Ich mag Ingo Römlings Arbeit seit seinem ersten MALCOLM-MAX-Band. Inzwischen habe ich bei seinen Arbeiten ein persönliches, kleines Ritual und schaue zuerst auf die Bilder, bevor ich die Sprechblasen lese.
Bei MALCOLM MAX 7: AM ENDE DER ZEIT lohnt sich das wieder besonders. London riecht wieder nach kaltem Rauch, schlechtem Alkohol und nassen Mänteln. Später springt die Geschichte nach Afrika, in einen Dschungel voller feuchter Grüntöne und kurz darauf in eine Welt außerhalb der mir vertrauten Zeit. Die Farben erzählen mir, wo ich bin und wie sicher sich dieser Ort anfühlt. Doch dazu später mehr.
Peter Mennigen setzt genau dort an, wo Band 6 – DER KANNIBALE VON LONDON aufgehört hat. Malcolm hat Charisma, Emmeline und Miranda verloren. Nicht im übertragenen, symbolischen Sinn. Nein, ganz konkret: eine Zeitmaschine hat die drei verschluckt und Malcolm weiß nicht einmal, ob sie in einer anderen Epoche noch am Leben sind. Das gibt dem sonst so schlagfertigen Geisterjäger etwas, das mir in diesem Band besonders gefällt. Hinter seinen Sprüchen sitzt dieses Mal echte Verzweiflung.
Gleichzeitig will Mennigen zum Abschluss dieser zweiteiligen Geschichte sehr viel. Abenteuer, Horror, Zeitreise, historische Gastfigur, Parallelwelt, Weltuntergang und Familiendrama drängen auf relativ engem Raum zusammen. Das ist spannend erzählt, aber auch ein Punkt, an dem der Band gelegentlich über seine eigenen Ideen stolpert.

Im Jahr 1895 schlägt die Wirklichkeit zurück
Bevor die Handlung richtig Fahrt aufnimmt, lohnt sich ein kurzer Blick auf das Jahr, in das Charisma und die Finch-Schwestern durch den Zeit-Sog geraten sind.
1895 ist für eine Zeitreisegeschichte beinahe unverschämt passend. In diesem Jahr erschien H. G. Wells’ THE TIME MACHINE als Buch (und über den Comic gleichen Namens von Dobbs und Mathieu Moreau berichte ich in der kommenden Woche). Wells machte die Reise durch die Zeit zu einem technischen Gedankenexperiment und nicht bloß zu einem Märchenmotiv. Dass Charisma ausgerechnet 1895 landet, ist deshalb ein hübsches, historisches Augenzwinkern.
Noch interessanter ist zudem Mary Henrietta Kingsley. Sie ist keine Erfindung Mennigens. Die britische Reisende war 1895 tatsächlich in Westafrika unterwegs und bereiste unter anderem das Gebiet des heutigen Gabun. Sie fuhr den Ogooué hinauf, bewegte sich mit afrikanischen Begleitern und Dolmetschern durch Regionen, die für europäische Reisende damals nur unzureichend kartiert waren und sammelte naturkundliche Objekte. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie später in ihrem Buch TRAVELS IN WEST AFRICA.
Heute gehört zu dieser Geschichte selbstverständlich auch der koloniale Rahmen, in dem solche Expeditionen stattfanden. Kingsley war eine emanzipierte, eigenwillige Frau, die die Erwartungen an Frauen ihrer Zeit durchbrach. Darum passt sie sehr gut in das MALCOLM-MAX-Universum. Zugleich bewegte sie sich selbstverständlich innerhalb einer europäischen Welt, die Afrika erforschte, ordnete und für sich beschrieb.

Verlorene Stunden in London
Wer den ersten Band – und / oder meinen Artikel zu MALCOLM MAX 6 – DER KANNIBALE VON LONDON – gelesen hat, kennt die Ausgangslage. Dort spielten mehrere Geschichten nebeneinander, ineinander.
In Londons East End trieb ein Mörder sein Unwesen, dessen Opfer bis auf die Knochen abgenagt wurden. Malcolm und Charisma gerieten bei ihren Ermittlungen an Kreaturen, die selbst für ihre beruflichen Maßstäbe außergewöhnlich waren. Emmeline und Miranda untersuchten Erdbeben, während im Hintergrund ein Physiker an einer Erfindung arbeitete, die das Problem der Zeit selbst lösen sollte. Der Mann handelte bekanntlich nicht aus wissenschaftlicher Neugier, sondern um seine todkranke Tochter zu retten. Aus diesem privaten Wunsch wuchs eine Katastrophe, die am Ende auch Malcolm und seine Gefährtinnen erfasste.

