Nekromanten haben im Fantasy-Genre meist einen miserablen Ruf. Sie stehen in Gruften herum, murmeln finstere Beschwörungen und schicken anschließend Skelette in irgendwelche Schlachten.
Der eigentliche Begriff ist etwas freundlicher, zumindest ein bisschen. Nekromantie bezeichnet ursprünglich die Beschwörung von Toten, um von ihnen Wissen oder Weissagungen zu erhalten. Ein Nekromant ist also zunächst jemand, der Kontakt zu Verstorbenen aufnimmt. So weit, so einfach.
Olivier Gay und Tina Valentino bauen aus dieser Definition ein hübsches Morgenland-Szenario. In NEKROMANTEN binden Magier die Geister Verstorbener an sich und nutzen deren Fähigkeiten. Wer also den richtigen Kämpfer erwischt, wird im Duell stärker, ein berühmter Gelehrter bringt Wissen ein und selbst ein gerissener Händler kann nach seinem Tod noch nützlich sein. Die Toten sind Helfer, Machtquelle und Statussymbol zugleich.
Düster? Könnte sein. Olivier Gay erzählt vielmehr eine flotte Fantasykomödie, während Tina Valentino sie in eine Welt aus detailreichen Grabmälern, Basaren, Kuppeln und Palästen umsetzt. Disney’s Aladdin lässt auf mehreren Ebenen grüßen.
Die deutsche Ausgabe liegt nun als Splitter Double vor und packt die vollständige Geschichte auf 96 Seiten in einen Hardcoverband. Das ist gut, denn dieses Abenteuer möchte ohnehin am liebsten ohne Pause durch das Tor zum Totenreich.

Das Grab unter der Bodenklappe
Also, Sesam, öffne Dich! Morla, eine junge Nekromantin, weiß genau, was sie will. Sie ist ehrgeizig, selbstbewusst und überzeugt, dass in einem verlassenen Grabmal ein besonders wertvoller Geist auf sie wartet. Ihr jüngerer Bruder Acher begleitet sie. Er ist ebenfalls Nekromant, allerdings ein ausgesprochen schlechter. Morla geht wie üblich voran, Acher folgt, stellt Fragen und hofft, dass niemand seine Unsicherheit bemerkt.
Das gesuchte Grab liegt überwuchert irgendwo im Wald, Pflanzen wachsen über Mauern und kaltes Licht schwebt durch muffige Räume. Morla hält all das eher für eine Einladung als für eine Warnung. Tief im Inneren stößt die kleine Gruppe aus Geschwistern und Helfern auf Boph-Êt. Der uralte Erzmagier war einst so mächtig, dass mehrere große Helden nötig waren, um ihn zu besiegen. Die ehrgeizige Morla versucht nun, seinen Geist an sich zu binden, was – natürlich – nicht funktioniert. Boph-Êt dreht das von ihm entwickelte Ritual einfach um und übernimmt stattdessen ihren Körper. Zwei Begleiter sterben, die Anlage stürzt ein und Acher entkommt dem Schlamassel nur mit knapper Not.
Das Schöne ist, dass damit sein Charackter-Arc feststeht: Acher muss seine Schwester retten und verhindern, dass Boph-Êt erneut die Macht ergreift. Dafür ist er ungefähr so gut gerüstet wie ein Kameltreiber für einen Seekrieg. Aber aus genau diesem Grund mochte ich ihn sofort. Acher ist kein verklemmter Überflieger. Er ist wirklich überfordert – trotzdem läuft er nicht davon! Das gibt seiner Reise von Beginn an Mut und viel Herz.

Drei Geister ziehen zum Basar
Ganz allein ist Acher bei dieser Reise natürlich nicht. Drei Geister sind an ihn gebunden. Teodor ist ein älterer Gelehrter, der viel weiß, sich aber im entscheidenden Augenblick gern im eigenen Gedächtnis verirrt. Teheris ist ein Krieger, der bereits in seiner ersten Schlacht starb und deshalb erschreckend wenig Kampferfahrung besitzt. Und Isia war eine Bauchtänzerin mit Temperament, einer schnellen Zunge und wenig Lust, sich wie ein Werkzeug behandeln zu lassen. Als Sammlung mächtiger Geister sind die drei eine Enttäuschung, als Reisegesellschaft großartig.
Boph-Êt zieht in Morla’s Körper nach Biblys. Die Hauptstadt breitet sich über die Hügel aus, während sich unten Marktstände, Stoffbahnen und schmale Häuser drängen. Darüber wachsen arabische Kuppeln und Türme in den Himmel. Ganz oben schließlich sitzt die Akademie der Magie. Dort beginnt der frisch erwachte Erzmagier seinen Einfluss auszubauen und nach jenen Personen zu suchen, die ihn vor Jahrtausenden besiegt hatten. Man will so ein Desaster ja kein zweites Mal erleben.
Acher folgt ihm und trifft auf Ayu. Sie gehört zur Elitetruppe der Garde und kann mit einer Waffe deutlich besser umgehen als ein Teheris-gepimpter Acher mit seinen Geistern. Sie packt zu und läuft nicht bloß bewundernd neben dem Helden her, sie widerspricht und entscheidet selbst. Ihr trockener Blick auf Acher’s Chaos hält dabei viele Szenen auf eine besondere Art zusammen.
Die Spur führt zu drei legendären Toten. Montserrat war einst eine brillante Strategin, Dmitris war der große Kämpfer und Varlam ein mächtiger Magier. Gemeinsam brachten sie Boph-Êt zu Fall. In der Gegenwart braucht Acher nun erneut ihre Hilfe. Dummerweise haben diese Geister ihre eigenen Wünsche und sehr, sehr alte Rechnungen offen.

Im Palast wartet ein alter Fluch
Montserrat bringt neue Unruhe in die Geschichte. Ihr Geist steckt im Körper eines Händlers, den sie als Wirt benutzt. Sie will Boph-Êt vernichten und bietet Acher ihre Hilfe an. Vertrauen ist dabei aber eine zweischneidige Angelegenheit. Montserrat verrät immer nur so viel, wie es ihrem Plan dient. Und Acher bemerkt langsam, dass er damit zwischen zwei uralten Gegnern steht, die andere gern wie Figuren auf einem Spielbrett hin- und herschieben.
Auch Morla bleibt wichtig, obwohl Boph-Êt ihren Körper beherrscht. Für Acher ist sie nicht einfach die Hülle des Bösewichts, sie ist – und bleibt – seine große Schwester. Jeder Angriff auf den Erzmagier kann deshalb auch sie treffen. Auf diese Weise wird das Abenteuer auch persönlich: Acher muss nicht nur gewinnen, sondern auch einen Weg finden, Morla zurückzuholen. Bereits hier zeichnen sich schmerzhafte Entscheidungen am Horizont ab.
Ich hätte Morla – die echte – gern öfter erlebt. Vor der Besessenheit zeigt sie Eigensinn, Mut und eine gute Portion Überheblichkeit. Danach verschwindet ihre Stimme lange hinter der Boph-Êt’s. Ja, das ist für die Handlung gut nachvollziehbar. Der Geschwisterbeziehung fehlt andererseits dadurch aber Raum und ihre Rettung wird für mich als Leser weniger emotional aufgeladen.
Olivier Gay gleicht das mit narrativem Tempo aus. Palastwachen, Fluchten, Magie und Geisterbeschwörungen folgen dicht aufeinander. Am stärksten bleibt für mich trotzdem die kleine Gruppe um Acher. Teodor liefert Wissen mit eingebautem Wackelkontakt, Teheris versucht tapfer, wenigstens gelegentlich wie ein Krieger auszusehen und Isia kommentiert das Chaos mit Spott und erstaunlicher Treue. Die vier müssen gar nicht über Freundschaft reden. Wie sie streiten und sich im nächsten Augenblick retten, sagt mehr als tausend Worte.

