Ich gebe es ja zu. Als ich auf den ersten Seiten den schweigsamen Samurai mit roter Haut und gewaltigem Schwert sah, dachte ich zunächst, ich hätte mich in eine von Mike Mignola’s HELLBOY-Geschichten verirrt. Schließlich geht es hier ebenfalls um Dämonen, Waffen und bedeutungsvolles Schweigen. Andererseits fehlen hier die Hörner.
Dann jedoch zieht sich Zhao, der rote Samurai, eine Augenbinde über, weil seine Begleiterin nackt in einen Teich steigen will. Das wiederum passt so gar nicht zu HELLBOY und kurz darauf liegt er selbst im Wasser und ringt mit einem rachsüchtigen Geist.
Genau in diesem Wechsel zwischen Ernst, Grusel und trockenem Humor liegt der Reiz von LÄNDER VON YNUMA und dem Startband ROTER SAMURAI. Nicolas Jarry, der Szenarist, und Vax, der Zeichner, greifen bekannte Motive aus asiatischen Geistergeschichten und Samurai-Erzählungen auf.

Vier Jahreszeiten, vier Prüfungen
Jedes Kapitel beginnt mit einem Haiku und führt Zhao, den Krieger, und Mei-Jen, die Priesterin, durch Herbst, Winter, Frühling und Sommer. Landschaften, Gegner und Stimmungen verändern sich mit dem Wetter. Der erste Band der neuen Reihe fühlt sich dadurch wie eine vollständige Reise an, obwohl er aus vier einzelnen Aufträgen besteht.
Ynuma ist der dritte große Kontinent der Welten von Aquilon. Nach Arran und Ogon öffnet sich nun eine asiatisch angeregte Region mit Samurai, Mönchen, Geistern und erfundenen Völkern. Historisch genau will das nicht sein. Jarry baut schließlich eine Fantasywelt, keinen Reiseführer durch das alte Japan.
Der Autor hinter Aquilon
Nicolas Jarry gehört zu den prägenden Autoren der Welten von Aquilon. Nach ersten Fantasy-Romanen arbeitete er gemeinsam mit Jean-Luc Istin an Reihen wie ELFEN, ZWERGE, ORKS & GOBLINS und LÄNDER VON OGON.
Seine Erfahrung hilft beim Einstieg. Jarry deutet eine große Welt an, ohne die Geschichte frühzeitig mit Namen, Ländern und alten Kriegen zu überladen. Vorkenntnisse brauche ich nicht. Die Regeln ergeben sich während der Reise.

Herbst am dunklen Teich
Zhao gehört zum Volk der Kugo. Er ist riesig, besitzt eine mit Kanji übersäte, rote Haut. Schon seine Silhouette sagt deutlich, dass Ärger besser einen anderen Weg nehmen sollte. (Was das angeht, erinnert er mich sofort an Thoorak aus der Bruderschaft der Stürme). Als Roter Samurai folgt er einem strengen Ehrenkodex. Er spricht wenig, lächelt noch weniger und behandelt selbst harmlose Begegnungen mit einer Feierlichkeit, die fast schon ein wenig komisch wirkt.
An seiner Seite reist Mei-Jen. Die Dobushi-Priesterin kennt sich mit Geistern, Ritualen und der Grenze zwischen den Welten aus. Wenn heilige Glocken erklingen, hat sich irgendwo der Schleier zwischen den Welten geöffnet. Dann folgen die Beiden ihrem Auftrag. Denn Zhao und Mei-Jen sollen jene Wesen zurückschicken, die nach Ynuma gelangt sind.
Der erste Ruf führt sie zu einem stillen Teich. Dort geht der Geist eines ertrunkenen Mädchens um. Die Ausgangslage hat etwas angenehm Altmodisches. Ein einsamer Ort, eine traurige Geschichte und Wasser, das ein wenig zu ruhig daliegt. Ich ahnte sofort, dass niemand freiwillig hineinsteigen sollte. Mei-Jen tut es trotzdem.
Augenbinde gegen Anstand
Um den Geist hervorzulocken, entkleidet sie sich, während Zhao sich die Augen verbindet und sich auf seine Ehre beruft. Mei-Jen nimmt das mit sichtlichem Vergnügen zur Kenntnis. Diese kleine Szene reicht bereits, um das Verhältnis der beiden zu erklären. Er hält sich an Regeln, sie prüft gern, wie belastbar diese sind.
Als der Yūrei angreift, packt er Mei-Jen und zieht sie in die Tiefe. Zhao springt hinterher. Der Kampf funktioniert, weil Jarry den Teich erst unheimlich erscheinen lässt und Vax mir dunkles Wasser, verschwommene Formen und Bewegungen unter der Oberfläche zeigt.
Hinter der Gefahr steckt jedoch keine grundlose Bosheit. Das Mädchen ist an seinen Tod gebunden. Zhao kann den Spuk nicht allein durch Kraft beenden. Mei-Jen’s Wissen und Mitgefühl sind ebenso nötig. Schon hier macht der Comic deutlich, dass seine Monster mehr sind als nur Ziele für ein scharfes Schwert.

