Cover von KREATUREN

KREATUREN – Wenn’s im Alltag irgendwie klemmt

Die klaren, einfachen – aber nicht simplen – Zeichnungen hatten also meine Aufmerksamkeit geweckt. Sie erinnerten mich im ersten Moment an Madita Schwenkes DRIFTING. Dann aber auch wieder nicht. Und erst danach kamen die Geschichten selbst und zogen mich in ihr Innerstes.

Eigentlich passiert in diesem Buch gar nicht so viel. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass Autos explodieren, Familiengeheimnisse ganzer Dynastien erschüttert werden oder am Ende die Welt gerettet wird. Bei Bianca Bagnarellis Geschichten genügt oft … sagen wir: eine Bank oder … eine Haustür. Jemand klingelt, draußen steht ein Mädchen und bittet um Hilfe. Drinnen sitzt ein Paar, das nun entscheiden muss, ob es dieser Fremden glaubt und genau diese Hilfe gewährt. Schon ist alles da. Unsicherheit, Angst, Misstrauen und diese unangenehme Frage, wie ich wohl selbst in der geschilderten Situation reagieren würde.

Das ist typisch für KREATUREN. Der Band versammelt 13 Kurzgeschichten, die über ungefähr zehn Jahre entstanden sind. Bagnarelli hat dafür nicht einfach alles zusammengesucht, was noch in irgendwelchen Schubladen lag. Sie ließ ältere Arbeiten weg, mit denen sie sich heute nicht mehr wohlfühlt und ordnete die übrigen Geschichten auch nicht streng nach ihrem Entstehungsdatum. Abergläubisch scheint Bagnarelli trotz ihrer italienischen Herkunft jedenfalls nicht zu sein.

Dreizehn kleine Geschichten, die keinem großen Heldenbogen folgen und die sich trotzdem recht geschlossen lesen lassen. Gleichzeitig kann ich verfolgen, wie sich Bagnarellis Zeichenkünste und ihr Erzählen entwickeln. Interessant, denn hier habe ich keine Künstlerin vor mir, die schon auf Seite eins fertig ausgebildet aus dem Ei geschlüpft ist. Ich sehe eine Künstlerin, die sich noch ausprobiert, die kürzt, sicherer wird.Innenseite 09 von KREATUREN

Alltag heißt auch, jemandem nicht zu glauben

Die erste Geschichte zeigt ziemlich gut, worauf ich mich einstellen darf. Ein Paar verbringt seine Freizeit auf dem Land. Dann taucht an der Tür dieses Mädchen auf. Sie erzählt von einem Wolf und bittet um Hilfe. Eigentlich könnte die Sache schnell erledigt sein: Tür auf, zuhören, helfen, Tür zu. Aber so funktionieren Menschen nun einmal selten. Das Paar beginnt zu zweifeln. Vielleicht stimmt etwas an der Geschichte nicht? Vielleicht bringt man sich gerade selbst in Gefahr, weil die Tür geöffnet wird?

Ich fand das sofort … unangenehm. Nicht, weil Bagnarelli daraus einen Thriller macht. Genau das tut sie nämlich nicht. Es gibt keine Titelmusik vom „Weißen Hai“, die in meinem Kopf immer lauter wird, keinen großen Schockmoment und auch keinen Bösewicht, der hinter dem nächsten Baum hervorspringt. Stattdessen beobachte ich zwei Menschen dabei, wie sie sich ihre Vorsicht langsam selbst erklären. Und da wird es interessant. Denn irgendwann geht es gar nicht mehr um den Wolf. Es geht darum, wie schnell Hilfsbereitschaft verschwindet, sobald die eigene, verquaste Angst eine halbwegs vernünftige Begründung erhält.Innenseite 10 von KREATUREN

Erkennnis beginnt manchmal im Klassenzimmer

Auch danach bleibt Bagnarelli bei solch kleinen Situationen. Eine ehemalige Schülerin erinnert sich an ihre Philosophielehrerin. Als Jugendliche sah sie in ihr vor allem eine strenge, unangenehme Frau. Jahre später, aus einem erfahreneren Blickwinkel, sieht dieselbe Erinnerung plötzlich anders aus. Das kennt wahrscheinlich jeder. Menschen, über die ich mir mit siebzehn ein felsenfestes Urteil gebildet habe, wirken mit zeitlichem Abstand plötzlich komplizierter, manchmal sogar verständlicher.

