Cover von THE FILMMAKERS EYE

THE FILMMAKER’S EYE – Eine Brücke zwischen Film und Comics

Dieses Mal geht es nicht direkt um Comics. Vielmehr geht es darum, dass Kino und Comics viel gemeinsam haben. Sie erzählen Geschichten, Geschichten in Bildern, die mehr oder weniger schnell aufeinander folgen. Und THE FILMMAKER’S EYE ist ein Buch, dass eine Brücke zwischen den Genres bildet.

Würde ich aus einem Film zentrale Frames herausschneiden, sie wieder zusammenkleben und Sprechblasen hinzufügen, so könnte ich daraus einen Comic gestalten. Also macht es durchaus Sinn, sich die Künste der Filmschaffenden einmal genauer anzusehen. Einer dieser Macher ist Gustavo Mercado.

Bevor er über Bildgestaltung schrieb, drehte er eigene Filme. Sie zeigen, wie ernst er Komposition, Blickrichtung und Bildrhythmus nimmt. Wer THE FILMMAKER’S EYE liest, merkt schnell, dass hier ein Praktiker schreibt. Seine Filmografie ist überschaubar und konzentriert. Gerade dadurch lässt sich gut erkennen, wie konsequent er visuelles Erzählen denkt.

 

Innenseite 01 von THE FILMMAKERS EYE

 

Kino im Kleinen

Früh macht der Kurzfilm SENSITIVE auf ihn aufmerksam. Das Werk gewinnt den Hauptpreis der Showtime Latino Filmmaker Showcase des Showtime Network Inc. Der Sender stellt Mercado im Anschluss das Budget für einen weiteren Film zur Verfügung. SENSITIVE ist ein Familiendrama, das aus einer Latino-Perspektive erzählt wird. Schon die Prämisse legt nahe, dass Mercado sich für intime Konflikte und emotionale Nähe interessiert, nicht für Effekthascherei.

Mit VESPERTINE realisiert er dann einen längeren Fernsehfilm für denselben Sender. Aus dieser Produktion entsteht ein dunkles psychologisches Drama ebenfalls aus Latino-Sichtweise. Hier verdichten sich viele Themen, die später auch in seinem Buch wiederkehren. Enge Innenräume, Nacht, Figuren in innerer Schieflage. Es geht um die Frage, wie ein Bildzustand seelisches Ungleichgewicht spürbar macht.

SEMBLANCE ist wiederum ein Langfilm, der eine Schauspielerin begleitet, die auf den Durchbruch hofft. Wieder steht eine Figur im Zentrum, deren Wahrnehmung kippt. Der Titel selbst spielt mit Schein und Wirklichkeit. SATURNALIA schließlich basiert auf einem wahren Fall. Eine obdachlose Frau lebt heimlich in einem Haus, ohne entdeckt zu werden. Der Film – ein Thriller mit starkem psychologischen Einschlag – entsteht mit einem studentischen Team, läuft auf Festivals, gewinnt Preise.

Dazu kommen weitere Kurzfilme wie z.B. LOVE-77. In Summe ergibt sich kein breites Mainstream-Spektrum. Aber wir sehen eine Handvoll konzentrierter Arbeiten, die sich um Identität, Wahrnehmung und innere Krisen drehen. Genau diese Stoffe verlangen präzise Bildentscheidungen. Sie bilden den Boden, auf dem THE FILMMAKER’S EYE gewachsen ist.

 

Innenseite 02 von THE FILMMAKERS EYE

Vom Set in den Seminarraum

Gustavo Mercado arbeitet heute vor allem als Dozent und Autor. Über viele Jahre hat er als Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann an narrativen Filmen gewerkelt. Parallel baute er sich eine akademische Laufbahn auf. Mercado unterrichtet an der Film und Media Studies Abteilung des Hunter College in New York City. Dort lehrt er Kameraführung, Schnitt, Drehbuchschreiben und Filmproduktion.

Studierende erleben ihn in seinen Seminaren nicht nur als Theoretiker. Er bringt eigenes Wissen von Film-Sets mit und verknüpft seine Lehre direkt mit der Praxis. Das zeigt sich auch in Interviews. Wenn er über Kamerabewegung spricht, warnt er vor Bewegungen ohne erzählerischen Grund. Er betont Vorbereitung, technische Sicherheit und körperliche Belastbarkeit am Set.

THE FILMMAKER’S EYE war zunächst ein einzelnes Buchprojekt. Es erschien 2010 bei Focal Press und umfasst knapp zweihundert Seiten. Schon bald wird jedoch klar, dass Mercado damit einen Nerv traf. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter Französisch, Spanisch, Chinesisch, Türkisch … – nur nicht Deutsch!. Viele Filmhochschulen und medienwissenschaftliche Studiengänge setzen es als Standardlektüre ein.

Zusammen mit seinem Nachfolger bildet das Buch ein kleines Kompendium der visuellen Filmgrammatik. Wer aus der Comic Welt kommt, merkt schnell, wie nah diese Sprache der Logik von Panels steht.

 

Was das Buch so besonders macht

THE FILMMAKER’S EYE will kein trockenes Regelwerk sein. Das Buch ist eher ein visuelles Handbuch. Es arbeitet mit Dutzenden von farbigen Filmbildern. Jede Doppelseite zeigt einen konkreten Shot aus einem Spielfilm. Dazu kommen klare Erläuterungen und kleine grafische Markierungen, die Blickführung, Achsen und Bildgewichte sichtbar machen. Mercado verbindet auf diese Weise Analyse mit Werkzeugkasten. Dies macht das Buch sofort praktisch nutzbar.

