmerksam zu werden, der bislang völlig unter dem eigenen Radar herumgeflogen ist.

Mit Marcus Repp war ich schon eine Zeitlang in eben diesen Social Media verlinkt, bevor er mit seinem Comics TONI UND CHARLIE auf mich zukam. Wenige Tage später lag ein signiertes Exemplar seines Albums wohlbehalten in meinem Briefkasten und wartete nur darauf, gelesen zu werden. Und schon nach den ersten Seiten hatte ich einen ziemlich vertrauten Eindruck. Zwei aufgeweckte Kinder, ein Vater, der zwischen Erziehung und Alltag (gelegentlich?) an seine Grenzen gerät, und jede Menge familiärer Irrsinn. Da dachte ich unweigerlich an DIE CAMPBELLS von José Luis Munuera (und ja: wegen der Nervensäge auch an CALVIN & HOBBES von Bill Watterson, aber das passt nicht ganz so gut.)

Natürlich sind diese Comics nicht unmittelbar vergleichbar. Während Munuera seine Piratenfamilie spätestens ab dem zweiten Band durch eine zusammenhängende Abenteuergeschichte schickt, setzt Repp auf kurze, in sich abgeschlossene Episoden. Trotzdem gibt es mindestens eine Gemeinsamkeit, die ich bemerkenswert finde: in beiden Fällen steht (auch) ein Vater im Mittelpunkt, der seine Kinder liebt, von ihnen aber auch regelmäßig zur Verzweiflung getrieben wird. Und die Töchter haben jeweils ihren ganz eigenen Kopf.

Aus den ursprünglich im Internet veröffentlichten Geschichten ist inzwischen ein gedrucktes Album mit dem alliterierenden Titel DINOS UND DONNERWETTER geworden, in dem Marcus Repp 2024 eine Auswahl seiner Familiengeschichten im Selbstverlag herausgebracht hat. Das ist schön, zumal der klassische frankobelgische Funny im deutschen Comic-Markt längst nicht mehr selbstverständlich ist. Aber reicht eine turbulente Familie aus, um über ein ganzes Album hinweg gut zu unterhalten? Was soll ich sagen: ja, reicht!

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Familie ist, wenn Papa’s Nerven blank liegen

Toni und Charlie heißen eigentlich Antonia und Charlotte. Die beiden Schwestern wachsen in einer Familie auf, deren Alltag stärker gegen den Strich organisiert ist, als es ältere Familiencomics gerne darstellen. Ihre Mutter ist die erfolgreiche Geschäftsfrau und beruflich häufig – sogar sehr häufig – unterwegs. Der Vater arbeitet als freiberuflicher Programmierer von zu Hause und übernimmt den größten Teil der Kinderbetreuung. (Wer jetzt sofort den Song „Das bisschen Haushalt …“ von Johanna von Koczian im Ohr hat, verrät ungefragt sein Alter.)

Wo war ich? Ach ja: Das klingt zunächst nach einer ziemlich vernünftigen, modernen Aufteilung. Schließlich lassen sich berufliche Selbstständigkeit und Familienleben zumindest theoretisch gut miteinander verbinden. Praktisch sieht die Sache natürlich ganz anders aus. Denn Toni und Charlie sind ausgesprochen talentiert darin, den häuslichen Frieden durcheinanderzubringen.

Die beiden Mädchen sind neugierig, selbstbewusst und mit einer Fantasie ausgestattet, die gelegentlich schneller zündet als ihr gesunder Menschenverstand. Regeln betrachten sie eher als unverbindliche Vorschläge. Und wenn sich eine Gelegenheit bietet, ihren Vater aus der Fassung zu bringen, lassen sie sich diese selten entgehen.