Winter in den Bergen
Der zweite Auftrag führt uns in verschneite Berge. Eine wichtige Quelle ist verdorben. Aus ihrem Wasser kriechen larvenartige Wesen, die in Körper eindringen und sich ausbreiten. Nach dem stillen Geist am Herbstteich wird das Abenteuer deutlich körperlicher und unangenehmer.
Während Mei-Jen den Riss zwischen den Welten mit ihren Fähigkeiten zu schließen versucht, entweicht eine weitere Kreatur. Zhao löst das Problem auf eine Weise, die perfekt zu ihm passt. Er nimmt die Kreatur in sich auf. Sein eigener Körper wird zur Falle. Das ist heldenhaft, widerlich, aber auch eindrucksvoll. Vor allem erzählt diese Szene mehr über ihn als mehrere Seiten voller Erklärungen.
Der Krieger als Schutzwall
Zhao sieht sich selbst als Werkzeug. Schmerzen sind hinzunehmen. Gefahr gehört zum Auftrag. Rücksicht auf die eigene Person kennt er nicht. Was zunächst wie große Tapferkeit aussieht, hat deshalb auch eine dunklere Seite.
In dieser Geschichte rückt die Bedeutung einer Team-Leistung in den Vordergrund. Beide kümmern sich, aber jeder um einen bestimmten Aspekt der Bedrohung. Ohne Mei-Jen’s Wissen wären die befallenen Personen alle verloren, ohne Zhao’s Kraft und Selbstaufopferung könnte Mei-Jen ihren Teil der Aufgabe nicht erfüllen.

Frühlingsnebel und ein kleiner Hirte
Im Frühling liegt Nebel über dem Land. Ein kleiner Hirte hat seine Tiere verloren und bittet Zhao und Mei-Jen um Hilfe. Damit verändert sich die Stimmung erneut. Aber jetzt läuft ein Kind neben ihnen her, stellt Fragen und lässt sich von Zhao’s Erscheinung kaum beeindrucken.
Für mich ist dieses Kapitel der stärkste Teil des Bandes. Der Junge bringt Wärme in die Geschichte, ohne zum niedlichen Maskottchen zu werden. Seine Sorge ist einfach: er hat Tiere verloren, die ihm anvertraut wurden. Plötzlich geht es nicht um das Gleichgewicht großer Welten, sondern um ein kleines persönliches Versprechen.
Zhao begegnet ihm zunächst mit seiner üblichen Steifheit. Hiervon lässt der Junge sich aber nicht abschrecken und zeigt, dass Risse auch Zhao’s Schutzpanzer entstehen können.
Hinter dem Ehrenkodex
Jarry erzählt nun etwas mehr über den Roten Samurai. Zhao hatte ein Leben vor seinen Reisen. Er kannte Nähe, Verantwortung und Verlust. Der Band erklärt nicht jedes Detail. Kurze Erinnerungen und Reaktionen genügen.
Sein Ehrenkodex ist nicht nur Ausdruck seiner Überzeugung. Er schützt ihn vor Gefühlen, die er nicht noch einmal zulassen möchte. Mei-Jen erkennt schneller als er selbst, was in ihm vorgeht. Ihr Humor bleibt freundlich. Sie reizt ihn, aber sie stellt ihn nicht bloß.
Im Nebel verschwimmen Wege und Entfernungen. Vax lässt Figuren nur teilweise aus dem Weiß auftauchen. Der Frühling, sonst eine Zeit des Aufbruchs, fühlt sich hier wie eine Reise durch Erinnerungen an.