Der Aufbau folgt einer einfachen Dramaturgie. Nach einer Einführung in Bildausschnitt, Bildformat und Grundprinzipien der Komposition geht es direkt in die Praxis. Mercado sortiert sein Material nach Bildgrößen und Konventionen. Von extremen Nahaufnahmen über Halbtotalen bis zu extremen Totaleinstellungen. Dazu kommen Schulterperspektiven, Establishing Shots, subjektive Perspektiven, Zwei-Personen- und Gruppenbilder, schiefe Horizonte, emblemartige und abstrakte Einstellungen. Es folgen Kapitel zu Makroaufnahmen und Kamerabewegungen wie Schwenk, Zoom, Dolly, Steadicam, Kran oder lange Plansequenzen.

 

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Im Maschinenraum der Bilder

Jedes Beispiel bearbeitet er nach demselben Schema. Zuerst erklärt er die klassische Funktion eines bestimmten Shot-Typs. Dann beschreibt er Schritt für Schritt, wie die Bildfläche organisiert ist. Linien, Formen, Raumtiefe, Blickachsen, Licht und Schatten. Es folgt ein kurzer technischer Teil, der etwa Brennweiten, Kamerahöhen oder Bewegungsgeräte erwähnt – ja, auch eine gedachte Bewegung kann bei der Comic-Erstellung spannend sein!

Zum Schluss zeigt Mercado uns, wie Regisseurinnen und Regisseure genau diese Konventionen gebrochen haben. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Regel und bewusster Abweichung.

In der zweiten Auflage aktualisierte er viele Beispiele. Er greift etwa auf moderne Actionfilme zurück, deren prägnante Farb- und Lichtkonzepte sich gut für die Analyse eignen. Die Struktur bleibt gleich. Damit eignet sich das Buch sowohl zum Durchlesen als auch als Nachschlagewerk für konkrete Bildprobleme. Für Filmschaffende, aber auch für Comiczeichnerinnen und Comiczeichner ist es eine Art Atlas der möglichen Blickrichtungen. Es zeigt, wie sich Emotion, Tempo und Bedeutung im Bild platzieren lassen.

 

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Panels denken wie Film-Shots

Film und Comic erzählen mit Einzelbildern, die in eine Reihenfolge gebracht werden. Das Kino nennt diese Einheit Shot, der Comic spricht vom Panel. THE FILMMAKER’S EYE liefert eine sehr konkrete Landkarte dieser Einheit. Wer Comics zeichnet, kann die Kategorien des Buches direkt übertragen. Eine extreme Nahaufnahme entspricht einem Panel, das fast nur Augen oder Hände zeigt. Eine Totale baut eine ganze Landschaft oder eine Stadt im Panel auf. Die Kapitel zu subjektiven Einstellungen helfen, wenn man Leserinnen direkt in die Wahrnehmung einer Figur ziehen will.

Besonders hilfreich ist Mercado’s Blick auf Bildsysteme. Er beschreibt, wie sich ein Film über wiederkehrende Farben, Formen oder Blickrichtungen organisiert. Diese Idee lässt sich eins zu eins auf Comics übertragen.

Ein wiederkehrendes Motiv, etwa einer bestimmte Fensterform oder einer Farbe, kann sich über ein ganzes Album ziehen und emotionale Unterströmungen erzeugen. In der Sprache des Buches entsteht ein Bildnetz, das weit über einzelne Panels hinausreicht.

 

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Was Comiczeichner von Mercado lernen können

Auch die Kapitel zu Kamerabewegungen können für Zeichner interessant sein. Ein Schwenk im Film entspricht häufig einer Reihe aus Panels, in der das Motiv Schritt für Schritt im Raum wandert. Ein Tracking-Shot lässt sich als Sequenz von Panels anlegen, in denen der Hintergrund sich verändert, die Figur aber stabil bleibt.

Mercado zeigt sehr klar, welche erzählerische Funktion eine Bewegung hat. Sie soll Informationen enthüllen oder verbergen, Spannung aufbauen oder einen emotionalen Bruch markieren. Das ist exakt dieselbe Aufgabe, die eine gut gesetzte Panel-Folge erfüllt.

Schließlich ist das Kapitel über das Brechen von Regeln auch für Comics besonders wertvoll. Mercado ermutigt dazu, Kompositionsregeln erst zu verstehen und dann bewusst zu verletzen.

Ein schiefer Horizont kann zum Stilmittel werden, wenn er nicht dauernd, sondern an entscheidenden Stellen auftaucht. Ein überfülltes Bild kann Erschöpfung oder Reizüberflutung markieren, wenn der Rest der Geschichte klar und aufgeräumt erzählt ist.

Genau diese Art von kontrolliertem Regelbruch macht auch anspruchsvolle Comicseiten lebendig.

 

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Fazit

THE FILMMAKER’S EYE wird damit zu einem Brückentext. Es richtet sich an Filmstudierende und Praktiker. Aber gleichzeitig liefert dieses Buch Comic-Fans und -Schaffenden eine extrem anschauliche Einführung in die Sprache der Bilder. Wer also – wie ich – mehr darüber erfahren möchte, wann man welche Perspektive in seine Panels einbaut, findet hier einen wunderbaren Einstieg ins Thema.

 

Cover von THE FILMMAKERS EYE

  • THE FILMMAKER’S EYE
  • Gustavo Mercado
  • Softcover | 243 Seiten | Farbe / English
  • ISBN 978-1-13878-031-6
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
  • © Taylor & Francis – Focal Press
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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