2024 waren meine Frau und ich in dem Land, in dem der Nachfolge-Band des Albums aus der vergangenen Woche spielt: Marokko. Dies – und die Tatsache, dass ich von den Zeichnungen verzaubert bin – ist der Grund, dass ich beiden Bänden von Plessix so kurz hinter einander jeweils einen Beitrag widme.
Ich erwische mich schon auf der ersten Seite dabei, wie ich langsamer lese als sonst. Schon wieder! Auch DER WIND IN DEN DÜNEN zwingt mich dazu. Michel Plessix setzt direkt an DER WIND IN DEN WEIDEN an, übernimmt Maulwurf, Ratte, Kröterich und Dachs und schiebt einige von ihnen sanft aus ihrem englischen Flusstal in Richtung Nordafrika. Die deutsche Ausgabe des Splitter Verlages fasst die fünf französischen Alben von LE VENT DANS LES SABLES zu einem 160 Seiten starken Band zusammen.

Eine Schiffsratte, die alles verändert
Am Anfang wirkt alles immer noch vertraut. Es ist Spätsommer geworden am Fluss. Die Tiere richten sich auf die kommenden, kühleren Tage ein und bestücken ihre Vorratskammern. Aber die Ratte grübelt. Sie steckt emotional fest. Die Schwalben ziehen gen Süden. Und was macht sie?
Plötzlich fühlt sich Ratte irgendwie alt, zu sesshaft, irgendwo falsch abgebogen. Ihre Gedanken bekommen eine neue Richtung, als sie auf eine tätowierte Schiffsratte trifft. Der knorrige Besucher schwärmt von Häfen, Gerüchen und Frauen, von Nächten an Deck und von dem Gefühl nicht zu wissen, welcher Horizont als nächstes auftaucht. Fernweh breitet sich in Freund Ratte aus.
Wenn die Weiden zu eng werden
Zum Abendessen bei Kröterich erzählt sie ihren Freunden von dieser Begegnung. Aber eigentlich ist es eine Beichte. Sie fragt sich, ob sie ihr Leben verpasst hat. Der vernünftige Dachs und der vorsichtige Maulwurf versuchen sie zu beruhigen. Kröterich dagegen hört nur das Wort „Abenteuer“. Er saugt die Geschichte auf wie Benzin. Noch in derselben Nacht verschwindet er. Zurück bleiben ein leerer Stuhl und der Verdacht, dass die Sache mit der Schiffsratte Folgen haben wird. Also ziehen Maulwurf und Ratte los, um den Kröterich zu finden.
Plessix erzählt dies nicht als hektische Verfolgungsjagd. Das würde auch gar nicht zum gemächlichen Ton der WIND-IN-DEN-Alben passen. Eher begleitet man zwei Freunde, die schon ahnen, dass sie dem Chaos hinterherlaufen – und es trotzdem tun.
Ihre Suche führt sie in einem Hafen. Sie geraten an zwielichtige Figuren und sitzen am Ende als blinde Passagiere auf einem Dampfer, der Richtung Orient fährt. Schon hier verschiebt sich erstmals die Tonlage. Die Geschichte bleibt warm und verspielt, aber der vertraute Fluss ist fort. Stattdessen wehen Salzgeruch, Maschinenlärm und fremde Sprachen über die Seiten. Eine neue, eine andere Reise beginnt.

