Cover von HELLDORADO

HELLDORADO – Gleich am Morgen ist die Hölle da

Bei HELLDORADO hatte ich sehr schnell das Gefühl, dass mich dieser Comic nicht freundlich in seine Welt hineinbitten will. Stattdessen packt er mich am Hemd und zerrt mich geradezu in seine Geschichte. Schon die ersten Seiten machen klar, dass hier nichts beschönigt, kein hübsch poliertes Historienabenteuer abgeliefert und keine bequeme Exotik dargeboten wird.

Stattdessen finde ich Hitze, Dreck, Angst und Blut und erhalte den Eindruck, dass auf dieser Insel jeder Atemzug schon einer zu viel sein kann. Die deutsche Ausgabe erschien bei Epsilon als 144 Seiten starke Hardcover-Gesamtausgabe und bündelt die ursprünglich in Frankreich einzeln veröffentlichten drei Alben zu einem Band. Und wie sich noch zeigt, ist das gut und richtig so!

Was mich beim Lesen sofort gepackt hat, war diese ruppige Direktheit. HELLDORADO macht keine Umwege. Der Comic lässt die Gewalt nicht geschönt aussehen und das Elend nicht edel. Das ist unkonventionell, manchmal auch anstrengend. Aber genau daraus zieht das Buch seine Wucht.

Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, mitten in etwas zu stecken, das längst außer Kontrolle geraten ist. Nicht nur ein Ort, sondern eine ganze Welt, die innerlich verfault noch bevor sie äußerlich zusammenbricht.

Und doch ist dies kein Comic, der nur auf Schock setzt. Zwischen all dem Grauen gibt es Figuren, an denen ich hängen bleibe. Junge Menschen, die keine Heldenposen brauchen, um interessant zu sein. Gerade das hat mich überzeugt.

Dieses Buch erzählt nicht von den „großen“ Männern, die Geschichte schreiben. Es erzählt von den einfachen, normalen Menschen, die irgendwie durch diese Geschichte hindurch müssen, obwohl sie keiner gefragt hat, ob sie das auch wollen.

Innenseite 04 von HELLDORADO

Eine erfundene Insel mit sehr realem Schmerz

Die Insel, auf der die Handlung spielt, ist frei erfunden. Auch das Volk der Syyanas ist keine direkte Darstellung einer historisch existierenden Gemeinschaft. So erhalte ich emotional wenigstens ein bisschen Abstand.

Der Comic gibt sich gar nicht erst als exakte Rekonstruktion für etwas aus. Er nimmt Motive aus der frühen kolonialen Expansion Spaniens, aus der Gewalt gegen indigene Gesellschaften und aus der Geschichte eingeschleppter Krankheiten und verdichtet all das zu einer wahrlich düsteren Erzählung.

Veröffentlicht wurde die Reihe in Frankreich zwischen 2006 und 2009 in drei Bänden. 2011 folgte dort auch die Gesamtausgabe. Die deutsche Ausgabe übernimmt genau dieses Format.

Gerade beim Thema Krankheit steht HELLDORADO auf einem historischen Fundament, das leider sehr belastbar ist. Im Zuge des Columbian Exchange gelangten nach 1492 Krankheiten aus Europa, Asien und Afrika in die Amerikas. In der Karibik waren die Folgen besonders verheerend.

Bis 1600 brachen die indigenen Bevölkerungen auf den meisten Inseln um mehr als 99 Prozent ein. Das lag nicht nur an den Erregern selbst, sondern auch an Krieg, Vertreibung, Zwängen und der körperlichen sowie seelischen Erschöpfung, die koloniale Gewalt grundsätzlich mit sich bringt.

Dazu kommt der koloniale Apparat, der in solchen Geschichten nie bloß Kulisse ist. Das Encomienda System sollte auf dem Papier die Stellung der indigenen Bevölkerung regeln. In der Praxis wurde daraus jedoch oft eine Form von Ausbeutung und Zwang. Genau diese Mischung aus Mission, Herrschaft, Gier und Gewalt liegt auch über diesem Comic.

Innenseite 07 von HELLDORADO

Drei junge Menschen in einer kaputten Welt

Der Anfang von HELLDORADO ist brutal, sehr wirkungsvoll und kommt über weite Strecken ohne Worte aus.

