DER MAGIER IM KREML beginnt nicht an einem Schreibtisch und auch nicht mit Vladimir Putin. Luc Jacamon schickt uns zunächst hinaus in die Kälte, zu einem jungen Wadim Baranow (unserer Hauptfigur), seinem Vater, seinem Großvater, einem Bären – und zu den Wölfen.
Der Wolf kehrt später als Sinnbild für jene Welt zurück, in die Baranow gerät. Eine Welt aus Rudeln, Rangordnungen und der ständigen Frage, wer hier wen zuerst beißt. Dieser Einstieg gefällt mir, weil er sofort klarstellt, dass diese Literaturadaption nicht bloß politische Abläufe bebildern will. Nein, sie sucht nach Bildern für gelebte Macht.
Die Vorlage erschien 2022 und war Giuliano da Empolis erster Roman. Noch im selben Jahr gewann sie den Grand Prix du roman der Académie française. Spannend ist die verarbeitete Mischung aus Wirklichkeit und Fiktion. Baranow ist eine erfundene Figur, die sich aber deutlich an den langjährigen Kremlstrategen Wladislaw Surkow anlehnt.
Genau darin liegt die Stärke des Stoffes, aber auch seine heikelste Eigenart: Wer diese Geschichte liest, sollte nie vergessen, dass hier keine geheime Akte geöffnet wird, sondern ein Roman, fiktiv in seiner Darstellung und in Comicform weiterverarbeitet.

Zwei Wege führen nach Moskau
Giuliano da Empoli kennt Politik nicht nur aus Büchern. Der italo-schweizerische Essayist arbeitete als politischer Berater in Italien, gründete den Thinktank Volta und lehrt an Sciences Po in Paris. Schon sein Sachbuch DIE INGENIEURE DES CHAOS beschäftigte sich mit modernen Formen politischer Propaganda. Für seinen ersten Roman wechselte er in die Fiktion und erfindet eine Figur, die zugleich Beobachter, Mitspieler und Erzähler des Systems ist.
Luc Jacamon kommt von einer ganz anderen Seite. Der 1967 geborene Franzose wurde vor allem durch DER KILLER bekannt, den er ab 1998 mit Matz (Alexis Nolent) entwickelt. Sein kontrollierter Realismus und sein Gespür für Spannung in ruhigen Situationen passen gut zu diesem Stoff.

Russland nach dem großen Zusammenbruch
Wadim Baranow wächst zwischen zwei sehr verschiedenen Vorstellungen von Russland auf. Der Vater hat gelernt, sich mit dem sowjetischen System zu arrangieren. Der Großvater stammt aus einer aristokratischen Welt, die den Kommunismus irgendwie überlebt hat. Von ihnen übernimmt Baranow weniger ein politisches Programm als eine Haltung. Er beobachtet Menschen, hört genau hin und entwickelt früh ein Gespür dafür, dass unter jeder offiziellen Wahrheit – mindestens – eine zweite liegt.
Jahrzehnte später ist die Sowjetunion verschwunden. Das neue Russland wirkt frei und gleichzeitig völlig ungeordnet. Baranow arbeitet zunächst am Theater, später fürs Fernsehen. Er ist keiner jener Männer, die von Anfang an nach einem Ministeramt greifen. Sein Zugang zur Politik kommt aus der Inszenierung. Er denkt in Auftritten, Bildern, Erwartungen und Stimmungen. Realität ist für ihn nie nur das, was passiert. Entscheidend ist, welche Geschichte daraus entsteht und wie sie erzählt wird.
Dann tritt Boris Beresowski in sein Leben. Der Oligarch versteht früh, wie eng Geld, Fernsehen und politischer Einfluss im Russland der neunziger Jahre zusammenhängen. Baranow wird für ihn wertvoll, weil er etwas beherrscht, das viele der neuen Mächtigen unterschätzen. Er weiß, wie Aufmerksamkeit funktioniert.
Zugleich ist da Xenia, die Frau, die Baranow liebt und die er nie ganz festhalten kann. Während er immer tiefer in Systeme, Pläne und Abhängigkeiten gerät, bleibt sie eine Figur, die sich seinem Wunsch nach Kontrolle entzieht.
Jacamon erzählt diesen Teil erfreulich flott. Namen und Funktionen kommen und gehen allerdings schnell. Wer mit der russischen Geschichte der neunziger Jahre wenig vertraut ist, kann anfangs ins Rutschen geraten. Russische Vornamen, Kosenamen und reale Persönlichkeiten tauchen auf, bevor jede Beziehung vollständig erklärt ist. Ich musste an einigen Stellen bewusst langsamer lesen. Das ist kein großes Problem, aber ein möglicher Stolperstein.