Der Vater wiederum versucht, seinen Beruf, den Haushalt und die Erziehung der Früchte seiner Lenden unter einen Hut zu bekommen. Das gelingt ihm nicht immer. Gerade darin steckt aber eine der sympathischsten Ideen der Serie. Repp zeigt keinen allwissenden Familienvater, sondern einen Erwachsenen, der seine Kinder zwar im Griff haben möchte, ihnen aber regelmäßig einen bis mehrere Schritt(e) hinterherläuft.

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Geschwisterliebe mit Nebenwirkungen

Wer bei TONI UND CHARLIE eine durchgehende Geschichte erwartet, muss seine Erwartungen allerdings korrigieren. Das Album besteht aus kurzen, überwiegend einseitigen Episoden, jede davon entwickelt eine eigene kleine Situation, steuert auf eine Pointe zu und überlässt anschließend der nächsten Geschichte die Bühne.

Dabei liefert der Familienalltag reichlich Stoff. Einmal beschäftigen sich die Schwestern mit der Idee fliegender Schulranzen. Dann entwickeln sie eine erstaunlich praktische Begründung dafür, weshalb Mikroplastik gegen einen Schulbesuch sprechen könnte. In einer anderen Episode wird eine neue Haushaltshilfe mit den Eigenheiten der Familie konfrontiert.

Mir gefällt grundsätzlich, dass Repp seine Mädchen nicht auf die braven Kinderrollen reduziert. Sie dürfen frech sein, sich irren und gelegentlich gehörig über das Ziel hinausschießen. Gerade die Verbindung aus kindlicher Logik und erwachsener Verzweiflung gehört schließlich zu den zuverlässigsten Zutaten eines Familien-Funnys.

Allerdings zeigt sich hier das größte Problem. Die Rollenverteilung ist recht einseitig: die Schwestern sorgen für Unruhe, Vater reagiert. Das funktioniert als Ausgangspunkt für einen Gag, bietet aber auf Dauer wenig Abwechslung, falls die Figuren nicht gelegentlich aus diesem Muster ausbrechen dürfen. Wenn der Papa einen großen Auftritt bekommt, erlebe ich ihn in der Regel nicht aus seiner Perspektive, sondern aus der seiner Töchter. Über eine Wechsel der Sichtweisen hätte ich mich dann doch hier und da mal gefreut.

Wenn die Fantasie Familienurlaub macht

Zum Glück beschränkt sich Marcus Repp nicht ausschließlich auf Küche, Kinderzimmer und väterlichen Arbeitsplatz. Die Fantasie der beiden Mädchen führt sie auch an Orte, die mit ihrem gewöhnlichen Alltag wenig zu tun haben. Da werden imaginierte einsame Inseln zu Schauplätzen einer Schatzsuche, die Wüste zum Abenteuergebiet und Dinosaurier zu einer willkommenen Abwechslung vom Familienleben. Solche Geschichten geben dem Comic fix eine andere Richtung und hier müssen nicht zwangsläufig nur die Nerven des Vaters für die Pointe herhalten. Stattdessen entfaltet sich der kindliche Einfallsreichtum geradezu CALVINistisch.

Besonders gelungen finde ich dabei den Wechsel zwischen alltäglicher Situation und übersteigerter Vorstellung. Die Mädchen müssen gar nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches erleben, um sich in Gedanken mitten hinein in ein neues Abenteuer zu stürzen. Gerade Kinder verwandeln schließlich die gewöhnlichsten Dinge in etwas Aufregendes.

Diese Ausflüge sind für mich eine willkommene Bereicherung. Gleichzeitig hätte ich mir gewünscht, dass Repp diesen Spielraum konsequenter nutzt. Denn dort, wo die beiden Schwestern unabhängig vom vertrauten Familienkonflikt handeln können, liegt eine Möglichkeit, ihnen deutlich mehr Eigenständigkeit zu geben.

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Mama ist die Beste, Papa kriegt die Reste

Eine besondere Stellung innerhalb der Familie nimmt Frau Mama ein. Weil sie beruflich häufig unterwegs ist, gehört sie nicht zum ständigen Personal der häuslichen Auseinandersetzungen. Wenn sie jedoch auftaucht, ist die Freude ihrer Töchter entsprechend groß. Das ergibt eine durchaus amüsante Konstellation.

