7 DETEKTIVE – MISS CRUMBLE: DAS GESTIEFELTE MONSTER ist der Auftakt einer Konzeptreihe von Herik Hanna, in der sechs männliche Detektive – und Miss Crumble – jeweils ihren eigenen Fall lösen. Die Bände bedienen sich dabei offen an den Traditionen britischer Kriminalliteratur. Die Anleihen bei Miss Marple oder Jessica Fletcher aus MORD IST IHR HOBBY sind unübersehbar. Das Setting, die Figurenkonstellation und selbst die ironische Distanz zur eigenen Vorlage sind Teil des Konzepts.

Krimi-Klassiker mit Augenzwinkern
Auch die Handlung entwickelt sich klassisch: Im Jahr 1918 kehrt im beschaulichen englischen Dorf Sweet Cove der tot geglaubte Graf Crackersmith aus dem Ersten Weltkrieg zurück.
Die Dorfbewohner, ohnehin ein eigentümlicher Haufen, werden von seiner Rückkehr überrascht und die ländliche Idylle gerät schnell ins Wanken. Kurz darauf erschüttert eine Mordserie das Dorf und ein geheimnisvoller Täter hinterlässt nichts als Stiefelabdrücke.
Die Polizei, vertreten durch Inspektor Pym, steht vor einem Rätsel. Hilfe erreicht ihn von unerwarteter Seite: Die pensionierte Lehrerin Miss Crumble, eine Frau mit einem scharfen Verstand, ebensolchem Dekolletee und einer Vorliebe für Kriminalfälle, nimmt die Ermittlungen auf. Selbstverständlich stößt sie dabei auf dunkle Geheimnisse, eigensinnige Charaktere und einen Fall, der mehr ist als ein klassisches Whodunit.
Ein Reigen von Verdächtigungen
Nach dem ersten Mord beginnt ein Reigen aus Verdächtigungen, Alibis und falschen Fährten. Miss Crumble geht methodisch, aber auch mit trockenem Humor vor. Die Geschichte nimmt sich anfangs viel Zeit für die Einführung der Dorfbewohner und deren Beziehungen. Das sorgt für Atmosphäre, lässt den Plot aber etwas schleppend anlaufen. Aber ja, auch wenn wir die Welt der Miss-Marple-Krimis kennen, ist jedes Dorf auf seine Weise anders.
Im letzten Drittel zieht das Tempo deutlich an und liefert zum guten Schluss ein Auflösung, die überraschend ist, glaubwürdig bleibt und allzu plumpe Twists vermeidet.
Der Comic spielt mit meinen Erwartungen als erfahrener Krimi-Leser, ohne ins Parodistische abzudriften. Die Story ist textlastig, was für einen Comic dieser Länge (64 Seiten) nicht immer optimal ist. Ja, manche Dialoge wirken gestelzt und einige Szenen hätten pointierter erzählt werden können.

Atmosphäre und Setting
Das ländliche England kurz nach dem Ersten Weltkrieg ist hier mehr als bloße Kulisse. Die Zeitstimmung, geprägt von Verlust, Heimkehr und gesellschaftlichem Wandel, fließt subtil in die Handlung ein. Das Dorf Sweet Cove wirkt mal idyllisch, mal bedrohlich – ein Ort, an dem jeder jeden kennt und trotzdem jeder mindestens ein Geheimnis hat.
Für MISS CRUMBLE hat Sylvain Guinebaud das ländliche England mit viel Gespür für Atmosphäre und Zeitkolorit inszeniert.

Federstrich und Pinsel
Sylvain Guinebaud liefert einen Zeichenstil, der das Genre auf den Punkt trifft. Die Figuren sind leicht überzeichnet, ohne ins Karikaturhafte abzurutschen. Die Mimik ist ausdrucksstark, die Körpersprache prägnant.
Besonders gelungen sind die Hintergründe: das Dorf, die Gärten, die Teehäuser und Landhäuser sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Farbgebung ist gedämpft, der Wasserfarben-Look unterstützt die zeitliche Einordnung und verleiht dem Comic eine warme, leicht nostalgische Stimmung.
Der Panelaufbau ist klassisch und übersichtlich, unterstützt aber die Dynamik der Handlung. Actionreiche Szenen werden durch größere Panels betont, während Dialoge in engeren Bildfolgen stattfinden. Die Übersichtlichkeit kommt besonders den vielen Figuren zugute – man verliert nie den Überblick, wer gerade spricht oder handelt.
Guinebaud ist ein erfahrener Zeichner, der bereits an mehreren erfolgreichen Serien mitgewirkt hat. Sein Stil zeichnet sich durch Detailreichtum, klare Linien und atmosphärische Farbgebung aus. Im Vergleich zu den nachfolgenden Bänden der Reihe, die jeweils von anderen Zeichnern gestaltet wurden, bleibt sein Stil besonders atmosphärisch und stimmig.