Bagnarelli macht daraus zum Glück keine Geschichte über die große Weisheit des Älterwerdens. Sie interessiert sich eher dafür, wie wenig wir voneinander wissen, obwohl wir ständig glauben, längst Bescheid zu wissen. „Be curious, not judgemental“ wie Walt Whitman (vielleicht) – Ted Lasso aber auf jeden Fall – einmal gesagt hat. Diese Weisheit zieht sich für mich durch das ganze Buch.Innenseite 11 von KREATUREN

Leben und Tot

Eine der älteren Geschichten heißt FISH (dt. FISCHE). Sie fällt ein wenig aus dem Rahmen, weil sie erzählerisch noch deutlich auf einen bestimmten Punkt hinsteuert.

Im Mittelpunkt steht Milo, zwölf Jahre alt. Seine Eltern sind bei einem Unfall gestorben. Seitdem kreisen seine Gedanken immer wieder um Tod, Verletzungen und Vergänglichkeit. Ein toter Vogel oder ein verwesendes Tier bekommt für ihn eine Bedeutung, die Erwachsene wahrscheinlich sofort wegwischen würden.

Dann wird ein vermisstes Mädchen tot aufgefunden. Milo glaubt, dass ihm die Begegnung mit diesem Tod vielleicht helfen könnte, den Tod der eigenen Eltern zu begreifen. Das ist harter Tobak.

Bagnarelli erzählt ihn erstaunlich ruhig. Kein großes Schluchzen, keine aufdringlichen Tränenbilder. Gerade deshalb kommt mir Milo nahe. Kinder denken schließlich nicht automatisch so, wie Erwachsene sich kindliche Trauer vorstellen. Milo sucht etwas sehr Konkretes. Er will verstehen, was der Tod eigentlich bedeutet.

FISH gefällt mir, aber ich merke hier stärker als in den späteren Geschichten, dass Bagnarelli mich zu einem bestimmten Gefühl führen möchte. Das Ende sitzt ziemlich genau dort, wo es sitzen soll. Bei ihren neueren Arbeiten vertraut sie häufiger darauf, mich einfach stehenzulassen. Ist das fair? Ich frage mich, warum erzählt sie mir ihre Geschichte, ihre Sicht auf die Dinge nicht zu Ende?Innenseite 12 von KREATUREN

Alltag nach der Pandemie

Besonders hängen geblieben ist mir Miriam. Die Geschichte spielt während der Covid-Zeit. Eine junge Frau geht feiern. Im Club liegen Masken herum, Körper kommen sich wieder nahe, und für ein paar Stunden scheint dieses seltsame Leben mit Regeln, Abstand und Vorsicht draußen zu bleiben. Später sitzt Miriam im Bus. Die Masken sind zurück. Der Alltag hat sie wieder.

Das Interessante daran ist die Entstehung. Die Grundidee schrieb Bagnarelli bereits 2015. Damals plante sie eine größere Geschichte über eine Epidemie, führte das Projekt aber nicht zu Ende. Jahre später wurde etwas, das einmal erfunden war, plötzlich ziemlich real. Sie griff die Geschichte wieder auf und passte sie an die tatsächliche Pandemie an.

Ich finde das fast ein bisschen unheimlich. Gleichzeitig passt es wunderbar zu dem Band. Bagnarelli erzählt immer wieder davon, wie schnell etwas Vertrautes fremd werden kann. Eine Straße bleibt dieselbe Straße, ein Bus bleibt ein Bus. Und trotzdem verändert sich mit einem Mal, wie Menschen sich darin bewegen und einander ansehen.