Sommer unter einer gnadenlosen Sonne
Der letzte Auftrag führt hinaus auf’s Wasser. Ein gewaltiges, schlangenartiges Wesen nährt sich von Erinnerungen und vergangenen Leben. Seine Opfer verlieren nicht nur Kraft. Sie werden mit allem konfrontiert, was sie einmal waren oder hätten werden können.
Für Zhao ist das der denkbar schlimmste Gegner. Gegen Krallen, Zähne und Hiebe kann er kämpfen. Gegen die eigene Vergangenheit hilft kein scharfes Schwert.
Der Comic öffnet nun einige Türen, die zuvor nur einen Spalt breit offen standen. Zhao musste schwere Verluste hinnehmen. Seine Härte kommt nicht aus angeborener Kälte. Er hat sich in die Rolle des Roten Samurai eingeschlossen, weil diese Rolle keine Zweifel und keine Nähe verlangt.
Klinge gegen Erinnerung
Das Wesen zwingt ihn, hinter diese Fassade zu schauen. Der Kampf funktioniert deshalb nicht nur als Abschluss mit möglichst viel Getöse. Zhao muss eine innere Entscheidung treffen. Er kann seine Vergangenheit nicht besiegen, indem er sie noch tiefer vergräbt. Denn diesmal muss er sich der Aufgabe auch alleine stellen.
Vax zieht bei dieser Begegnung alle Register. Das Geschöpf füllt große Teile der Seiten. Zhao wirkt daneben plötzlich klein. Weite Bilder wechseln mit engen Ausschnitten. Bewegungen ziehen sich durch mehrere Panels. Trotzdem blieb für mich immer klar, wer sich wo befindet.
Zhao wird nicht plötzlich offen und redselig. Die Veränderung zeigt sich in kleinen Entscheidungen und Blicken. Nur das Ende kommt etwas schnell. Nach dem Kampf hätte ich gern noch ein paar ruhige Seiten mit Zhao und Mei-Jen verbracht.

Vier Episoden, eine Entwicklung
LÄNDER VON YNUMA – ROTER SAMURAI fühlt sich nicht wie eine lose Sammlung an. Jede Jahreszeit führt Zhao und Mei-Jen einen Schritt weiter.
Im Herbst begegnet er dem Schmerz eines fremden Geistes, im Winter macht er den eigenen Körper zum Schutzwall, im Frühling erinnert ihn ein Kind an sein früheres Leben und im Sommer muss er sich schließlich dem stellen, was er lange verdrängt hat.
Diese Ordnung gibt der Geschichte Halt. Jeder Abschnitt hat eine eigene Farbe, ein eigenes Tempo und eine eigene Art von Gefahr. Jarry verbindet dabei klassisches Fantasyabenteuer mit dem Porträt eines verschlossenen Kriegers, dessen Schutzmauern langsam Risse bekommen.
Fünf Bände für Ynuma
Die Reihe ist auf fünf Alben angelegt. Spätere Teile wechseln Figuren, Szenaristen und Zeichner. Das ist reizvoll, weil Ynuma dadurch aus verschiedenen Blickwinkeln wachsen kann.
Gleichzeitig hätte ich gegen weitere Abenteuer mit Zhao und Mei-Jen nichts einzuwenden. Besonders Mei-Jen besitzt noch viel ungenutztes Potenzial. Über Zhao erfahre ich bereits einiges. Seine Begleiterin bleibt dagegen zu oft die humorvolle Helferin.