Figurenentwicklung mit Ecken und Kanten
Miss Crumble ist eine klassische Amateurdetektivin nach britischem Vorbild. Sie ist stur, neugierig, dabei aber nie unsympathisch oder überzeichnet. Ihr Charme liegt in ihrer Mischung aus Lebenserfahrung, Scharfsinn und einer Prise Ironie. Sie bleibt dabei stets glaubwürdig und vermeidet die Klischees der allzu perfekten Ermittlerin.
Die Dorfbewohner sind sorgfältig charakterisiert, auch wenn einige Stereotype bedient werden: der verschrobene Adlige, die neugierige Nachbarin, der überforderte Polizist. Die Figuren bekommen genug Raum, um sich zu entfalten, bleiben aber im Rahmen der Krimi-Konventionen.
Tiefgreifende Entwicklungen sind auf den wenigen Seiten naturgemäß begrenzt, dennoch gelingt es Hanna, den wichtigsten Charakteren Profil zu verleihen.
Die Dialoge sind pointiert, manchmal etwas altmodisch, was aber zum allgemeinen Setting passt. Besonders die Wortgefechte zwischen Miss Crumble und Inspektor Pym sorgt für einige humorvolle Momente. Die Beziehungen der Figuren untereinander sind glaubhaft und tragen zum Spannungsaufbau bei.

Sieben Bände, sieben Stile: Die Konzeptreihe
7 DETEKTIVE ist als mehrteilige Reihe angelegt, wobei jeder von Herik Hanna inzenierte Band einen anderen Ermittler und einen eigenen Zeichner präsentiert. Dieses Konzept hebt die Serie damit von klassischen Krimireihen ab. Die künstlerische Vielfalt sorgt für Abwechslung und macht neugierig auf die weiteren Bände.
Während MISS CRUMBLE einen eher traditionellen Einstieg bietet, experimentieren spätere Bände stärker mit Stil und Erzählweise. Besonders im Finale der Reihe DER DETEKTIV UND DER TOD wird die Erwartungshaltung der Leser gezielt unterlaufen.
Die Reihe bleibt damit frisch und überraschend, auch wenn nicht jeder Band das gleiche Niveau hält.

Hinter den Kulissen: Autoren, Zeichner und Entstehung
Herik Hanna ist ein französischer Comic-Autor, der sich auf Krimi- und Thrillerstoffe spezialisiert hat. Mit 7 DETEKTIVE verfolgt er das Ziel, klassische Kriminalgeschichten in moderner Form zu erzählen. Dabei legt er Wert auf überraschende Wendungen, glaubwürdige Figuren und eine Prise Humor.
Der Band erschien 2014 im französischen Original. Die Reihe ist als Hommage an das klassische Krimi-Genre konzipiert, ohne sich in Nostalgie zu verlieren. Die Idee, jedem Detektiv einen eigenen Band und einen eigenen Zeichner zu widmen, ist im europäischen Comic-Markt eher ungewöhnlich und verleiht der Serie einen besonderen Reiz.
Während MISS CRUMBLE einen klassischen, fast nostalgischen Einstieg bietet, gehen spätere Bände neue Wege. Die Zeichner wechseln und die Erzählweisen variieren stärker. Besonders das Finale überrascht mit einem unkonventionellen Ende und einem üppigen Epilog, der die Reihe gelungen abrundet.

Fazit
7 DETEKTIVE – MISS CRUMBLE: DAS GESTIEFELTE MONSTER ist ein gelungener Auftakt für eine ambitionierte Konzeptreihe. Der Band überzeugt durch stimmungsvolle Zeichnungen, eine atmosphärische Inszenierung und eine Hauptfigur, die klassischen Vorbildern in nichts nachsteht. Die Handlung ist solide konstruiert, wenn auch etwas zu gemächlich erzählt und im Finale zu hastig abgeschlossen. Die hohe Textdichte ist Geschmackssache, passt aber zum Genre.
Die größte Stärke des Comics ist sein Konzept: Sieben Detektive, sieben Stile, sieben abgeschlossene Fälle. Das sorgt für Abwechslung und macht die Reihe besonders für Kenner und Liebhaber klassischer Krimis interessant. Miss Crumble selbst bleibt als Figur im Gedächtnis, auch wenn ihre Geschichte nicht alle Möglichkeiten ausschöpft.
Für Fans britischer Krimi-Klassiker, atmosphärischer Zeichnungen und ungewöhnlicher Comic-Konzepte ist MISS CRUMBLE eine klare Empfehlung. Wer sich auf das Spiel mit Klischees und Traditionen einlässt, wird mit einem charmanten, augenzwinkernden Krimi belohnt, der Lust auf die übrigen Bände der Reihe macht.

- 7 DETEKTIVE – MISS CRUMBLE: Das gestiefelte Monster
- Felix Delep und Xavier Dorison
- Hardcover | 64 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-96219-481-9
- Storyline: ★★★★☆
- Zeichnungen: ★★★★★
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★★★☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
- © Splitter-Verlag
Weitere Bände der Reihe:






