Bekanntlich war der Wilde Westen immer schon ein ziemlich unangenehmer Ort. Zumindest dann, wenn wir die romantischen Vorstellungen von Freiheit, Abenteuer und heldenhaften Revolvermännern mal beiseite lassen. Wer hier das Recht des Stärkeren durchsetzen wollte, braucht keine guten Argumente – ein Colt oder eine Winchester genügten dafür völlig. Und wer sich nicht wehren konnte, hatte eben Pech. Dies galt natürlich besonders für Frauen und Kinder, auch bei BLOOD BROTHERS MOTHER.
Genau in diese Welt schicken Brian Azzarello (Szenario) und Eduardo Risso (Zeichnungen) drei kleine Jungen. Nicht etwa, weil die das Abenteuer suchen. Sie wollen ihre Mutter zurückhaben. Was erst einmal nach einer klassischen Western-Geschichte klingt, entwickelt sich in der Folge zu einer ausgesprochen brutalen Reise durch eine Landschaft, in der Gewalt zum Alltag gehört. BLOOD BROTHERS MOTHER liegt darum nahe bei Werken wie LEAVE THEM ALONE oder BIS ZUM BITTEREN ENDE.
Mit BLOOD BROTHERS MOTHER kehrt eines der bekanntesten Autorenduos des amerikanischen Comics zum Western zurück. Azzarello und Risso haben bereits mit 100 BULLETS bewiesen, wie hervorragend sie menschliche Abgründe erzählen können. Ihre neue Geschichte erschien ursprünglich ab Mai 2024 beim amerikanischen Verlag DSTLRY. Der deutsche Schreiber & Leser Verlag hat die vierteilige Miniserie nun als 224 Seiten starken Hardcoverband aufgelegt.
Nach den ersten Seiten von BLOOD BROTHERS MOTHER hat mich vor allem eine Frage beschäftigt: Wie viel Grausamkeit braucht eine Geschichte eigentlich, um glaubwürdig von einer grausamen Welt zu erzählen?

Ein Revolverheld kehrt zurück
Am Anfang der Erzählung steht Carter Cain. Ein Mann, der nach einem Aufenthalt in einem mexikanischen Gefängnis wieder auf freiem Fuß ist. Wer jetzt auf einen geläuterten Sünder hofft, dürfte ziemlich schnell enttäuscht werden. Cain ist ein brutaler Gangster, der seine Freiheit keineswegs als Gelegenheit für einen Neuanfang betrachtet. Stattdessen macht er dort weiter, wo er aufgehört hat. Gemeinsam mit seinen Kumpanen zieht er durch den Westen und hinterlässt eine Spur aus Gewalt, Erniedrigung und Tod.
Seine Vergangenheit führt ihn schließlich zu Anna, einer Frau, mit der ihn mehr verbindet als eine flüchtige Bekanntschaft. Während Cain hinter Gittern saß, hat Anna – unter den Namen Mary – ein neues Leben begonnen. Sie ist mit Reverend Jon Blood verheiratet, einem Prediger, der sich um sie und ihre drei Jungen kümmert. Daniel, Simon und Jack, den alle Rabbit nennen, wachsen in einer Familie auf, die ihnen zumindest einen gewissen Schutz vor der rauen Außenwelt bietet. Der Reverend ist allerdings nicht ihr leiblicher Vater, denn diese Rolle kommt ausgerechnet Carter Cain zu. Damit bekommt die Geschichte eine besonders unangenehme Wendung. Denn Cain betrachtet Annas neues Leben keineswegs als ihre eigene Entscheidung. Für ihn ist sie noch immer eine Frau, über die er bestimmen darf.
Azzarello nimmt sich für diese Vorgeschichte erstaunlich viel Raum. Das ist durchaus sinnvoll, weil ich dadurch früh verstehe, welche Gefahr von Cain ausgeht. Allerdings liegt hier bereits eine Schwäche des Comics, denn der Verbrecher wird derart konsequent als grausames Scheusal vorgeführt, dass kaum noch Platz für Überraschungen bleibt.

Drei Jungen auf dem Kriegspfad
Als Cain mit seinen Komplizen bei Anna auftaucht, endet das bisherige Leben der Familie schlagartig. Reverend Blood wird erschossen und Anna verschleppt. Zurück bleiben drei Jungen, die gerade alles verloren haben, was ihnen Sicherheit gegeben hat. Ihr leiblicher Vater fühlt sich für sie ganz und gar nicht verantwortlich.
Daniel, der Älteste, übernimmt diese Verantwortung. Gemeinsam mit Simon und Rabbit beschließt er, den Entführern zu folgen und die Mutter zurückzuholen. Das klingt zunächst nach einem ziemlich aussichtslosen Unterfangen, schließlich sind die Brüder noch Kinder. Sie besitzen weder die Erfahrung noch die körperlichen Voraussetzungen, um es mit den Erwachsenen ihrer Welt aufzunehmen. Und trotzdem machen sie sich auf den Weg.
Gerade dieser Gegensatz gehört für mich zu den stärksten Ideen des Comics. Drei Jungen, die eigentlich Schutz brauchen, müssen selbst für ihr Überleben sorgen und erwachsen werden. Ihre Reise ist keine abenteuerliche Bewährungsprobe, sondern eine verzweifelte Suche nach dem letzten Menschen, der ihnen geblieben ist.
Dabei unterscheiden sich die Brüder durchaus. Daniel versucht, die Rolle des Erwachsenen zu übernehmen. Simon und Rabbit sind stärker auf die Entscheidungen ihres älteren Bruders angewiesen. Zwischen ihnen entsteht eine Mischung aus Zusammenhalt, Angst und kindlicher Unsicherheit.
Ich hätte mir gewünscht, dass Azzarello diese Beziehungen ausführlicher zeigt und entwickelt. Gerade weil die Jungen das emotionale Zentrum der Geschichte bilden sollen, bleiben ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten stellenweise etwas blass.

Auf dem Trail lauert der Tod
Ihre Suche führt die Brüder durch die Weiten von Texas. Was auf den ersten Blick nach grenzenloser Freiheit aussieht, entpuppt sich schnell als ein gefährliches Niemandsland. Die Jungen begegnen Menschen, deren Absichten sie kaum einschätzen können. Gesetzlose, Kopfgeldjäger und andere Gestalten bevölkern eine Welt, in der ein freundliches Gesicht noch lange kein Garant für gute Absichten bedeutet. Hinzu kommen wilde Tiere, Hunger und die unerbittliche Landschaft.
Azzarello nutzt diese Begegnungen gekonnt, um verschiedene Seiten des Westens zu zeigen. Es geht um Geld, Macht, Besitz und die Bereitschaft, andere Menschen für den eigenen Vorteil zu opfern. Der vermeintlich zivilisierte Teil des Westens unterscheidet sich dabei wenig von der Welt seiner Verbrecher.
Interessant ist, dass die Geschichte auch die Perspektive der indigenen Bevölkerung berührt. Mit der Figur Crazy Owl, die ich hier beim englischen Namen belasse, erweitert sich der Blick über das persönliche Schicksal der Familie hinaus. Die Besiedlung des Westens erscheint nicht als heldenhafter Fortschritt, sondern als gewaltsame Aneignung fremden Landes.
Allerdings wirken manche Begegnungen eher wie einzelne Episoden, die den Jungen weitere Gefahren vorführen sollen. Nicht jede davon bringt die eigentliche Suche entscheidend voran. Hier hätte etwas weniger durchaus mehr sein können.