Band 7 beginnt nun mit den Folgen im London des Jahres 1889. Malcolm sitzt betrunken in einer Gaststätte und wirkt zum ersten Mal seit langem nicht wie jemand, der schon den nächsten frechen Satz vorbereitet. Die Zeitmaschine ist außer Kontrolle geraten und zerstört, Charisma und die beiden Schwestern sind verschwunden und für Malcolm ist dabei nicht nur die Entfernung das Problem. Ein paar Sekunden für ihn können für die anderen Jahre bedeuten. Vielleicht sogar ein ganzes Leben.
Mennigen lässt ihn trotzdem nicht allzu lange im Selbstmitleid versinken. Malcolm trinkt, flucht, macht Witze und geht voran. Der Humor nimmt seinem Verlust nicht die Wirkung. Er zeigt, wie Malcolm tickt und versucht, überhaupt handlungsfähig zu bleiben. So bekommt der großspurige Geisterjäger eine Verletzlichkeit, die der Serie insgesamt gut tut.

Zwei Jahre zurück, sechs Jahre voraus
Parallel dazu führt mich Mennigen zurück ins Jahr 1887 (minus zwei Jahre). Der Physiker Elias Sinclair, ja der mit der Zeitmaschine, ist in Zentralafrika unterwegs. Er sucht nach einer geheimnisvollen Energiequelle, die seine Maschine antreiben soll. Die Expedition endet schließlich in einer Höhle, in der nicht nur gewaltige Knochen liegen. Eine schwarze, kaum fassbare Kreatur greift die Männer an. Sinclair überlebt als Einziger. Was er von dieser Reise mitbringt, wird später Teil jener Kette von Ereignissen sein, die sowohl London als auch die Zeit selbst gefährden.
Achtzehn Monate liegt seine sterbende Tochter im Samantha Hopkins Hospital for Women. Hier liegt für mich einer der wichtigeren Gedanken der Doppelfolge. Die Zeitmaschine entsteht aus Trauer und Angst. Sinclair will den Tod nicht akzeptieren. Darin steht er Malcolm näher, als es zunächst aussieht. Beide Männer versuchen, einen Verlust rückgängig zu machen. Der eine baut dafür eine Maschine. Der andere jagt durch Zeiten und Welten, weil er Charisma und die Finch-Schwestern zurückholen will.
Die Halbvampirin Charisma landet derweil nicht in Malcolms Jahr, sondern 1895 (plus sechs Jahre) im heutigen Gabun. Dort treffen sie, Emmeline und Miranda auf Mary Kingsley.
Dieser Handlungsstrang fühlt sich sofort anders an. Charisma muss nicht mehr Malcolms Widerpart spielen. Sie bekommt Raum für eigene Entscheidungen. Kingsley ist dafür eine passende Partnerin. Sie tritt tatkräftig, neugierig und erstaunlich unerschrocken auf. Bald führt die Reise zu einem europäischen Außenposten, der verlassen wirkt, während etwas aus dem Dschungel die Gruppe beobachtet. Die Abenteuerlust bekommt dadurch gleich einen dunkleren Unterton.

Die Zeit und ihre Richter
Während Charisma mit sehr irdischen Gefahren kämpft, landet Malcolm in einer deutlich verrückteren Ecke der Geschichte. Fremdartige Gestalten greifen ihn auf und bringen ihn vor die Chronologen. Diese Wesen verstehen sich als Hüter der Zeit. Für sie ist Malcolm kein Held, sondern ein Störenfried, der durch seine Reisen elementare Regeln verletzt und den Fortbestand des Raum-Zeit-Gefüges gefährdet hat.
Ich mag diese Passage, zum Einen weil ich Zeitreisen mag, zum Anderen weil Mennigen die kosmische Größe mit Bürokratie erdet. Malcolm steht vor einem Gericht, das über die Ordnung des Universums wacht. Selbst dort kann er den Mund nicht halten. Seine Ironie trifft auf eine Umgebung, in der alles endgültig und feierlich wirken soll. Römling wechselt farblich in kühlere Blau-, Grau- und Grüntöne. Mantel, Haltung und Gesichtsausdruck halten Malcolm zusammen, während rund um ihn die Realität aus den Fugen gerät.

Das kleine Problem liegt in der Menge dessen, was ich als Leser hier kennen und verstehen soll. Der Comic muss erklären, wer die Chronologen sind, was Malcolm getan haben soll und warum daraus eine Gefahr für alles entsteht. Gleichzeitig warten Charisma und Sinclair auf ihre Fortsetzung. Einige Seiten werden dadurch voller, als es ihnen gut tut. Mennigen schreibt gern ausführliche Dialoge. Hierdurch bremsen einzelne Textblöcke aber den Sog, den Römlings Bilder gerade aufgebaut haben.
Trotzdem bleibt die Konstruktion auf ihre Weise übersichtlich. Farben und Schauplätze geben jedem Erzählstrang ein eigenes Gesicht. Ich musste nie zurückblättern, um herauszufinden, in welchem Jahr ich gerade stecke, auch wenn dies mit den zeitlichen Hin-und-Her-Gehopse durchaus hätte schief gehen können.

