HEXEN, RÄUBER, SPUKGESTALTEN – Preusslers Welt

Bis zum 20. Dezember 2026 widmet sich das Stadtmuseum im rheinischen – und heimischen – Langenfeld einem Schriftsteller, dessen Geschichten wohl deutlich mehr Menschen kennen als seinen Namen. HEXEN, RÄUBER, SPUKGESTALTEN – DIE WELT DES OTFRIED PREUSSLER heißt die Ausstellung. Und wer bei diesem Titel sofort an eine kleine Hexe mit einem vorlauten Raben, einen Räuber mit sieben Messern oder ein freundliches Gespenst denkt, liegt goldrichtig.

Otfried Preußler hat Figuren geschaffen, die seit Jahrzehnten in deutschen Kinderzimmern zu Hause sind. Dabei ist es schon erstaunlich, wie unterschiedlich seine Geschichten ausfallen. Da gibt es den ziemlich harmlosen Räuber Hotzenplotz, der eigentlich nur Großmutters Kaffeemühle stehlen wollte. Und da gibt es KRABAT, eine düstere Geschichte über Verführung, Macht und die Schwierigkeit, sich aus fremder Abhängigkeit zu befreien. Was diese Welten verbindet, sind nicht allein Preußlers Geschichten. Es sind auch die Bilder, die Generationen von Lesern mit ihnen verbinden.

 

Bild 18 der Ausstellung Otfried Preussler

Hotzenplotz und die Macht der sieben Messer

Beginnen wir mit einem alten Bekannten. RÄUBER HOTZENPLOTZ erscheint 1962 und entwickelte sich zu einem der bekanntesten Kinderbuchklassiker überhaupt. Die Geschichte beginnt mit einem dreisten Diebstahl. Hotzenplotz raubt Großmutter ihre Kaffeemühle, die beim Mahlen ihr Lieblingslied spielt. Kasperl und Seppel beschließen, den Räuber zu fangen und natürlich geht dabei einiges schief.

Was ich an dieser Geschichte bis heute mag, ist ihre herrliche Unbekümmertheit. Hotzenplotz sieht gefährlich aus, ist aber längst nicht so furchteinflößend, wie seine Bewaffnung vermuten lässt. Kasperl und Seppel sind keine makellosen Helden, sondern zwei ziemlich einfallsreiche Burschen, die sich gelegentlich selbst in Schwierigkeiten bringen.

Preußler bedient sich hier ganz bewusst der Tradition des Kasperle-Theaters. Die Figuren sind deutlich gezeichnet, die Konflikte überschaubar und die Handlung steckt voller überraschender Einfälle. Mit dem Zauberer Petrosilius Zwackelmann kommt außerdem eine Figur hinzu, die noch deutlich unangenehmer ist als der Räuber selbst.

Dass diese Geschichte so wunderbar funktioniert, liegt auch an Franz Josef Tripp. Seine Illustrationen haben das Erscheinungsbild von Hotzenplotz entscheidend geprägt. Der große Hut, der gewaltige Bart, die bedrohlichen Messer und die ausgesprochen komische Körpersprache gehören für mich untrennbar zu dieser Figur.

 

Bild 05 der Ausstellung Otfried Preussler

Wenn Zeichnungen zu Kindheitserinnerungen werden

Gerade für einen Comic-Leser liegt hier der eigentliche Reiz der Ausstellung. Denn die Langenfelder Schau präsentiert Illustrationen von Franz Josef Tripp und Winnie Gebhardt-Gayler. Darunter befinden sich sowohl Originalarbeiten als auch Farbdrucke. Das ist mehr als eine hübsche Ergänzung zu den Büchern. Schließlich entscheidet die Illustration wesentlich darüber, wie wir uns eine literarische Figur vorstellen.

Tripp arbeitet mit einer lebendigen, karikierenden Zeichensprache. Seine Figuren besitzen ausgeprägte Gesichtszüge, eine deutliche Körpersprache und einen hohen Wiedererkennungswert. Besonders Hotzenplotz profitiert davon. Schon sein Äußeres erzählt eine kleine Geschichte. Dieser Kerl möchte unbedingt gefährlich aussehen. Gleichzeitig wirkt er mit seinem übertriebenen Räuberaufzug fast wie eine wandelnde Theaterfigur.

