Hinweis: Das folgende Interview erschien am 30 März 2026 zuerst in Englisch auf The Comics Journal (tcj.com). (Text: Aug Stone, Übersetzung: Michael Henseler); aus der Rubrik: Interviews-die-ich-selbst-gerne-geführt-hätte:
Es gibt eine amüsante Anekdote darüber, wie Jordi Lafebre seine Karriere als Comiczeichner begann (siehe unten). Bekannt wurde er jedoch durch die Zusammenarbeit mit dem französischen Autor Zidrou an Titeln wie „LYDIE“, „LA MONDAINE“ und den sechs Bänden von „LES BEAUX ÉTtÉS“ (WUNDERVOLLE SOMMER) zwischen 2009 und 2021. Sein erstes Soloprojekt war das wunderschöne „TROTZ ALLEM … LIEBE“ aus dem Jahr 2020. Es ist eine wundervolle Liebesgeschichte, die rückwärts erzählt wird, wobei das letzte Kapitel komplett rückwärts verläuft. Neben seinen stilvollen Illustrationen und seinem gekonnten Einsatz von Farbe enthält die Geschichte selbst viele poetische Elemente, wie beispielsweise den Bau einer Brücke zwischen den beiden Hälften einer kleinen italienischen Stadt, der das Schicksal der Liebenden widerspiegelt.
Dark Horse hat soeben „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“, die englische Übersetzung von Lafebre‘s Roman „JE SUIS LEUR SILENCE“, veröffentlicht. Obwohl es sich deutlich von seinem Vorgänger unterscheidet, setzt es die Tradition eines wunderschönen Buches mit vielschichtigen Inhalten fort und bietet sowohl visuell als auch inhaltlich viel Genuss. Die Therapeutin Eva Rojas, selbst bipolar, ermittelt, als der Onkel eines Patienten bei einem Familientreffen ermordet wird. Und nicht irgendeiner Familie, sondern einem einflussreichen Weinimperium. Die Geschichte wird aus der Perspektive einer psychologischen Begutachtung erzählt, die Evas Approbation überprüfen soll. Ihre unkonventionellen Methoden, ihr oft unberechenbares Verhalten und die Tatsache, dass die Geister dreier verstorbener Verwandter in ihrem Kopf wohnen und ihr ständig Ratschläge erteilen, haben ihre Professionalität infrage gestellt und sie zudem zur Verdächtigen gemacht. Wie in unserem Gespräch weiter unten und in seinem Nachwort erläutert, behandelt Lafebre das Thema psychische Gesundheit mit dem gebührenden Respekt und entstigmatisiert es gleichzeitig. Schließlich ist fast jeder Mensch in irgendeiner Weise davon betroffen.
Das Gespräch mit Lafebre über seine Liebe zu Comics und zum Geschichtenerzählen, all die Arbeit, die er damit verrichtet, sowie über seine und die Abneigung seiner Kollegen gegen KI war wirklich inspirierend. Die Leidenschaft, die er für diese Themen empfindet, spiegelt sich deutlich im fertigen Produkt wider und macht diese Bücher zu einem wahren Lesegenuss.
JORDI LAFEBRE: Ich stelle mir meine Bücher eigentlich wie Filme vor und versuche, einen passenden Soundtrack dafür zu finden. Instinktiv wechsle ich die Musik von Buch zu Buch, denn ich brauche diese Musik, wenn ich an dem jeweiligen Buch arbeite. Für das nächste Buch ändere ich den Soundtrack dann komplett. Ich liebe Musik und kann problemlos zwischen verschiedenen Stilen wechseln. Für „TROTZ ALLEM … LIEBE“ habe ich eine Playlist zusammengestellt. Sie enthielt viele Akustikgitarren und klassische Violinen. Alles instrumental, sehr melodisch, passend zur heiteren, fröhlichen Komödie des Buches, die aber auch eine melancholische Note hat. Und für „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“ habe ich mich für Techno und Musik der frühen 2000er entschieden. Ich fand, das passte gut zu Evas Persönlichkeit.
AUG STONE: Interessant, dass du deine Comics als Filme betrachtest. Neulich dachte ich über etwas nach und fragte mich: „Aus welchem Film ist das?“ Und dann fiel es mir wieder ein: Es war eine Szene aus „TROTZ ALLEM … LIEBE“.
JORDI LAFEBRE: Danke. Das nehme ich als Kompliment. Meine Bücher sind auch eine Art Liebeserklärung an Comics. Ich liebe die Sprache der Comics und die Tatsache, dass sich Comics im Kopf des Lesers abspielen. Man hat zwar die Panels, aber die Geschichte, die ganze Bewegung, alles, was passiert, spielt sich im Kopf des Lesers ab. Das liebe ich. Ich bin mit Comics aufgewachsen und hatte eine Zeit lang das Gefühl, sie würden wegen des Kinos und anderer Medien verschwinden. Aber ich finde, Comics sind wie Poesie. Sie sind so schön. Das Medium ist so schön, es wird niemals verschwinden. Ich bin da ganz romantisch veranlagt. Ich weiß, sie haben keinen Ton, sie bewegen sich nicht, sie sind nicht so rasant, wie Kinder es heute brauchen. Aber wenn ein Leser Comics entdeckt, ist das ein unglaubliches Gefühl. Da ist diese Geschichte in seinem Kopf und sie bleibt für immer. Sie sind zwar nicht mehr die großen Massenmedien, aber wir lieben Comics immer noch. Und das werden wir auch immer tun. Gleichzeitig sehe ich die Geschichten, die ich in meinen Comics er-zähle aber auch als Filme. Ich sehe die Figuren vor meinem inneren Auge und höre ihre Stimmen. Und wenn ich das Drehbuch schreibe, schließe ich die Augen und stelle mir alles genau vor – die Hintergründe, die Umgebung, einfach alles. Dann versuche ich, die Geschichte so verständlich wie möglich für die Leser zu gestalten.
