Cover von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Jeder ist WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Ich mag Geschichten, die mir sofort ein klares Geräusch vermitteln. WILLKOMMEN IN PANDEMONIA klingt wie ein Stempel auf einem Formular, das niemand braucht und den niemand beantragt hat.

Ismael Posta, Life Guru und Motivationstrainer für Führungskräfte, ist ein Mann, der beruflich Antworten verkauft, aber plötzlich nur noch Durchsagen bekommt. Das ist komisch, das ist gemein und es ist eine herrlich zeitgemäße Strafe (Ismael Posta? Wie „Imposter“, englisch für Hochstapler? Ja, schuldig im Sinne der Anklage).

 

Innenseite 04 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Aktenzeichen Inferno

Die Grundidee trifft einen Nerv, weil sie nicht lange über Metaphysik schwadroniert. Sie packt die Gegenwart beim Kragen. Die Hölle funktioniert wie ein überlastetes System. Überall Regeln, überall Zuständigkeiten, überall Beteiligte, die sich hinter ihren Prozessen verstecken. Nur dass es eben keine Menschen sind, sondern Dämonen – Dämonen mit Aktenordnern.

Ich habe beim Lesen oft gedacht, dass das Album seine satirische Schärfe aus einer simplen Entscheidung zieht: Es macht die Hölle nicht exotischer, sondern einfach nur banaler. Es macht sie bürotauglich und lässt dann einen Berufs-Optimisten und Profi der Selbstvermarktung durch diese Gänge laufen.

 

Innenseite 05 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Ein Abgang und eine Ankunft

Ismael Posta ist offensichtlich weltberühmt. Das Album stellt ihn nicht als stillen Grübler vor, sondern als Maschine aus Charisma, einen Dampfplauderer und Egozentriker. Er lebt davon, dass Menschen ihm zuhören, zujubeln und ohm glauben wollen. Dann kippt ein Moment, der eigentlich nur peinlich sein dürfte, in etwas Endgültiges: Olive, falsche Röhre, Röcheln, Tod.

Posta stirbt. Und weil WILLKOMMEN IN PANDEMONIA keine Zeit mit Lichtern am Ende von Tunneln verliert, wacht er kurz darauf im Zug auf mit dem Ziel Pandemonia, Hauptstadt der Hölle.

Posta reagiert genau so, wie ich es mir von ihm wünsche: Er akzeptiert nichts, er formuliert um, er reframed und spricht mit jedem, der eine Uniform trägt. Er will Einspruch einlegen, weil das hier ja ein Irrtum sein muss. Diese erste Strecke zwischen Tod und Ankunft ist erzählerisch clever, weil sie Posta als Figur ohne jede Scham etabliert. Er ist nicht der tragische Verdammte. Er ist der Typ, der auch im Jenseits noch eine Beschwerde als Chance begreift.

Und dann kommt die Pointe, die einen ganzen Kosmos öffnet. Die Hölle bestraft nicht nur die klassischen Laster. Sie ergänzt laufend neue Tatbestände wie z.B. Spamschleudern, Ghosting, Grooming oder grenzwertiges Crowdfunding. Das ist albern, das ist bitter. Und es ist genau der Spiegel, den unsere Kultur derzeit verdient hat.

 

Innenseite 06 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Einspruch beim Fürsten der Finsternis

Sobald Posta ankommt, wird aus dem Witz ein Setting. PANDEMONIA ist keine romantische Unterwelt mit Kerkerfolklore. Es ist eine Stadt. Sie wirkt bevölkert, wirkt geschäftig und organisiert. Und genau diese Organisation macht sie unheimlich. Denn je normaler der Betrieb, desto deutlicher erkenne ich meine eigene Welt darin wieder.

Posta findet schnell heraus, was ihm wirklich im Weg steht. Nicht Teufelshörner, sondern Zuständigkeiten. Die infernale Verwaltung ächzt unter Überlastung. Die Verdammten kommen in Massen und die Regeln sind widersprüchlich, die Führung ratlos. Luzifer hängt irgendwo zwischen Burn-Out und Sitzungsroutine. Ich mag diese Luzifer-Figur, weil sie nicht als großes Monster auftritt, sondern stattdessen wie ein Manager wirkt, dem die Kennzahlen entgleiten.