Hier sehe ich eine deutliche Verwandtschaft zum Comic. Auch dort kann eine einzige Zeichnung bereits viel über den Charakter einer Figur erzählen. Ein schiefer Blick, eine übertriebene Bewegung oder eine bestimmte Körperhaltung ersetzen manchmal mehrere Sätze. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied. Während Comics ihre Geschichten über aufeinanderfolgende Bilder erzählen, müssen Kinderbuchillustrationen häufig einen einzelnen Moment besonders wirkungsvoll einfangen. Zwischen zwei Bildern übernimmt der geschriebene Text die Erzählung. Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf solche Arbeiten. Die Zeichner müssen auswählen, welchen Augenblick sie zeigen und was sie der Vorstellungskraft der Leser überlassen.

 

Bild 13 der Ausstellung Otfried Preussler

Eine kleine Hexe mit ziemlich großen Problemen

Winnie Gebhardt-Gayler gehört ebenfalls zu den Künstlerinnen, deren Bilder eng mit Preußlers Geschichten verbunden sind. Besonders DIE KLEINE HEXE ist ohne ihre Illustrationen kaum vorstellbar. Das 1957 erschienene Buch erzählt von einer jungen Hexe, die mit ihren gerade einmal 127 Jahren noch viel zu jung ist, um in der Walpurgisnacht mit den großen Hexen zu tanzen. Trotzdem versucht sie ihr Glück und bekommt prompt Schwierigkeiten. Gemeinsam mit ihrem sprechenden Raben Abraxas muss sie anschließend beweisen, dass sie eine gute Hexe ist.

Darin steckt ein wunderbar einfacher Konflikt. Was bedeutet es eigentlich, gut zu sein? Für die kleine Hexe bedeutet es zunächst, anderen zu helfen. Die älteren Hexen verstehen darunter allerdings etwas ganz anderes. Ich finde bemerkenswert, wie geschickt Preußler eine moralische Frage in eine unterhaltsame Kindergeschichte verpackt. Er hält keine Vorträge über richtiges Verhalten. Stattdessen lässt er seine Hauptfigur Erfahrungen sammeln und schließlich selbst eine Entscheidung treffen.

Gebhardt-Gaylers Illustrationen unterstützen den märchenhaften Charakter der Erzählung. Ihre Figuren wirken freundlich und zugänglich, ohne dass die Welt dadurch völlig harmlos erscheint. Gerade die kleine Hexe lebt von dieser Mischung aus kindlicher Neugier, Eigensinn und einer gewissen Unbeholfenheit. Für mich zeigt sich daran, wie wichtig die zeichnerische Interpretation eines Textes sein kann. Die Bilder legen nicht jedes Detail fest. Sie geben den Figuren aber ein Gesicht, das im Gedächtnis bleibt.

 

Bild 09 der Ausstellung Otfried Preussler

Vom Mühlenweiher bis Burg Eulenstein

Natürlich besteht Preußlers Geschichtenwelt nicht nur aus Räubern und Hexen. Bereits 1956 erscheint DER KLEINE WASSERMANN, sein erster großer Kinderbucherfolg. Zehn Jahre später folgt DAS KLEINE GESPENST. Beide Geschichten verbindet ein schöner Gedanke. Ihre Hauptfiguren sind neugierig auf eine Welt, die sie noch nicht richtig kennen. Der kleine Wassermann entdeckt seine Umgebung im Mühlenweiher. Das kleine Gespenst wiederum möchte unbedingt einmal bei Tageslicht unterwegs sein. Als dieser Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht, entwickelt sich daraus ein Abenteuer, das ganz anders verläuft als erwartet.

Preußler erzählt solche Geschichten mit einem feinen Gespür für kindliche Wünsche. Seine Figuren wollen etwas erleben, Grenzen überschreiten und selbst herausfinden, wie die Welt funktioniert. Dabei verzichtet er weitgehend auf komplizierte Erklärungen. Ein Wassermann lebt eben im Wasser. Ein Gespenst spukt auf einer Burg. Das reicht als Ausgangspunkt vollkommen aus. Gerade diese Selbstverständlichkeit gefällt mir. Die fantastischen Wesen müssen ihre Existenz nicht rechtfertigen. Sie dürfen einfach da sein.