AUG STONE: Ich habe irgendwo gelesen, dass die „WUNDERVOLLE SOMMER“-Bücher eine persönliche Hommage an die klassischen Comics sind, die Sie als Kind gelesen haben. Welche waren das denn?
JORDI LAFEBRE: Ich bin in den 80er-Jahren in Barcelona aufgewachsen, und damals gab es dort Comics in allen Variationen. Mir war gar nicht bewusst, dass es französische, amerikanische und spanische Comics gab … Ich habe einfach gelesen, was mir gefiel. Ich hatte Garfield, natürlich Asterix, Superman und Spider-Man. Und die ersten Mangas, als sie erschienen, Dragon Ball … Ich habe sie alle gleichzeitig gelesen, fasziniert von den Geschichten, den Figuren und der Dynamik … einfach von allem. Erst mit Ende 19, als ich mich schon entschieden hatte, Comiczeichner zu werden, wurde mir klar, dass sie aus so unterschiedlichen Ländern und Märkten kamen, aus so unterschiedlichen Traditionen. Also fing ich an, sie alle anders zu lesen. Man merkt, dass Asterix und die französischen Comics irgendwie zusammengehören. Und Dragon Ball und Goku stammen aus dem Manga, einer ganz anderen Sprache als Spider-Man und Superman. Und als Profi kann man die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten studieren. Als Kind war ich von den Figuren, den Geschichten und den Welten, die sie in meiner Fantasie erschufen, einfach begeistert. Sie alle waren in meinem Kopf präsent und ich liebte sie. Dieses Gefühl, von einer Geschichte fasziniert zu sein, versuche ich auch heute noch in meinen Büchern wiederzuerwecken. Ich möchte, dass die Leser vergessen, dass sie einen Comic lesen. Ich möchte, dass sie die Geschichte erleben, in sie eintauchen und für einen Moment ihren Alltag vergessen. Genau dieses Gefühl hatte ich beim Lesen von Comics. Und genau das versuche ich auch heute noch: Die Leser von der Geschichte fesseln zu lassen, denn es ist einfach fantastisch, wenn das passiert.

AUG STONE: Wann hast du mit dem Zeichnen angefangen?
JORDI LAFEBRE: Puh. Ich kann mich gar nicht erinnern, jemals nicht gezeichnet zu haben. Als Kind war ich ziemlich wild, nervös und bin ständig herum gesprungen. Aber sobald ich einen Stift in die Hand nahm und mich zum Zeichnen auf den Boden legte, war ich ruhig und konzentriert. Schon früh zeichnete ich mit Leidenschaft. Eigentlich zeichnen alle Kinder. Und die meisten hören irgendwann damit auf. Ich nie. Mit 14 oder 15 war klar, dass ich Künstler wer-den würde, denn ich tat es ständig. Nicht unbedingt besser als meine Klassenkameraden, aber es lag einfach in meiner Natur. Ich tat es instinktiv und mit Leidenschaft. Ich zeichnete ständig, drückte meine Gefühle oder meine Gedanken aus. Es war mein Ding. Ich habe nie damit aufgehört. Und mit 18 sagte ich zu meinen Eltern: „Ich glaube, ich werde eine künstlerische Karriere anstreben.“ Und sie sagten: „Ach, wirklich, Jordi? Das ist uns gar nicht aufgefallen.“ (lacht) „Natürlich wirst du das.“
Zeichnen war schon immer meine Leidenschaft, und vor allem das Geschichtenerzählen. Je weiter ich in meiner Karriere voranschreite, desto mehr merke ich, dass das Geschichtenerzählen mein Hauptaugenmerk war. Während meines Kunststudiums an der Universität habe ich mich nie gelangweilt, aber es war weniger interessant als Comics, Filme, Bücher und Romane. Sobald etwas eine Geschichte in sich birgt, bin ich sofort daran interessiert, wie sie funktioniert. Als ich mit dem Schreiben anfing, fühlte ich mich wie ein Hochstapler, weil ich aus der Kunst kam und Schreiben etwas völlig anderes ist. Aber ich setzte einfach meine Finger auf die Tastatur und begann instinktiv zu schreiben. Und es war gar nicht so schlecht, denn ich liebe Geschichten und habe mich mein ganzes Leben lang mit ihnen beschäftigt.
AUG STONE: Was sind einige Deiner Lieblingsfilme?