 

Innenseite 07 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Bürokratie als Höchststrafe

Die Handlung setzt jetzt auf Reibung. Posta trifft Nebenfiguren, die wie Karikaturen aus einem Behördenkompendium wirken. Ein Anwalt, der eher zynisch als hilfreich ist. Eine Richterfigur, die aussieht wie eine brünette Angela Merkel und Regeln liebt, weil die Regeln ihr Halt geben. Mitarbeitende, die innerlich gekündigt haben, aber weiter stempeln. Es knallt zwischen Posta’s unerschütterlicher Selbstgewissheit und einem System, das jede Regung in ein Formular pressen will.

Hier entsteht der Kernspaß des Albums. Es zeigt, dass Folter nicht unbedingt Feuer braucht. Manchmal reicht eine endlose Prozesskette.

 

Innenseite 08 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Der Guru als Systemfehler

Ab diesem Punkt verschiebt WILLKOMMEN IN PANDEMONIA seine Satire in mehrere Richtungen zugleich. Posta versucht nicht nur, sich zu retten. Er wirkt wie ein Störsignal, er inspiriert und er nervt. Er manipuliert und bringt Abläufe durcheinander, weil er Menschen wie Dämonen liest und Druckpunkte findet. In manchen Momenten ist er fast bewundernswert, in anderen möchte man ihn nur noch schütteln.

Das Album spielt klug damit, dass Posta nicht einfach der Bösewicht ist. Er ist auch nicht der Held: er ist ein Produkt, das er gelernt hat zu vermarkten. Er hat das System der Aufmerksamkeit perfektioniert. Jetzt trifft er auf ein System, das Aufmerksamkeit als Gefahr betrachtet. Die besten Szenen entstehen, wenn beide Systeme kollidieren, wenn Posta mit seinem Dauerlächeln sogar Folterer aus dem Takt bringt und Optimismus wie ein Gift wirkt.

 

Innenseite 09 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Ein Ende, das zu ordentlich lächelt

Im Finale läuft vieles auf eine Entscheidung hinaus, die ich in ihrer Logik nachvollziehen konnte. Gleichzeitig spürte ich jedoch eine kleine Enttäuschung. Ist das Ende zu sauber, zu vorhersehbar? Ich verstehe das. Der Weg ist frech, das Ziel selbst wirkt aber einen Tick zu brav.

Trotzdem bleibt ein Pluspunkt, den ich nicht kleinreden will. Das Album beendet seine Idee. Es lässt mich nicht mit einem halben Gedanken stehen. Es macht einen Deckel drauf. Und es tut das zügig.

 

Innenseite 10 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Panel-Rhythmus mit Büroflair

Was mich wirklich überzeugt hat, ist die Erzähltechnik. Das Album liest sich flüssig. Es springt nicht hektisch herum, bleibt beweglich. Viele Einstellungen wechseln so, dass ich mich selten fest lese. Totale, damit ich die Szene verstehe. Nahaufnahme, damit ich die Figur spüre. Detail, damit ein Gag sitzt oder ein Hinweis klickt. Genau diese Abfolge macht aus dieser Satire eine Geschichte.

Agrimbau schreibt Dialoge, die selten labern. Sie kommen knackig, liefern Charakter und treiben die Szene. Das ist wichtig, weil die Prämisse sonst leicht zum Sketche-Heft zerfallen könnte. Stattdessen baut das Album eine Handlung, die wie eine Führung durch eine Behörde wirkt. Jeder Schalter zeigt ein anderes Problem. Jede Abteilung hat ihr eigenes Grauen. Und wo genau gibt es nun diesen Passierschein A38?

 

Innenseite 11 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Kürze und Kurzweilig

Ich merke, wie sehr das Duo die Pointe ernst nimmt. Die Hölle ist nicht nur Kulisse. Sie ist ein Spiegel. Das Album setzt seine Kritik nicht mit erhobenem Zeigefinger durch. Es lässt mich lachen, und genau dann trifft es. Die Satire beißt, bleibt aber verspielt.

Mein größter Kritikpunkt liegt im Tempo. 72 Seiten sind straff. Manchmal hätte ich gern eine Szene länger ausgekostet. Gerade wenn das Album eine Idee findet, die weh tut, schaltet es schon zum nächsten Schalterraum.

 

Innenseite 12 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Wimmelbild mit Krawatte

Gabriel Ippoliti zeichnet eine Unterwelt, die nicht nur nach Rauch und Schwefel aussieht, sondern nach Betrieb. Mich haben vor allem zwei Dinge getragen. Erstens: die Hintergründe. Die Stadtpanoramen und Innenräume wirken dicht. Überall stehen Figuren, überall hängen Details. Das gibt PANDEMONIA Gewicht.