Vax und die Kunst der Haltung
Vax hat bereits an SENSEÏ, DIE LEGENDE DER DRACHENRITTER und SAMURAI ORIGINS gearbeitet. Asiatisch geprägte Welten und große Fantasyabenteuer sind für ihn also kein Neuland.
Das merke ich LÄNDER VON YNUMA – ROTER SAMURAI an. Tempel, Rüstungen, Berge und Waffen passen zusammen. Vor allem versteht Vax, dass Zhao nicht nur im Kampf überzeugen muss.
Der Krieger lebt von seiner Haltung. Er steht gerade, bewegt sich sparsam und besetzt mit seinem Körper oft einen großen Teil des Bildes. Mei-Jen bildet den passenden Gegenpol. Sie ist beweglicher und lebhafter. Wenn sie Zhao aufzieht, genügt häufig ein Blick.
Wenn Farben Wetter erzählen
Auch die Jahreszeiten bekommen ein eigenes Gesicht. Der Herbstteich liegt dunkel zwischen Grün und Braun. Der Winter besteht aus Felsen, Schnee und kaltem Licht. Im Frühling löst Nebel die festen Formen auf. Der Sommer bringt warme Farben und weite Räume.
Sehr gelungen ist der Seitenaufbau. Vax eröffnet Szenen häufig mit breiten Bildern. Sobald Gefahr entsteht, werden die Panels enger und schneller. Dadurch steigt das Tempo, ohne dass die Seite unruhig wird.
Nicht jedes kleine Gesicht ist gleich fein ausgearbeitet. Nebenfiguren wirken aus größerer Entfernung gelegentlich grob. Die Geister und Dämonen sind ohnehin die heimlichen Stars. Vax nutzt lange Gliedmaßen, nasse Haare und unnatürliche Bewegungen. Der Comic bleibt dabei ein Fantasyabenteuer und kippt nicht in reinen Horror.

Fazit
LÄNDER VON YNUMA – ROTER SAMURAI macht den Einstieg in die neue Serie sehr leicht. Ich bekomme einen eindrucksvollen Helden, eine charmante Begleiterin, vier unterschiedliche Geisterabenteuer und eine Welt, die sofort nach mehr aussieht. Das gefällt mir richtig gut.
Nicolas Jarry erzählt geradlinig. Hinter den Kämpfen steckt eine Geschichte über Verlust, Pflichtgefühl und die Frage, wann ein Ehrenkodex Halt gibt und wann er zum Gefängnis wird. Vax liefert dazu starke Bilder. Seine Landschaften tragen die Stimmung, seine Kämpfe bleiben klar.
Ganz rund ist der Auftakt nicht. Mei-Jen hätte mehr eigene Geschichte verdient und das Ende könnte länger ausklingen. Diese kleinen Schwächen ändern aber nichts daran, dass ich mit den Beiden sehr gern durch Herbst, Winter, Frühling und Sommer gezogen bin.
Wer Samurai, Geister und zugängliche Fantasy mag, sollte Zhao und Mei-Jen begleiten. Und wer bei einem roten Krieger (mit und ohne Hörnern) zunächst nur an große Schwertkämpfe denkt, darf sich auf eine angenehm persönliche Überraschung gefasst machen.

- LÄNDER VON YNUMA 01 – ROTER SAMURAI
- Nicolas Jarry und Vax
- Hardcover | 72 Seiten | Farbe
- ISBN 978-3-69258-002-9
- Storyline: ★★★★☆
- Zeichnungen: ★★★★☆
- Farben: ★★★★☆
- Lettering: ★★★☆☆
- Humor: ★☆☆☆☆
- Meine persönliche Bewertung: ★★★★☆
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