Ich liebe diese Reihe, obwohl ich mich im Normalfall für Horror-Stoffe gar nicht begeistern kann. Aber MALCOLM MAX 6: DER KANNIBALE VON LONDON hat mich wieder zuverlässig abgeholt.
Peter Mennigen und Ingo Römling liefern in dieser Erzählung keinen Blutrausch um des Effekts willen. Ich erhalte stattdessen eine viktorianischen Abenteuernarration, die sich mit sichtbarer Lust an Schauer, Krimi, Steampunk, Weltuntergangsflirt und sehr trockenen Humor durch ihre 64-seitige Geschichte hindurch laviert. Hierbei handelt es sich um den inzwischen sechsten Band der laufenden, sehr erfolgreichen Serie. Und – er endet mit einem fetten Cliffhanger. Der Folgeband AM ENDE DER ZEIT ist beim Splitter Verlag nun – endlich! – für September 2026 angekündigt.
Was ich an dieser Serie so mag, zeigt sich auch in diesem Werk wieder. Malcolm Max ist kein grummeliger Dämonenschlächter, der mit finsterem Gesicht durch die Seiten stapft. Er ist elegant, spöttisch, kontrolliert und oft genau dann am besten, wenn sich alles außerhalb seiner Kontrolle abspielt.
Seine Partnerin, Charisma Myskina, ist für mich dabei längst das emotionale Zentrum der Reihe. Halbvampirin hin oder her, ihre Mischung aus Direktheit, Stolz, Fremdheit und verletzlicher Neugier trägt diese Geschichten mindestens genauso stark wie Malcolm’s Gehabe als Gentleman mit Nerven aus Stahl.
Das Ganze spielt im London der späten viktorianischen Epoche. Also in einer Welt, die nach außen zwar voller Normen und Regeln aussieht, innerlich jedoch bereits vor sich hin fault. Genau an diesem Ort und zu dieser Zeit fühlt sich diese Serie seit Jahren am wohlsten.

London aus Nebel, Armut und Zukunftseuphorie
Bevor ich zur Handlung komme, lohnt sich ein kurzer Blick auf den Hintergrund, vor dem diese Serie läuft. Zunächst einmal: Malcolm Max begann nicht als Comic, sondern als Hörspiel. Peter Mennigen entwickelte die Figur 2008 im Umfeld einer geplanten Wiederbelebung von GESPENSTER GESCHICHTEN. Erst später wurde daraus diese Comicreihe beim Splitter Verlag.
Für die Chronologie ist das wichtig, denn die frühen Hörspiele erzählen die Vorgeschichten, während der erste Comic zeitlich danach einsetzt. Das erklärt auch, warum die Welt dieser Serie oft so wirkt, als läge schon ein ganzes Leben hinter ihren Figuren.
Noch spannender ist für mich aber der Schauplatz. Der Band führt tief ins East End und damit in jenen Teil Londons, der im späten 19. Jahrhundert wie ein Gegenbild zur imperialen Selbstverherrlichung wirkte. Charles Booth’s Londoner Armutskarte markierte Spitalfields und Whitechapel 1889 bis 1891 großflächig in Schwarz und Blau. Also als Gegenden mit besonders hoher Armut.
Gleichzeitig hängt dort noch der Schatten von JACK THE RIPPER in der Luft. Die Morde in Whitechapel von 1888 wurden zum Dauertrauma der Stadt und fraßen sich tief in die Popkultur hinein. Genau diese Mischung aus Elend, Angst und öffentlicher Obsession zapfen das Hörbuch und später auch der Comic sehr gezielt an.
Dazu kommt ein dritter Punkt, der für MALCOLM MAX: DER KANNIBALE VON LONDON fast ideal ist. London war damals eben nicht nur düster, sondern auch im wörtlichen Sinn elektrisiert. In den 1860er Jahren wuchs das Interesse an Séancen und modernem Spiritualismus. 1879 bekam der Lesesaal des British Museum elektrische Lampen und 1882 ging am Holborn Viaduct eine frühe öffentliche Stromversorgung in Betrieb.
Diese Stadt glaubte also gleichzeitig an „Geisterklopfen“ und an technische Erlösung. Ich finde, kaum ein deutscher Genre-Comic nutzt diese Spannung zwischen Okkultismus und Fortschrittsrausch so stimmig aus wie diese Reihe.