Karawane zum Grab des großen Magiers
Im zweiten Teil verschärft sich die Lage dramatisch. Kaiser Othman Al-Thariv, der Herrscher des Reiches, ist ermordet worden. Biblys steht unter Spannung, während Boph-Êt im Palast immer mehr Einfluss gewinnt.
Montserrat weist Acher den Weg zum Grab Varlam’s. Der tote Magier war entscheidend am ursprünglichen Sieg über Boph-Êt beteiligt und ohne seine Macht sieht es für ihre Mission schlecht aus.
Natürlich erfährt auch Boph-Êt von diesem Plan. Er schickt Luu hinterher. Luu ist sein Vollstrecker und führt bewaffnete Männer gegen Acher und seine Geister. Die Suche nach Varlam’s Grab wird zum Wettlauf durch Wüsten und Ruinen. Auf der einen Seite reist eine Heldengruppe, die eher zufällig zusammengefunden hat, auf der anderen Seite marschieren Leute, die genau wissen, wie Gewalt funktioniert.
Das Tempo der Erzählung steigt jetzt noch einmal kräftig. Enthüllungen, Kämpfe und Seitenwechsel folgen eng getaktet aufeinander. Das hält die Spannung hoch, lässt aber wenig Platz für die Vergangenheit von Montserrat, Dmitris und Varlam. Aus diesen alten Feindschaften hätte Gay locker mehr machen können.
Das Finale verrate ich nicht. Entscheidend ist ohnehin Acher’s Entwicklung. Er wird durch die Umstände nicht plötzlich zum mächtigsten Nekromanten des Reiches. Er lernt jedoch, seine Geister ernst zu nehmen. Teodor, Teheris und Isia sind keine schlechten Werkzeuge, nein, sie sind überhaupt keine Werkzeuge! Sie sind eigensinnige Gefährten und genau daraus zieht die Geschichte ihre Wärme.

Der Geschichtenerzähler am Tor der Unterwelt
Schauen wir gemeinsam noch auf die Autoren dieses Comic. Olivier Gay, unser Szenarist, wurde 1979 in Grenoble geboren. Bevor er vom Schreiben leben konnte, arbeitete er als Manager in einer Unternehmensberatung. Er veröffentlichte Kriminalromane, Fantasy sowie Kinder- und Jugendbücher. Zu seinen Reihen gehören LE NOIR EST MA COULEUR, LES ÉPÉES DE GLACE und LA MAIN DE L’EMPEREUR. 2019 schloss er sich dem Fantasy-Label Drakoo an. Dort schrieb er unter anderem DÉMONISTES, LES MALÉFICES DU DANTHRAKON und LES MAGES DE BONAPARTE.

Mit leichtem Schritt durch 1001 Gruft
Gay’s Art Geschichten zu erzählen macht mir den Einstieg angenehm leicht. Die Regeln der Nekromantie dieser Welt stehen nach wenigen Seiten fest. Ein Geist besitzt eine Fähigkeit, ein Nekromant bindet ihn an sich und aus dieser Verbindung entsteht Macht. Danach kann die Geschichte loslaufen. Ich musste nicht erst ein Glossar heranziehen oder eine Weltkarte studieren. Sehr schön.
Der Humor der Geschichte entsteht meist aus den Figuren selbst. Acher möchte souverän wirken, während seine Geister ihn öffentlich untergraben. Ayu durchschaut ihn ohnehin und Isia besitzt häufig die schärfste Zunge der Runde. Diese Rollen sind deutlich, kippen aber selten in bloße Nummern.
Andererseits sitzt nicht jeder Witz. Einige moderne Anspielungen passen nur bedingt in die Gassen von Biblys. Außerdem rennt der zweite Teil seinem Ende entgegen. Ruhigere Gespräche hätten Morla, Montserrat und den übrigen alten Helden mehr Gewicht geben können, trotzdem bleibt die Erzählung jederzeit verständlich. Ich weiß immer, wer etwas will und warum der nächste Schritt nötig ist.

Macht, Besitz und Stimmen aus dem Jenseits
Wenn ich es recht bedenke, steckt hinter dieser Komödie auch eine interessante Frage: Wem gehört die Erfahrung eines Menschen nach dessen Tod? Mächtige Nekromanten behandeln Geister wie Besitz. Ein berühmter Toter erhöht den Rang seines neuen Herrn. Wissen, Kampfkunst und Einfluss wechseln einfach den Besitzer. Auch dies erinnert mich an Aladdin: Dschinny ist dort ein Wesen mit eigenen Wünschen, obwohl er an seinen Meister gebunden ist. So auch hier.
Das Album verfolgt diesen Gedanken nicht bis in jede Ecke. Dafür ist das Buch zu gern Abenteuer. Acher bietet trotzdem einen Gegenentwurf. Seine Verbindung zu Teodor, Teheris und Isia beruht immer weniger auf Befehl und immer mehr auf Kooperation. Er gewinnt nicht durch bessere Unterwerfung, sondern weil aus vier Außenseitern eine sich ergänzende Gruppe wird.

Die Zeichnerin im blauen Geisterlicht
Wer ist nun für die schönen Zeichnungen verantwortlich? Tina Valentino wurde an der Scuola Internazionale di Comics in Rom in Zeichnung und Animation ausgebildet. Sie arbeitete an GERONIMO STILTON, gestaltete Cover und war an der Webserie IL CRESTOMAT beteiligt. 2021 begann sie bei Drakoo die Zusammenarbeit mit Olivier Gay.

Kuppeln, Knochen und flinke Blicke
Valentino eröffnet die Geschichte mit einem Grabmal, das sofort Lust auf Erkundung macht. Bäume, Wurzeln und Ruinen schieben sich in- und übereinander. Kleine Figuren laufen durch eine riesige grüne Anlage. Schon die erste Seite erklärt die Größe, die Stimmung und die Gefahr. Danach rückt die Zeichnerin näher an die Gruppe heran. Gesichter, Hände und Blicke fokussieren.
Ihre Figuren spielen sehr körperlich. Acher zieht die Schultern ein und schaut gern zur Seite. Morla steht fest und nimmt mehr Raum ein. Nach der Übernahme durch Boph-Êt wird ihr Gesicht härter. Ayu wirkt wach und kampfbereit, Isia schwebt zwar als Geist durch die Panels, besitzt aber mehr Haltung als viele Lebende.
Besonders schön ist das Geisterlicht. Teodor, Teheris und Isia erscheinen in kühlen Blautönen. Alice Scimia’s Kolorierung trennt sie deutlich von warmen Hautfarben, goldenen Kuppeln und rötlichen Stoffen. Gerät die Magie außer Kontrolle, strömen Grün und Gelb in die Seiten. Ich erkenne dadurch schnell, welche Kräfte gerade wirken.

Fazit
NEKROMANTEN ist keine finstere Abhandlung über verbotene Rituale. Es ist eine warmherzige Coming-of-Age-Fantasy-Komödie über einen jungen Zauberer, der mit drei wenig angesehenen Toten über sich hinauswächst. Olivier Gay erzählt diese Geschichte flott und verständlich, während Tina Valentino dem Abenteuer starke Gesichter und sehr viel Bewegung mitgibt.
Ich hätte mir manchmal mehr Platz für Morla, Montserrat und die alten Helden gewünscht. Auch Biblys bleibt eher schöne Bühne als vollständig ausgearbeitete Stadt. Das Double habe ich trotzdem mit großem Vergnügen gelesen, denn seine beste Idee liegt darin, dass Acher aufhört, seine Geister nach ihrem Nutzen zu beurteilen und ihre Freundschaft zu schätzen lernt. Am Ende schlagen in diesem Totenreich erstaunlich viele Herzen…

- NEKROMANTEN
- Olivier Gay und Tina Valentino
- Hardcover | 96 Seiten | Farbe | Double
- ISBN 978-3-96792-284-4
- Storyline: ★★★☆☆
- Zeichnungen: ★★★★☆
- Farben: ★★★☆☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★★☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
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