Cover von DEDE - MIR PLATZ GLEICH DER SCHÄDEL

DÉDÉ – MIR PLATZT GLEICH DER SCHÄDEL trifft es ziemlich gut

Philip Marlowe trägt seinen Trenchcoat wie eine Rüstung. Columbo wirkt darin, als hätte er die Nacht auf dem Rücksitz seines Peugeot 403 verbracht. Und Inspektor Canardo, die Ente im Humphrey-Bogart-Look, schleppt seinen Mantel durch eine Welt, in der selbst der Regen schlechte Absichten zu haben scheint.

Detektiv Deschamps, genannt Dédé, gehört zu diesem illusteren Kreis, steht dort aber wie der kräftige Cousin aus Paris, der zu spät kommt, immer hungrig ist und trotzdem als Erster merkt, dass etwas nicht stimmt.

In DÉDÉ: BAND 5 – MIR PLATZT GLEICH DER SCHÄDEL schickt Erik seinen Privatermittler an die normannische Küste. Dort wartet jedoch kein gemütlicher Ferienfall auf ihn. Ein Tourist ist mitten auf einer belebten Promenade auf grausame und scheinbar unerklärliche Weise gestorben. Ihm ist im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf geplatzt. Wochen später meldet sich ein Erpresser, der eine lautlose Fernwaffe besitzen will und sein nächstes Ziel sei die Industriellen-Familie von Caius Morel.

Ein schöner Einstieg: Erik verbindet ein beinahe groteskes Verbrechen mit der freundlichen Oberfläche eines Badeortes nach Saisonende. Hinzu kommt ein Detektiv, der weder Übermensch noch wandelndes Lexikon ist. Dédé schwitzt, flucht, gerät aus dem Takt und hält dennoch an seinem Auftrag fest. Das Szenario macht Anleihen beim Crime-Noir, der Held jedoch bleibt angenehm fehlbar.Innenseite 03 von DEDE - MIR PLATZ GLEICH DER SCHÄDEL

Tatort Strandpromenade

Tréville-Plage sieht zunächst nach einem Ort aus, an dem eine Möwe höchstens ein belegtes Brot stiehlt. Kennt man ja. Dann aber stirbt René Dourreau. Der unbescholtene Tourist wird am helllichten Tag von etwas getroffen, obwohl niemand einen Schützen wahrnimmt. Es gibt keinen hörbaren Schuss und kein übliches Geschoss. Der Tod wirkt so unmöglich, dass die Ermittlungen der örtlichen Kriminalpolizei nach Wochen ohne Ergebnis eingestellt werden.

Das Verbrechen ist nicht nur rätselhaft. Es verletzt die friedliche Ordnung des Ortes. Ich spüre beim Lesen sofort, dass in Tréville-Plage etwas unter der hübschen Oberfläche brodelt. Zugleich bleibt Dourreau zunächst ein großes Fragezeichen. Gerade seine Unauffälligkeit macht den Fall interessant. Weshalb sollte ausgerechnet dieser Mann sterben?

Sechs Wochen später ist die Saison vorbei. Die Urlauber sind abgereist, die Promenade wirkt leerer, die Küste kälter. An diesem Punkt der Ereignisse trifft Dédé ein. Schon seine Ankunft verrät viel über ihn. Die Fahrt läuft nicht glatt, der Wagen macht Ärger und der Detektiv hinterlässt bei seinen neuen Auftraggebern keinen Auftritt wie aus einem Werbeprospekt. Er kommt verschmutzt und verspätet an. Caius Morel, reich, ungeduldig und wenig bereit, Fehler zu verzeihen, empfängt ihn entsprechend kühl.

Damit stehen sich unmittelbar zwei gegensätzliche Kräfte gegenüber. Hier der zahlungskräftige Auftraggeber, der Kontrolle gewohnt ist, dort Dédé mit seinem eigenen Arbeitsrhythmus. Dass diese Verbindung nicht lange friedlich koexistieren kann, zeichnet sich früh ab.

Der Brief im verschlossenen Château

Caius Morel hat einen Grund für seine Nervosität. Ein Brief hat ankündigt, dass der Tod auf der Promenade kein Zufall war. Der Absender beansprucht die Tat für sich und richtet seine nächste Drohung gegen die Familie Morel. Eine Million Euro soll gezahlt werden, die Frist läuft noch in derselben Nacht ab. Dem Brief ist das Bild einer seltsamen Waffe beigefügt. Sie soll aus der Entfernung töten, lautlos und ohne die gewöhnlichen Spuren.

Die Familie zieht sich in ihr Château zurück, niemand möchte zur Zielscheibe werden. Ich mag, wie Erik den vermeintlich sicheren Wohnsitz dabei langsam in einen Käfig verwandelt. Große Räume, Besitz und gesellschaftlicher Rang helfen wenig, sobald eine Gefahr angeblich über Distanz und durch Mauern hindurch wirken kann. Caius Morel versucht zwar, die Lage mit Geld und Befehlen zu beherrschen. Seine unterschwellige Unsicherheit lässt sich jedoch kaum verbergen.

Dédé muss in kürzester Zeit nun zwei Fragen beantworten. Besitzt der Erpresser tatsächlich eine solche Waffe? Oder nutzt ein Nachahmer das ungelöste Verbrechen, um die Morels in Panik zu versetzen? Diese zweite Möglichkeit hält den Fall auf dem Boden. Erik lässt das Unheimliche stehen, ohne den Krimi an eine reine Fantasie-Erklärung auszuliefern.

Der Detektiv prüft das Gelände, hört zu, wägt die bevorstehende Geldübergabe ab und gewinnt dabei keinen souveränen Überblick über alle Beteiligten. Die Morel’s und ihr Umfeld begegnen ihm mit eigenen Interessen und Befindlichkeiten. Jede Auskunft kann helfen oder nur eine Nebelkerze sein. Dédé lässt sich davon jedoch nicht einschüchtern. Doch sein ruhiges Auftreten bekommt erste Risse. Der Auftraggeber verlangt schnelle Ergebnisse, während der Fall ihm jede einfache Antwort verweigert.

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Eine Million im Fadenkreuz

Die Geldforderung gibt der Handlung einen harten Takt. Dédé hat keine bequeme Woche für Gespräche, Akteneinsicht und wiederholte Ortsbesichtigungen. Bis zur kommenden Nacht muss ein Plan stehen. Also versucht er, Morel zu schützen, die Übergabe zu organisieren und zugleich herauszufinden, von wo der Erpresser handeln könnte. Diese Mischung ist für ihn kaum zu beherrschen.

In der Dunkelheit verändert Erik den Ton. Das Küstenstädtchen verliert seine Postkarten-Idylle. Wege, Mauern und Aussichtspunkte werden zu möglichen Verstecken. Jeder Blick in die Ferne kann einen Beobachter verraten. Ebenso könnte dort auch eine falsche Spur warten. Dédé bewegt sich nicht wie ein lautloser Schatten durch diese Landschaft. Seine Körperfülle, sein zu kleiner Wagen und seine Neigung, im falschen Augenblick die Geduld zu verlieren, machen ihn sicht- und verwundbar.

Genau hier zeigt sich aber auch, weshalb ich die Figur so gern begleite. Dédé besitzt Mut, aber keine elegante Unantastbarkeit. Wenn ein Plan kippt, reagiert er nicht mit einem überlegenen Lächeln. Er wird hektisch, wütend und mitunter panisch. Trotzdem rennt er weiter. Seine Fehler entstehen aus Druck und Überforderung, nicht aus künstlicher Dummheit.

Die nächtliche Aktion bringt keine klare Lösung. Der Erpresser bleibt Dédé voraus, die Gefahr lässt sich nicht greifen und Caius Morel’s Vertrauen entschwindet. Aus dem versprochenen Zugriff wird ein Durcheinander aus Beobachtung, falschen Annahmen und verpassten Möglichkeiten. Erik nutzt das nicht nur für Komik. Im Gegenteil, das Scheitern verschärft den Fall. Nun weiß Dédé, dass der Täter entweder sehr gut vorbereitet ist oder dass entscheidende Informationen fehlen.