Die letzte Stunde vor dem Nichts
Charismas Reise wird derweil zum klassischen Abenteuerstoff. Sie und ihre Begleiterinnen geraten an kriegerische Frauen, tödliche Kreaturen und Orte, an denen die bekannte Zivilisation nur noch eine ferne Behauptung ist.
Ingo Römling kann sich zeichnerisch wahrlich austoben. Pflanzen, Wasser, verfallene Gebäude und Monster bekommen Gewicht und Oberfläche. Besonders gern sehe ich, wie er Gefahr zunächst am Rand eines Panels auftauchen lässt. Ein Schatten reicht ihm, während das Grauen danach erst die ganze Seite beanspruchen darf.
Malcolm hat solche Probleme nicht. Sein Weg führt konsequent in eine andere, entgegengesetzte Richtung. Je weiter Charisma in eine sehr körperliche Welt aus Schlamm, Moskitos und Dschungel gerät, desto abstrakter wird seine Reise. Die Flucht vor den Chronologen schleudert ihn schließlich in einen Zeitstrom und weiter bis an den Punkt, an dem nicht nur seine persönliche Geschichte enden könnte.
Der Comic macht aus dem drohenden Weltuntergang kein stilles philosophisches Finale. Malcolm Max bleibt Malcolm Max. Also gibt es Tempo, groteske Bilder, Witze im falschen Augenblick und einen Helden, der sich selbst dann noch weigert, eine kosmische Entscheidung einfach nur hinzunehmen.

Was man von einer anderen Ebene sieht
Für mich funktioniert MALCOLM MAX 7: AM ENDE DER ZEIT am besten, wenn der Band Zeit nicht als technische Spielerei behandelt, sondern als etwas Persönliches. Sinclair will zurück, weil seine Tochter stirbt. Malcolm will vorwärts, rückwärts oder irgendwohin, solange er nur Charisma und die Mädchen wiederfindet. Charisma selbst muss akzeptieren, dass sie außerhalb ihrer vertrauten Welt handeln kann. So bekommt das große Zeitreisegerüst eine emotionale Mitte.
Auch formal passt vieles zusammen. Römling trennt Epochen und Räume über Licht und Farbe. London trägt Braun- und Ockertöne, Gabun wirkt feucht und grün, die Welt der Chronologen kühl und fremd. Dadurch kann Mennigen schnell schneiden, ohne die Orientierung zu verlieren. Römlings besondere Gabe liegt für mich seit Jahren in den Mimiken: Müdigkeit, Trotz, Ekel, Unsicherheit und Schadenfreude sitzen sichtbar in den Gesichtern seiner Figuren.

Mennigens Kunstfertigkeit – und damit vielleicht auch seine größte Schwäche – ist sein Wunsch, möglichst wenig aufzugeben. Jede Idee bekommt noch eine Erklärung, jeder Schauplatz noch eine Wendung. Die Geschichte wirkt nach ihrem Abschluss zeitweise wie ein Koffer, der nur unter Druck zugeht. Die Handlung bleibt verständlich, aber nicht jede Station bekommt ausreichend Raum. Eine Kürzung hier oder dort hätte den dramatischen Verlauf präziser machen können. Oder einfach ein paar Seiten mehr – das ginge natürlich auch.
Und doch ist genau diese Überfülle auch Teil des Reizes der Marke MALCOLM-MAX. Die Serie war nie eine zurückhaltende. Sie liebt viktorianischen Schauer, Pulp, alberne Spitzen, Monster und große Gefühle. MALCOLM MAX 7: AM ENDE DER ZEIT treibt all das bis an die Grenzen.

Fazit
MALCOLM MAX 7: AM ENDE DER ZEIT ist für mich ein guter, lesenswerter Abschluss dieser zweiteiligen Geschichte. Aber kein exzellenter. Dafür ist der Band zu voll und der Afrika-Erzählstrang trägt Bilder in sich, die ich aus heutiger Sicht gern deutlicher distanzierter gesehen hätte. Trotzdem schließt Peter Mennigen die große Zeitreisehandlung mit Tempo, Gefühl und genügend Irrsinn ab.
Vor allem Ingo Römling hält die vielen Ebenen zusammen. Seine Bilder geben jedem Zeitsprung eine eigene Stimmung und Malcolm erhält von seinen „Vätern“ eine überraschend verletzliche Seite.
Am Ende bleibt bei mir weniger der Weltuntergang hängen als die simple Angst, jemanden für immer verloren zu haben. An dieser Stelle wird aus der großen Zeitreise wieder eine sehr menschliche Geschichte…

- MALCOLM MAX 7: AN ENDE DER ZEIT
- Ingo Römling und Peter Mennigen
- Hardcover | 72 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-98721-298-7
- Storyline: ★★★★☆
- Zeichnungen: ★★★★☆
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★★☆
- Humor: ★★☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
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