Kinoplakat von PIXAR's COCO

COCO – Wenn Erinnerungen wichtig sind

Direkt zu Beginn muß ich ein Geständnis machen: Ich halte COCO für den besten Film des Animationsstudios PIXAR. (Und das sage ich nicht nur so daher.) Ihre TOY STORY hat das Kino verändert, RATATOUILLE ist eine Lehrstunde an Toleranz und WALL-E ein fast stummes Liebesgedicht aus Blech und Staub. Doch dieser Film trifft mich an einem Punkt, an dem Animationsfilme selten so treffsicher hinkommen: Er erzählt vom Tod – und bleibt doch voller Leben! Der Film zeigt Skelette und macht daraus weder eine Grusel- noch eine Lachnummer. Er redet über Familie, ohne in der sonst üblichen Zuckerwatte zu ersticken. Und er singt über Erinnerung, ohne das Gefühl als Schlager zu verramschen.

Schon die ersten Minuten führen mitten hinein in eine Welt aus Papiergirlanden, aus Fotos und Schuhen, aber auch zu Musikverboten und hartnäckigen Familienregeln. Miguel Rivera wächst in Santa Cecilia auf, einem fiktiven mexikanischen Ort, der nach Staub und Werkstatt riecht und der nach Sonne und Hitze aussieht. Seine Familie stellt Schuhe her, Musik ist verboten. Ohne Ausnahme.

Für Miguel ist das eine Katastrophe, denn in ihm oszilliert jeder Rhythmus weiter, den seine Familie aus dem Haus verbannen will. Er verehrt Ernesto de la Cruz, den großen Sänger und Filmstar des Ortes und baut sich heimlich eine eigene Gitarre. Ich mag an diesem Anfang, wie schnell der Film seine Grundfragen stellt: Was schulde ich meiner Familie? Was schulde ich mir selbst? Und was passiert, wenn beides einfach nicht zusammenpassen will?

 

Filmfoto 02 von PIXAR's COCO

Ein Fest, das den Tod ins Haus bittet

Der Día de Muertos ist kein bloßer Schmuck für COCO. Er ist die erzählerische Grundlage. In vielen indigen geprägten Gemeinschaften Mexikos gilt die Zeit Ende Oktober bis Anfang November als Moment, in dem verstorbene Angehörige für kurze Zeit wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren können. Die UNESCO führt diese Festlichkeit seit 2008 auf der repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Zentral sind Ofrendas, also häusliche Altäre mit Fotos, Speisen, Blumen und Gegenständen, die an die Toten erinnern. Dazu kommen Ringelblumen, Kerzen, Friedhofsbesuche, Musik und ein Umgang mit Vergänglichkeit, der Trauer nicht verdrängt, aber ihr eine gewisse Wärme gibt.

PIXAR hat für den Film mehrere Jahre in Mexiko recherchiert. Das Team besuchte Museen, Märkte, Plätze, Werkstätten, Kirchen, Haciendas und – natürlich – Friedhöfe. Die fiktive Stadt Santa Cecilia blieb dabei bewusst bodenständig. Sie sollte nicht wie ein Postkartenort wirken, sondern wie ein Zuhause mit engen Gassen, Familienbetrieben und einem zentralen Platz. Für das Reich der Toten griff die Gestaltung größere historische Bilder auf. Die Idee einer Stadt, die Schicht um Schicht wächst, nimmt auch Bezug auf Mexiko-City und deren ältere Geschichte auf dem Gebiet von Tenochtitlán. So entsteht eine Totenwelt, die nicht nur bunt ist. Sie wirkt gewachsen, sie wirkt bewohnt, verwaltet (!) und voller Spuren.

Interessant finde ich, wie stark der Film Musik als kulturelle Alltagssprache einsetzt. Mariachi, Bolero, Ranchera, Filmmusical und Familienlied stehen dicht nebeneinander wie Nummern in einer Show und erzählen von den jeweiligen Beziehungen. Ein Lied kann Prahlerei sein oder ein Versprechen oder auch ein Abschied. Genau deshalb wirkt die Musik im Film nie wie simples Beiwerk.

Ein Junge gegen ein Familiengesetz

Miguel ist zwölf Jahre alt und voller Ungeduld. Das gefällt mir. Er ist kein braver kleiner Held, der zufällig über ein Abenteuer stolpert. Er will etwas, nämlich Musiker werden. Seine Familie hält diesen Wunsch für gefährlich – ja, für Verrat an der Tradition. Der Grund liegt dafür mehrere Generationen zurück.

Miguels Ururgroßmutter Imelda wurde mit ihrem Kleinkind von ihrem Ehemann, einem Musiker, sitzen gelassen. Aus Schmerz und Stolz machte sie Musik zum Feindbild. Stattdessen baute Imelda ein Schuhgeschäft auf, das zur Lebensgrundlage der nachfolgenden Generationen wurde. Seither gelten Schuhe als ehrliche Arbeit und Musik als Gift.

Das ist als Familienregel natürlich absurd – aber genau deshalb funktioniert es! In Familien überleben manche Verbote länger als ihre Gründe. Miguel spürt nur die Wand die ihn einengt, nicht die Wunde dahinter. Seine Abuelita – also Oma – verteidigt das Verbot mit einer Mischung aus Liebe, Angst und locker sitzendem Hausschuh. Sie ist streng, aber keine Karikatur. Der Film zeigt sie mit einem liebevollen Blick, auch wenn sie Miguel nicht versteht. Sie schützt eine Ordnung, die ihr Sicherheit gibt, während Miguel genau diese Ordnung als Käfig empfindet.

Die Krise wächst, als Miguel am Día de Muertos bei einem Wettbewerb auftreten will. Dazu braucht er eine Gitarre. Weil seine eigene zerstört wird, bricht er in das Mausoleum von Ernesto de la Cruz ein. Dort nimmt er die berühmte Gitarre seines Idols an sich – und in diesem Moment öffnet sich das Tor zwischen den Welten.

Miguel wird für die Lebenden unsichtbar und kann plötzlich seine verstorbenen Verwandten sehen. Der Schritt ins Fantastische ist dabei wunderbar einfach. Kein Portal erklärt sich lange, kein Regelwerk bremst die Szene. Ein falscher Griff, ein gestohlener Gegenstand, ein besonderer Tag und schon steht Miguel auf der anderen Seite.

 

Filmfoto 04 von PIXAR's COCO

Die Toten sind sehr lebendig

Im Reich der Toten trifft Miguel auf seine Vorfahren. Die sehen zwar aus wie Skelette, benehmen sich aber wie eine Familie, die zu spät zum Zug kommt. Dieser Einfall ist Gold wert. Der Film nimmt den Tod ernst, aber er nimmt den Toten nicht ihre Launen, Eitelkeiten und Sorgen. Die Verstorbenen müssen über eine Brücke aus Ringelblumenblättern in die Welt der Lebenden gelangen. Das gelingt nur, wenn ihr Foto auf einer Ofrenda steht. Erinnerung wird damit zu einer echten Kraft, die Wege öffnet und die Toten in Bewegung hält.

Miguel, der lebende Junge unter den Toten, braucht den Segen seiner Familie, um nach Hause zurückkehren zu können. Imelda gibt ihn nur unter einer Bedingung: Nie wieder Musik! Miguel weigert sich. Also sucht er Ernesto de la Cruz, von dem er glaubt, er sei sein Ururgroßvater. Auf diesem Weg trifft er Héctor, einen schlaksigen, charmanten Herumtreiber mit wackeligem Lächeln und traurigen Augenhöhlen. Héctor möchte zu den Lebenden, weil er nicht vergessen werden will. Aber sein Foto fehlt auf jeder Ofrenda. Also hilft er Miguel, weil Miguel ihm helfen könnte.

Für mich beginnt der Film in dieser Phase erst richtig zu leuchten. Miguel und Héctor sind ein tolles Paar. Miguel rennt seinem Traum hinterher. Héctor tut so, als hätte er alles im Griff. Aber beide brauchen einander. Beide verstecken etwas und beide wirken sofort lebendig, obwohl einer von ihnen längst tot ist.

Währenddessen stolpert Dante, Miguels haarloser Hund, als treuer Begleiter durch diese Welt. Später wird sich zeigen, dass auch er mehr ist als nur ein komischer Sidekick ist. Trotzdem bleibt er immer Hund genug, um mit hängender Zunge für herrlichen Unsinn zu sorgen.