Der Ermittler fliegt aus dem Fall

Caius Morel reagiert folgerichtig – wie Dédé es befürchten musste – und entzieht Dédé den Auftrag. Hier trifft der Rauswurf den Kern der Figur. Dédé lebt davon, dass seine etwas schwerfälligen Methoden am Ende doch Ergebnisse bringen. Wenn das nicht geschieht, verliert er rasch die innere Ruhe. Ärger und Selbstzweifel liegen bei ihm eng beieinander.

Erik gönnt ihm keine triumphale Abkürzung. Der Fall drängt Dédé an körperliche und gedankliche Grenzen. Zugleich bleibt sein Pariser Umfeld wichtig.

Yvette, seine Freundin, das Café La Lorraine und die junge Nachbarin Océane gehören zu jener vertrauten Welt, in der der Ermittler nicht nur als beruflicher Problemlöser existiert. Diese Figuren erden ihn und zeigen, wie sehr er zumindest einige, wenige Beziehungen braucht.

Dann erhält er eine zweite Chance. Der Mörder und Erpresser ist noch nicht gefasst, die angebliche Strahlenwaffe bleibt eine Bedrohung und der Fall bietet mehr Ansatzpunkte, als der erste hektische Einsatz erkennen ließ. Dédé kehrt nicht als plötzlich verwandeltes Genie zurück. Er arbeitet sich erneut über Beobachtungen, Widersprüche und ganz praktische Fragen an die Lösung heran.

Der Band hält den entscheidenden Mechanismus lange zurück. Trotzdem entsteht die Auflösung nicht aus einem beliebigen Zaubertrick. Das scheinbar Fantastische bekommt eine erklärbare Grundlage. Zugleich rückt der Fall näher an menschliche Motive und praktische Gelegenheiten. Ich verrate den Täter nicht. Wichtiger ist ohnehin, wie Dédé sich aus seiner Niederlage herausarbeitet. Er gewinnt nicht, weil er über allen anderen steht. Er gewinnt, weil er nach dem Rauswurf wieder hinsieht.

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Die Spur hinter dem unmöglichen Mord

DÉDÉ: BAND 5 – MIR PLATZT GLEICH DER SCHÄDEL ist ein eigenständiger Fall, Vorkenntnisse sind nicht nötig. Wer die früheren Alben kennt, entdeckt jedoch vertraute Seiten des Helden und versteht seine Beziehungen zu Yvette, Océane und dem Café La Lorraine genauer. Die Reihe setzt auf abgeschlossene Kriminalgeschichten, während sich Dédé’s Umfeld von Band zu Band verdichtet.

Erik verbindet in seiner Geschichte drei Tonlagen, die zu leicht auseinanderfallen könnten. Da ist zunächst der klassische Rätselkrimi mit Brief, eine kurze Frist und eine reiche Familie mit verschlossenem Anwesen. Daneben steht ein fast wissenschaftlich wirkendes Rätsel um eine unmögliche Waffe. Schließlich bringt Dédé eine bodenständige Komik in den Fall. Sie entsteht aus Körper, Temperament und Alltag, nicht aus einer Kette aufgesetzter Pointen.

Besonders gut funktioniert für mich, dass Dédé seinen eigenen Fall nicht jederzeit beherrscht. Er wird getrieben, er scheitert und muss neu ansetzen. So bleibt der Fall bedrohlich, obwohl der Comic mich gerne zum Schmunzeln bringt. Gleichzeitig verhindert die humorvolle Seite, dass der grausame Auftakt den gesamten Band in die Dunkelheit zieht.

Das 48-Seiten-Format fordert allerdings seinen Preis. Einige Figuren aus dem Morel-Umfeld bleiben eher Verdachtsmomente als vollständig ausgearbeitete Menschen. Auch die Erklärung am Ende muss mehrere Zusammenhänge zügig ordnen. Die Lösung ist nachvollziehbar, doch ein paar zusätzliche Seiten hätten den Nebenfiguren und den Folgen des Falls gegebenenfalls gutgetan.

Als fünfter Band erfüllt das Album seine Aufgabe dennoch sehr gut. Es bestätigt die Grundidee der Serie, ohne einen alten Fall nur neu aufzurollen. Vor allem stellt es Dédé’s Grenzen deutlicher heraus. Damit gewinnt der Held bei mir an Nähe und Sympathie.

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Die Personalakte Erik

Erik bin ich im Mai 2026 auf der INTERCOMIC am Stand des All-Verlages über den Weg gelaufen, ohne zu wissen, wer er ist. Schon damals hatte ich die erste Ausgabe des Comic-Magazins BILDERFLUT in der Hand, aber auch dabei fiel bei mir noch kein Groschen.

Erst kürzlich, als ich dann die BILDERFLUT Ausgabe 2 im Briefkasten hatte und das Interview mit ihm las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich beschloss, mich mit Erik und seinem Werk näher zu beschäftigten. So entstand der heutige Artikel.

Erik ist das Pseudonym des 1964 in Dillingen an der Saar geborenen Frank Weißmüller. Er studierte Grafikdesign an der Fachhochschule des Saarlandes in Saarbrücken. Danach arbeitete er zunächst als Art Director in Werbeagenturen. 1993 wechselte er nach Düsseldorf und war dort rund zehn Jahre als Werbetexter tätig. Später machte er sich selbstständig und wandte sich wieder stärker dem Comic zu.

Seine Nähe zur französischen Comic-Tradition kommt offensichtlich nicht aus einem nachträglich gebauten Konzept. Frankreich gehörte seit seiner Kindheit schon zu seinen regelmäßigen Reisezielen. Serien wie ASTERIX, LUCKY LUKE, LEUTNANT BLUEBERRY und MICHEL VAILLANT prägten seine frühe Lektüre. Dédé entstand aus dem Wunsch nach einem Comic, der sich in Atmosphäre und Erzählform an frankobelgischen Alben orientiert, ohne jedoch seine Herkunft zu verleugnen.

Das erste gedruckte Dédé-Album erschien 2010. Parallel wurde Erik auch durch die Fantasy-Reihe DEAE EX MACHINA bekannt. Als Autor, Zeichner und Kolorist hält er bei Dédé alle erzählerischen Mittel in einer Hand zusammen. Für DÉDÉ: BAND 1 – SIND SIE TOT MADAME? erhielt er 2011 den ICOM INDEPENDENT COMIC PREIS für herausragendes Artwork.

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Fazit

DÉDÉ: BAND 5 – MIR PLATZT GLEICH DER SCHÄDEL ist ein Krimi, der seinen Trenchcoat mit Humor trägt und die Mordwaffe trotzdem ernst nimmt. Ich mag besonders, wie Erik den scheinbar unmöglichen Fall mit einem Helden verbindet, der keineswegs unfehlbar ist. Dédé stolpert durch die Anfänge, verliert den Auftrag und findet gerade deshalb einen glaubwürdigen Weg zurück.

Die knappe Albumlänge lässt einige Nebenfiguren und die Schlussphase etwas schnell vorbeiziehen. Aber das trübt den positivem Gesamteindruck nur leicht. Zeichnung, Farben und Erzählrhythmus greifen sicher ineinander. Tréville-Plage wird vom Ferienort zur Falle, während Dédé mit Dickköpfigkeit und Ausdauer gegen eine Bedrohung antritt, die zunächst bar jeder Vernunft zu sein scheint.

Am Ende bleibt ein warmherziger, spannender und sehr eigenständiger Detektiv-Comic. Dédé sieht vielleicht nicht aus wie der Mann, der einen perfekten Plan besitzt. Er ist aber genau der Ermittler, dem ich gern noch an viele Schauplätze folge. Gut, dass es aktuell noch die vier ersten Bände zu entdecken gibt …

 

Cover von DEDE - MIR PLATZ GLEICH DER SCHÄDEL

  • DÉDÉ – MIR PLATZT GLEICH DER SCHÄDEL
  • Erik
  • Hardcover | 48 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-96430-115-4
  • Storyline:  ★★★☆☆
  • Zeichnungen: ★★★★☆
  • Farben: ★★★☆☆
  • Lettering: ★★★☆☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
  • © Kult Comics
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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