Cover von ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD

ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD – Auf nach Gergovia!

Rene Goscinny wurde heute vor 100 Jahren, am 14. August 1926, in Paris geboren. Für mich wieder einmal Grund genug, einen besonderen Comic des Meisters zu besprechen.

Soweit ich mich erinnern kann, war ASTERIX UND DER ARVERNERSCHILD mein erster Asterix überhaupt. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war oder wer mir das Album in die Hand gedrückt hat. Geblieben ist nur so ein Gefühl, dass genau dieser Band dazu beigetragen haben könnte, dass ich mich für Comics zu interessieren begann.

Diese Figuren wirkten schon damals, als wären wir alte Bekannte … Familie!. Asterix wusste immer Rat, Obelix war stets hungrig, Majestix wollte allzeit würdevoll aussehen und die Römer – nun, die wollten ernst genommen werden. Nicht alles davon funktionierte. Dazu kamen früh die Running-Gags, die sich durch die folgenden Alben zogen. Und genau diese Kombination war es, die mich voll erwischt hatte.

Die Geschichte des Albums erschien 1967 zunächst in PILOTE und 1968 als Buch. Die deutsche Ausgabe folgte 1972 in der Übersetzung von Gudrun Penndorf. Ich merkte damals schon, dass hinter der leichten Geschichte ein erstaunlich dichtes historisches Gerüst steckt.

Gergovia war einer der Orte, an dem die Gallier über Cäsar triumphierten. Demgegenüber wurde Alesia kurz darauf zum Schauplatz der entscheidenden Niederlage des großen Aufstands unter ihrem Volkshelden Vercingetorix.

Goscinny und Uderzo bauen aus den historischen Fakten eine flotte Komödie über verletzten Stolz, verdrängte Niederlagen, Diätenwahn und politische Schauveranstaltungen, ganz im Stil klassischer, frankobelgischer Erzählungen. Ein verlorener Schild reicht ihnen dafür als MacGuffin völlig aus.

Für Albert Uderzo markiert der Band zudem einen beruflichen Einschnitt. Mit diesem Album beginnt er. sich ganz auf den Erfolg von Asterix zu konzentrieren.

 

Sequenz aus ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD
Asterix® Obelix® Idefix® / ® Hachette Livre / Goscinny – Uderzo

Alesia, DIE Niederlage hinter der Geschichte

Alesia war mehr als nur eine verlorene Schlacht. Im Sommer 52 vor Christus verschanzte sich Vercingetorix mit seinen Truppen in dem befestigten, auf einem Hügel gelegenen Ort. Cäsar ließ die Stellung einschließen und errichtete zwei große Befestigungsringe. Der innere Ring hielt die Eingeschlossenen fest. Der äußere schützte die Römer vor einem gallischen Entsatzheer. Nach wochenlanger Belagerung kapitulierte Vercingetorix. Der organisierte Aufstand war damit im Kern erstickt, auch wenn die Kämpfe in Gallien noch bis etwa 51 vor Christus weitergingen.

Später wurde Alesia für Frankreich zu einem schmerzhaften Erinnerungsort. Im 19. Jahrhundert ließ Napoleon III. bei Alise-Sainte-Reine graben und 1865 eine monumentale Statue des Vercingetorix errichten. ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD spielt mit genau dieser Mischung aus Niederlage, Nationalstolz und spätem Heldengedenken. Die Arverner wollen den Namen Alesia am liebsten vergessen. Goscinny macht daraus einen Running-Gag. („Alesia? Ich kenne kein Alesia! Ich weiß nicht, wo Alesia liegt! Niemand weiß, wo Alesia liegt!“) Dahinter liegt jedoch ein sehr verständlicher Wunsch. Wer eine Niederlage nicht aus der Welt schaffen kann, verweigert ihr wenigstens die Anerkennung – auch wenn genau das eben nicht wirklich funktioniert …

 

Sequenz aus ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD
Asterix® Obelix® Idefix® / ® Hachette Livre / Goscinny – Uderzo

Beim Teutates, der Häuptling hat Bauchweh

Unsere Geschichte beginnt dort, wo der gallische Heldenglanz einen schweren Dämpfer bekommt. Vercingetorix wirft Cäsar nach der Niederlage von Alesia seine Waffen vor – bzw. auf – die Füße. Sein Schild verschwindet anschließend in einer Kette aus Diebstahl, Glücksspiel, Bestechung und Alkohol. Bereits dieser Auftakt zeigt, wie Goscinny arbeitete. Ein Zeichen dieser nationaler Niederlage, Vercingetorix‘ Schild, wird nicht ehrfürchtig verwahrt. Es wandert durch viele menschliche Hände und verschwindet im Nebel des Vergessens. Erst einmal.