Verloren in der Medina
Im zweiten großen Block von DER WIND IN DEN DÜNEN betreten Ratte und Maulwurf eine Welt, die für sie komplett neu ist. Und ich kann mich sehr gut mit ihnen identifizieren. Mir ging es in Marokko ähnlich.
Das Schiff legt in einem nordafrikanischen Hafen an. Der Wind trägt Gewürze, Fisch, Schweiß und Musik heran. Unsere Freunde finden enge Gassen, weiße Häuser und Minarette statt Kirchtürmen vor über den Dächern der Stadt. Plessix nutzt dieses Setting nicht als reine Folklore einer andersartigen Welt. Vielmehr lässt er unsere Helden spürbar überfordert durch diese neue Welt stolpern, die so ganz anders ist.
Ein selbsternannter Führer heftet sich an ihre Fersen. Er lächelt, verspricht Hilfe, kassiert Geld und verschwindet im Getümmel. Ratte und Maulwurf stehen ohne Orientierung in einem Labyrinth aus Gassen und Gässchen. Die beiden werden ausgenommen, aber sie treffen auch auf Menschen, die ihnen helfen, sie aufnehmen, ihnen zu essen geben, die Medina zeigen und sie auf den Platz der Geschichtenerzähler schleusen.

Kröterich erobert den Märchenplatz
Und dort taucht die eigentliche Naturgewalt der Serie wieder auf. Kröterich hat sich längst eingerichtet. Er ist natürlich nicht irgendwo gestrandet. Er steht in der Mitte des Platzes, spielt den großen Erzähler und saugt die Aufmerksamkeit seines Publikums auf. Seine Geschichten sind maßlos. Er schiebt sich mit Worten durch Gefahren, Abenteuer und Romanzen.
Plessix inszeniert dies wie eine humorige Metakommentierung des eigenen Berufs. Der ausufernde Erzähler im Zentrum, das Publikum staunend, die Freunde am Rand, welche mit den Augen rollen und gleichzeitig stolz sind.
Zwischen Souk und Seemannsgarn
So schön die Zeichnungen erneut sind, so erstaunlich textlastig sind auch die Seiten wieder. Auch dieses Mal finden sich Kommentare aus dem Off, Erzählboxen und innere Monologe. Ja, das passt zum Ursprungsalbum und es gab dort auch gute Gründe dafür. Aber hier gilt das Argument nicht mehr, dass Plessix sich bei den WEIDEN stark am Ursprungstext orientiert habe. Teilweise fühlt es sich eher wie ein vorgelesener Kinderroman an, der zufällig wunderschöne Bilder bekommen hat.
Der Band verschiebt nun den Fokus vom Problem der Heimkehr zum Reiz des Bleibens. Ratte entdeckt die Küste, Maulwurf staunt über die Märkte, Kröterich lebt sein Ego aus. Immer wieder fragt die Erzählung ganz leise, ob ein gutes Leben eher am vertrauten Flussufer oder im fremden Hafen liegt. Noch gibt es keine Antwort, nur den Sand unter den Pfoten.

Schatzsuche im Zeitlupentempo
Der nächste Abschnitt von DER WIND IN DEN DÜNEN führt die Figuren endgültig in eine andersartige Welt – in die Wüste. Die Idee eines Schatzes taucht auf, mal als hanebüchene Behauptung von Kröterich, mal als halb wahrer Hinweis aus der Umgebung. Spätestens mit dieser Episode wird klar, dass Plessix keine Abenteuersaga im klassischen Sinne zeichnet. Die Wüste ist bei ihm mehr Bühne für Stimmungen als Kulisse für Gefahr.
Ratte, Maulwurf, Kröterich und verschiedene Nebenfiguren ziehen mit einer Karawane los. Kamele, Wasserbottiche, Zelte sind in gemächlicher Bewegung. Plessix lässt sie durch die gleißende Hitze schreiten, Sandfelsen ragen hervor, Oasen tauchen aus dem Hitzeflimmern auf. Statt dramatischer Überfälle gibt es kleine Begebenheiten. Ein Tier, das fast kollabiert, ein Streit um eine Richtungsentscheidung oder ein Wüstenbewohner, der ihnen seine Lebenshaltung erklärt. Die Erzählung verlangsamt sich weiter. Es ist, als ob der Sand der Zeit langsamer verrinnt.
Karawane der leisen Töne
In einem Interview sagte Plessix einmal, dass er hier keinen schnellen Abenteuerplot schreiben wollte. Er nennt DER WIND IN DEN DÜNEN einen hedonistischen, kontemplativen, poetischen Reisebericht. Für ihn besteht das Vergnügen darin, seinen Figuren einfach beim Unterwegs-Sein zuzusehen. Die Schatzsuche funktioniert mehr als Vorwand, um die Hitze, die Farben, das Licht im Sand zu zeigen.
Am Ende dieser Reise steht natürlich eine Enttäuschung. Der Schatz ist kleiner als erhofft, anders als erwartet oder vielleicht sogar eher symbolisch. Je nachdem wie man die Bilder liest. Wichtig ist etwas anderes. Die Freunde sind erschöpft, aber gewachsen.
Ratte hat eine Ahnung davon bekommen, wie sich ein anderes Leben anfühlt. Maulwurf hat mehr gesehen als seinen Keller und das nahe Ufer. Kröterich durfte sich als Wüsteneroberer fühlen, ohne mit einem zertrümmerten Automobil im Straßengraben zu enden.
Hier liegt für mich ein Reiz dieser Serie. Plessix erzählt nicht von Helden, die die Welt verändern. Er erzählt von Figuren, die ein Stück weiter sehen als vorher. Die Wüste schmirgelt etwas von ihrer Naivität weg, ohne ihnen die Neugier zu nehmen. Dieser Ton ist selten im Mainstream der frankobelgischen Abenteuercomics.