JORDI LAFEBRE: Es gibt Momente in meinem Leben, die Meilensteine waren. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, als ich noch ganz klein war. Wir wohnten in einer kleinen Wohnung und der Fernseher hing an der Wand gegenüber dem Schlafzimmer meiner Eltern. An den Wochenenden schlief mein Vater lange. Aber ich war ein unheimlich energiegeladenes Kind und wachte deshalb immer sehr früh auf, als Erster im Haus. Dann ging ich hoch und schaltete den Fernseher ein, um Zeichentrickfilme zu gucken, die am Wochenende am besten waren. Aber ich wollte meine Eltern nicht wecken, also schaltete ich den Ton aus. Und ich stellte mir vor, was in der Geschichte passierte, ohne Stimmen oder Geräusche zu hören. Das ist eine sehr frühe Erinnerung, wie fasziniert ich von diesen Figuren und Geschichten war. Ich bin quasi vor dem Fernseher aufgewachsen. Meine Mutter sagte immer: „Jordi, das ist nicht gut für dich.“ Und ich sagte: „Doch, doch, das ist gut. Mach dir keine Sorgen.“ (lacht)
Mit 17, 18 Jahren begann ich mich für amerikanische Filme, Hollywood und all das zu interessieren, gleichzeitig auch für die alten klassischen Maler. Mich faszinierte es genauso sehr, Gemälde von Michelangelo und Velázquez zu studieren wie die von Scorsese oder Tarantino. Ich war regelrecht fasziniert vom Geschichtenerzählen und den Meistern dieser Kunst. Und natürlich Miyazaki. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich „Porco Rosso“ gesehen habe. Ich kenne jede einzelne Einstellung des Films auswendig. Die Kompositionen, die Farben, was passiert … Miyazaki war ein Meilenstein für mich. Scorsese ebenso und Tarantino. Auch Romane. Ich habe mich intensiv – nicht zwanghaft, aber fast (lacht) – mit allen Geschichtenerzählern auseinandergesetzt, die mich interessieren. Mein Ansatz ist nie theoretisch, aber wenn mir etwas gefällt, versuche ich zu verstehen, warum es mir so gut gefällt. Was genau meinen Verstand und meine Gefühle beeinflusst und wie ich das in meine eigene Arbeit einfließen lassen kann. Ich sollte mir also wirklich mal eine Liste meiner Lieblingsfilme und meiner Lieblingsbücher überlegen, denn ich habe schon Millionen davon gesehen.

AUG STONE: Wann hast du zum ersten Mal Zeichnen und Geschichtenerzählen zu deinem eigenen Stil kombiniert? Ich weiß, dass du vorher schon mit Zidrou zusammengearbeitet hast.
JORDI LAFEBRE: Meine Anfänge sind eine ziemlich witzige Geschichte. Ich war 19 und habe parallel zwei Dinge studiert. An der Universität Kunst – Malerei, klassisches Zeichnen und so weiter. Vormittags besuchte ich aber eine kleine Schule in Barcelona, wo ich Illustration und Comiczeichnen lernte. Diese tolle Schule gibt es übrigens immer noch. Sie war sehr praxisorientiert, nicht besonders schick, aber mit einem starken Fokus auf Illustration und Comics. Tolle Leute, tolle Lehrer. Ich ging also vormittags zur Schule und nachmittags zur Universität. Das habe ich vier Jahre lang gemacht und war richtig gut. Mit 21 habe ich dann abgeschlossen. Und mir wurde sofort klar, dass ich im Bereich Comiczeichnen üben musste. Es ist wie beim Fliegen. Man kann alles wissen, aber man muss im Flugzeug üben, um ein guter Pilot zu werden. Man muss die Einstellungen, die Figuren und ihre Bewegungen üben. In Comics gibt es Millionen von Details, die man erst mit Übung und Verständnis erlernt. Das habe ich sofort gespürt und angefangen, meine eigenen Werke zu veröffentlichen. Aber damals brach der spanische Comicmarkt zusammen, und es war extrem schwierig, überhaupt etwas zu gründen. Schließlich fand ich einen Platz bei einem Erotikmagazin (lacht). Ich war 21 und meine ersten veröffentlichten Werke waren erotische und pornografische Comics. Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern. Ziemlich witzig, oder? (lacht) Aber es waren meine eigenen Texte und Zeichnungen, und es war das, was ich in dem Moment tun musste, um professionell Fuß zu fassen. Von da an wechselte ich von Magazin zu Magazin, schrieb und zeichnete immer alles selbst und übte alles, was mir in den Sinn kam – Farben, Panel-Gestaltung, Charaktere, Anatomie, Dialoge – die Grundlagen des Comiczeichnens.
Und wieder einmal brach der spanische Markt ein, also musste ich mich nach etwas Größerem umsehen. Ich hatte drei Möglichkeiten: Europäische Comics mit französischen Geschichten, amerikanische Comics, hauptsächlich mit Superhelden und Abenteuergeschichten oder Manga, was für mich ziemlich weit weg und etwas knifflig war. Meine naheliegende Wahl war der französische Markt. So-wohl aus räumlichen Gründen als auch aus persönlichem Geschmack. Aber stellen Sie sich vor: Ich war 25 und sprach kein Wort Französisch. Und in Frankreich an Türen zu klopfen, war so: „Oh Mann, das wird hart.“ (lacht) Mein Portfolio war gut, aber es war wirklich schwierig. Der Markt war damals sehr umkämpft, selbst für Profis aus Frankreich. Man musste Französisch sprechen, Kontakte haben und verstehen, was auf dem Markt vor sich ging, um überhaupt Fuß zu fassen. Und jung zu sein, machte es auch nicht einfacher. Ich habe also wirklich versucht, einige Projekte voranzutreiben, aber es hat nie geklappt. Irgendwann entdeckte Zizou meine Arbeiten, kontaktierte mich, und wir begannen zusammenzuarbeiten. Und natürlich habe ich die Idee, eigene Geschichten zu schreiben, sofort verworfen. Denn wenn man erst einmal einen Platz hat, als Künstlerin arbeitet, einen bekannten Schriftsteller an seiner Seite hat, der einem so viel beibringt, und mit Dargaud einen großartigen Verlag, der uns die Möglichkeit bietet, unsere Bücher zu veröffentlichen, dann habe ich natürlich zugesagt. Also habe ich angefangen, mich voll und ganz meiner Kunst zu widmen. Der Kolorierung, dem Zeichnen und dem Versuch, all die alte Tradition des französischen Marktes aufzusaugen. Nicht zu imitieren, sondern wirklich all das Gute in sich aufzunehmen, das mit dieser großen Tradition ein-hergeht. Und dann, nach vielleicht zehn, zwölf Jahren, war meine Karriere so gut wie gefestigt. Wir haben „LYDIE“, „LA MONDAINE“ und mehrere Bände von „WUNDERVOLLE SOMMER“ herausgebracht. Ich fühlte mich, sagen wir mal, wohl. Ich hatte das Glück, dass das französische Publikum mich, meine Kunst, meinen Stil immer willkommen geheißen hat.
Dann, mit Ende 30, überkam mich so eine Art Traurigkeit oder Unzufriedenheit. Mir fiel auf, dass ich mehrere Angebote von verschiedenen Autoren – großartigen Autoren – hatte, aber aus irgendeinem Grund lehnte ich die Zusammenarbeit immer wieder ab. Ich hatte immer eine Ausrede: Ich habe keine Zeit, solche Projekte liegen mir nicht … Ich fand immer eine Ausrede, um abzulehnen. Und nicht mal stichhaltige (lacht). Irgendwann musste ich mich fragen: Warum lehne ich ab? Es muss doch einen Grund geben, warum ich all diese tollen Projekte blockiere. Und mir wurde klar, dass ich es selbst mit dem Schreiben versuchen wollte, einen Schritt weitergehen und meine eigenen Bücher schreiben. Nicht, weil ich nicht gerne Künstlerin bin, sondern weil ich eben auch gerne schreibe, nicht wahr? Also sprach ich mit meinen Lektoren, die mich von An-fang an begleiten und daher gut kennen, und sie sagten: „Klar, du musst es versuchen. Du bist ein fantastischer Geschichtenerzähler.“ Sie hatten das Vertrauen in mich, es mit einem Buch zu versuchen. Und mein erstes Buch war tatsächlich „TROTZ ALLEM … LIEBE“. Es war mein allererstes längeres Drehbuch. Obwohl ich meine Hausaufgaben, sozusagen meine Schreibschule, jahrelang zu Hause im Selbststudium absolviert hatte. Ich analysierte Romane und Drehbücher. Und als ich dann endlich den Computer ansetzte, um mein eigenes Drehbuch zu schreiben, fühlte es sich an wie zu Hause. Ich hatte das alles schon jahrelang im Kopf durchgespielt und wusste, wie es funktioniert. Jedes Buch ist eine Herausforderung, jedes Buch ist schwer zu schreiben, aber gerade das Schreiben selbst hat mir so viel Freude bereitet. Ich habe so viel zu erzählen, dass ich nicht aufhören werde (lacht).

AUG STONE: Erzähl‘ mir also, wie es dazu kam, dass „TROTZ ALLEM … LIEBE“ zu Dir kam. Kannst Du erinnern, wie Du die Idee dazu hattest?
JORDI LAFEBRE: Ich glaube nicht, dass einem eine Idee einfach so in den Sinn kommt. Das ist ein Klischee. Bei mir entsteht eine gute Geschichte immer aus verschiedenen Ideen und unterschiedlichen Bedürfnissen. Manchmal habe ich eine Idee, die mich nicht loslässt, also denke ich weiter darüber nach. Ich kann aber auch monatelang über eine Idee nachdenken, ohne mir Notizen zu machen. Einfach nur darüber nachdenken. Und irgendwann verbinden sich einige dieser Ideen zu einer guten Idee. Und dann denkt man: „Jetzt habe ich etwas.“ Wenn man etwas hat, das aus verschiedenen Quellen und aus verschiedenen Ideen entsteht, dann beginnt die Arbeit. Es ist wie in einer Mine, wo man immer weiter kratzt, um einen Diamanten zu finden, nicht wahr? Es geht darum, jeden Tag etwas aufzubauen – an den Charakteren zu arbeiten, am Rhythmus, an ihren Entwicklungen, an den Gründen, warum man an diesem Buch arbeitet, an allem, was zum Schreiben dazugehört. Ich schreibe mehrere Entwürfe, bis die Geschichte ihre endgültige Form hat. Die Idee zu „TROTZ ALLEM … LIEBE“ entstand nicht sofort, sondern durch viele verschiedene Entwürfe. Anfangs hatte ich die Idee zu einer Liebesgeschichte, da die meisten Comics von Krieg und Verbrechen handeln. Im Kino gibt es unzählige Liebesgeschichten, aber in Comics sind sie schwer zu finden. Ich wollte also eine Liebesgeschichte schreiben, hatte aber nichts Konkretes. Nur den Wunsch, eine zu erschaffen.