Das Idol fällt vom Sockel

Ernesto de la Cruz ist zunächst alles, was Miguel bewundert. Er singt, er lächelt, er glänzt und spricht in großen Gesten. Sein Satz vom eigenen Moment hat Miguel geprägt: „Nutze Deinen Augenblick!“. Ernesto ist die Art Star, die in alten Filmen größer wirkt als das Leben. Genau darin liegt aber auch die Gefahr: Miguel hält Ruhm für Wahrheit! Er glaubt, Erfolg adle die Person dahinter.

Der Film dreht diese Vorstellung jedoch sehr sauber ins Gegenteil. Ernesto ist nicht der vergessene Familiengroßvater, sondern ein Betrüger und Mörder. Er hat Héctors vergiftet, seine Lieder gestohlen und sich sein Werk angeeignet. In Wahrheit ist Héctor Miguels echter Ururgroßvater. Und mit einem Mal steht die Miguels Familiengeschichte auf dem Kopf. Der vermeintliche Verräter war der Vater, der nach Hause wollte, aber nicht mehr konnte und der verehrte Held war der Dieb.

Das ist ein starker, melodramatischer Plot-Twist. Er ist groß, aber nicht billig. Stattdessen verschiebt er Miguels Blick. Jetzt geht es nicht mehr nur um seinen Traum. Es geht um Gerechtigkeit für Héctor, um Imeldas verletzte Erinnerung und um Coco, die inzwischen uralte Tochter Héctors, die in der Welt der Lebenden fast alles vergessen hat. Wenn sie sich nicht mehr an ihren Vater erinnert, wird auch Héctor endgültig verschwinden, genau wie sein Freund Chicharrón. Diese Idee ist schlicht und furchtbar. Der sogenannte „zweite Tod“ ist kein Spektakel, sondern das leise Auslöschen aus dem Gedächtnis der Lebenden.

 

Filmfoto 01 von PIXAR's COCO

Warum der Film nach Coco heißt

Die zentrale Hauptfigur läuft, singt und kämpft nicht. Das tut Miguel. Trotzdem trägt der Film genau den richtigen Titel. Ur-Ur-Oma Coco sitzt lange am Rand der Handlung. Sie ist alt, uralt, zerbrechlich und still. Miguel liebt sie, aber er versteht zunächst nicht, dass sie der Schlüssel für alles ist. In ihr liegt die Verbindung, nach der alle suchen, denn sie ist die Tochter, die den Vater noch erreichen kann. Sie ist das letzte lebende Band – das Gedächtnis – zwischen Héctor und seiner Familia.

Dass der Film COCOs Namen trägt, verschiebt den ganzen Film. Am Ende geht es nicht um die Frage, ob Miguel berühmt wird. Auch nicht darum, ob ein Lied noch rechtzeitig bei der richtigen Person ankommt. Der große Showdown findet nicht auf der großen Bühne eines Sonnenaufgang-Spektakels statt, sondern in einem kleinen Zimmer. Miguel singt seiner Urgroßmutter das Lied vor, das ihr Vater ihr hinterlassen hat. Keine Explosion aus Sternen, kein Triumphmarsch, kein großer Sieg über einen Schurken könnte stärker sein. Coco erkennt etwas wieder, ihr Gesicht verändert sich und die Familie bekommt ihre wahre Geschichte zurück.

Genau hier zeigt der Film, was er wirklich leistet. Er baut erst eine riesige, farbige Totenstadt. Er hetzt durch Bahnhöfe, über Brücken, durch Ateliers und Paläste. Dann aber wird mit einem Mal alles klein. Ein Junge, eine alte Frau, eine Melodie und ein Foto. Ich kenne kaum einen Animationsfilm, der seine Größe so schön zurücknimmt.

 

Filmfoto 03 von PIXAR's COCO

Eine Heldenreise mit Herz und Heimweg

Natürlich folgt der Film einer Heldenreise. Miguel verlässt seine vertraute Welt, überschreitet eine Grenze, findet Begleiter, begegnet einem falschen Mentor, lernt, die Wahrheit zu erkennen und kehrt verändert wieder zurück. Das Grundmuster ist bekannt und es funktioniert, weil der Film es nicht wie eine Schablone behandelt. Miguel gewinnt am Ende nicht, weil er seinen Willen durchsetzt. Er gewinnt, weil er seinen eigenen Wunsch genauer versteht.