Innenseite 13 von KREATUREN

 

Geschichten ohne Ortsschild

Viele dieser Geschichten könnten fast überall spielen. Wohnungen, Schulräume, Straßen, Busse, Clubs. Bagnarelli hängt selten ein großes Schild über die Szene und sagt mir, wo genau ich mich befinde. Auch ihre Figuren sind nicht immer so stark herausgearbeitet, dass ich sie nach zwanzig Seiten sofort wiedererkennen würde.

Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Einerseits komme ich sehr schnell in die Situationen hinein. Ich brauche keine lange Einführung. Andererseits verschwinden einige Figuren auch schnell wieder aus meinem Kopf. Gerade wenn ich KREATUREN am Stück lese, merke ich irgendwann ein Muster. Wieder eine einsame Figur, wieder eine Beziehung, in der etwas nicht stimmt, wieder ein Moment, in dem jemand verletzt wird oder jemanden verletzt.

Hier beginnt der Band für mich an Kraft zu verlieren. Nicht dramatisch, aber ich würde ihn nicht mehr in einem Rutsch lesen wollen. Drei oder vier Geschichten, dann erst einmal weglegen. So bekommen die einzelnen Stücke mehr Luft.Innenseite 14 von KREATUREN

Gesellschaft kann ganz schön kleinlich sein

Oft sind es die kleinlichen Momente, die mir aus KREATUREN im Gedächtnis bleiben, nicht die großen Katastrophen. Jemand glaubt jemand anderen nicht, jemand lässt eine andere Person absichtlich auflaufen. Ein Sohn kennt die empfindliche Stelle seiner Mutter und drückt genau dort drauf.

Das klingt nun ziemlich düster, und tatsächlich ist Bagnarelli keine Autorin, bei der ich nach jeder Geschichte beschwingt durchs Leben laufe. Trotzdem empfinde ich den Band nicht als schwermütig. Dafür beobachtet sie ihre Figuren zu genau. Sie führt sie nicht vor, selbst dort, wo Menschen etwas Hässliches tun, bleiben sie Menschen.

Genau hier liegt für mich aber auch die deutlichste Schwäche des Buches. Irgendwann weiß ich, welche Art von Moment Bagnarelli interessiert. Wenn mehrere Geschichten hintereinander auf ähnliche Weise offen auslaufen, stellt sich Gewöhnung ein. Ein offenes Ende kann wunderbar nachwirken. Dreizehn offene oder nur halb geschlossene Türen hintereinander verlieren den Reiz. Hier hätte ich mir im Nachhinein mehr Abwechslung zwischen (halb-)offenen und geschlossenen Erzählungen gewünscht.

Alltag mit wenigen Strichen

Zeichnerisch macht der Band richtig Spaß, gerade weil ich die Entwicklung über die Jahre erkennen kann. Die früheren Geschichten wirken noch etwas genauer ausformuliert: Gesichter, Hände und Körper bekommen mehr Linien. Später reduziert Bagnarelli ihren Zeichenstil stärker.

Figuren bestehen nun aus weniger Strichen und wirken trotzdem lebendiger. Das klingt zunächst widersprüchlich. Beim Lesen funktioniert es aber sofort. Ich mag diese Zurückhaltung an manchen Stellen sehr. Die Figuren führen Gefühle nicht vor. Niemand setzt für mich ein Trauergesicht auf, nur damit ich auch wirklich verstehe, dass gerade jemand traurig ist.

Auch die Seiten bleiben angenehm lesbar. Bagnarelli veranstaltet keine großen Kunststücke mit Panels, nur um zu zeigen, dass sie es könnte. Sie baut ihre Seiten so auf, dass Gespräche funktionieren und Pausen spürbar werden. Punkt. Gerade in einem Band voller kurzer Geschichten ist das hilfreich. Ich bin schnell drin, ohne jedes Mal erst den neuen Rhythmus suchen zu müssen.Innenseite 15 von KREATUREN

Das Leben hat seine eigenen Farben

Die Farbe gehört fest zu dieser Erzählweise. FISCHE hat beispielsweise eine gedämpfte, leicht malvenfarbene Stimmung. Der Sommer wirkt dadurch nicht sonnig und leicht, sondern ein wenig fiebrig. Das passt zu Milo und seinen Gedanken.