Alte Freunde, neue Sichtweisen
Im letzten Abschnitt der großen Reise kippt die Stimmung noch einmal. Die Wüste ist bereist, der Schatz ist abgehandelt, das Heimweh wächst. In der fünften Episode zeichnet Plessix Ratte, Maulwurf und Kröterich eher melancholisch. Sie starren gedankenverloren zurück Richtung Heimat. Die Rückkehr gelingt nicht aus eigener Kraft. Plessix bringt den Dachs zurück ins Spiel.
Der alte Freund ist ihnen nachgereist und organisiert die Heimfahrt. Er ist am Anfang der Serie die Stimme der Vernunft. Jetzt wird er zur Brücke zwischen den Welten. Mit seiner Hilfe treten die drei Freunde ihre Heimreise an. Der Weg führt noch einmal durch die inzwischen vertraute Stadt, über den Markt, durch den Souk. Szenen wirken wie Abschiedspostkarten. Eine letzte Essensszene, ein letzter Blick auf eine Gasse in der die Sonne direkt auf die Hauswand scheint und Menschen denen man nicht versprechen kann, dass man sich wieder trifft.
Ratte, Maulwurf und ein geläuterter Kröterich
Nach dem Staunen kommt die Erkenntnis, dass man nicht alles mitnehmen kann. Die Figuren reisen mit leeren Geldbeuteln, aber prall gefüllten Köpfen zurück – oder vielleicht doch nicht? Nun, das Ende ist bewusst offen gehalten und lässt Raum für neue Abenteuer.
Für mich schließt das Album einen Kreis. Die erste Hälfte begann mit Ratte’s Zweifel, ob ein Leben am Fluss genug ist. Die letzten Seiten zeigen die Freunde gewachsen, verändert, aufgeladen mit Erfahrungen. Plessix verkauft mir das nicht als moralische Lektion. Es fühlt sich eher an wie ein sanftes Schulterklopfen: Du darfst aufbrechen, du darfst zurückkehren und beides hat seinen Wert.