 

Bild 20 der Ausstellung Otfried Preussler

Krabat und die dunkle Seite der Fantasie

Mit KRABAT betreten wir allerdings eine ganz andere Welt. Der 1971 erschienene Jugendroman basiert auf einer sorbischen Sage. Im Mittelpunkt steht ein Waisenjunge, der als Lehrling in eine geheimnisvolle Mühle kommt. Dort erlernt er nicht nur das Müllerhandwerk, sondern auch schwarze Magie. Doch die vermeintlich verlockende Ausbildung hat einen schrecklichen Preis. Während Hotzenplotz und die kleine Hexe vor allem von Humor und Abenteuerlust leben, erzählt KRABAT von Abhängigkeit, Angst und der Versuchung durch die Macht. Das ist kein Zufall. Preußler verarbeitete in diesem Roman auch Erfahrungen seiner eigenen Jugend während des Nationalsozialismus. Der finstere Meister und seine Macht über die Müllergesellen lassen sich deshalb nicht allein als Elemente einer fantastischen Geschichte verstehen.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die 2023 zum 100. Geburtstag Preußlers erschienene Schmuckausgabe, die Mehrdad Zaeri illustriert hat. Seine Arbeiten gehören ebenfalls zur Langenfelder Ausstellung. Damit treffen unterschiedliche Generationen der Buchillustration aufeinander. Während die klassischen Preußler-Bilder bei vielen Lesern unmittelbar Kindheitserinnerungen auslösen dürften, eröffnet Zaeri einen jüngeren bildnerischen Zugang zu einem der anspruchsvollsten Werke des Autors.

Für mich ist das einer der spannendsten Aspekte der gesamten Ausstellung. Denn ein literarischer Text verändert sich nicht zwangsläufig, wenn er neu illustriert wird. Unsere Wahrnehmung kann sich dadurch aber erheblich verschieben. Eine neue Bildsprache setzt andere Schwerpunkte. Sie kann Figuren fremder erscheinen lassen, Bedrohungen verstärken oder vertraute Szenen in einem ungewohnten Licht zeigen.

 

Bild 21 der Ausstellung Otfried Preussler

Der Geschichtenerzähler aus Böhmen

Otfried Preußler wurde am 20. Oktober 1923 im böhmischen Reichenberg geboren, dem heutigen Liberec in Tschechien. Seine Kindheit war stark von Geschichten, Märchen und Sagen geprägt. Besonders die Überlieferungen seiner Heimat sollten später immer wieder Eingang in seine Bücher finden. Sein Lebensweg verlief allerdings alles andere als geradlinig. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er Soldat und geriet anschließend in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr fand er in Bayern eine neue Heimat und arbeitete als Lehrer.

Das Erzählen gehörte dabei von Anfang an zu seinem Leben. Einige seiner bekanntesten Geschichten entstanden zunächst für seine drei Töchter. Aus mündlich erzählten Abenteuern wurden schließlich Bücher, die weltweit Millionen Leser erreichten. Was ihn für mich als Erzähler besonders auszeichnet, ist sein Gespür für die Perspektive seiner jungen Hauptfiguren. Seine Geschichten nehmen kindliche Ängste und Wünsche ernst, ohne sie unnötig aufzubauschen. Und obwohl seine Bücher inzwischen mehrere Jahrzehnte alt sind, funktionieren viele ihrer grundlegenden Konflikte noch immer. Wer möchte nicht dazugehören wie die kleine Hexe? Wer wäre nicht neugierig auf die Welt außerhalb des eigenen Mühlenweihers? Und wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, einem mächtigen Gegner die Stirn bieten zu können?

Preußler starb 2013 im Alter von 89 Jahren.

Wenn Bilder mehr erzählen als Worte

Bild 11 der Ausstellung Otfried PreusslerFür einen Comic-Blog wie PANELWALKER ist eine Ausstellung über Otfried Preußler zunächst vielleicht kein naheliegendes Thema. Schließlich handelt es sich bei seinen bekanntesten Werken um illustrierte Kinderbücher und nicht um Comics oder Superhelden. Dennoch gab es für mich gute Gründe, mich damit zu beschäftigen.