In der Geschichte mit dem Mädchen und dem Wolf arbeitet Bagnarelli stark mit dem schwindenden Tageslicht. Je dunkler es draußen wird, desto unbehaglicher fühlt sich die Situation an. Eigentlich ist das ein sehr einfacher Effekt. Er funktioniert trotzdem prächtig, weil er sich nicht in den Vordergrund drängt.

Überhaupt nutzt Bagnarelli Farbe eher, um Licht und Atmosphäre zu bestimmen, als einzelne Dinge möglichst hübsch anzumalen. Das merkt man ihrer Arbeit als Illustratorin an. Ihre Seiten wollen nicht spektakulär aussehen. Sie wollen, dass ich mich in einem Raum sofort zurechtfinde und spüre, ob dort gerade etwas nicht stimmt.Innenseite 16 von KREATUREN

Einblick außerhalb der Panels

Bianca Bagnarelli wurde 1988 in Mailand geboren und arbeitet heute in Bologna. Sie studierte dort an der Kunstakademie und gehörte zu den Mitgründerinnen des unabhängigen Comicprojekts Delebile. Schon früh veröffentlichte sie Kurzcomics. FISH brachte ihr 2015 eine Goldmedaille der Society of Illustrators in New York ein.

Parallel dazu entwickelte sie eine erfolgreiche Karriere als Illustratorin. Ihre Arbeiten erschienen unter anderem in THE NEW YORKER und THE NEW YORK TIMES. Das erklärt vielleicht auch, weshalb ihre Bilder so schnell funktionieren. Bagnarelli muss in einer einzigen Illustration oft sehr viel erzählen. Dieses Können nimmt sie mit in ihre Comics.Innenseite 17 von KREATUREN

Fazit

Nach dreizehn Geschichten hatte ich nicht das Gefühl, dreizehn kleine Welten besucht zu haben. Eher saß ich dreizehnmal irgendwo ein Stück daneben und durfte Menschen beobachten, beim Streiten, beim Zweifeln, beim Erinnern oder beim „Gemein sein“. Manchmal auch einfach bei dem Versuch, irgendwie durch den Tag zu kommen.

Nicht jede Geschichte berührt mich gleich stark. Einige bleiben hängen, andere verschwimmen später miteinander. Und Bagnarellis Vorliebe für leise, offene Enden nutzt sich über 224 Seiten – für mein persönliches Gefühl – dann doch ab.

Trotzdem würde ich KREATUREN bedenkenlos jemandem geben, der Kurzgeschichten mag und bei Comics nicht darauf wartet, dass spätestens auf Seite drei etwas explodiert. Dieses Buch interessiert sich für die vielen kleinen Dinge des Lebens, für den Moment, in dem ich eine Tür öffne oder eben nicht, für einen Blick, der eine Spur zu lange dauert oder für ein Foto, von dem zwei Menschen ganz genau wissen, warum es ihnen wichtig ist.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mir einige dieser Geschichten nachgehen. Bagnarelli erzählt nicht davon, wie außergewöhnlich Menschen sein können. Stattdessen erzählt sie davon, wie gewöhnlich wir sind. Das ist manchmal ziemlich komisch, häufig traurig und gelegentlich erstaunlich grausam. Aber immer sehr bodenständig.

 

Cover von KREATUREN

  • KREATUREN
  • Bianca Bagnarelli
  • Hardcover | 224 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-95640-545-7
  • Storyline:  ★★★☆☆
  • Zeichnungen: ★★★☆☆
  • Farben: ★★★☆☆
  • Lettering: ★★☆☆☆
  • Humor: ★☆☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
  • © Reprodukt Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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