Zwei Ermittler wie ein altes Ehepaar
Im Zentrum dieses Bandes stehen – natürlich – wieder Malcolm Max und Charisma Myskina. Er ist der stilbewusste Spezialist für paranormale Fälle, sie die Halbvampirin an seiner Seite, gefährlich, scharfzüngig und deutlich weniger bereit, höflich um die Dinge herumzureden.
Dazu kommen die Schwestern Emmeline und Miranda Finch, die in dieser Welt längst mehr sind als putzige Nebenfiguren. Sie bringen Witz, Tempo und ein sehr eigenes detektivisches Gespür ein, das ihnen bereits einen eigenen Spin-Off-Band beschert hat.
Gerade diese Mischung aus erwachsener Schauerabenteuer-Serie und fast frecher Jungdetektiv-Energie gibt MALCOLM MAX: DER KANNIBALE VON LONDON seinen besonderen Ton.
Ein vollgepacktes Album
Der Band steigt mit einem Hinterhalt ein. Malcolm und Charisma geraten in ein verlassenes Hospital und dort in eine Falle, die sehr schnell klarmacht, dass hier mehr am Werk ist als ein örtlicher Serienmörder. Dämonische Kopfgeldjäger, seltsame Steckbriefe, rätselhafte Gegner, dazu später die Spur eines Kannibalen, der Frauen aus dem Milieu zerfetzt zurücklässt, nehmen hier ihren Anfang.
Peter Mennigen eröffnet den Band gleich mit diversen Fäden. Das ist auf 64 Seiten riskant, funktioniert hier aber erstaunlich gut, weil er nie vergisst, die Figuren zusammenzuhalten. Selbst wenn die Handlung kurz in Richtung dimensionsoffener Irrsinn abkippt, bleibt die Frage wichtig, wie Malcolm und Charisma aufeinander reagieren, wie sie sich necken, reizen, retten und doch ständig einen halben Schritt zu weit voneinander weg bleiben. Schließlich gibt es da ja noch die Drohung von Charisma’s Vater, Malcolm den Garaus zu machen, sollte er seiner Tochter zu nahe kommen. Aber das ist ein anderes Thema.
Gerade dieses Duo ist für mich der eigentliche Grund, warum ich immer wieder zu der Serie zurückkehre. Zwischen diesen Beiden knistert es gewaltig und nicht in einem kitschigen Sinne. Eher so, als würden zwei Menschen seit Ewigkeiten denselben Satz umkreisen und ihn nie aussprechen.
Der Humor kommt genau aus dieser Bewegung. Ein schräger Blick hier, eine kühle Bemerkung dort, ein Satz, der halb Rettungsleine und halb Spitze ist. Das ist genau mein Ding. Ich habe beim Lesen oft den Eindruck, dass Mennigen den Rhythmus der Beziehung besser versteht als viele Autoren, die ihre Figuren nur auf eine Romanze zuschreiben. Hier bleibt das Spiel offen. Und genau deshalb bleibt es lebendig.