Ein indigenes Dorf erwacht in der Ruhe des Morgens, nur um kurz darauf von spanischen Konquistadoren ausgelöscht zu werden. Ja, auch Frauen und Kinder, niemand wird geschont.

Dieser Auftakt hat mich nicht nur wegen seiner Härte gepackt, sondern auch wegen der Konsequenz mit der er den Ton setzt. Das Album macht sofort klar, dass hier jede Form von Ordnung nur eine dünne Firnis ist. Darunter lauern Gewalt, Brigantentum, Panik und blankes Überleben.

Aus den Rändern dieses Gemetzels treten zwei junge Männer hervor, Dathcino und Hutatsu. Später kommt mit dem Mädchen Initsii eine weitere Schlüsselfigur hinzu. Die Zukunft dieser Welt aus Feuer und Blut liegt in den Händen von zwei Jugendlichen und einem Mädchen, die vor allem eines miteinander verbindet: die Krankheit.

Innenseite 17 von HELLDORADO

Die Seiten der Medaille

Genau diese narrative Entscheidung gefällt mir. Statt den Blick an Heerführern oder Priestern festzukleben, hält sich das Werk an Figuren, die wenig – bis gar keine – Macht haben und deshalb viel erleiden müssen.

Dathcino ist schnell, trotzig und zäh. Hutatsu wirkt vorsichtiger und oft auch verletzlicher. Initsii bringt noch einmal eine andere Perspektive hinein, weil sie zwar aus der Welt der Syyanas kommt und doch nicht einfach in deren starre Ordnung passen will.

Aus diesem Dreieck zieht die Geschichte ihre emotionale Spannung. Ich lese nicht weiter, weil ich wissen will, welcher General gewinnt. Ich lese weiter, weil ich wissen will, ob diese drei durchkommen, ohne innerlich dabei zerstört zu werden.

Spannend ist auch, dass der Comic die Syyanas nicht bloß als makellose Gegenseite zu den Spaniern zeichnet. Natürlich ist die Gewalt der Eroberer klar benannt. Daran lassen die Alben keinen Zweifel. Aber auch innerhalb der indigenen Gesellschaft gibt es Härte, Aberglauben, blutige Rituale und Machtmechanismen, die Menschen zerstören. Hier ist der Band sehr nahe an Mel Gibson’s Film Apocalypto (ebenfalls von 2006).

Das ist ein riskanter Aspekt, weil Stoffe dieser Art leicht in falsche Gleichmacherei kippen können. Im vorliegenden Fall fand ich die Herangehensweise jedoch meistens überzeugend, weil das Buch nicht verwischt, wer auf diese Insel gekommen ist, um zu herrschen, zu missionieren – und zu töten.

Innenseite 19 von HELLDORADO

Wenn die Seuche um sich greift

Im weiteren Verlauf der Handlung spreizt sich die Geschichte weiter auf. Die Wege der drei jungen Figuren trennen sich, kreuzen sich wieder und zeigen dieselben Katastrophen, dann jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Dathcino gerät in die Nähe der Spanier und wird dort zu einem Körper, an dem herumprobiert wird. Hutatsu findet zwischen Angst und Opportunismus echten Überlebenswillen. Initsii wiederum wird zum Zentrum einer verzweifelten Suche nach Rettung, die jedoch immer grausamer wird.

Im dritten Band wird ausdrücklich beschrieben, dass die ganze Insel nun von der Krankheit verwüstet ist, Initsii schwer erkrankt, Dathcino als Versuchskörper dient und Hutatsu in die Hände der Eroberer fällt.

Schön ist anders. Mir hat jedoch daran gefallen, dass der Comic nicht nur größer, sondern auch schmutziger wird. Je weiter er voranschreitet, desto deutlicher zeigt er, wie Seuche und Krieg sich gegenseitig füttern. Niemand handelt hier mehr frei. Alle reagieren nur noch. Herrscher greifen zu Grausamkeit, weil sie ihre Macht verlieren. Religiöser Eifer wird zum Deckmantel für Panik. Medizin kippt in Missbrauch. Und inmitten davon versuchen junge Menschen, sich einen Rest ihrer Würde zu bewahren. Das ist manchmal wirklich schwer auszuhalten. Aber es ist erzählerisch stark, weil der Band nie so tut, als ließe sich diese Welt mit einer sauberen Pointe retten.