Am Anfang verwechselt er Musik mit Ruhm. Dann verwechselt er Herkunft mit Legende. Erst durch Héctor, Imelda und COCO begreift er, dass die Musik nicht gegen die Familie stehen muss. Sie kann Familie auch reparieren und Menschen und Emotionen verbinden. Die Reise führt ihn also nicht weg von den Riveras. Sie führt ihn tiefer in diese Gemeinschaft hinein und das ist ein schöner Kniff. Die Familie muss sich ändern, aber Miguel auch. Er lernt, dass ein Traum ohne Verantwortung leer werden kann. Die Erwachsenen lernen, dass Schutz sehr schnell zur Fessel wird, insbesondere wenn alte Verletzungen nie ausgesprochen werden.

Formal ist das alles hinreißend erzählt. Die Bildsprache arbeitet mit klaren Gegensätzen. Santa Cecilia ist warm, staubig, körperlich. Die Totenwelt ist funkelnd, steil, übervoll und doch erstaunlich geordnet. Die Skelette wiederum sind technisch brillant animiert. Ihre Knochen klappern, fallen auseinander, setzen sich neu zusammen und bleiben trotzdem Figuren mit Gewicht. Besonders schön finde ich ihre Gesichter. Leere Augenhöhlen müssten eigentlich jede feine Regung erschweren. Der Film löst das über Haltung, Rhythmus, Mundpartien und Augenbrauenformen. So werden die Toten nicht zu Masken, sondern zu ausdrucksstarken Charakteren.

Auch die Dramaturgie sitzt. Der Film gibt den großen Gefühlen Raum, ohne ständig auf die Tränendrüse zu drücken. Die komischen Szenen kommen nicht gegen die Trauer an, sondern existieren neben ihr. Frida Kahlos Auftritte beispielsweise sind verspielt, das Amt für Familienzusammenführungen ist ein herrlicher Bürokratie-Gag und Chicharrón’s Verschwinden zeigt früh, wie hart die Regeln dieser Welt tatsächlich sind. Diese Mischung aus Witz, Tempo und Schmerz hält den Film in Balance und permanenter Bewegung.

Fazit

COCO ist für mich PIXAR auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Könnens. Der Film ist zugänglich, bunt, komisch und musikalisch. Zugleich erzählt er mit erstaunlicher Genauigkeit von Erinnerung, Familienstolz, falschen Helden und dem Wunsch, gesehen zu werden. Er funktioniert als Abenteuer, als Familienfilm und als sehr zärtliche Erzählung über den Tod. Seine größte Stärke liegt für mich darin, dass er am Ende nicht lauter wird, sondern leiser und leiser. Er vertraut einem Lied, einem Gesicht und einem Blick, der plötzlich wieder weiß, wen er vermisst. Demenz ist häufig das Vergessen des Alters, während die Musik uns in der Lage versetzt, Erinnerungen wieder aufzuwecken.

Ich kann bei diesem Film nach Schwächen suchen. Der Schurke ist am Ende vielleicht etwas sehr deutlich als Schurke markiert und einige Stationen der Reise erfüllen ihren Zweck beinahe zu sauber. Doch das fällt für mich kaum ins Gewicht. Der Film verdient seine Tränen, weil er vorher seine Welt, seine Figuren und seine Regeln ernst genommen hat.

COCO ist kein Film über das Loslassen im kalten Sinn. Er ist ein Film über das Festhalten, solange Liebe und Erinnerung noch eine Stimme haben. Gestern war wieder Halloween und damit auch wieder der Dia de Muertos. Welchen schöneren Grund könnte es geben, als sich genau diesen Film mit der Familie gemeinsam anzuschauen?

 

Kinoplakat von PIXAR's COCO

  • COCO – LEBENDIGER ALS DAS LEBEN!
  • Lee Unkrich und Adrian Molina
  • Film | 1 Stunde 45 Minuten | Farbe
  • Storyline:  ★★★★★(★)
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
  • © PIXAR Animation Studios
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben
Fehler: Dieser Inhalt ist geschützt.