Das East End wird zum Schaufenster des Grauens
Der titelgebende Kannibale ist natürlich kein bloßer Vorwand. Der Fall bringt diese Geschichte mitten ins East End, also hinein in jene Straßen, in denen Frauenkörper schnell zur Ware und noch schneller zu Wegwerfmaterial wurden.
Der Band macht daraus keine plumpe Sozialgeschichte. Ich fand aber stark, wie deutlich die soziale Schieflage spürbar bleibt. Die Opfer sind nicht zufällig Frauen aus dem Milieu. Dieser Fall erzählt eben auch davon, wer in dieser Stadt am leichtesten verschwindet und wer erst dann zählt, wenn sich das Grauen nicht mehr vertuschen lässt. Besonders gut hat mir gefallen, wie Charisma von Menningen in diese Umgebung gestellt wird. Dass sie sich als Prostituierte verdingen soll, ist nicht bloß ein sensationeller Aufhänger, sondern ein kluger Perspektivwechsel innerhalb der Serie.
Plötzlich sieht London anders aus, nicht aus Malcolm’s ironischer Distanz, sondern aus einer gefährdeten, körperlich exponierten – wenn auch wehrhaften – Position einer Frau. Gleichzeitig nimmt sich der Band beim Humor nicht zurück. Diese Szenen haben Biss (Sorry, Wortspiel), aber eben auch Witz.
Charisma spielt keine wehrlose Rolle. Sie spielt mit ihrer Rolle. Und Malcolm muss dabei einsehen, wie wenig Kontrolle er wirklich hat. Genau daraus zieht der Comic einen guten Teil seiner Spannung.
Parallel dazu läuft die Geschichte um einen hochbegabten Physiker, der für seine todkranke Tochter an eine Grenze geht, hinter der Wissenschaft nicht mehr sauber von Hybris zu trennen ist. Auch das ist typisch für diese Serie. Sie liebt Laborfantasien, dampfende Apparaturen, große Versprechen und den Moment, in dem Fortschritt vielleicht in Größenwahn kippt.
Ich mag, dass Mennigen diese Ebene nicht trocken erklärt, sondern als emotionalen Motor nutzt. Es geht nie nur um diese Erfindung. Es geht um Verzweiflung, Liebe, Verlustangst und den alten Wunsch, den Tod irgendwie doch zu überlisten. Dadurch bleibt das Science-Fiction-Element im Band nicht bloß Dekor, sondern bekommt ein Herz.

Wenn Witz und Weltuntergang gleichzeitig anklopfen
Was dieser Band besonders gut kann, ist einen ganz bestimmten Ton zu treffen. Ich lese hier einen Geschichte, die Dinge zeigt, die eigentlich unerquicklich sind. Verstümmelte Opfer, dämonische Angriffe, apokalyptische Möglichkeiten. Und trotzdem kippt das Ganze nie in selbstgefällige Düsternis. Dafür sorgt der Humor, vor allem der, der aus den Figuren kommt und nicht aus aufgesetzten Gags. Ein schönes Beispiel ist das Gerücht über eine mögliche Verlobung von Malcolm und Charisma. So ein Einfall könnte albern werden. Hier lockert er die Geschichte auf und zeigt gleichzeitig, wie viel zwischen diesen beiden unausgesprochen herumsteht.
Gleichzeitig merkt ich dem Band an, dass er ein Kapitel in einer fortlaufenden Serie und kein völlig abgeschlossener Einzelband ist. Das ist Stärke und kleine Schwäche zugleich. Stärke, weil die Welt dicht ist, weil Nebenfiguren Gewicht haben, weil jedes neue Abenteuer auf etwas Größeres hinarbeitet. Kleine Schwäche, weil der Band sein Material sehr energisch zusammenhält und deshalb an einigen Stellen fast zu viel in zu kurzer Zeit erzählen muss. Die Übergänge zwischen Serienmörderfall, okkultem Angriff, Wissenschaftsdrama und kosmischer Bedrohung sind spannend, aber nicht immer ganz … „luftig“. Ich war beim Lesen nie verloren, habe aber gespürt, wie dicht Mennigen seine 64 Seiten packen musste.
Trotzdem sitzt der Cliffhanger. Und zwar nicht nur als lautes „To-be-continued“-Schild, sondern als echter Schub nach vorn. Ich habe das Album mit genau dem Gefühl geschlossen, das eine gute Fortsetzungsserie auslösen soll: nicht Sättigung, sondern Vorfreude und ungeduldige Erwartung des nächsten Bandes. Genau darin liegt für mich eine große Qualität von MALCOLM MAX: DER KANNIBALE VON LONDON. Der Band will nicht nur gefallen, sondern die Reihe unter Spannung halten. Das gelingt ihm.