Zweitens: die Gesichter. Ippoliti braucht nicht viele Linien, um Emotionen zu zeigen. Er trifft diesen leicht überzeichneten Stil, der Humor zulässt, ohne die Szene zu entwerten. Viele Nebenfiguren funktionieren über Silhouette und Haltung.

Das ist eine Stärke in einem Album, das Verwaltung als Horror zeigt und Figuren sofort lesbar sein müssen. Ich erkenne den gestressten Funktionär, den gelangweilten Sachbearbeiter und den Aufseher, der auch nur Schichtdienst macht.

Schwefel, aber bitte gut ausgeleuchtet

Dass Ippoliti und Agrimbau als Duo schon lange zusammenarbeiten, spüre ich in der Sicherheit der Seiten. Ihre gemeinsamen Titel LA BURBUJA DE BERTOLD, EL GRAN LIENZO, PLANETA EXTRA oder EDEN HOTEL werden in Argentinien fast als kleine Reihe von modernen Klassikern behandelt. Diese Routine merkt man der Bildregie an.

Auch farblich bleibt alles funktional. Schwefeliges gelb, keine Effekthascherei, klare Lesbarkeit. Das ist bei einer Höllenstadt gar nicht so selbstverständlich. Der Look trägt die Satire, statt sie zu übertünchen.

 

Innenseite 13 von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Das Absurde ernst genommen

Diego Agrimbau schreibt gern mit einem Haken. Er baut ein Genre-Setting, dann schiebt er eine gesellschaftliche Beobachtung hinein, bis beides nicht mehr zu trennen ist.

In WILLKOMMEN IN PANDEMONIA finde ich seine stärkste Idee nicht einmal in der Influencer-Satire, obwohl die hervorragend sitzt. Ich finde sie in der Bürokratie. Das Album zeigt, wie Systeme entstehen, die niemand mehr steuert. Regeln wachsen weiter, auch wenn der Sinn verdunstet. Selbst Luzifer bekommt keine Antwort von oben. Sogar sein Chef ist abgetaucht.

Ich liebe diesen Gegenwartsbezug, weil ich mich schon immer gefragt habe, ob unsere Gegenwart nicht eigentlich die echte Hölle ist. Das Album karikiert zeitgleich unsere moralische Aufgeregtheit und unsere Prozessgläubigkeit. Das Album macht sich nicht über das Gute lustig, sondern über die Mechanik, mit der wir das Gute verwalten wollen.

Trotz allem hätte ich mir an zwei Stellen ein wenig mehr Mut zur Hässlichkeit gewünscht. Posta bleibt lange zu glatt, auch persönlich und optisch. Das ist zwar seine Funktion. Aber gerade weil Agrimbau ihn so effizient als Störkörper nutzt, hätte ich gern einen Moment gehabt, in dem die Maske wirklich fällt.

 

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Fazit

WILLKOMMEN IN PANDEMONIA ist ein schlankes Album mit einem großen Spaßfaktor und echten Stacheln. Es liest sich schnell, bleibt hängen und trifft einen Zeitgeist, der sich selbst gern optimiert und dabei ständig neue Schuldformen erfindet.

Wenn du Satire magst, die nicht nur lacht, sondern auch zwickt, bist du hier richtig. Sind Dir Comics lieber, die eine Welt mit Details füllen und trotzdem flott erzählen, ebenfalls. Wenn du allerdings eine lange, epische Höllenreise erwartest, wirst du auf 72 Seiten an Grenzen stoßen.

Ich feiere die Bildregie. ich mag die Idee der modernisierten Sünden und ich genieße die Bürokratie als Horror. Ich sehe aber auch, dass das Ende etwas zu geordnet wirkt.

Gib‘ dem Album also gerne eine Chance, wenn du gerade genug von Wohlfühl-Parabeln hast. Lies es am besten nicht zwischen Tür und Angel. Lies es so, wie man eine gute Satire liest. Mit einem Lachen, das kurz stecken bleibt. Und wenn du danach mehr willst, dann schau dir aus der gemeinsamen Werkgeschichte der Autoren unbedingt auch anderes an.

Ach ja, und mach‘ einen Bogen um Oliven!

 

Cover von WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

  • WILLKOMMEN IN PANDEMONIA
  • Diego Agrimbau und Gabriel Ippoliti
  • Hardcover | 72 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-96582-208-5
  • Storyline: ★★★★☆
  • Zeichnungen: ★★★★☆
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
  • © Schreiber und Leser Verlag

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