Im Kreml wird ein Zar gebaut
Der entscheidende Moment kommt, als Beresowski und sein Umfeld nach einem Nachfolger für Boris Jelzin suchen. Russland ist erschöpft von Chaos, wirtschaftlicher Unsicherheit und dem Eindruck, international an Gewicht verloren zu haben. In dieser Lage erscheint Vladimir Putin zunächst wie ein eher farbloser Funktionär aus den Sicherheitsdiensten. Gerade das macht ihn für jene attraktiv, die glauben, ihn zur Marionette formen zu können.
Baranow erkennt etwas anderes. Er sieht, dass dieser zurückhaltende Mann eine politische Sehnsucht bedienen kann. Nicht Begeisterung steht bei ihm im Mittelpunkt, sondern Ordnung, Stärke und Kontrolle. Der künftige Präsident muss kein großer Redner sein. Er muss nur den Eindruck vermitteln, dass nach Jahren des Durcheinanders wieder jemand entscheidet.
Hier findet DER MAGIER IM KREML zu seiner eigentlichen Kraft. Baranow baut keine Wahlkampagne im üblichen Sinn. Er baut eine Erzählung über Russland. Putin wird darin zur Antwort auf Angst, Demütigung und Unsicherheit. Der Krieg in Tschetschenien, die Gewalt im Inneren und die Fernsehbilder werden Teile (s)einer politischen Dramaturgie. Das Album zeigt diese Vorgänge konsequent aus Baranows Nähe. Dadurch entsteht eine unangenehme Faszination. Ich verstehe, wie seine Arbeit funktioniert, ohne sie deshalb gutheißen zu müssen.
Der Haken folgt schnell. Beresowski glaubt anfangs, eine politische Figur geschaffen zu haben, die abhängig bleiben wird. Doch Putin braucht seine Erfinder bald nicht mehr. Der neue Präsident hat erkannt, wie Macht entsteht – und zieht die Kontrolle an sich!
Beresowskis Einfluss schwindet. Medien werden nicht länger nur Mittel verschiedener Oligarchen, sondern zunehmend Teil des politischen Machtapparats selbst. Beresowski muss gehen. Baranow bleibt.
Das ist für mich die wichtigste moralische Entscheidung des Buches. Er kann sich nicht darauf zurückziehen, bloß ein Beobachter zu sein. Nein, er hilft aktiv mit. Seine Nähe zum Präsidenten verschafft ihm Einfluss, doch zugleich wird sein Spielraum kleiner. Je mächtiger Putin wird, desto weniger ist Baranow der Zauberer.