Dann las ich Natalia Ginzburgs „Die Stadt und das Haus“, einen italienischen Roman, dessen Geschichte anhand der Briefe der Figuren erzählt wird. Und da kam mir die Idee zu einer Liebesgeschichte, erzählt anhand der Briefe eines Paares, wobei einer der beiden alle Briefe aufbewahrt. Der allererste Brief läge also ganz unten im Stapel. Und der oberste Brief wäre der letzte, der Abschiedsbrief. Stell dir vor, du bist der Enkel oder so und findest diese Briefe. Aus Neugier öffnest du den ersten und siehst, dass es der letzte Brief einer Liebesgeschichte ist. Natürlich willst du den nächsten lesen, und dann den übernächsten … und so weiter, bis hin zum ersten Brief, den sie sich geschrieben haben – dem letzten im Stapel. Das war meine Vision. Die Idee kam mir wie ein Blitz (macht ein Explosionsgeräusch), als wäre sie vom Himmel gefallen. Ich hatte sie und dachte: „Okay, das ist was.“ Nun muss ich die beiden Charaktere ausarbeiten, die sich die Briefe schreiben, und eine passende Geschichte dazu entwickeln. Das hat mich Monate und Monate mit verschiedenen Ansätzen und Vorgehensweisen gekostet, bis ich schließlich den endgültigen Entwurf fertiggestellt hatte.

AUG STONE: War Audrey Hepburn eine große Inspiration für Anna [die weibliche Hauptrolle in „TROTZ ALLEM … LIEBE“]?
JORDI LAFEBRE: Natürlich. Wie ich schon sagte, mit meiner Liebe zu klassischen Hollywood-Filmen und dem Wunsch, eine Liebesgeschichte zu erzählen … einer der großen Vorteile von Comics ist, dass man keinen Schauspieler bezahlen muss (lacht). Solange man die Figuren zeichnen kann, kann man sich den jeweiligen Schauspieler aussuchen. Und Audrey Hepburn war eine unglaubliche Inspiration für mich. Ich suchte nach dieser Art von charmanter Energie. Eine Figur, die alles durchmacht, und alle versuchen, sie aufzuhalten, aber es ist unmöglich, weil sie so charmant und energiegeladen ist. Ich liebe diese Charaktere, die Enttäuschungen überwinden und niemals aufgeben. Ihre Freude und ihr Enthusiasmus treiben sie immer weiter an. Und ich habe versucht, Anna diese charmante Audrey-Hepburn-Energie zu verleihen.
AUG STONE: Die beiden ins Englische übersetzten Bücher, „TROTZ ALLEM … LIEBE“ und „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“, sind sehr unterschiedlich.
JORDI LAFEBRE: Ganz anders. Ich weiß nicht, ob man mir im Laufe der Jahre eine bestimmte Palette, einen bestimmten Stil zuschreiben wird. Im Moment konzentriere ich mich auf jede einzelne Geschichte. Sobald ich eine Idee habe, versuche ich, sie zu verfolgen und alle nötigen Elemente für die jeweilige Geschichte zusammenzufügen. Ich verfolge keinen übergeordneten Stil, sondern stecke jedes Mal meine ganze Energie in jedes Buch. Eigentlich versuche ich gar nichts Bestimmtes. Ich habe eine Idee, schreibe ein Buch. Dann habe ich eine andere Idee und schreibe ein ganz anderes Buch. Ich folge einfach meinen Gefühlen in diesem Moment. Mit „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“ wurde mir bewusst, dass ich einen Großteil meiner künstlerischen Laufbahn Geschichten gezeichnet habe, die in der Vergangenheit spielen. „LYDIE“ und „LA MONDAINE“ spielen beide in den 1930er-Jahren. „TROTZ ALLEM … LIEBE“ spielt in dieser verschwommenen Phase des 20. Jahrhunderts. Und die gesamte Reihe „Wundervolle Sommer“ spielt in den 60er- und 70er-Jahren. Ich dachte also: Ich liebe meine Gegenwart, ich liebe meine Stadt, ich liebe es, in dieser Zeit zu leben, und ich habe das noch nie gezeichnet. Vielleicht wäre es eine schöne Herausforderung, all meine Energie in die Details all dessen zu stecken, was ich täglich um mich herum sehe. Eine Geschichte zu erschaffen, die in Barcelona, meiner Stadt, in unserer Gegenwart spielt. Und es ist so anders, das zu zeichnen. Ich ertappe mich dabei, wie ich Turnschuhe, Jeans, Autos, Handys und all diese Dinge zeichne, die wir für selbstverständlich halten, weil sie uns umgeben. Aber früher, als Künstler, hätte ich sie nie gezeichnet. Es war also wirklich eine Herausforderung für mich. Und die Idee, etwas sehr Modernes zu zeichnen, hat mich gewissermaßen dazu gebracht, auch beim Schreiben einen modernen Stil auszuprobieren. Und bei der Farbwahl und beim Gestalten einer modernen Figur wie Eva.