Die Arbeiten von Tripp, Gebhardt-Gayler und Zaeri zeigen, wie unterschiedlich Künstler literarische Geschichten interpretieren können. Dabei geht es um dieselben Fragen, die auch im Comic eine wichtige Rolle spielen. Wie sieht eine Figur aus? Welche Eigenschaften lassen sich durch ihre Haltung vermitteln? Welche Szene verdient ein eigenes Bild? Und wie viel muss überhaupt gezeigt werden?

Besonders reizvoll finde ich die Möglichkeit, Originalillustrationen zu betrachten. Ein gedrucktes Buch zeigt schließlich immer auch das Ergebnis eines technischen Vervielfältigungsprozesses. Das Original erlaubt einen anderen Zugang zur Arbeit des Künstlers.

Ein bisschen Zauberei zum Mitnehmen

HEXEN, RÄUBER, SPUKGESTALTEN – DIE WELT DES OTFRIED PREUSSLER richtet sich ausdrücklich an unterschiedliche Generationen. Erwachsene können vertraute Figuren wiederentdecken, während jüngere Besucher die Geschichten möglicherweise zum ersten Mal kennenlernen. Dazu passt das Begleitprogramm des Museums.

Kreativangebote für Kinder und ein mehrteiliger Illustrationskurs mit Dirk Schmitt greifen die Verbindung zwischen Geschichten und Bildern auf. Gerade der Zeichenkurs erscheint mir als sinnvolle Ergänzung. Denn wer selbst versucht, eine literarische Figur zu gestalten, entwickelt schnell ein Gefühl dafür, wie viele Entscheidungen hinter einer scheinbar einfachen Illustration stecken. Dass der Thienemann Verlag die Ausstellung mit Leihgaben unterstützt, ermöglicht zudem die Präsentation historischer und neuerer Illustrationen.

Mein Interesse gilt dabei weniger dem nostalgischen Wiedersehen mit Hotzenplotz und seinen Freunden. Viel spannender finde ich die Frage, weshalb bestimmte Bilder über Jahrzehnte hinweg mit einer Geschichte verbunden bleiben. Die Ausstellung bietet dafür einen schönen, vielversprechenden Ansatzpunkt.

 

Bild 04 der Ausstellung Otfried Preussler

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Otfried Preußler gehört zu jenen Autoren, deren Figuren längst ein Eigenleben entwickelt haben. Seine Geschichten werden gelesen, vorgelesen, auf Theaterbühnen gespielt und immer wieder neu illustriert. Das Stadtmuseum Langenfeld widmet sich mit seiner Ausstellung einem wichtigen Teil dieses Erfolgs. Denn so sehr Preußlers Erzählkunst im Mittelpunkt steht, so wenig sollte der Anteil der Illustratoren unterschätzt werden.

Franz Josef Tripp gab dem Räuber Hotzenplotz sein unverwechselbares Aussehen. Winnie Gebhardt-Gayler prägte die Vorstellung von der kleinen Hexe und Mehrdad Zaeri zeigt, dass auch ein längst etablierter Klassiker wie KRABAT neue bildnerische Interpretationen verträgt. Genau darin liegt für mich der größte Reiz von HEXEN, RÄUBER, SPUKGESTALTEN – DIE WELT DES OTFRIED PREUSSLER. Die Ausstellung erinnert daran, dass Geschichten nicht allein aus Worten bestehen müssen, um im Gedächtnis zu bleiben. Und vielleicht ist das ja das schönste Kompliment, das sich ein(e) Illustrator(in) wünschen kann. Auch wenn wir nach Jahrzehnten uns nicht mehr genau an jeden Satz erinnern können, die Gesichter der Figuren haben wir aber immer noch vor Augen.

Die kleine Ausstellung ist bis zum 20. Dezember 2026 im Stadtmuseum Langenfeld, Hauptstraße 83, 40764 Langenfeld (Rheinl.) zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, i.e. kostenlos und barrierefrei.

Die gezeigten Foto sind © 2026 Michael Henseler

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