Moskau lernt die senkrechte Macht
Der Comic verfolgt nun, wie aus dem Versprechen von Stabilität ein System wird. Die Episode um die Katastrophe des U-Boots Kursk zeigt früh, wie empfindlich der neue Kreml auf öffentliche Schwäche reagiert. Beresowskis Fernsehsender berichtet kritisch. Kurz darauf verliert der Oligarch seinen Einfluss und schließlich seinen Platz in Russland. Auch andere Unternehmer erfahren, dass wirtschaftliche Macht nur so lange geduldet wird, wie sie sich der politischen Spitze unterordnet.
Baranow liefert unterdessen Begriffe, Bilder und Geschichten für die neue politische Ordnung. Die Vorstellung einer senkrechten Macht passt zu einem Präsidenten, der konkurrierende Zentren beseitigen will. Der Comic interessiert sich dabei weniger für Verwaltung als für Gefühle. Welche Sehnsucht lässt sich ansprechen? Welche Angst lässt sich vergrößern? Und welches Bild bleibt letztendlich hängen?
Das ist packend und doch beginnt hier auch meine Skepsis. Die Erzählung sitzt so eng auf Baranows Schulter, dass Putins Aufstieg gelegentlich fast zwangsläufig erscheint. Als hätte Russland nach den wilden neunziger Jahren nur auf genau diese Form von Herrschaft gewartet. Der Stoff erklärt sehr überzeugend, wie Baranow das Land und dessen Bedürfnisse deutet und wie diese Deutung ausgenutzt werden kann Er beweist aber nicht, dass diese Deutung die einzig richtige ist.
Xenia bleibt deshalb wichtig. Sie erinnert Baranow an ein Leben außerhalb des Kremls. Ihre Beziehung besitzt jedoch deutlich weniger Gewicht als der politische Teil. Ich verstehe, was sie für ihn bedeutet, doch emotional erreicht mich diese Liebesgeschichte kaum. Baranow ist auch privat ein Mann, der sich selbst beobachtet. Nähe bekommt bei ihm schnell etwas Gedankliches. Das passt zur Figur, schafft aber Distanz.

Von Moskau bis zur Ukraine
Mit den Jahren wird das politische Theater größer. Gegner werden ausgeschaltet, eingeschüchtert oder an den Rand gedrängt. Figuren wie Eduard Limonow und später Jewgeni Prigoschin tauchen auf. Der Comic führt vor, wie politische Kommunikation sich verändert. Das Fernsehen reicht irgendwann nicht mehr.
Digitale Kampagnen, gezielte Störungen und die Arbeit mit widersprüchlichen Botschaften werden Teil desselben Denkens. Entscheidend ist nicht mehr, dass alle dieselbe Wahrheit glauben. Es reicht, wenn niemand mehr sicher weiß, welcher Wahrheit noch zu trauen ist.
Gerade diese Passagen wirken erschreckend gegenwärtig. Jacamon überlädt sie nicht mit Erklärungen. Er lässt Gespräche, Räume und Entscheidungen wirken. Das hilft dem Tempo. Zugleich bezahlt die Adaption dafür einen Preis. Einige Nebenfiguren bleiben flüchtig. Limonow und Prigoschin besitzen historisches Gewicht, bekommen im Comic aber nur begrenzten Raum. Das ist bei 144 Seiten nachvollziehbar, führt jedoch dazu, dass manche politische Entwicklung wie eine schnelle Station auf Baranows Lebensweg wirken muss.
Schließlich rückt die Ukraine ins Zentrum. Baranow hat inzwischen viele Jahre geholfen, die politische Wirklichkeit des Kremls zu formen. Doch sein Verhältnis zu Putin verändert sich. Aus gegenseitigem Nutzen ist längst ein Verhältnis geworden, in dem nur einer wirklich bestimmt. Baranow erkennt zunehmend, dass er nicht der Herr des Spiels ist. Seine Fähigkeit, Erzählungen zu erfinden, schützt ihn nicht vor dem System, das er mit aufgebaut hat. Auch er kann entbehrlich werden.
Der Rückzug aus dem inneren Kreis fühlt sich deshalb nicht wie ein großer Akt der Läuterung an. Dafür hat Wadim zu lange mitgemacht. Genau das finde ich richtig gut. Der Comic schenkt ihm keine bequeme Absolution. Er bleibt faszinierend, kultiviert und oft sympathischer als die Männer um ihn herum, er bleibt aber auch mitverantwortlich.
Zwischen Kremlroman und Geschichtsbuch
Für mich funktioniert die Adaption am besten, wenn ich sie als politischen Roman lese und nicht als Erklärungsschrift über Russland. Empolis Kunstgriff ist stark: ein erfundener Insider führt durch reale Ereignisse und erlaubt eine Nähe, die ein Sachbuch kaum bieten könnte. Jacamons Umsetzung bewahrt diese Nähe. Der Band passt damit sehr gut ins Nachtprogramm von Schreiber und Leser, wo eigenständige, erwachsene Stoffe abseits langer Serien ihren Platz haben.
Gerade die Geschlossenheit der Erzählung verlangt aber auch meine ganze Aufmerksamkeit. Reale Namen, historische Ereignisse und erfundene Gespräche stehen dicht nebeneinander. Das kann den Eindruck erzeugen, hier werde erklärt, was hinter verschlossenen Türen tatsächlich gedacht und beschlossen wurde. Diesen Anspruch kann der Comic aber natürlich nicht einlösen. Er ist Fiktion, auch wenn ich dies beim Lesen an der einen oder anderen Stelle vergesse.
Baranow ist erfunden, seine private Biografie auch. Auch werden die Motive realer Personen literarisch zugespitzt. Für mich mindert das den Wert des Buches nicht. Es macht nur eine bestimmte Lesehaltung nötig. DER MAGIER IM KREML ist eine starke Veranschaulichung von Macht und wie sie funktioniert, aber das Album ist keine Dokumentation.