Papa übernimmt den anstrengenden Alltag, setzt Grenzen und muss gelegentlich unangenehme Entscheidungen treffen. Mama dagegen kann sich über einen herzlichen Empfang freuen, sobald sie eine Fuß durch die Tür setzt. Eine gehörige Prise Sozialkritik zu Lasten von Rollenklischees lässt sich hier durchaus herauslesen.

Familienhumor braucht mehr als eine Pointe

Die größte Stärke von Marcus Repps Comic ist zugleich seine größte Einschränkung. Das Konzept der One-Pager sorgt für einen unkomplizierten Lesefluss. Jede Geschichte ist schnell gelesen, die Ausgangssituation meist unmittelbar verständlich. Dies macht das Album angenehm zugänglich und gut für Zwischendurch geeignet. Allerdings entsteht daraus auch eine gewisse Vorhersehbarkeit.

Viele Episoden folgen einem ähnlichen Muster: eine zunächst harmlose Situation gerät außer Kontrolle, die Mädchen haben ihre Finger im Spiel und am Ende steht eine Pointe. Nicht jede davon sitzt gleich gut. Gelegentlich erkenne ich die Richtung des Witzes bereits, bevor das letzte Panel erreicht ist. Dann fehlt mir diese klitzekleine Überraschung, die einen guten Funny erst richtig unterhaltsam macht.

Noch stärker fällt mir auf, dass die Figuren kaum Gelegenheit bekommen, sich weiterzuentwickeln. Natürlich muss eine Gag-Serie keine große Charaktergeschichte erzählen. Aber gerade die besten Vertreter des Genres schaffen es, ihren Figuren trotz kurzer Episoden unterschiedliche Eigenschaften und überraschende Reaktionen mitzugeben und dadurch Facetten der jeweiligen Charaktere auszuleuchten. Da haben TONI UND CHARLIE in diesem Band noch Luft nach oben.

TONI UND CHARLIE könnten für meinen Geschmack auch noch deutlicher voneinander unterschieden werden. Ihre gemeinsame Frechheit und Geschwisterliebe trägt viele Situationen, ersetzt aber keine ausgeprägten Einzelpersönlichkeiten. Mich würde interessieren, welche der beiden eher überlegt handelt, welche spontan entscheidet und wie sie miteinander umgehen, wenn sie (ausnahmsweise) einmal unterschiedlicher Meinung sind.

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Ein Familienalbum mit frankobelgischen Wurzeln

Zeichnerisch orientiert sich Repp erkennbar am europäischen Funny. Seine Figuren sind cartoonesk angelegt, die Formen gut lesbar und die Gesichtsausdrücke auf unmittelbar verständliche Mimik ausgelegt. Das ist bei einer Serie, die von kurzen Gags lebt, eine wichtige Fähigkeit.

Der Seitenaufbau folgt dem Prinzip des klassischen One-Pagers. Die begrenzte Fläche verlangt eine klare Abfolge von Ausgangssituation, Zuspitzung und Auflösung. Marcus Repp muss deshalb recht ökonomisch erzählen, was er auch tut. Für ausführliche Nebenhandlungen oder lange Dialoge bleibt bei diesem Konzept logischerweise wenig Platz. Die Farbgestaltung unterstützt den freundlichen, familiennahen Charakter. Die Bilder sollen nicht bedrücken oder durch aufwendige Effekte beeindrucken. Sie sollen die jeweilige Situation schnell erfassbar machen und den Blick auf die Figuren lenken. Das funktioniert hier sehr gut.