Alte Freunde, neue Nuancen
Eine Fortsetzung mit bekannten Figuren funktioniert nur, wenn diese Figuren mehr werden als bloße Wiederholungen. DER WIND IN DEN DÜNEN knüpft an die psychologischen Linien von DER WIND IN DEN WEIDEN an, schichtet aber Neues obenauf.
Ratte bleibt die Figur mit der ich mich am stärksten identifizieren kann. Sie steht anfangs an einem Punkt, an dem viele Erwachsene irgendwann landen: Beruf, Alltag, immer dieselben Wege, Zweifel, dann Aus- bzw. Aufbruch. Der Besuch der Schiffsratte trifft genau ins Zentrum dieser Müdigkeit und durchbricht die Routinen. Im Verlauf der Geschichte kippt das Handeln – anders als bei Kröterich – nicht in blinde Abenteuerlust. Ratte bleibt vorsichtig, ein Wenig nervös, aber geht trotzdem. Sie ist also keine Stereotype, sondern ein Charakter, der seine Ängste mitnimmt und trotzdem wächst.
Maulwurf bleibt staunend. Er ist die Linse durch die ich die neue Welt betrachte. Plessix gönnt ihm kleine Momente der Eigenständigkeit. Er widerspricht, redet Kröterich ins Gewissen, entscheidet instinktiv mal gegen die Mehrheit. Es sind die kleinen Gesten, die mir Gefühl geben, dass dieser Maulwurf nicht derselbe ist wie im Vorgängerband.
Bewegungsdrang und Ruhe
Kröterich bleibt der große Egomane. Im Originalroman ist er manchmal so nervig, dass man ihn am liebsten an eine Wand klatschen möchte. In DER WIND IN DEN DÜNEN wirkt er fast ein bisschen milder. Seine nazistischen Wesenszüge finden jetzt eine Bühne auf dem Platz der Geschichtenerzähler. Er ist in einer Umgebung, in der Großmäuligkeit sogar gefragt ist. Geht dadurch ein Teil der Schärfe verloren geht, die ihn in DER WIND IN DEN WEIDEN so unberechenbar machte? Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Der beliebte Dachs tritt diese Mal nur punktuell auf. Er ist weniger Mentor als Fixpunkt. Seine Funktion besteht darin, immer dann aufzutauchen, wenn die Geschichte einen Erdungspunkt braucht. Das verschiebt die Figurenkonstellation. Das Quartett wird zum Trio auf Zeit.
Plessix füllt diese Lücke mit Nebenfiguren, Hafenarbeitern und Wüstenbewohnern. Die meisten bleiben Typen, bewusst als Figuren gezeichnet, denen man auf einer Reise kurz begegnet und an die man sich Jahre später nur in Stimmungen erinnert.

Panel-Spaziergänge für Detailjäger
Über die Zeichnungen von Plessix lässt sich schwer nüchtern schreiben. Die Kulissen sind erneut detailversessen und die Aquarellfarben lassen selbst einen staubigen Souk wie einen Traum wirken. Hier treffen Plessix‘ Vorstellungskraft und meine erlebte Erfahrung aufeinander. Ja, so habe ich Marokko erlebt.
Die Seiten sind dicht, aber nie unübersichtlich. Plessix arbeitet mit vielen mittleren und großen Panels, in denen sich massenhaft kleine Szenen verstecken: ein Händler, der im Hintergrund gestikuliert, ein Kind, das sich an einem Esel festhält, Insekten, die sich durch die Luft schlängeln. Sie bringen Humor in den Details. Ich ertappe mich beim zweiten Lesen dabei, wie ich kaum noch dem Text folge, sondern nur noch von Detail zu Detail wandere.
Wüstenlicht statt schattige Auen
Die Farbdramaturgie nutzt die Reise von Grün zu Ocker. In DER WIND IN DEN WEIDEN dominieren kühle Flussfarben, Nebel, Blätterdächer. Jetzt regieren Ocker, Rot, verbranntes Gelb. Die Wüste strahlt, die Nächte glühen blauviolett. Trotzdem wirkt nichts kitschig. Plessix hat ein Gefühl dafür wie weit er Sättigung treiben kann, bevor das Auge ermüdet.
Interessant ist auch sein Umgang mit anthropomorphen Figuren. In Interviews erzählte er, dass er die Tiere eher als kleine Menschen mit Masken zeichnet. Genau so fühlen sie sich an. Sie bewegen sich glaubwürdig durch menschliche Architektur. Sie sitzen auf Stühlen, tragen Mäntel, trinken Tee. Es gibt keine Slapstick-Deformationen. Das hebt die Geschichte aus der reinen Kindercomic-Ecke heraus.
Viel Text? Viel Text!
Ein Kritikpunkt bleibt: die Textmenge. Die Off-Texte wiederholen manchmal was die Bilder bereits ausdrücken. Plessix selbst begründete dies mit dem Wunsch, das Lesetempo zu verlangsamen und eine literarische Stimmung zu erzeugen. Mir geht es so, dass ich nach ein paar Seiten in diesen Rhythmus hineingleite. Wer aber klare, knappe Dialogführung bevorzugt, kann dies hier als ermüdend empfinden.