Einige Jahre später leidet Majestix nach einem üppigen Festmahl unter heftigen Beschwerden. Die Leber schafft es nicht mehr und der herbei gerufene Miraculix kennt nur einen Ausweg: Majestix muss zur Kur nach Aquae Calidae im Arvernerland, dem heutigen Vichy! Asterix und Obelix begleiten ihn, während Gutemine, Majestix‘ Frau, mit fester Hand dafür sorgt, dass aus der Reise kein bewegliches Bankett wird.

Im Kurort angekommen beginnt für Majestix ein persönlicher Feldzug gegen gedünstetes Gemüse, Heilwasser und eine Behandlung, die jedes gemütliche Essen zum verbotenen Traum erklärt. Obelix leidet vorsorglich mit. Seine Begegnung mit einer winzigen Traube gehört zu den Sequenzen, die sich seit meiner ersten Lektüre tief in mein kindliches Gedächtnis eingeprägt hat. Uderzo braucht dafür kaum Text. Der Blick, die Körperhaltung und das lächerlich kleine Stück Nahrung erzählen den ganzen Witz.

Natürlich stören Asterix und Obelix mit ihrem gesunden Appetit bald die Disziplin der übrigen Kurgäste. Ein Aufstand droht! Also müssen sie weiterziehen und verabreden sich mit Majestix für das Ende der Kur in Gergovia. Aus der Gesundheitsreise des Häuptlings wird für unsere Helden damit wieder eine eigene Reisegeschichte. Das Dorf bleibt zurück, doch seine vertraute Dynamik wandern mit.

 

Sequenz aus ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD
Asterix® Obelix® Idefix® / ® Hachette Livre / Goscinny – Uderzo

Wein, Kohle und ein römischer Triumphzug

Unterwegs treffen Asterix und Obelix auf Tullius Firlefanzus, einen Sonderbeauftragten Cäsar’s. Der soll prüfen, ob die Arverner sich auch ordentlich unterworfen haben. Und natürlich fällt das Ergebnis für seine römische Begleitung – wie üblich – schmerzhaft aus.

In Gergovia finden die Freunde schließlich bei Alkoholix, einem Händler für Wein und Kohle, eine Unterkunft. (Damit ist dieser Band ein direkter Vorgänger des aktuellen 41. Bandes ASTERIX IN LUSITANIEN mit seinen Kacheln-und-Kabeljau-Läden bzw. seinen sprachlichen Besonderheiten). Alkoholix ist gastfreundlich, patriotisch und auffallend wortkarg, sobald das Gespräch auf besagtes Alesia kommt.

Cäsar erfährt von der erneuten Demütigung seiner Männer – ausgerechnet in Gergovia! Dort hatte Vercingetorix den Römern 52 vor Christus wie bereits erwähnt eine seltene Niederlage beigebracht. Der Imperator plant deshalb eine gewaltige Geste. Er will in Gergovia auf dem Schild des Vercingetorix triumphieren. Das Problem liegt kurz darauf auf der Hand: Niemand weiß, wo der ver%&$te Schild geblieben ist!

Detektivgeschichten gallisch-römisch

Nun laufen zwei Suchen parallel nebeneinander ab. Firlefanzus setzt Legionäre, Akten und Einschüchterung ein, um das gute Stück wiederzufinden. Währenddessen folgen Asterix und Obelix Kneipenspuren, Erinnerungen und ehemaligen Soldaten. Der Weg des Schildes führt sie über den Legionär Keuchhustus, den Spieler Apfelmus und den trinkfreudigen Zenturio Corruptus in die richtige Richtung. Schließlich landen die Beiden wieder bei Alkoholix in seiner Wein-und-Kohle-Handlung. Alkoholix hatte den Schild dereinst einem erschöpften gallischen Überlebenden geschenkt. Und wie sich herausstellt war dieser Mann – Majestix!

Die Auflösung ist kein bloßer Schlussgag, denn sie verändert meinen Blick auf den Häuptling unserer Gallier. Unter seiner Eitelkeit steckt auch ein Mann, der die historische Niederlage selbst erlebt hat. Am Ende steht Majestix wieder auf dem Schild des Vercingetorix, der inzwischen sein Schild geworden ist, und zieht von Obelix getragen statt Cäsar durch Gergovia. Cäsars geplante Machtdemonstration kippt erneut in einen gallischen Triumph. Das ist witzig, überraschend würdevoll und soooo befriedigend.

 

Sequenz aus ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD
Asterix® Obelix® Idefix® / ® Hachette Livre / Goscinny – Uderzo

Zwischen Dorfbankett und Landpartie

ASTERIX UND DER ARVERNERSCHILD gehört für mich zu den besten Geschichten die das Duo Goscinny / Uderzo zu Papier gebracht haben. Der Anfang und das Ende wurzeln im vertrauten Dorfleben. Majestix, Miraculix und das voraus gegangene Festmahl liefern den Antrieb. Danach öffnet sich die Handlung zur Reise durch das Arvernerland.