Manchmal fehlt mir gelegentlich etwas mehr zeichnerischer Mut. Gerade bei den überdrehten Einfällen der Mädchen wäre es reizvoll, wenn die Bildgestaltung noch stärker mit Tempo und Übertreibung spielen würde. Ein überraschender Perspektivwechsel, eine besonders ausdrucksstarke Körperhaltung, ein Ausbruch aus dem Panel oder ein bewusst ausgedehnter Moment könnten manche Pointe zusätzlich verstärken.

Dass Marcus Repp durchaus die Fähigkeit zu wechselnden Perspektiven hat, zeigen diverse Episoden wie beispielsweise LEISE TÖNE. Darin erlebt die Familie bei einem Spaziergang während der Corona-Phase eine ungewöhnliche Stille. Die wechselnden Blickwinkel und die Aufmerksamkeit für kleine Vorgänge in der Umgebung machen deutlich, wie reizvoll auch eine ruhigere Geschichte sein kann. Gerade solche – für mich als Betrachter abwechslungsreichen – Ansätze würde ich gerne häufiger sehen.

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Der Familienvater hinter dem Zeichenbrett

Marcus Repp arbeitet als Illustrator und Comiczeichner. Zu seinem beruflichen Spektrum gehören Auftragsillustrationen, Cartoons, Sympathiefiguren und Comics für Unternehmen. Seine Zeichnungen entstehen nach eigenen Angaben zunächst klassisch mit Tusche auf Papier. Bei der Kolorierung nutzt er sowohl traditionelle als auch digitale Verfahren.

TONI UND CHARLIE ist sein eigenes Serienprojekt, bei dem er sich offensichtlich an frankobelgischen Humorcomics wie GASTON oder KID PADDLE orientiert. Interessant ist auch der persönliche Hintergrund. Antonia und Charlotte sind die Vornamen seiner Töchter. Die Serie ist nach eigenen Angaben teilweise autobiografisch inspiriert und zumindest die erste Episode beruht auf einem tatsächlichen Erlebnis, während die weiteren Geschichten frei erfunden sind.

Mit DINOS UND DONNERWETTER erschien im Sommer 2024 das erste gedruckte Album. Repp übernahm die Veröffentlichung selbst, weil die Verlagswelt auf der Suche nach weniger klassischen Alben war. (Vor dem Mut ziehe ich den Hut!) Damit hat er seiner zuvor online präsentierten Serie sowohl einen Platz im klassischen Comicregal als auch auf den üblichen Comic-Salons gesichert.Innenseite 29 von TONI UND CHARLIE - DINOS UND DONNERWETTER

Fazit

TONI UND CHARLIE ist ein sympathischer Familien-Funny, der seine besten Momente dann hat, wenn kindliche Fantasie und erwachsener Alltag krachend aufeinanderprallen. Marcus Repp versteht es, aus gewöhnlichen Situationen kleine komische Geschichten zu entwickeln. Dabei sind seine Figuren sehr zugänglich, der Zeichenstil freundlich und das Album lässt sich angenehm lesen.

Wer klassische frankobelgische Humorcomics mag und Freude an turbulenten Familiengeschichten hat, dürfte mit diesem Album seinen Spaß haben. Mich hat es jedenfalls gut unterhalten. Ich bin gespannt, ob Repp seine Figuren zukünftig häufiger aus ihren vertrauten Mustern ausbrechen lässt. Denn die beiden Mädchen haben das Potenzial für mehr als nur den nächsten Nervenzusammenbruch ihres Vaters. Und Papa dürfte gerne auch mal den einen oder anderen Rache-Moment bekommt, um sich bei den Früchtchen zu revanchieren…

 

Cover von TONI UND CHARLIE - DINOS UND DONNERWETTER

 

  • TONI UND CHARLIE –
    DINOS UND DONNERWETTER
  • Marcus Repp
  • Softcover | 44 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-00-078681-5
  • Storyline:  ★★★☆☆
  • Zeichnungen: ★★★☆☆
  • Farben: ★★★☆☆
  • Lettering: ★★★☆☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
  • © Marcus Repp im Selbstverlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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