Ja, es ist ganz anders, weil meine Bedürfnisse als Künstler ganz andere waren. Das erste Buch entstand aus dem Wunsch, eine Liebesgeschichte zu schreiben, das zweite hingegen aus der Idee, ein Buch zu verfassen, das in der Gegenwart spielt und unsere aktuellen menschlichen Probleme thematisiert. Sehr unterschiedliche Ideen, sehr unterschiedliche Herangehensweisen.

AUG STONE: „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“ ist sexuell expliziter als „TROTZ ALLEM … LIEBE“.
JORDI LAFEBRE: Natürlich! Sex ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. So allgegenwärtig, dass wir ihn gar nicht mehr wahrnehmen. Ironischerweise dachte ich, sobald ich zu viel Sex in die Liebesgeschichte einbaue, würde die Liebesgeschichte darunter leiden. Deshalb habe ich versucht, jegliche sexuelle Inhalte zu vermeiden, um die Liebesgeschichte selbst zu schützen. Andererseits, eine Figur wie Eva, heute in Barcelona, in ihren Dreißigern – wenn ich keinen Sex im Buch hätte, na ja, das wäre unglaubwürdig. Sie ist schön, sie ist Single, natürlich hat sie Sex. Und es wird ein gutes Sexleben sein. Es geht nicht um sexuelle Inhalte. Ich finde, es ist witzig, es ist komödiantischer Inhalt. Sie trinkt Alkohol, sie raucht, sie hat ein paar lockere Beziehungen. Sie ist eine moderne Frau, nicht wahr? Sie ist stark, sie weiß, was sie will, sie genießt ihr Leben.
AUG STONE: Auch der Tod spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte. Neben einem Mordfall sind da die drei Frauen aus Eva‘s Vergangenheit, die in ihren Gedanken präsent sind.
JORDI LAFEBRE: Ich habe vor allem über das Thema Erbe nachgedacht. Und sobald man über Erbe spricht, muss man auch über den Tod sprechen. Wenn man Hamlet liest, muss Hamlets Vater tot sein, nicht wahr? (lacht) Sonst ist es ja nur ein Vater, der mit seinem Sohn spricht. Erst der Tod des Vaters treibt die Geschichte voran. Und der Tod ist etwas, dem wir uns alle irgendwann stellen müssen. Und mit den Stimmen [der drei Frauen] geht es darum, was wir in uns tragen. Das Buch handelt eigentlich mehr vom Erbe als vom Tod, denn Eva fürchtet ihren eigenen Tod nicht. Sie fürchtet, dass die Stimmen entweder zu viel Raum einnehmen oder, im Gegenteil, in Vergessenheit geraten. Sie fürchtet, dass der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wird, aber sie fürchtet ihren eigenen Tod nicht. Ich denke also, dass das Buch im Großen und Ganzen vom Erbe handelt und von der Art von Gesellschaft und Planet, die wir unseren Kindern hinterlassen möchten. Was bauen wir auf und was hinterlassen wir ihnen? Und um sich ein gutes Bild davon zu machen, muss man sich fragen: „Was habe ich jetzt?“ und „Was habe ich von meinen Eltern und von meinem Erbe?“ Ich glaube, Eva wird mit Ungerechtigkeit und Verbrechen konfrontiert, weil sie ihre Stärke aus ihrem Erbe schöpft, aus den Stimmen in ihrem Kopf von den verstorbenen Frauen in ihrer Familie.
Und letztendlich geht es um psychische Gesundheit, richtig? Das ist ein riesiges Thema im Buch. Ich glaube, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der psychischen Gesundheit sein. Es ist das große Problem, das uns alle umgibt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Psychiater ringen darum, die wahren Ursachen dieser riesigen Pandemie zu verstehen und sie zu stoppen. Psychische Probleme unter Jugendlichen sind weit verbreitet, und die Gesundheitssysteme sind mit den Problemen, mit denen Jugendliche heutzutage zu kämpfen haben, völlig überlastet. Ich denke, wir als Geschichtenerzähler müssen uns dem stellen und darüber sprechen. Und wenn ich an psychische Gesundheit denke, glaube ich, dass jeder von uns sein eigenes Gleichgewicht finden und heraus-finden sollte, was für ihn funktioniert. Und es ist ein Erbe, nicht wahr? Was wir von unserer Regierung, unserer Familie, den Problemen auf unserem Planeten geerbt haben – all diese Dinge, die wir uns nicht ausgesucht haben, aber trotzdem haben.