Blut ist dicker als Wasser
Während die Brüder ihrer Mutter folgen, wird immer deutlicher, dass hinter der Entführung mehr steckt als die Grausamkeit gewöhnlicher Banditen. Carter Cain ist ihr leiblicher Vater. Der Mann, vor dem die Jungs ihre Mutter retten wollen, gehört also selbst zu ihrer Familie. Dieser Umstand verändert den zentralen Konflikt erheblich. Die Jungen kämpfen nicht einfach gegen fremde Verbrecher. Sie müssen sich mit einem Menschen auseinandersetzen, dessen Vergangenheit unmittelbar mit ihrer eigenen verbunden ist.
Damit stellt Azzarello eine unangenehme Frage: Was bedeutet Familie eigentlich, wenn Blutsverwandtschaft weder Liebe noch Verantwortung garantiert? Reverend Blood hat den Jungen ein Zuhause gegeben. Cain hingegen beansprucht eine Stellung, die er durch sein Verhalten längst verwirkt hat. Der Gegensatz zwischen beiden Männern könnte kaum deutlicher ausfallen.
Im weiteren Verlauf gewinnt die Geschichte zunehmend an Härte. Die Suche wird zur Auseinandersetzung mit Gewalt und Vergeltung. Dabei verlieren die Brüder Stück für Stück jene Unschuld, die sie zu Beginn noch ausgezeichnet hat. Gerade diese Entwicklung hätte für meinen Geschmack mehr Aufmerksamkeit verdient. Denn die entscheidende Veränderung findet nicht allein in den äußeren Ereignissen sondern in den Jungen selbst statt. Azzarello zeigt die Folgen ihrer Erlebnisse, lässt aber manche emotionalen Zwischenschritte zu schnell hinter sich.

Wenn der Colt die Geschichte erzählt
BLOOD BROTHERS MOTHER ist ein kompromissloser Western. Daran besteht nach wenigen Seiten kein Zweifel. Gewalt wird hier weder beschönigt noch hinter verschlossenen Türen versteckt. Auch sexualisierte Gewalt gehört zu den erschütternden Bestandteilen der Geschichte. Das kann durchaus seine Berechtigung haben, schließlich geht es um eine Welt, in der Menschen andere Menschen wie Eigentum behandeln.
Mich stört allerdings, dass Azzarello bisweilen so stark auf die nächste Grausamkeit setzt, dass die Figuren dahinter zurücktreten. Besonders die Figur des Carter Cain leidet darunter. Seine Brutalität steht außer Frage, doch als Persönlichkeit bleibt er erstaunlich eindimensional.
Auch Anna hätte ich gerne stärker als eigenständige Figur erlebt. Ihre Vergangenheit und ihre Beziehung zu Cain sind für die Handlung entscheidend. Dennoch wird sie über weite Strecken vor allem durch das bestimmt, was andere ihr antun. Das ist besonders schade, weil der Titel ja ausdrücklich die Mutter in den Mittelpunkt zu rücken scheint. Tatsächlich gehört die erzählerische Aufmerksamkeit jedoch überwiegend den Männern und Jungen um sie herum und macht sie damit irgendwie zu einem MacGuffin (also einem Gegenstand, einer Person oder einem Ziel in einer Geschichte, das die Handlung antreibt, für die eigentliche Bedeutung des Werkes / des Films aber völlig unwichtig ist).
Hinzu kommt ein gelegentlich ungleichmäßiges Erzähltempo. Während manche grausame Episode ausführlich ausgespielt wird, geraten wichtige Veränderungen innerhalb der Familie vergleichsweise knapp. Spannung entsteht dadurch reichlich, emotionale Nähe nicht immer.