Vom Flussroman zum Reiseepos
DER WIND IN DEN DÜNEN ist keine simple Zugabe. Es ist die logische Fortsetzung dessen, was Plessix mit DER WIND IN DEN WEIDEN begonnen hat. Der Ausgangspunkt bleibt Kenneth Grahame’s Roman, der 1908 erschienen ist und seitdem als Klassiker gilt, der weit über reine Kinderliteratur hinausreicht.
Der Unterschied liegt in der Freiheit. Die Adaption von DER WIND IN DEN WEIDEN hält sich eng an die Struktur des Romans. Plessix passt Ton und Rhythmus an, aber die Grundpfeiler stehen fest.
DER WIND IN DEN DÜNEN dagegen erfindet eine komplett neue Geschichte mit denselben Figuren. Im Interview sagte Plessix, dass die Figuren irgendwann zu seinen eigenen geworden seien. Genau dieses Gefühl vermittelt mir dieser Band.
Wie viel Grahame noch in Plessix steckt
Inhaltlich verschieben sich die Schwerpunkte: DER WIND IN DEN WEIDEN erzählt von Freundschaft, Heimat, Technikangst und sozialen Klassen. Die DÜNEN der Wüste und des Maghreb öffnen nun ein Feld, das eher von Fremdheit, Neugier, Übergängen und dem Spannungsfeld zwischen Bleiben und Gehen handelt.
Formal bleibt vieles gleich. Die Aufteilung in Kapiteln, die Erzählstimme aus dem Off, die Lust an Nebenhandlungen. Trotzdem wirkt DER WIND IN DEN DÜNEN eigenständig. Statt eines Reigens von Episoden entlang des Flusses bekommen wir einen langen Bogen über Meere aus Wasser und Sand.
Ob man diese Fortsetzung braucht, hängt stark davon ab, wie sehr man sich auf diese Figuren eingelassen hat. Für mich fühlt sich der Band an wie ein langer, schöner Epilog. Der Roman wirkt nach, die Adaption lebt fort und Michel Plessix nutzt die Freiheit, noch einmal alles auszuspielen, was ihn interessiert: Reisen, Licht, kleine Gesten zwischen Freunden. Wer im ersten Band vor allem die Spannung um Kröterich’s Autowahn mochte, findet hier weniger davon. Wer die leisen Zwischentöne liebte, ist hier genau richtig.

Orientbilder zwischen Klischee und Zuneigung
Ein letzter Aspekt verlangt noch einen genaueren Blick. DER WIND IN DEN DÜNEN spielt mit Orientbildern. Souks, Gewürzstände, Erzählerplätze, verschlungene Gassen, Gastfreundschaft, aber auch Schmutz, Betrug und Behördenwillkür. Aus heutiger Sicht: ein Balanceakt.
Plessix kennt die Region aus eigenen Reisen. Er erzählt selbst, dass er die Szenarien in Marokko entwickelt hat und dabei bewusst die eigene touristische Perspektive hinterfragt. Die Alben zeigen keine politisch komplexe Nordafrika-Darstellung. Es sind Reiseimpressionen, gefiltert durch die Augen kleiner Tiermenschen. Trotzdem lässt er kleine Stiche zu: korrupte Führer oder die Frage, wer sich hier eigentlich wen anschaut. Ratte und Maulwurf staunen über den Markt. Die Marktbesucher staunen zurück.