Ganz frei von Problemen ist das andererseits nicht. Vor allem im letzten Drittel hatte ich ein paarmal den Eindruck, dass einzelne Entwicklungen etwas zu schnell auf eine mögliche, gute Zukunft zulaufen könnten. Als wolle der Band nach all dem Elend doch noch einen schmalen Ausgang offenhalten. Ich verstehe das. Ich mochte sogar, dass er nicht völlig in Finsternis endet.

Nur spürte ich an manchen Stellen, wie sehr sich die Geschichte dafür umsortieren muss. Der Weg dorthin ist ein wenig kürzer, als diese vorher so unerbittlich gebaute Welt eigentlich nahelegt.

Innenseite 22 von HELLDORADO

Kein Abenteuer für bequeme Leser

Genau darin liegt aber auch die Stärke von HELLDORADO. Dieser Comic will gar nicht gemütlich sein. Er nimmt sich Motive aus dem Abenteuercomic, aber nur, um sie bewusst dreckig zu machen: tropische Inseln, Konquistadoren, indigene Krieger, Fieber, Dschungel, Rituale und Kämpfe ums Überleben.

Das könnte in anderen Händen sehr schnell nach bravem Genre-Programm aussehen. Hier fühlt es sich eher wie ein Fiebertraum an, in dem jede romantische Vorstellung vom exotischen Abenteuer sofort verendet.

Ich mochte besonders, dass das Buch die Geschichte von unten erzählt. Es schaut nicht zuerst auf Eroberer als große Täterfiguren und auch nicht auf Könige als repräsentative Opferfiguren. Stattdessen bleibt es nah an körperlichen Erfahrungen: Hunger und Angst, Hitze und Ausschlag, Wunden und Schweiß. Das ist vielleicht der eigentliche Clou dieses Comics. Er denkt Gewalt nicht als abstraktes Thema, sondern als etwas, das in Muskeln, Haut und Schmerzen steckt. Daum liest er sich so unmittelbar.

Zugleich hat das Buch einen eigentümlich warmen Kern. Das klingt vielleicht seltsam bei so einem Stoff, aber ich meine es ernst. Zwischen all der Grausamkeit interessiert es sich für Bindungen, für spontane Loyalität und für die kleinen Gesten, in denen Menschen einander nicht völlig aufgeben. Gerade dadurch kippt der Band nie in bloßen Zynismus. Er ist hart, aber nicht kalt.

 

Innenseite 28 von HELLDORADO

In einem Rutsch liest es sich am besten

Als Gesamtband hat HELLDORADO für mich einen echten Vorteil. Die drei ursprünglichen Alben SANTA MALADRIA, ESPERAR LA MUERTE und TODOS ENFERMOS! erschienen wie bereits erwähnt 2006, 2007 und 2009. 2011 wurden sie als Integral zusammengefasst.

Für mich gewinnt die Geschichte, wenn ich sie nicht in Einzelportionen konsumieren muss, sondern als langen, unruhigen Fluss. Der erste Teil haut mich um, der zweite verästelt das Geschehen und der dritte zieht die Schlinge zu. In einem Band wirkt das alles geschlossener, drängender und auch emotional schärfer.

Innenseite 29 von HELLDORADO

Ignacio Noé zeigt keine nette Welt

Der größte Trumpf dieses Comics ist für mich Ignacio Noé. Ich kannte seine Arbeiten vorher schon, aber hier passt sein Stil besonders gut.

Noé zeichnet – nein, malt – Menschen nicht leicht, seine Körper haben Gewicht. Sie stehen nicht wie Figuren auf einer Bühne, sondern wirken, als müssten sie sich durch Luft, Hitze und Dreck hindurch bewegen. Ich spüre die Last der Waffen, den Sog des Schlamms, die Müdigkeit in den Schultern. Das klingt erst einmal nach einem kleinen Detail. Beim Lesen macht es aber enorm viel aus.

Besonders stark ist seine Mimik. Viele Historien-Comics erzählen Emotionen über große Gesten. Noé kann das auch, aber er verlässt sich nicht nur darauf. Ein schiefer Blick, ein verkrampfter Mund, eine zusammengesunkene Haltung reichen oft, damit eine Szene kippt. Dadurch bekommen selbst Figuren, die nicht viel Text haben, ein Eigenleben. Diese Insel ist nicht als Postkarte gezeichnet. Sie ist ein Ort, an dem Menschen sich festkrallen, auf ihr fliehen, auf ihr krank werden – und sterben.

Auf seiner offiziellen Seite beschreibt Noé sich als argentinischen Illustrator und Comiczeichner, der sowohl für Comics als auch für Magazine, Kinderbücher und Literatur gearbeitet hat. Für HELLDORADO ist das wichtig, weil ich hier spüre, wie sicher er zwischen Illustration und Erzählfluss wechseln kann.

Innenseite 34 von HELLDORADO

Farben glühen und faulen zugleich

Weil Ignacio Noé auch die Farben übernommen hat, wirkt der Band wie aus einem Guss. Und das ist hier wirklich entscheidend. Die Farben machen diese Welt nicht schöner, sondern dichter: viel Ocker, viel Rot, schmutzige Grüntöne, schwere Schatten, fahle Haut, verdunkelte Innenräume. Das alles erzeugt einen Druck, der kaum nachlässt. Man hat beim Lesen fast das Gefühl, die Luft selbst sei krank.

Ich fand besonders stark, wie die Farben zwischen Fieber und Erde pendeln. Nichts wirkt frisch. Selbst dort, wo Pflanzen üppig wachsen und der Schauplatz theoretisch paradiesisch sein könnte, liegt immer schon etwas Fauliges darüber. Das gibt dem Comic seine ganz eigene Temperatur. Er sieht heiß und krank aus. Beides zusammen bleibt bei mir hängen.

 

Innenseite 36 von HELLDORADO

Zwei Autoren mit Lust am Risiko

Jean David Morvan, Jahrgang 1969, stammt aus Reims, studierte Kunst am Institut Saint Luc in Brüssel und gehört seit Jahren zu den produktivsten frankobelgischen Szenaristen. Größere Bekanntheit erlangte er unter anderem mit SILLAGE sowie mit SPIROU UND FANTASIO, das er zusammen mit José Luis Munuera prägte.

Für HELLDORADO arbeitete er mit Miroslav Dragan zusammen. Hinter diesem Namen steht Michel Dufranne, ein belgischer Autor und Kritiker, der sich gelegentlich hinter diesem Pseudonym verbirgt.

Fazit

HELLDORADO ist kein makelloser Comic. Einige Übergänge im Schlussdrittel hätte ich mir etwas zwingender gewünscht. Auch bekommt nicht jede Figur die Tiefe, die sie verdient hätte.

Aber das ändert wenig daran, dass hier sehr viel gelingt. Vor allem gelingt diesem Band etwas, das ich immer schätze: er bleibt unbequem, ohne eitel zu werden, er ist roh, ohne nur auf Effekthascherei zu setzen. Und er hat Bilder, die nicht romantisierend nach Historie aussehen, sondern nach einer Welt, die gerade vor meinen Augen entgleist.

Ich bewundere diesen Comic nicht, weil er schlau doziert. Ich habe ihn aber gelesen, weil er mich vom ersten Moment reingezogen hat, wegen seiner Hitze, wegen seiner Wucht und wegen seiner drei jungen Figuren, die in all dem Irrsinn ums Überleben kämpfen.

Aus der Beschaulichkeit meines Lesesessels ist HELLDORADO harter Tobak, oh ja! Aber genau deshalb bleibt etwas davon hängen…

 

 

Cover von HELLDORADO

  • HELLDORADO
  • Jean David Morvan, Miroslav Dragan und Ignacio Noé
  • Hardcover | 144 Seiten | Farbe
  • ISBN 978-3-86693-089-6
  • Storyline:  ★★★★★
  • Zeichnungen: ★★★★★
  • Farben: ★★★★☆
  • Lettering: ★★★★☆
  • Humor: ☆☆☆☆☆
  • Meine persönliche Bewertung: ★★★★★
  • © Epsilon Verlag
  • Informationen zu den Bildrechten findest Du hier

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