BLOOD BROTHERS MOTHER in Wasserfarben
Eduardo Rissos Zeichnungen sind für mich der überzeugendste Bestandteil dieses Comics. Wer Risso hauptsächlich aus 100 BULLETS kennt, dürfte zunächst überrascht sein. Statt der dort dominierenden harten Schwarzflächen arbeitet der argentinische Zeichner hier mit einer deutlich weicheren, aquarellartigen Farbgestaltung, was einen harten Kontrast zwischen den gezeigten Bildern und den dargestellten Ereignissen bildet. Warme Gelb- und Orangetöne bestimmen die sonnenbeschienenen Landschaften. Nachts übernehmen Blau und Violett die Bilder. Die Farben lassen den Westen gelegentlich beinahe friedlich erscheinen. Umso heftiger wirken die Gewaltausbrüche, die diese Ruhe zerstören. Für die handgemalten Innenillustrationen in (THE) BLOOD BROTHERS MOTHER gewann er 2025 den EISNER AWARD in der Kategorie „Best Pinter/Multimedia Artist (Interior Art)“.
Besonders gefällt mir, wie Risso mit Perspektiven und Bildausschnitten arbeitet. Weite Landschaftsbilder vermitteln die Verlorenheit der Jungen. Eng gefasste Panels konzentrieren sich dagegen auf Gesichter, Bewegungen und bedrohliche Einzelheiten. Dabei versteht Risso hervorragend, wann er eine Szene beschleunigen muss. Kurze Bildfolgen lassen Gewalt plötzlich und unmittelbar erscheinen, größere Panels geben anschließend Gelegenheit, ihre Folgen wahrzunehmen.
Seine Figuren besitzen eine ausdrucksstarke Körpersprache. Angst, Erschöpfung und Entschlossenheit werden häufig bereits durch Haltung und Gesichtsausdruck erkennbar.
Ganz ohne Schwächen bleibt die Gestaltung allerdings nicht. Einige Nebenfiguren sind auf den ersten Blick schwer auseinanderzuhalten. Auch die wechselnde Detailfülle fällt auf. Manche Landschaften sind sorgfältig ausgearbeitet, während andere Hintergründe ausgesprochen sparsam bleiben. Trotzdem gelingt Risso etwas Bemerkenswertes: Seine Bilder machen die Schönheit dieser Landschaft sichtbar, ohne ihre Gefährlichkeit zu verschweigen.

Zwei alte Revolverhelden
Brian Azzarello stammt aus Cleveland und gehört seit den 1990er-Jahren zu den bekannten amerikanischen Comicautoren. Besonders seine gemeinsam mit Eduardo Risso geschaffene Krimiserie 100 BULLETS machte ihn international bekannt. Daneben schrieb er unter anderem Geschichten um BATMAN, WONDER WOMAN und JOKER.
Eduardo Risso wurde 1959 in Argentinien geboren und arbeitete zunächst für den südamerikanischen und europäischen Comicmarkt, bevor er auch in den USA große Erfolge feierte. Seine markante Bildsprache und sein Gespür für düstere Geschichten haben ihm zahlreiche Auszeichnungen eingebracht.
Beide Künstler arbeiteten später erneut bei SPACEMAN und MOONSHINE zusammen. BLOOD BROTHERS MOTHER knüpft an ihre Vorliebe für moralisch fragwürdige Figuren an, führt sie aber in eine andere visuelle Richtung.

Fazit
BLOOD BROTHERS MOTHER hat mich vor allem durch seine Zeichnungen beeindruckt. Eduardo Risso liefert einen visuell außergewöhnlichen Western, dessen Schönheit und Brutalität häufig unmittelbar zusammenprallen.
Brian Azzarellos Geschichte überzeugt mich dagegen nicht durchgängig. Die Grundidee ist stark, die Reise der drei Brüder spannend. Doch die wiederholten Grausamkeiten ersetzen gelegentlich jene sorgfältige Figurenentwicklung, die aus einer guten Rachegeschichte eine wirklich bewegende Erzählung machen könnte. Besonders Anna – die titelgebende Mutter – und die Beziehungen innerhalb der Familie hätten mehr Raum verdient gehabt.
Wer harte, schonungslose Western liebt und mit drastischer Gewalt umgehen kann, bekommt dennoch einen sehenswerten Comic. Wer dagegen eine vielschichtige Familiengeschichte erwartet, dürfte nicht vollständig zufrieden sein. Für mich bleibt ein hervorragend gezeichneter, erzählerisch aber nicht immer überzeugender Western. Einer, bei dem die Bilder länger im Gedächtnis bleiben als manche seiner Figuren …

- BLOOD BROTHERS MOTHER
- Brian Azzarello und Eduardo Risso
- Hardcover | 224 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96582-244-3
- Storyline: ★★★☆☆
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★★
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ☆☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
- © Schreiber und Leser Verlag
- Informationen zu den Bildrechten findest Du hier