Im ersten Buch [„ICH BIN IHR SCHWEIGEN“] ist Eva‘s bipolare Störung noch nicht so offensichtlich. Im zweiten Buch [„ICH BIN EIN VERLORENER ENGEL“] wird ihr Kampf mit der Bipolarität deutlicher. Ich habe mich aber für den humorvollen Ansatz entschieden, weil ich das Thema enttabuisieren möchte. Ich finde es sogar normal. Eva ist bipolar, aber sie lebt ihr Leben weiter. Ich erinnere mich, wie ich einen Psychiater fragte: „Kann man Psychiater und bipolar sein?“ Und er antwortete: „Kann man bipolar sein und Polizist, Anwalt oder irgendetwas anderes sein? Sie sind bipolar, na und?“ Das war die perfekte Antwort. Der beste Rat für mein Buch. Und jedem Leser, der mich fragt: „Ist das glaubwürdig? “, kann ich nur antworten: „Natürlich.“ Und ich denke, Eva meistert ihr Leben mit der Bipolarität auf die gleiche Weise. Sie hat sie, aber sie weigert sich, sich davon in irgendeiner Weise aufhalten zu lassen.

AUG STONE: Wie Du auf der letzten Seite des Buches anmerkst, hast Du dazu umfangreiche Recherchen angestellt.
JORDI LAFEBRE: Ja, ja, ja. Ich liebe es zu recherchieren, ich glaube, ich habe einen kleinen Journalisten in mir. Jedes Buch ist für mich ein Anlass, tief in die Recherche von Themen einzutauchen, die mich interessieren. Aber sobald man ein so ernstes Thema wie psychische Gesundheit und Psychiatrie anspricht, wird einem natürlich klar, dass man es ernst meint. Wenn man über, keine Ahnung, Eidechsen oder so schreibt, ist es nicht so schlimm, wenn man Fehler macht, es ist ja nur ein Buch. Aber sobald man über so ernste Themen spricht, kann man nicht lügen. Man kann keinen Unsinn erzählen. Das geht ein-fach nicht. Man muss den Kampf der Menschen wirklich respektieren. Und mit diesem Respekt kommen fundierte Recherchen und ein Kontext, der mir als Autorin eine Grundlage bietet, um zumindest glaubwürdige Dinge zu schaffen. Das gehört eben dazu.
AUG STONE: Was kannst Du mir über den zweiten Band, „ICH BIN EIN VERLORENER ENGEL“ erzählen?
JORDI LAFEBRE: Ich hoffe, es wird irgendwann ins Englische übersetzt. Dark Horse hat meine beiden vorherigen Bücher veröffentlicht, und ich hoffe, sie schenken auch diesem wieder ihr Vertrauen. Als ich „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“ schrieb, hatte ich das Gefühl, ein neues Universum erschaffen zu haben, in dem Eva Rojas weitere Abenteuer erleben und andere Geschichten erfahren kann. Und ich liebe die Idee eines offenen Universums, das es mir erlaubt, zurückzukehren und darin weiterzuschreiben. Dieses zweite Buch ist also ein weiteres Abenteuer. Es geht wieder um Eva Rojas, wieder um dieselben Stimmen in ihrem Kopf, wieder um ihren Psychiater, Dr. Llull. Und wieder um ein Verbrechen, ein weiteres Geheimnis, das gelüftet werden will, ein weiteres Rätsel, das gelöst werden muss.

AUG STONE: Noch etwas zu „ICH BIN IHR SCHWEIGEN“. Mir ist aufgefallen, dass Tante Berta, als Eva sie besucht, das Marseille-Tarotdeck benutzt, mit dem auch Alejandro Jodorowsky arbeitet.
JORDI LAFEBRE: Ich habe diese Szene geschrieben, weil Tante Berta sagt: „Es werden noch andere Stimmen zu dir kommen.“ Also habe ich ihr die Möglichkeit gegeben, mit der Zeit auf andere Bücher und andere Stimmen zu stoßen. Ich liebe Tarot. Eine Freundin von mir arbeitet damit. Ich finde es so geheimnisvoll und metaphorisch zugleich. Es passte perfekt zu dieser Figur. Meine Bücher sind voll von meinen kleinen Interessen, ich verarbeite Dinge, die ich liebe. Es sind meine Bücher, also stecke ich alles hinein, was ich kann. So funktioniert es. Ich glaube, meine Leidenschaft wird auch die Leser begeistern. Ich könnte niemals ein Buch über etwas schreiben, das mich nicht interessiert. So professionell oder distanziert bin ich nicht. Ich brauche Neu-gier, ich brauche Leidenschaft.
AUG STONE: Das ist es, was es lebendig macht.
JORDI LAFEBRE: Genau.
AUG STONE: Erzähl‘ mir doch ein wenig über Deine anderen Arbeiten außerhalb der Comicbranche.
JORDI LAFEBRE: Ich bin Charakterdesignerin für Animationsfilme. Momentan arbeite ich an einem Netflix-Projekt. Mehr kann ich dazu nicht sagen (lacht). Ich liebe die Arbeit an Animationsfilmen, weil es Teamarbeit ist. Und es erlaubt mir, meine Drehbücher in Ruhe zu schreiben, denn jedes Mal, wenn ich ein Buch beendet habe, bin ich total erschöpft. Ich verliere mich in meinen Büchern und brauche dann Zeit, um wieder in Form zu kommen. Es ist wie ein langer Marathonlauf. Gleichzeitig kann das Schreiben eines Buches sehr einsam sein, wenn man Tag für Tag allein zu Hause daran arbeitet. Animation ist das genaue Gegenteil. Es ist immer Teamarbeit. Und es herrscht immer eine gute Stimmung zwischen uns. Es ist auch weniger Verantwortung. Ich bin nicht der Regisseur, ich bin nicht der Autor, ich helfe einfach mit. Und ich bin wirklich froh, Teil von etwas Größerem zu sein. Manchmal versuche ich, ein Buch zu schreiben, das größer ist als ich selbst, aber ich habe das Gefühl, dass ein Buch immer in gewisser Weise ein Teil von mir sein wird, weil es von mir stammt. Es ist schwierig, sich bei einem Buch wirklich von sich selbst zu entfernen. Bei einem Film ist es genau umgekehrt. Man steckt seine ganze Energie in etwas, das dieses Team erschafft, daher wird es immer größer und überraschender, weil man bei jedem Treffen andere Künstler und Kreative kennenlernt und sich über den Fortschritt des Films austauscht. Es dauert lange, aber es ist eine Reise.
Ich hatte in den letzten acht oder neun Jahren wirklich Glück, denn ich hatte immer Zeit, an beidem zu arbeiten und beides sind meine Leidenschaften. Meine Bücher sind natürlich mein bekanntestes Werk, schließlich steht mein Name auf dem Cover. Aber ich bin genauso glücklich mit Animationen oder der Arbeit an Filmen wie mit meinen Büchern. Es ist immer noch derselbe Jordi, derselbe Junge, der mit Leidenschaft Geschichten erzählt.
AUG STONE: Und Du kürzlich getwittert: „Als Top-Studio-Mitarbeiter und international publizierter Autor kann ich sagen, dass wir KI nicht nur über-haupt nicht verwenden, wir hassen sie sogar.“
JORDI LAFEBRE: Ja, wirklich. Wir hassen KI. Ich arbeite gerade an einem großen Studioprojekt und keiner von uns nutzt KI für die kreative Arbeit. Das ist einfach eine Lüge, die im Internet kursiert. Ich habe noch nie professionelle KI-Arbeit gesehen. In keinem meiner Projekte. Und ich würde mich schämen, KI für meine Arbeit einzusetzen. Es ist einfach nur peinlich (lacht). Es ist so billig, unkreativ und unmenschlich, nicht wahr? Und das gilt nicht nur für mich, sondern für mein gesamtes Team. Wir alle hassen es. Wir hassen es so sehr, dass wir gar nicht darüber reden. Es ist einfach nicht existent. Wir sprechen über das Projekt, die Charaktere, die Geschichte, was passiert, was wir brauchen, den Hintergrund, an dem wir arbeiten … der Regisseur stellt uns ein paar Fragen, wir besprechen alles, wir halten uns an unseren Zeit-plan, gehen nach Hause und erledigen die Arbeit mit unseren eigenen Händen. Wie wir es immer getan haben. KI ist einfach noch nicht so weit. Wissen Sie, meine Aufgabe ist es, kreativ zu sein, und mit KI ist man nicht kreativ. Man denkt nicht, man fühlt nicht, man fragt einfach etwas, um ein Ergebnis zu erhalten. Aber dieses Ergebnis ist nutzlos. Denn man selbst ist nicht zu diesem Schluss gekommen.
Jede Farbe, jede Form, jede Linie, die du erschaffst, entspringt einem Punkt in deinem Kopf, wo du diese Linie, diese Farbe fühlst. Du hast Millionen von Grüntönen, Millionen von Rottönen, Millionen von Linien. Eine Linie kann so aussehen, oder so, oder so … Wenn ich an einem Filmprojekt arbeite, besteht meine Aufgabe darin, zu denken und zu fühlen. Meine Kunst ist lediglich das Ergebnis davon. Es ist die Kombination dieser Magie, die etwas Bedeutungsvolles erschafft. Und mit KI geht all das verloren, und man hat nur das Ergebnis. Dieses Ergebnis bedeutet nichts. Selbst wenn es schick aussieht – na und?
AUG STONE: Wie geht es weiter? Gibt es noch ein weiteres Buch?
JORDI LAFEBRE: Ja, natürlich, immer. Ich arbeite intensiv an diesem Film, aber auch an einem kleinen Buch, das nächstes Jahr [2027] auf Französisch erscheint. Ausnahmsweise mal ein winziges Buch (lacht). Ein wunderschönes, kleines Buch. Danach fange ich an, gemeinsam mit Eva Rojas Ideen für ein drittes Buch zu entwickeln. Und dann gibt es noch einige andere Projekte, die schon seit Jahren in der Schublade liegen. Manche Projekte brauchen eben ihre Zeit, und man arbeitet immer mal wieder daran. Ich werde also auch weiterhin immer mal wie-der daran arbeiten. Aber ja, im Grunde arbeite ich an diesem Animationsprojekt und das kleine Buch erscheint nächstes Jahr. Und das längere Buch, wenn alles nach Plan läuft, wird in zweieinhalb Jahren fertig sein. Das ist schon eine ganze Menge Arbeit, nicht wahr? (lacht)
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Hinweis von PANELWALKER: Die deutschen Ausgaben der erwähnten Alben sind im Splitter Verlag und bei Salleck Publications erschienen. Wer jetzt noch wissen will, wie „Eva Rojas“ ausgesprochen wird, kann auch noch einen Blick in dieses Interview mit Jordi Lafebre auf ActuaBD werfen.
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