Mehr Serienfolge als Einsteigeralbum
Wie schon erwähnt, ist für die Einordnung wichtig, dass die Comics chronologisch nach der Hörspielvorgeschichte spielen und längst ein größeres Netz aus Beziehungen, Mythen und Running Gags aufgebaut haben. Wer hier zum ersten Mal einsteigt, bekommt genug, um dem Fall zu folgen. Ich würde Band 6 trotzdem nicht als idealen Erstkontakt empfehlen.
Zu viel von seinem Charme entsteht aus Vertrautheit mit seinen Figuren und dem Wissen, wie Malcolm und Charisma seit Jahren umeinander kreisen. Oder aus dem Vergnügen, wenn die Finch-Schwestern auftauchen. Und aus dem Gefühl, dass diese Welt schon lange vor der ersten Seite atmet.
Innerhalb der Reihe wirkt der Band für mich wie eine Zuspitzung. Der Fall ist größer, die Bedrohung drastischer, der Blick stärker auf die Serie als Ganzes gerichtet. Darum wird er auch in zwei Alben erzählt. Dazu passt, dass der angekündigte Folgeband AM ENDE DER ZEIT die Linie von Raum, Zeit und Apokalypse ausdrücklich weiterführt.
Ich mag an dieser Entwicklung, dass sie die Serie nicht verrät. MALCOLM MAX bleibt auch dann Malcolm Max, wenn die Bühne wächst. Er bleibt der geschniegelte, grantige Geisterermittler, der lieber einen trockenen Satz setzt, als heroisch zu posieren. Und Charisma bleibt die Figur, die ihm mit Freude jede Attitüde aus dem Gesicht klatscht, sobald sie zu geschniegelt sitzt.

Kurz etwas zu den Machern
Peter Mennigen, Jahrgang 1952, studierte in Köln Kunst und Design und schrieb seit den späten 1970er Jahren für eine erstaunliche Zahl deutscher Comicreihen. Besonders prägend war seine Arbeit für Bastei Titel wie GESPENSTER GESCHICHTEN, SPUK GESCHICHTEN, PHANTOM, CONNY oder FELIX.
Später schrieb er auch für die Verlage Egmont, Panini und Ravensburger und verfasste internationale Stoffe zu Serien wie LUCKY LUKE, DIE SCHLÜMPFE, BESSY und ISNOGUD. Hinzu kommen Hörspiele, Bücher sowie Drehbücher für Fernsehproduktionen wie KÄPT’N BLAUBÄR, TIM THALER und RTL SAMSTAG NACHT. Bei MALCOLM MAX bündelt er viel von dem, was er über Pulp, Serienerzählung, Schauerstoffe und pointierte Dialoge gelernt hat.
Ingo Römling wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren und kam aus Illustration, Grafik und Musik zum Comic. Früh arbeitete er für Verlage, Werbeagenturen und später sehr erfolgreich für die Musikbranche als Cover-Illustrator und Layouter. Mit DIE TOTEN machte er sich im deutschen Comic deutlich bemerkbar. Seine Comics METROPOLIA: BERLIN 2099 und DIE CHRONIKEN DES UNIVERSUMS habe ich an dieser Stelle bereits besprochen.
Seit 2013 prägt er gemeinsam mit Peter Mennigen die Welt von MALCOLM MAX. Parallel dazu wurde er mit STAR WARS REBELS zu einem der ersten offiziellen Disney Comiczeichner aus Deutschland. Auch international ist Römling längst unterwegs, etwa über den französischen Verlag Dargaud und Europe Comics. Sein Stil verbindet klassische Lesbarkeit mit digital gestützter Bildfülle und einem sicheren Gespür für Atmosphäre. Genau deshalb passt er so gut zu einer Serie, die zwischen Gasse, Labor und Dämonenportal ständig den Ton wechseln muss.

Fazit
MALCOLM MAX: DER KANNIBALE VON LONDON ist für mich ein fast perfekter Band. Fast – denn dafür ist er stellenweise etwas zu dicht und zu verliebt in die Menge seines Materials. Aber genau darin steckt auch seine Kraft.
Ich bekomme einen deutschen Genre-Comic, der seine viktorianische Bühne ernst nimmt, seine Figuren liebt, seinen Humor trocken serviert und sein Grauen nie bloß vordergründig benutzt. Vor allem bekomme ich aber wieder Malcolm und Charisma. Und ehrlich gesagt reicht mir das schon, um glücklich zu sein.
Ich bleibe also dran, obwohl mich – wie bereits erwähnt – Horror selten begeistert. Diese Reihe aber tut das schon. Und auf Band 7 im September 2026 freue ich mich sehr…

- MALCOLM MAX 6 – DER KANNIBALE VON LONDON
- Peter Mennigen und Ingo Römling
- Hardcover | 64 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-98721-297-0
- Storyline: ★★★★★
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★★☆
- Humor: ★★★☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
- © Splitter Verlag
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