Zeitlose Erzählung
Am Ende schlage ich DER WIND IN DEN DÜNEN zu und habe das Gefühl, von einem Urlaub heimzukommen. Die Figuren sind dieselben wie in DER WIND IN DEN WEIDEN. Die Welt wirkt größer, aber auch fragiler. Da wir – wie bereits erwähnt – 2024 einen Urlaub in Marokko verbracht haben, habe ich mich stark dorthin zurückversetzt gefühlt.
Ein Alleinstellungsmerkmal im heutigen Markt ist die Kombination aus klassischer franko-belgischer Erzählweise und (fast) nostalgiefreier Zeitlosigkeit. Der Band spielt in keiner klaren Epoche. Technik und Kleidung könnten irgendwo zwischen Zwischenkriegszeit und nie verortet sein. Damit passt DER WIND IN DEN DÜNEN gut zu jenen Lesern, die sich nach entschleunigten Geschichten sehnen, ohne direkt in Retro-Kitsch zu rutschen.
Für mich funktioniert das Buch auf zwei Weisen: beim ersten Lesen folge ich einfach der Reise. Ich will wissen ob Ratte ihre Zweifel sortiert, ob Maulwurf seinen Horizont erweitert und ob Kröterich irgendwann ein Minimum an Einsicht gewinnt. Beim zweiten Lesen bleibt die Handlung im Hintergrund und ich verliere mich im Licht auf Hausfassaden, im Muster eines Teppichs und im Staub der Karawane.
Aus Sicht einiger anderer Rezensenten steht DER WIND IN DEN DÜNEN im Schatten des Vorgängerbands. Für mich stehen sie sowohl grafisch als auch atmosphärisch auf derselben Stufe.

Fazit
In diesem Beitrag habe auch ich mir mehr Zeit als sonst genommen. Danke also, falls Du bis hierhin durchgehalten hast.
Mein Fazit fällt klar aus. Wer schon bei DER WIND IN DEN WEIDEN ausgestiegen ist, weil der Ton zu sanft oder der Text zu dicht war, wird mit diesem Werk kaum bekehrt. Wer aber das erste Buch liebt, bekommt mit DER WIND IN DEN DÜNEN ein langes, warmes Nachglühen. Eine Reise, die nicht auf große Twists setzt, sondern auf kleine Erkenntnisse und auf die beruhigende Gewissheit, dass man heimkehren darf, ohne der Welt den Rücken zu kehren.
Ich würde den Band allen empfehlen, die Lust auf entschleunigte Fantasy im Grenzbereich zwischen Kinderzimmer und Erwachsenensessel haben. Man kann ihn gemeinsam lesen, man kann ihn verschenken, man kann ihn immer wieder aus dem Regal ziehen und eine beliebige Doppelseite aufschlagen. Irgendwo werden Ratte und Maulwurf gerade wieder durch die Gassen der Medina laufen. Es lohnt sich, ihnen noch einmal zu folgen.
Leider ist der Band bei Splitter inzwischen verlagsvergriffen und wird dort wohl auch nicht mehr nachgedruckt. Halte also die Augen auf. Und sollte Dir das Album in einem gut sortierten Comic-Laden begegnen … nun, dann löse das Ticket und mach‘ Dich auf die Reise!

© Splitter Verlag | Hardcover | 160 Seiten | Farbe
Storyline: ★★★☆☆
Zeichnungen: ★★★★★
Farben: ★★★★★
Lettering: ★★☆☆☆
Humor: ★★☆☆☆
Meine persönliche Bewertung: ★★★☆☆
ISBN: 978-3-86869-697-4
Die Bände der Reihe