Erzählerisch funktioniert das Album wie eine Schnitzeljagd. Der Schild ist das gesuchte Objekt, seine früheren Besitzer bilden eine Spur und zwei Parteien verfolgen aus unterschiedlichen Gründen dasselbe Ziel. Diese Konstellation hält die Handlung zusammen, obwohl die Kur-Satire, das Reiseabenteuer, die Römer-Prügeleien und historische Erinnerung ständig ineinandergreifen. Dabei staune ich jedes Mal, wie mühelos Goscinnys Szenario-Komponenten hier ineinander greifen.

Majestix‘ Geschichte erhält in diesem Band außergewöhnlich viel Raum. Er ist hier nicht nur der Häuptling, der üblicherweise vom Schild fällt oder eine seiner großen Reden schwingt. Seine Völlerei setzt diese Reise in Gang, seine Vergangenheit löst das Rätsel um den Schild und sein geschrumpfter Bauch liefert einen visuellen Witz, der natürlich nicht von langer Dauer sein wird. Gleichzeitig bekommt seine Würde mehr Gewicht. Gerade diese Mischung macht ihn hier – und für kommende Geschichten – so liebenswert.

Zeichnerischer Zaubertrank

Uderzos Zeichnungen tragen jeden Wechsel im Tonfall. Seine Figuren sind weich, rund und beweglich. Selbst ein stiller Blick kann eine Pointe vorbereiten. Die Kurbäder leben von Körperkomik, die römischen Aufmärsche von übertriebener Ordnung, Gergovia von gedrängten Menschenmengen und stolzer Kulisse. Besonders stark finde ich die Gesichter. Firlefanzus bläht sich auf, Obelix hungert sichtbar und Majestix schwankt zwischen Elend und Größe.

Ganz ohne Schwäche ist ASTERIX UND DER ARVERNERSCHILD für mich letztendlich dann doch nicht. Der mittlere Suchteil folgt mehrfach einem ähnlichen Muster. Eine neue Auskunft führt zum nächsten Namen, danach gibt es Ärger mit den Römern. Das ist unterhaltsam, aber auch etwas mechanisch. Auch Asterix bleibt als Figur dieses Mal recht funktional. Er denkt, ermittelt und lenkt. Die größeren Gefühle gehören aber Majestix und den Arvernern. Ich empfinde das jedoch eher als kleine Einschränkung als einen echten Makel.

Zwei Druiden am Zeichentisch

Rene Goscinny
Rene Goscinny

René Goscinny wuchs in Buenos Aires auf. Nach Jahren in New York und Paris entwickelte er sich zu einem der prägendsten Autoren des frankobelgischen Comics. (Falls Du mehr über den Lebensweg des Meisters erfahren willst, solltest Du zugreifen, wenn Du DIE GESCHICHTE DER GOSCINNYS in einem Buchladen oder Comic-Shop findest.) Neben Asterix schrieb er unter anderem an LUCKY LUKE, ISNOGUD und DER KLEINE NICK. 1951 lernte er Albert Uderzo kennen. Gemeinsam entwickelten sie mehrere Serien wie z.B. UMPAH-PAH, bevor Asterix 1959 in der ersten Ausgabe von PILOTE erschien. Happy Birthday, lieber Rene! Ich vermisse Dich.

Albert Uderzo wurde 1927 in Fismes geboren. Der Autodidakt verband karikaturhafte Figuren mit sicherem realistischem Zeichnen und einer außergewöhnlichen Begabung für Bewegung. Ab diesem elften Album widmete er sich ganz Asterix. Nach Goscinny’s Tod 1977 führte er die Reihe mit wechselndem Erfolg erst einmal allein weiter.

Fazit

ASTERIX UND DER ARVERNERSCHILD ist für mich weit mehr als mein nostalgischer Lieblingsband. Er verbindet Reisekomödie, historische Erinnerung und Krimi-Handlung auf nur 48 kompakten Seiten. Der Humor ist warm und genau beobachtet. Die Geschichte erlaubt sich Spott über Kuren, die Bürokratie und Siegesposen. Zugleich nimmt sie die gallische Niederlage von Alesia ernst genug, um ihr Gewicht spürbar zu machen.

Vielleicht hat mich mein erster Asterix damals deshalb so dauerhaft gepackt. Hinter jedem Running-Gag öffnete sich eine größere Welt. Ich lachte über Obelix und seine Traube. Gleichzeitig verstand ich schon in jungen Jahren, dass ein Schild manchmal mehr tragen kann als nur einen Häuptling.

P.S. Falls Du mehr zu Asterix erfahren möchtest, empfehle ich Dir das von Marco Mütz liebevoll betreute, deutsche Asterix-Archiv unter Comedix.de.

 

Cover von ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD

  • ASTERIX UND DER AVERNERSCHILD
  • Rene Goscinny und Albert Uderzo
  • Softcover | 48 Seiten | Farbe
  • Storyline:  ★★★★★
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★☆☆
  • Lettering: ★★★☆☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
  • © Egmont Ehapa Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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