Russland in Violett, Grau und Eis
Zeichnerisch hat mich Jacamon überzeugt. Sein Realismus ist präzise, aber nicht fotografisch starr. Gesichter tragen die Szenen. Putin bekommt keinen dämonischen Ausdruck verpasst. Viel unangenehmer ist, wie wenig sein Gesicht oft preisgibt. Baranow wirkt beweglicher, neugieriger, manchmal fast charmant. Zwischen beiden entsteht dadurch schon optisch ein Machtgefälle.
Sehr stark sind die Räume. Weite Schneelandschaften, sowjetisch geprägte Städte, Büros, Fernsehstudios und repräsentative Innenräume erzählen mit. Russland wirkt groß, kalt und gleichzeitig doch erstaunlich eng. Sobald Baranow im Machtzentrum angekommen ist, scheint fast jede Begegnung in einem Raum stattzufinden, dessen Ordnung bereits feststeht.
Auch die Farben leisten viel. Jacamon arbeitet mit zurückgenommenen Tönen und wiederkehrenden rosa bis violetten Flächen, die manchen Seiten etwas Abendliches geben. Das ist schön, ohne hübsch sein zu wollen. Besonders die Schneeszenen profitieren davon. Weiß macht die Figuren klein und legt Stille über die Bilder.
Fazit
DER MAGIER IM KREML ist für mich eine sehr gelungene Literaturadaption und zugleich ein Comic, bei dem kritische Distanz zur erzählten Version der Geschichte wichtig bleibt. Am stärksten ist er dort, wo Macht nicht nur erklärt, sondern sichtbar gemacht wird und bei einem Mann, der glaubt, politische Wirklichkeit inszenieren zu können.
Nicht jede Nebenfigur bekommt ihren Platz und Baranows private Geschichte bleibt gegenüber dem politischen Teil etwas blass. Trotzdem trägt mich das Buch mühelos durch seine 144 Seiten. Jacamon hat aus einem stark sprachlich geprägten Roman einen eigenständigen Comic gemacht. Der liest sich spannend, sieht hervorragend aus und hinterlässt bei mir ein ziemlich (un)gutes Gefühl. Aber bei diesem Stoff ist genau das vermutlich das passendste Ergebnis.

- DER MAGIER IM KREML
- Luc Jacamon
- Hardcover | 144 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96582-247-4
- Storyline: ★★★★☆
- Zeichnungen: ★★★★☆
- Farben: ★★★☆☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
- © Schreiber und Leser Verlag
- Informationen zu den Bildrechten findest Du hier




